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Die Barrierefreiheit der Sharing Economy

Offizieller Blog-Autor

Die Barrierefreiheit der Sharing Economy

Uber, Airbnb… Dienstleistungen für alle?

Letzten November vermeldete Airbnb den Erwerb von Accomable, einem barrierefreien Startup- Reiseunternehmen mit Sitz in London. In weniger als einem halben Jahr führten sie 21 neue Filter für Barrierefreiheit auf der Airbnb-Plattform ein, um die Zugänglichkeit für die Nutzer zu verbessern.

Unterdessen kündigte der Mitfahrservice Uber letztes Jahr die Ersteinführung in Asien von zwei neuen Diensten in Bangalore (Indien) an: uberASSIST und uberACCESS. uberASSIST bietet einen Haus-zu-Haus-Service für Mitfahrer an, die beim Reisen Unterstützung benötigen, während uberACCESS rollstuhlgängige Fahrzeuge anbietet.

Airbnb und Uber sind zwei der grössten Beispiele der Sharing Economy. Dieser Begriff erschien erstmals in den 2000er-Jahren und bezieht sich auf die wachsende Zahl an wirtschaftlichen Aktivitäten, bei denen sich die Menschen direkt über digitale Plattformen kontaktieren, um Waren und Dienstleistungen anzubieten und zu erhalten. Dazu gehören Homesharing-Dienste wie Airbnb und Mitfahrservice-Betreiber wie Uber.

Vielen gefällt das Konzept der Sharing Economy, weil ihnen ohne zusätzliche Kosten eine grössere Auswahl zur Verfügung steht. Manche mögen es auch, wenn sie sich wie zu Hause fühlen, z. B. wenn sie ein anderes „Zuhause“ als Ferienunterkunft über Airbnb mieten, anstatt ein traditionelles Hotelzimmer zu buchen.

Aber haben wirklich alle etwas von dieser neuen Wirtschaftsform?

Mehrere Forschungsstudien versuchen, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Ihre Ergebnisse und Schlussfolgerungen sind eher skeptisch in Bezug auf die Barrierefreiheit der Sharing Economy.

Viele lehnen Gäste mit einer Querschnittlähmung ab

illustration 1 - the accessibility of the sharing economy.jpgEin entspannter Moment bei Kaffee und Croissant mit Airbnb? Eher nicht für Nutzer mit Behinderungen, die viel öfter abgelehnt werden als alle anderen Nutzer.In einer Studie erstellten Wissenschaftler 25 Airbnb-Benutzerkonten und richteten 2016 über einen Zeitraum von fünfeinhalb Monaten knapp 4000 Buchungsanfragen an Unterkünfte in den USA. Die Anfragen stellten sie unter einer fiktiven Identität und gaben an, entweder blind zu sein, unter einer Zerebralparese zu leiden, zwergwüchsig oder querschnittgelähmt zu sein, oder keine Behinderung zu haben. Sie wollten herausfinden, wie sich diese unterschiedlichen Faktoren auf eine Vorabbestätigung von Airbnb auswirken würden – „eine Möglichkeit für Gastgeber, Gäste wissen zu lassen, dass ihre Unterkunft verfügbar ist, wenn sie nach einer möglichen Buchung gefragt werden“.

Zufällig kündigte Airbnb im dritten Monat der Studie eine neue Nichtdiskriminierungspolitik an. Die Nutzer mussten der neuen Geschäftsbedingung vor jedem Anmeldungsversuch zustimmen. Die neue Bestimmung schien jedoch in den ersten paar Monaten keine Wirkung zu zeigen – so zumindest die Studie.

Es stellte sich heraus, dass Anfragen von Gästen ohne Behinderung die höchste Anzahl an Vorabbestätigungen bekamen, während Gäste mit einer Querschnittlähmung die niedrigste Zahl erhielten. Die Wissenschaftler fanden ausserdem heraus, dass selbst Gastgeber, die für ihre Unterkunft „rollstuhlgerecht“ angaben, eher Gästen ohne Behinderung eine Vorabbestätigung gaben als Gästen mit Querschnittlähmung.

Mehr Zugänglichkeitsfilter, aber nichts hat sich geändert

In einer anderen Studie wollten Wissenschaftler „herausfinden, welchen Platz behinderte Gäste in der neuen, durch die Sharing Economy geprägten Welt der Hotel- und Ferienunterkünfte einnehmen“.

Im Verlauf der Studie hatte Airbnb einen neuen Filter für „rollstuhlgerecht“ auf seiner Webseite eingeführt. Mit dem neuen Filter suchten die Wissenschaftler nach barrierefreien Unterkünften für ein Wochenende im Januar 2017 in Margaret River, einer Gegend in Westaustralien, die jährlich über eine Million Besucher verzeichnet. Enttäuschenderweise fanden sie nicht eine einzige!

Initiativen wie die von Airbnb zur Verbesserung der Barrierefreiheit für alle sind ein guter erster Schritt. Die Ergebnisse der obigen Studien zeigen jedoch, dass es schwierig ist, auf Peer-to-Peer-Plattformen wie Airbnb Inklusion zu erreichen, solange die Regierung nicht eingreift und umfassende gesellschaftliche Inklusion fördert.

Probleme der Sharing Economy

Den obigen Forschungsergebnissen nach erscheint die Sharing Economy für Menschen mit Behinderungen wenig verheissungsvoll. Aber was denken Menschen mit Behinderungen selber? Was wissen sie über die Sharing Economy?

