1. odyssita Shooting-Star
  2. Frag den Doktor
  3. Montag, 14. Dezember 2020

Liebes Online-Ärzteteam,

kurz zum Hintergrund: Ich habe aufgrund einer (nicht fixierten) kraniozervikalen Instabilität eine inkomplette hohe Tetraplegie. Fehlstellungen im kraniozervikalen Bereich gehen jeweils mit starken Schmerzen und einer Verschlechterung von Motorik und Koordination einher; die Verschlechterungen von Motorik und Koordination halten jeweils für einige Tage bis Wochen an, auch wenn die Schmerzen nachgelassen haben. Insgesamt wurde meine Baseline über die letzten Jahre immer schlechter.

Aktuell kommt es nach einer solchen Verschlechterung vermehrt zu rhythmischen Zuckungen kleiner Muskelgruppen (Faszikulationen?) in verschiedenen Muskeln des Körpers, betont auf der Seite, auf der die kraniozervikale Fehlstellung und Schmerzen zuvor betont waren: Unter anderem im Arm, aber auch knapp neben dem unteren Ende des Sternums und tieferliegend weiter unten im Bauchraum. Es handelt sich dabei eigentlich um meine bessere Seite, doch die Motorik in Hand und Bein war während der letzten Wochen doch auch auf dieser Seite stärker eingeschänkt (z.B. Unterschenkelbeugung geschwächt).

Nun würde ich sagen, dass ich ein Nerd bin und gerne Zusammenhänge so gut wie möglich verstehen will. Insofern teilt sich meine Frage in zwei Teile:

Eine Verständnisfrage, bei der ich mich über eine Erklärung oder einen Link zu weiterführenden Informationen (gerne Fachliteratur oder wissenschafliche Publikationen; englisch ist okay) freuen würde, und zwei konkrete Fragen.

1. Ich habe gelesen, dass Faszikulationen im Zusammenhang mit dem Rückenmark üblicherweise eine segmentale Ursache haben (im Gegensatz zu Spastik). Wie wären denn dann weitflächig verteilte Faszikulationen erklärbar - ist das ggf. bei Langzeitschäden anders? Können Faszikulationen doch im Zusammenhang mit Spastik stehen?

2. Was könnten mögliche Erklärungen sein? Längerfristige Umbauprozesse? Könnten verschiedene Segmente im Rahmen von Dehnung/Distorsion des Rückenmarks betroffen sein? Oder wäre das ggf. ein Grund, zu überprüfen, ob sich eine Syringomyelie entwickelt haben könnte?

3. Meine Ergotherapeutin hat die Frage ins Spiel gebracht, ob die Muskelzuckungen knapp neben/unter dem Sternum mit dem Zwerchfell in Zusammenhang stehen könnten. Meine Frage: Falls das der Fall sein sollte, könnte es dadurch zu Verschlechterungen kommen, gäbe es "red flag" Symptome, auf die ich achten sollte und bei denen ich mich zeitnah ärztlich vorstellen sollte (aufgrund der Pandemie vermeide ich das aktuell wenn möglich), und was gäbe es für Behandlungsansätze? Die Zuckungen selber sind zwar lästig, aber ich kann gut damit leben. Aber meine Zwerchfellfunktion würde ich doch gerne so gut wie irgend möglich erhalten.

Danke!

Beste Grüße,

odyssita

Dr. JEAN
Dr. Online
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Liebe Odyssita,

Schön, wieder von Dir zu hören! Ich weiss, dass Du ein grosses Fachwissen hast und auch Fachausdrücke gut verstehst. Wenn ich im Folgenden etwas einfacher schreibe, dann ist es nur, um die Antwort für Alle verständlich zu halten.

Faszikulationen können ohne Grund bei Gesunden auftreten oder sie können hinweisen auf einen Untergang von Motoneuronen (das sind die Nervenzellen, die den Muskel versorgen) im Rückenmark. Grund für die Zerstörung kann eine Erkrankung sein, die direkt die Motoneuronen angreift, oder eine mechanische Zerstörung, zum Beispiel bei Syrinx.

