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Neue Symbole für Behinderung

Offizieller Blog-Autor

Neue Symbole für Behinderung

Symbol Koefoed.jpgDas „Internationale Zeichen für eine Zugangsmöglichkeit für behinderte Menschen“: Im 21. Jahrhundert noch aktuell?

Welches würdet Ihr verwenden?

Was ist ein Symbol? Wozu dient es? Und vor allem: Gibt es „veraltete“ Symbole?

Symbole sind integraler Bestandteil der kollektiven Vorstellung – ein paar Striche mit dem Stift, die in der Lage sind, komplexe Konzepte zusammenzufassen und abstrakte Ideen zu veranschaulichen. Ihr Vorteil: Symbole sind universell verständlich, weil sie – im Gegensatz zu Wörtern – keine Übersetzung brauchen. Deshalb gibt es für alles oder fast alles ein Symbol.

Sogar für Behinderung. Ein delikates und facettenreiches Thema – und entsprechend schwierig ist es, ein Symbol dafür zu finden. Denn das weisse Männchen im Rollstuhl auf blauem Grund, 1968 von der dänischen Designstudentin Susanne Koefoed entworfen, gilt heutzutage als veraltetes Symbol und ungeeignet für eine umfassende Darstellung von Behinderungen. Wer will sich noch mit einem statischen und traurigen Mann identifizieren, der offensichtlich auf die Hilfe anderer angewiesen ist, um sich in der Welt zu bewegen? Es braucht also eine Reform.

Symbol Bregy.PNGSymbol von Rolland Bregy

Darum gekümmert hat sich ein Schweizer: der Walliser Rolland Bregy. 1982 führte ein Motorradunfall dazu, dass er seine Beine nicht mehr gebrauchen konnte, seine Leidenschaft fürs Zeichnen war jedoch ungebrochen. So interpretierte er im Jahr 2005 das alte Symbol neu und gab ihm eine energische und provokante Note: Wer sagt, dass Menschen im Rollstuhl nicht glücklich, gesund und aktiv aussehen können? Für sein Engagement wurde er 2013 mit dem Titel „Paraplegiker des Jahres“ ausgezeichnet. Inzwischen hat die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV) den Verkauf der Aufkleber mit seinem Symbol übernommen.

Symbol Accessible Icon Project.jpgSymbol des Accessible Icon Project

Im Ausland hat sich diese Begeisterung für ein neues Symbol zu einer echten Street-Art-Kampagne entwickelt: The Accessible Icon Project. Auch diesmal war die Autorin wieder eine Designstudentin, Sara Hendren, die zusammen mit dem Philosophieprofessor Brian Glenney das Symbol entwarf. Es ähnelt dem von Bregy: Kein Wunder, denn beide hatten die Absicht, das alte Männchen dynamisch darzustellen. So wurden im Jahr 2010 die meisten der alten Symbole, die in der Stadt Boston angebracht waren, mit Graffiti der neuen Symbole übersprüht. Eine gewagte Aktion, die aber zeigt, dass Veränderungen notwendig sind. Das Symbol ist so berühmt geworden, dass sogar WhatsApp es als Emoji anbietet – schaut mal nach! Smiley (zwinkernd)

Symbol Apple.jpgSymbol für Barrierefreiheit von Apple

Symbol UN.jpgSymbol für Barrierefreiheit der UNAllerdings benutzen weniger als ein Zehntel der Menschen mit Behinderung in den USA und Europa einen Rollstuhl. Warum beschränkt man sich dann auf ein so wenig inklusives Symbol? Das muss sich wohl auch Apple gefragt haben. In der Tat hat das Unternehmen ein eigenes Logo entwickelt, um Geräte anzuzeigen, die für Menschen mit Behinderung zugänglich sind. Eine neutrales Symbol, ähnlich dem berühmten vitruvianischen Menschen von da Vinci. Auf die gleiche Idee kam die UN, die 2015 eine ähnliche Variante vorgeschlagen hatte, mit der Absicht, die Inklusion aller Menschen in die Gesellschaft darzustellen. Die endgültige Lösung also?

Offenbar nicht. Denn auch wenn ihr metaphorischer Wert unbestritten ist, bleibt die Tatsache, dass generische Symbole Raum für Interpretationen lassen. Und wenn ein Symbol erklärt werden muss, verliert es seinen Zweck. So wird auch heute noch darüber diskutiert, wie sich Behinderung am besten bildhaft darstellen lässt. Im Februar 2018 präsentierte Giulio Nardone, Präsident des italienischen Sehbehindertenverbands, ein Piktogramm namens meeting point, welches die vielfältigen Facetten von Behinderung in einem einzigen Bild darstellt. Und nach ihm werden weitere die Herausforderung annehmen, ein Symbol im Einklang mit den Idealen des 21. Jahrhunderts neu zu gestalten: Inklusion, Selbstbestimmung und Freiheit.

Piktogramm Meeting Point.JPGPiktogramm „meeting point" des italienischen SehbehindertenverbandsUnd wer weiss, wer für diese Herausforderung am besten geeignet ist – vielleicht seid das genau Ihr! Was meint Ihr, welches Symbol repräsentiert Behinderung am besten? Was würdet Ihr ändern?

