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Hippotherapie

Die Hippotherapie ist eine anerkannte medizinische Behandlungsmethode der Physiotherapie mit Hilfe eines Kleinpferdes. Bei der Hippotherapie werden die rhythmischen, dreidimensionalen Bewegungen des Pferdes auf den Patienten übertragen und so therapeutisch genutzt, ohne dass der Patient dabei aktiv auf das Pferd einwirkt. Der Transfer, also der Wechsel auf das Pferd und herunter, ist bereits ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung.

Transfer vom Pferd in den Rollstuhl
Transfer vom Pferd in den Rollstuhl

Wirkungsweise

Die Bewegungen des Pferderückens haben vorwiegend lockernde, aber auch kräftigende und anregende Effekte. Der Patient sitzt im Spreizsitz auf dem Pferd, das von einem Pferdeführer in der Gangart Schritt geführt wird. Bereits diese Sitzposition kann die verkrampfte Muskulatur in Rumpf und Beinen positiv beeinflussen. Der Therapeut stützt den Patienten und gibt Anweisungen für Übungen. Zusätzlich kann er mit seinen Händen die gewünschte Beckenbewegung des Patienten stimulieren. Dabei kommt es in der Muskulatur zu einem ständigen Wechsel zwischen Spannung und Entspannung. Gleichzeitig werden Gleichgewicht, Haltungsreaktionen des Rumpfes und die Koordination geschult, schwache Muskulatur gekräftigt oder auch Verspannungen gelöst.

Auf diese Weise lassen sich mit dem Einsatz der Hippotherapie verschiedene therapeutische Ziele verfolgen, oft die Linderung von Schmerzen oder die Regulation der Muskelspannung. In einer Studie zu erhöhtem Muskeltonus (Spastik) bei Querschnittgelähmten wurden Verbesserungen durch die Hippotherapie festgestellt (Lechner et al. 2003). Des Weiteren hat die Behandlung auf dem Pferd für Patienten eine psychisch positive, motivierende Wirkung.

Bei der Hippotherapie werden Gleichgewicht und Koordination geschult.
Bei der Hippotherapie werden Gleichgewicht und Koordination geschult.
Die Therapeutin stützt den Patienten und stimuliert zugleich die gewünschte Beckenbewegung.
Die Therapeutin stützt den Patienten und stimuliert zugleich die gewünschte Beckenbewegung.

Die individuellen Eigenschaften und das Wesen des Pferdes sind sehr wichtig. Therapiepferde sind nicht auf ein bestimmte Rasse festgelegt, sondern werden speziell ausgebildet und sind sehr sensibel. Im Laufe der Ausbildung werden sie an Rollstühle und Gehstützen gewöhnt und lernen, an Liften oder Rampen zu stehen und mit den untypischen Bewegungen der Patienten umzugehen. Die Ausbildung des Pferdes hat zum Ziel, „gleichzeitig die Ausnutzung aller Bewegungsmöglichkeiten und den höchsten Sicherheitsfaktor für die Durchführung der Hippotherapie zu gewährleisten" (Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR)). Durch ein vertrautes, menschenfreundliches und gehorsames Pferd werden das Verhalten und das Befinden des Patienten positiv beeinflusst.

Anforderungen an das Pferd

  • mentale und emotionale Fitness für die konzentrierte Aufnahme und Umsetzung der Kommandos
  • starke Muskulatur und Ausdauer des Pferdes
  • still und geduldig im Stand an der Rampe bleiben können
  • Vertrauen zu verschiedensten Therapiematerialien haben (Gehstöcke, Rollstühle etc.)
  • sich auf beiden Seiten auf Hals- und Schulterhöhe führen lassen
  • unempfindlich sein gegenüber Spastik und Ungleichgewicht des Patienten
  • damit umgehen können, von mehreren Personen umringt sein
  • bei Umwelteinflüssen und Geräuschen jeglicher Art die Ruhe bewahren

Kostenübernahme und Verordnung

Nach Abschluss der Akutphase kann die Hippotherapie in der ambulanten wie auch in der stationären Versorgung stattfinden. Sie wird meist bei Patienten mit neurologischen Krankheitsbildern angewendet, beispielsweise bei Querschnittlähmung oder Schlaganfall. Teilweise werden die Kosten für die Hippotherapie von den Krankenkassen oder von der Invalidenversicherung übernommen, in der Schweiz z.B. bei Erwachsenen mit Multipler Sklerose oder bei Kindern mit Zerebralparese. Bei anderen Diagnosen muss eine Finanzierung durch Dritte geprüft werden.

Hierzulande muss die Therapie wie jede andere Form der Physiotherapie von einem Arzt verordnet und von Physiotherapeuten mit Zusatzausbildung in Hippotherapie durchgeführt werden. Es handelt sich dabei in der Regel um die Weiterbildung nach Künzle (Hippotherapie-K) – in der Schweiz berechtigt nur diese Form zur Abrechnung. Stationäre Patienten mit Querschnittlähmung werden über die Tagespauschale der Klinik abgedeckt.


Das Therapieteam setzt sich aus dem Patienten, einem geschulten Therapiepferd, einem Hippotherapeuten (Physiotherapeut mit Zusatzausbildung Hippotherapie-K) und einem Pferdeführer zusammen.

Hippotherapie wird meist einmal pro Woche durchgeführt. Sie ist im Freien wie auch in der Halle möglich. Die Behandlungsdauer ist von der Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit des Patienten abhängig, durchschnittlich beträgt sie ca. 30 Minuten. Der Patient wird während der gesamten Maßnahme vom Hippotherapeuten gesichert. Eine Helmpflicht besteht nicht (DKThR).

Voraussetzungen beim Patienten

Die Person verfügt über eine ausreichende Sitzstabilität und Rumpfkontrolle und kann den Kopf eigenständig kontrollieren. Die individuelle Eignung ist jeweils durch geschultes Personal abzuklären.

Das Mindestalter für Kinder beträgt vier Jahre.

Die Hippotherapie findet in der freien Natur statt.
Die Hippotherapie findet in der freien Natur statt.

Weiterführende Informationen im Internet (in Deutsch und Französisch):

Referenzen:

  • Lechner HE, Feldhaus S, Gudmundsen L, Hegemann D, Michel D, Zäch GA, Knecht H. The short-term effect of hippotherapy on spasticity in patients with spinal cord injury. Spinal Cord. 2003 Sep;41(9):502-5.
  • Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR): Wie wird Hippotherapie durchgeführt? URL: https://www.dkthr.de/de/therapeutisches-reiten/hippotherapie/wie-wird-hippotherapie-durchgefuehrt/ (abgerufen am 30.07.2015)
  • Abramovic M et al.: Hippotherapie. In: Zäch GA, Koch HG (Hrsg.) (2006): Paraplegie. Ganzheitliche Rehabilitation. Basel: Karger, S. 355f.

Zu den Autorinnen:

  • Der Artikel wurde erstellt vom Experten-Team Hippotherapie, Heilpädagogisches und Therapeutisches Reiten der Abteilung Physiotherapie am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil/Schweiz, insbesondere von Sabine Grupp, Kathrin Kriesche und Sibille Bühlmann.
  • Dr. Andrea Glässel ist Physiotherapeutin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Schweizer Paraplegiker-Forschung (SPF) in Nottwil/Schweiz, wo sie seit 2007 arbeitet. Sie ist Mitglied des paraforum-Teams.


aktualisiert: Oktober 2015