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  1. odyssita
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  3. Frag den Doktor
  4. Mittwoch, 29. November 2017
Lieber Dr._Hans, liebe Mitleser,
das Wetter wird immer trüber und überall hustet und schnupft es. Weil mein Immunsystem nicht das beste ist, habe ich eben interessehalber als Suchbegriff (auf englisch) "Immunsystem" und "Rückenmarksverletzung" in die Suchmaschine meines Rechners eingegeben und war ganz erstaunt über die Ergebnisse, über die ich dabei stolperte. 
Ich habe die Artikel bislang nur überflogen, aber ich dachte, dass das Thema hier vielleicht auch für andere interessant sein könnte und wollte fragen, ob Sie, lieber Dr._Hans, uns vielleicht ein bisschen etwas dazu schreiben könnten?
Bislang bin ich über diese (englischsprachigen) Publikationen gestolpert, die ich beim Querlesen sehr spannend fand:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4099970/
https://www.nature.com/articles/sc2014184
Falls dieses Thema andernorts besser aufgehoben sein sollte -  im Forum oder bei einem Blogeintrag - kann man das natürlich auch sehr gerne verschieben. 
Liebe Grüße,
odyssita
Dr_Hans
Dr. Online
Akzeptierte Antwort Pending Moderation
Liebe Odyssita!
Ich möchte als Antwort nur meine persönlichen Überlegungen zum Inhalt der beiden Artikel geben. Bei vielen der vorgestellten Mechanismen sind wir erst am Anfang der Forschung und verstehen noch nicht alle Zusammenhänge und Effekte.
Der erste Artikel beschreibt den Ablauf der verschiedenen Reaktionen des Immunsystems nach einer mechanischen Schädigung der Rückenmarks. Dieser resultiert nicht nur in einem neurologischen Schaden, der direkt durch einen äusseren Einfluss entstanden ist, man beobachtet vielmehr einen „Sekundärschaden“ der durch eine noch nicht vollständig erforschte Reihe von biochemischen und immunologischen Prozessen hervorgerufen wird.
Durch das direkte Trauma entsteht zuerst eine Blutung, danach Ischämie (keine Durchblutung mehr) die zu einer Hypoxie (Fehlende Versorgung mit Sauerstoff) führt. Auch die Zufuhr von Glucose ist dadurch unterbrochen. So kommt es zum Absterben der direkt betroffenen Nervenzellen. Danach beginnt sich jedoch der zusätzliche sekundäre Schaden auf verschiedenen Ebenen zu entwickeln. Es treten für Zellen toxische Stoffe aus, wie Glutamat oder Calcium, weil die Blut-Hirn-Schranke zusammenbricht. Es kommt zur Bildung von freien Radikalen (=sehr aggressive Moleküle), es werden in den ersten Stunden nach dem Trauma Entzündungs- und Immunreaktionen ausgelöst bei denen die Mikroglia (Stützgewebe des Nervensystems) und die eingewanderten Monozyten und Makrophagen beteiligt sind. Daraufhin kommt es über Tage und Wochen zur Gliose (Narbenbildung) und zur Demyelinisierung (Zerstörung der Isolation) weiterer Nervenzellen. Nerven- und Gliazellen sterben ab. Die entstehende Narbe und weitere Substanzen wie Chondroitinsulfat aus den Astrocyten verhindern die Regeneration von Nervenzellen. Dieser Entzündungsprozess schwelt wie ein Kabelbrand im Gewebe weiter und ist noch Monate nach der eigentlichen Rückenmarksverletzung nachweisbar.
Man könnte versuchen, den sekundären Schaden mit Medikamenten zu minimieren, um am Ende mehr Funktionalität und ein besseres Rehabilitationsresultat zu erreichen. Die Paraplegiologen reden von einer Todesspirale in der sich das Nervengewebe nach einer Verletzung befindet und in welchem die verschiedenen mechanischen, biologischen, biochemischen und immunologischen Prozesse den Schaden noch (unnötig) ausweiten.
Heute weiss man leider noch nicht genau, wie diese voneinander unabhängigen Prozesse gesteuert werden. Es braucht darum auch verschiedene Massnahmen, die man erst noch erforschen und testen muss um hier sinnvoll einzugreifen und den Untergang von an sich noch funktionierendem Nervengewebe zu verhindern.
Wir bewegen uns hier mehrheitlich auf tierexperimentellem Boden. Möglicherweise funktioniert das Ganze beim Menschen jedoch praktisch gleich. Heute haben wir aber erst wenige Möglichkeiten diese Vorgänge medikamentös zu beeinflussen.
Der zweite Artikel zieht auch noch die Einflüsse des autonomen Ausfalls auf das neuroendokrine System in Betracht. Er geht auf Aspekte des Problems Querschnittlähmung und sekundäre Supppression des Immunsystems ein, der sogenannten „immune paralysis“. Seit einigen Jahren wurde dieses Problem erkannt und als SCI-IDS bezeichnet für: spinal cord injury induced immune depression syndrome.