[Übersetzung des originalen italienischen Beitrags]

4 Kommentare
Weiser Autor

Hallo sile,

das ist ein interessantes Thema. Ich persönlich finde das Rollstuhl-Symbol tatsächlich problematisch - weil es einerseits das Hilfsmittel Rollstuhl mit Behinderung gleichsetzt, und andererseits eben die Gefahr besteht, dass das exklusiv interpretiert wird ("das betrifft nur Rollstuhlfahrer"). Im Prinzip wird es ja auch oft nicht so differenziert verwendet - mal schliesst das Symbol andere Behinderungen ein, mal bezieht es sich explizit auf Menschen mit starker Gehbehinderung (z.B. bei Parkplätzen). So etwas kann dann natürlich zu Missverständnissen und Verwirrung führen.

Ich finde alternative Symbole sinnvoll und wichtig - mindestens genauso aber eine öffentliche Diskussion über die Symbole, und eine Sensibilisierung dafür, dass nicht alle Behinderungen sichtbar sind. "Unsichtbare" Behinderungen bildlich darzustellen, ist natürlich schwierig, weil sie ja gerade kein sichtbares Erkennungszeichen haben. Symbole, die unsichtbare Behinderungen einschliessen, sind daher auf eine allgemein bekannte und breit kommunizierte Definition angewiesen, so dass jeder weiss, wofür das Symbol steht. Vielleicht wäre ja eine Kombination bekannter Symbole denkbar (z.B. ein Mensch, kombiniert mit dem "fragile - handle with care"-Symbol, oder kombiniert mit dem Kreuzsymbol). Ein etabliertes Symbol, das die verschiedenen Formen von Behinderung per allgemein bekannter Definition einschliesst, fände ich persönlich auch als Armbinde, die man bei Bedarf anlegen kann (vergleichbar der Armbinde für Menschen mit Sehbehinderung) hilfreich - gerade für Menschen mit unsichtbarer Behinderung.

Viele Grüße,

odyssita

Weiser Autor

...zum Beispiel in dieser Art:

symbolentwurf_behinderung.jpg

Das Kreuz könnte man gleichzeitig als Pluszeichen sehen - somit könnte man das auch ressourcenorientiert statt defizitorientiert interpretieren.

Viele Grüße,

odyssita

Community-Manager

Liebe odyssita,

Vielen Dank für diese Beiträge! Es ist gut, dass wir jemanden unter uns haben, der für die Gedanken und Interessen der Nicht-Rollstuhlfahrer eintritt. Wegen Deinem Bild: Ich denke, das Kreuz steht im allgemeinen Bewusstsein für Krankheit, Rotes Kreuz etc. Das ist eine Konnotation, die man beim Thema Behinderung wohl gerne vermeiden würde – was meinst Du?

Und bei dem "fragile - handle with care"-Symbol habe ich eine ähnliche Befürchtung, nämlich dass es von vielen Betroffenen als diskriminierend empfunden würde, als "gebrechlich" dargestellt zu werden, nicht?

Das scheint wirklich kein leichtes Problem zu sein... ich bin sehr gespannt auf weitere Vorschläge!

Liebe Grüsse und ein schönes Wochenende

Johannes

 

Weiser Autor

Hallo Johannes,

ich bin auch gespannt auf weitere Meinungen dazu - natürlich bin ich durch meine Erfahrungen geprägt, und es ist auch für mich bereichernd, andere Sichtweisen kennenzulernen. Ich glaube, es ist weder schön, über- wie unterschätzt zu werden. Wenn man unterschätzt wird, fühlt man sich bevormundet und nicht ernst genommen und dadurch außen vor. Wenn man überschätzt wird, dann wird zu wenig Rücksicht genommen und die Teilhabe kann dadurch unmöglich werden bzw. die Gesundheit kann dadurch weiter beeinträchtigt werden. Die aktiven Rollstuhlsymbole schaffen diesen Balanceakt für Rollstuhlfahrer vielleicht recht gut - aber wenn kein äußerlich sichtbares und bekanntes Hilfsmittel vorhanden ist, dann ist der Balanceakt zwischen über- und unterschätzt werden noch einmal komplizierter. Dann muss man in beide Richtungen aufpassen, dass man nicht vom Pferd geschubst wird.

Mir persönlich geht es so: Mit meiner Behinderung stehe ich einem kranken Menschen näher als einem gesunden (auch, wenn das nicht dasselbe ist). Und ja, ich bin in gewisser Weise gebrechlich und brauche Rücksichtnahme. Das kann und darf man auch so sagen, damit tritt man mir nicht auf den Schlips. Dass mein Körper Rücksichtnahme braucht, sagt ja nichts über mich als Person aus. Problematisch finde ich es erst, wenn man körperliche Einschränkungen gleichsetzt mit negativen, "schwachen" psychischen Eigenschaften - denn ganz im Gegenteil denke ich, dass viele an ihren körperlichen Einschränkungen wachsen. Und leider gibt es an dem Punkt oft eine gewisse Voreingenommenheit. Das wäre der Punkt, an dem sich aus meiner Sicht etwas ändern müsste. Aber ob das über Symbole laufen muss (und kann - denn das funktioniert eben nur in Kombination mit einem sichtbaren Hilfsmittel), ist die andere Frage...

Liebe Grüße,

odyssita