Bei Querschnittgelähmten haben wir intakte Motoneuronen unterhalb der verletzten Stelle des Rückenmarks, die nicht mehr unter der Kontrolle des Hirns stehen und und sich nun selbständig aktivieren. Diese Aktivität äussert sich dann am Muskel mit Spastik. Wenn diese Motoneuronen untergehen, können (auch in der gelähmten Zone!) Faszikulationen auftreten. Ich hoffe damit den Unterschied erklärt zu haben.

Das Zwerchfell wird vom obersten Halsmark versorgt, die Muskeln am Rippenbogen dagegen kommen aus dem Brustmark. Damit weit weg davon.

Soweit die pathophysiologische Ausgangslage. In Deinem konkreten Fall sollte weiter abgeklärt werden, am besten bei einem Neurologen. Vor allem auch deshalb, weil Du nicht nur Faszikulationen, sondern auch einen Kraftverlust bemerkst. Die Ausbildung einer Syrinx kann leicht in einem MRI erkannt werden. Du solltest mit den Abklärungen nicht warten, bis COVID vorbei ist, das kann gut Herbst werden. Wenn es wirklich eine Syrinx ist, kann man die verlorenen Motoneuronen nicht zurückbringen. Man kann nur durch Einlage einer Drainage ein Fortschreiten verhindern.

Ich hoffe sehr, dass das alles nur gutartige idiopathische Faszikulationen sind, diese sind häufig. Und ich hoffe, dass sich nach den Abklärungen die Sache wieder beruhigt. Faszikulationen beim Gesunden kommen und gehen ohne dass ich ein Muster erkennen konnte in all den Jahren.

Ich werde noch einige Links suchen und posten später, es ist gerade etwas hektisch hier.

herzliche Grüsse

Dr.JEAN

  1. vor über einem Monat
  2. Frag den Doktor
  3. # 1 1
odyssita Shooting-Star
Akzeptierte Antwort Pending Moderation

Lieber Dr. JEAN,

ganz lieben Dank für die schnelle und kompetente Antwort, und ein großes Sorry, dass ich nicht früher geantwortet habe! Ich hatte schon mal mit einer Antwort angefangen, und dann war sie doch liegengeblieben...

Erst einmal wünsche ich fürs Neue Jahr - mit einiger Verspätung - alles Liebe und Gute, viel Kraft und Weisheit für anstehende Entscheidungen, und dass Sie so gesund wie nur irgend möglich bleiben können. Danke für all Ihr Engagement!

Ja, Fachausdrücke sind hilfreich, auch für Patienten: Mit Fachausdrücken kann man nach weitergehenden Informationen suchen, z.B. in medizinischen Fachbüchern oder wissenschaftlichen Publikationen. Erklärungen in einfacher Sprache ohne Fachausdrücke sind ein bisschen, als würde man jemandem einen Fisch geben, Erklärungen mit Fachausdruck so, als würde man eine Angelausrüstung geben. Beides hat seine Berechtigung, und am besten ist vermutlich die Kombination von beidem!

Ich habe ein kurzes Update zu den Faszikulationen (und ein Muster, das ich bei mir erkenne, gleich noch mit dazu): Als sich meine Halswirbel wieder zurechtgeschoben haben, haben die Faszikulationen aufgehört. Das ist jetzt schon mehrfach aufgetreten - ganz generell habe ich immer wieder Symptome in Abhängigkeit von Fehlstellungen der Halswirbel. Ich bin auf jeden Fall erleichtert! Eine Abklärung habe ich nicht vornehmen lassen - ich werde bis zur Impfung weiter versuchen, die Vermeidung einer Infektion zu priorisieren. Mein Körper reagiert sehr empfindlich schon auf leichtere Infekte, da will ich eine Corona-Infektion wirklich vermeiden.

So, nachher kommt noch eine schnelle andere Frage (zum Thema Raumtemperatur/Vermeidung von Auskühlen); dazu mache ich am besten ein neues Thema auf.

Ganz liebe Grüße,

odyssita.

  1. vor 12 Stunden
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