Um mehr über ihre Gedanken über die Sharing Economy zu erfahren, führte AARP, eine gemeinnützige Organisation in den USA, mit Hilfe des Turtle Bay Institutes in Princeton, New Jersey, eine Studie durch. Sie befragten 43 Menschen, die eine Behinderung hatten oder sich um jemanden mit einer Behinderung kümmerten, mittels persönlicher Fokusgruppen, Einzelinterviews und online, z. B. über schwarze Bretter.

Zunächst zur Kenntnis von „Sharing Economy“ befragt, gaben lediglich ein paar Teilnehmer an, dass sie diesen Ausdruck schon einmal gehört hatten. Doch nach weiteren Erklärungen sagten viele, dass sie von einem oder mehreren Unternehmen der Sharing Economy gehört hatten, und einige hatten schon mindestens einen ihrer Dienste genutzt.

Unter denen, die schon einmal Erfahrung mit der Sharing Economy gemacht hatten oder jemanden mit einer solchen Erfahrung kannten, hatten viele einen positiven Eindruck. Sie berichteten, dass die Sharing Economy eine höhere Dienstleistungsqualität, mehr Auswahl und Annehmlichkeiten sowie potenziell niedrigere Preise anbiete. Ein Teilnehmer sagte:

„Es ist eine Möglichkeit, was Günstiges zu finden… und reisen zu können, ohne dabei Pleite zu gehen.“

Befragt zu ihren Bedenken gegenüber der Sharing Economy, gaben sich manche besorgt über die Gefahr, bei der Nutzung der Sharing Economy aufgrund ihrer Behinderung Opfer von Kriminalität zu werden. Ein Teilnehmer kommentierte:

„Sie sehen, dass ich eine Behinderung habe, und denken, sie können mich ausnutzen.“

Während der Befragungen wurden die Teilnehmer auch über ihre Meinungen zu neun Möglichkeiten befragt, die Barrierefreiheit der Sharing Economy zu verbessern. Erweiterte Informationen wie die neuen Zugänglichkeitsfilter bei Airbnb sind sehr willkommen.

illustraton 2 - the accessibility of the sharing economy.jpgAnbieter der Sharing Economy müssen durch Schulungen besser sensibilisiert werden.Ausserdem erhofften sich die Teilnehmer, dass die Dienstleistungsanbieter der Sharing Economy Verständnis für sie als Person mit einer Behinderung hätten. Sie gaben an, dass sie sich willkommener und sicherer fühlen würden, wenn die Gastgeber Schulungen zum Umgang mit behinderten Menschen gemacht hätten.

Wie sieht es mit der Sharing Economy in der Schweiz aus?

Beim Lesen all dieser Studien über die Sharing Economy wurde ich neugierig, wie die Situation in der Schweiz aussieht. Deshalb habe ich informelle Tests bei Airbnb und Uber gemacht. Das Ergebnis war eher enttäuschend.

Ich persönlich finde die neuen Zugänglichkeitsfilter bei Airbnb gut. Sie helfen mir, unpassende Unterkünfte auszuschliessen, und ersparen mir Zeit und Mühe.

Allerdings ist zwar nicht überraschend, aber dennoch enttäuschend: Je mehr Zugänglichkeitsfilter ich verwende, desto weniger Unterkünfte werden mir angezeigt. Der Unterschied ist in der Tat enorm: Wenn ich nur 3 von 27 Zugänglichkeitsfiltern verwende, geht in meinem ausgewählten Zeitraum die Auswahl an verfügbaren Unterkünften im Grossraum Zürich von über 300 zurück auf 11. Frau (überrascht)illustration 3 - the accessibility of the sharing economy.pngAuf der Suche nach zugänglichen Ferienunterkünften in Zürich: Wendet man 3 von 27 Zugänglichkeitsfiltern an, geht die Auswahl von über 300 Unterkünften zurück auf 11.

Wie sieht es mit Uber aus? Ich habe diesen Dienst noch nie in Anspruch genommen, weil ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in der Schweiz sehr gut zurechtkomme, sogar mit einem Kinderwagen. Viele meiner Freunde in Hong Kong haben Uber bereits verwendet und deshalb habe ich angenommen, dass es für mich auch einfach sein würde. Leider war dies nicht der Fall. Ich kann gut nachvollziehen, was die Teilnehmer der AARP-Studie zur Sharing Economy durchgemacht hatten: Frust und Schwierigkeiten beim Herausfinden, wie die App und Webseite überhaupt funktionieren.

Am Ende habe ich es gerade mal geschafft, mich über die Uber-App zu registrieren. Doch wegen meiner Schwierigkeiten und unbekannter Fehler in der App konnte ich nicht herausfinden, ob die Dienste von uberASSIST und uberACCESS in der Schweiz bereits angeboten werden. Deshalb frage ich mich, wie sich die Sharing Economy entwickeln wird. Ich wünsche mir, dass diese Barrieren schon bald abgebaut werden, so dass jeder sie einfach und selbständig nutzen kann.

Welche Erfahrungen habt Ihr mit der Sharing Economy gemacht? Seid Ihr an dieser neuen Wirtschaftsform überhaupt interessiert oder mögt Ihr lieber herkömmliche Dienste wie Hotels und Taxis?

[Übersetzung des originalen englischen Beitrags]