1. odyssita Star
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  3. Dienstag, 14. September 2021

Lieber Dr. JEAN,

ist es bekannt, welche Folgen autonome Dysreflexie fürs Herz haben kann - akut, vorübergehend oder dauerhaft?

Nach einer Phase mit ausgeprägter Dysregulation des autonomen Nervensystems, in der sich auch mein Herz überlastet angefühlt hat, fühle ich mich kurzatmig, habe einen trockenen Husten, und es fühlt sich phasenweise an, als sei etwas Flüssigkeit in der Lunge. Ich habe den Eindruck, es wird besser, frage mich aber doch, was das sein könnte und ob es wichtig wäre, das in irgendeiner Weise zu kontrollieren oder zu behandeln, oder ob ich den natürlichen Verlauf abwarten kann.

Die nächste Frage wäre, was in der akuten Phase konkret gemacht werden kann. Aufgrund extrem schlechter Erfahrungen als medizinischer Notfall wäge ich Nutzen und Risiko sehr gut ab und sitze Notfälle üblicherweise zu Hause aus. Was würde denn passieren, wenn man mit dysreguliertem autonomem Nervensystem ins Krankenhaus eingeliefert würde?

Danke für Ihre Hilfe!

Liebe Grüße,

odyssita

Dr. JEAN
Dr. Online
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Liebe Odyssita, wir haben uns ja im Chat bereits ausgetauscht darüber. Da das Thema aber für alle wichtig ist, hier eine Zusammenfassung ohne persönliche Details.

Autonome Dysreflexie tritt bei Lähmungen ab Th8 und höher auf. Das Problem ist einerseits ein Vagotonus, andereseits eine fehlende Hemmung der sympathischen Segmente unterhalb des Lähmungsniveaus. Das führt zu manchmal heftigen Blutdruckspitzen, welche gefährlich sein können für das Herz. Gelegentlich sehen wir auch epileptische Anfälle danach, weil es zu einem Hirnödem kommen kann (posteriores reversibles Encephalopathie Syndrom PRES). Über längere Zeit schadet der hohe Blutdruck auch, wie bei Fussgängern, den Koronararterien.

Als weitere Erscheinung kann die Autonome Dysregulation auch Herzrhythmusstörungen verursachen, meist nur Sinusbradykardien, aber auch schlimmere Formen, welche akut gefährlich sein können, kommen vor.

Was ist zu tun:

1. Mögliche Auslöser suchen. Nicht selten wird die Situation vausgelöst oder verschlimmert durch irgend einen Reiz im gelähmten Körperbereich. Das kann alles sein, von Gallenstein über eingewachsenen Zehennagel bis zu überfüllter Blase oder Darm.

2. Andere arterielle Risikofaktoren (Cholesterin, Diabetes usw) suchen und behandeln.

3. Das Problem möglichst genau erforschen. 24h-Blutdruckmessungen und Langzeit-EKG machen wir bei unseren Patienten oft. Auch Kipptischuntersuchungen können helfen. Dabei sieht man das Ausmass des Problems und kann über eine behandlung entscheiden.

4. Oft muss der Blutdruck medikamentös behandelt werden (ausser man findet einen Auslöser und kann diesen beseitigen). Dabei werden die gleichen Medikamente eingesetzt wie bei Fussgängern. Calciumantagonisten geben wir eher selten, da sie zu Unterschenkelödemen führen können, und das ist oft sowieso ein problem bei Gelähmten. Oft geben wir ACE-Hemmer oder Sartane. Ein häufiges Problem ist, dass der Blutdruck labil ist und manchmal auch zu tief ist. In solchen Situationen geben wir manchmal ein Blutdrucksteigerndes Medikament dazu, das dann bedarfsweise eingenommen werden kann.

Ob mit Deinem Herzen etwas passiert ist, kann ich nicht sagen. Aber da Du kurzatmig bist, wird Dein Hausarzt das sicher anschauen und wahrscheinlich weitere Untersuchungen veranlassen

Herzliche Grüsse

Dein Dr. JEAN

  1. vor über einem Monat
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odyssita Star
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Lieber Dr. JEAN,

ganz herzlichen Dank für Ihre Antwort und Ihre Hilfe. Ich habe noch eine kurze Nachfrage dazu: In welchem Zeitfenster treten Herzrhythmusstörungen in diesem Zusammenhang denn üblicherweise auf?

Die Untersuchungen wären vermutlich vor allem in einer akuten Phase sinnvoll, oder? Das würde ja doch für eine stationäre Überwachung sprechen - denn in den aktuen Phasen ist es mir nicht möglich, ambulant einen Arzt aufzusuchen.

Ich habe für Notfälle einen ACE-Hemmer, den ich in sehr niedriger Dosierung einnehme.

Die Kurzatmigkeit, der Husten und das Flüssigkeitsgefühl in der Lunge haben sich inzwischen glücklicherweise zurückgebildet. Weitere Untersuchungen sind für den Moment nicht geplant - meine Hausärztin weiss aber auch, dass ich pandemiebedingt nach wie vor Arztbesuche vermeide.

Ganz herzlichen Dank für Ihre Hilfe!

Beste Grüße,

odyssita

 

  1. vor über einem Monat
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