Dazu läuft gegenwärtig eine Multicenterstudie am Menschen, die von der Charité in Berlin initiiert wurde: The SCIentinel study - prospective multicenter study to define the spinal cord injury-induced immune depression syndrome. (Kopp et al. BMC Neurology 2013, 13:168). In Tierversuchen konnte man zeigen, dass eine höhere Infektgefahr für Pneumonie besteht, wenn die sympathische Innervation der wesentlichen Immunorgane (v. a. der Milz) durch eine hohe Querschnittlähmung unterbrochen wird.
Im Artikel geht es darum, ob die chronisch erhöhten proinflammatorischen Mediatoren für die Population der Querschnittgelähmten positiv sind oder ob sie Anzeichen eines fortschreitenden Schadens des Nervensystems und der endokrinologischen Funktionen sind. Möglicherweise beeinflussen sie die Infektabwehr und die Regeneration (Heilung) von Nervengewebe.
Der Artikel beschreibt verschiedene Regelkreise: HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinde) mit den rückkoppelnden afferenten Signalen von der Nebenniere zum Hypothalamus. Die Produktion von Cortisol durch die Nebennierenrinde führt generell zu einer Immunsupression und damit zu erhöhter Infektanfälligkeit. Die fehlende sympathische Innervation der Milz (und anderer Organe), führt z. B. zu verminderter Produktion von Lymphozyten.
Ganz allgemein führt die eingeschränkte Mobilität und ein vorwiegend im Sitzen stattfindendes Leben zu einer reduzierten körperlichen Aktivität, die wiederum in Übergewicht (Adipositas) mündet. Nur wenige Rollstuhlfahrer halten die notwendige Diät ein! Mit dem Übergewicht steigt auch das Risiko auf Diabetes Typ II und Arteriosklerose. Ich bin nicht der Meinung, dass dies alleine auf immunologischen und inflammatorsiche Prozesse durch Querschnittlähmung zurückzuführen ist. Vielleicht wirken sie in diese Richtung, wesentlich ist jedoch auch der " Lifestyle".
Der Autor vermutet sogar Einflüsse auf häufig mit Querschnittlähmung assoziierte Komplikationen wie Depression und neuropathische Schmerzen durch die oben beschriebenen proinflammatorischen Mediatoren. Diese Möglichkeiten möchte ich nicht ausschliessen, ich habe hier aber den Eindruck, dass er einfach alles, was schwierig zu erklären ist, irgendwie über dieses Schiene abwickeln will. Vieles beruht hier aber auf Vermutungen und nicht auf wirklichen Versuchsergebnissen. Es wird nicht klar, ob diese Einflüsse die Ursache oder die Folge dieser Mediatoren sind. Leider fehlt auch ein klarer Ansatz, wie man diesen Probleme begegnen könnte um die dadurch verursachten Komplikationen zu vermeiden.
Der Einfluss der Querschnittlähmung auf andere endokrine Systeme, z. B. das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System müsste man ebenfalls im Auge behalten, wenn man nicht nur eine punktuelle Betrachtung der Immunologischen und endokrinen Effekte machen möchte.
Soviel für heute!
Es grüsst Dich
Dr_Hans, 1.12.2017
  1. vor über einem Monat
  2. Frag den Doktor
  3. # 1 1
Akzeptierte Antwort Pending Moderation
Lieber Dr_Hans,
ganz herzlichen Dank für diese spannende und gut erklärte Antwort!
Mir geht es so: Ich finde es spannend und ermutigend, zu sehen, was sich in der SCI-Forschung bewegt. Klar wäre es schön, wenn man schon mehr wüsste, mehr Sicherheiten hätte, wenn klarer wäre, ob und wie das einen therapeutischen Nutzen hat. Aber wichtig und ermutigend finde ich vor allem, dass geforscht wird, Fragen gestellt werden, etwas in Bewegung ist. Und ich habe den Eindruck, die Rückenmarksforschung ist ein sehr aktiver Forschungsbereich, bei dem in verschiedene Richtungen gedacht wird und eben auch viel Grundlagenforschung passiert, wovon vielleicht auch andere Krankheitsbilder eines Tages profitieren könnten. Und eigentlich finde ich es gar nicht so schlecht, wenn Publikationen auch den unvollständigen Stand des Wissens widergeben und so vielleicht andere Wissenschaftler das Thema aufgreifen und an anderer Stelle damit - vielleicht auch in eine andere Richtung - weiterarbeiten können. 
Zum Einfluss einer Querschnittlähmung auf andere endokrine Systeme würde ich sehr gerne mehr lernen, das finde ich auch sehr spannend. Im Zusammenhang mit dem Renin-Angiotensin-Aldosteron-System habe ich davon noch nie gehört - mal schauen, ob ich mich dazu etwas einlesen kann. :) Hätten Sie mir dazu vielleicht einen Hinweis (auf einen Autor, eine Publikation o.ä.), wo ich etwas dazu lesen kann?
Interessant fände ich ja auch, ob irgendein Einfluss auf die thyreotrope Achse bekannt oder denkbar ist. Mir konnte bis heute niemand erklären, warum es bei mir eine Korrelation zwischen dem Einsetzen meines Hemisyndroms und einem sprunghaften Anstieg meines TSH-Werts gab.
Liebe Grüße,
odyssita
  1. vor über einem Monat
  2. Frag den Doktor
  3. # 1 2
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