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Sport und Querschnittlähmung

Der Mensch ist ein „Bewegungstier“ – wohl jeder kennt das gute Gefühl, wenn man Sport getrieben hat. Dieses menschliche Grundbedürfnis ändert sich auch nicht mit einer Querschnittlähmung. Daher ist es ein wichtiges Ziel der Erstrehabilitation zu verhindern, dass Menschen mit einer Querschnittlähmung sich weniger bewegen und somit viel an Funktionsfähigkeit, Mobilität und Selbstständigkeit einbüssen. Zu wenig Bewegung kann nicht nur Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen haben, sondern auch psychologische Probleme können sich verstärken – und das meist lange nach der Rückkehr in die Lebenssituation nach der Erstrehabilitation. Studien haben sogar herausgefunden, dass sich bei „Sportmuffeln“ das Risiko von Depressionen, Angstzuständen und verminderter Lebensqualität erhöhen kann. Ein fitter und aktiver Körper ist darüber hinaus weniger anfällig für Begleiterkrankungen. Aufgrund der vertieften Atmung und der gesteigerten Durchblutung beim Sport ist das Risiko von Harnwegsinfekten, Atemwegserkrankungen, verstärkter Spastik und Druckstellen reduziert – dies gilt für komplette und inkomplette Para- wie auch Tetraplegiker. Die physiologischen Vorteile vom Sport für Menschen mit Querschnittlähmung sind in zahlreichen Studien nachgewiesen worden. Hier sind einige Beispiele:

  • verbesserte Herz- und Atemfunktion; dadurch erhöhte Ausdauer und Leistungsfähigkeit
  • verbesserte Koordination und körperliche Belastbarkeit (man ist weniger müde)
  • verbesserte Muskelkraft
  • positiver Einfluss auf die Gefässe und den Blutfluss (Thromboseprophylaxe)
  • verbesserter Stoffwechsel (Metabolismus) und Vorbeugung von erhöhten Blutfettwerten (Cholesterin)
Bogenschiessen
Bogenschiessen

Sport zu treiben trägt also nicht nur dazu bei, die physischen Fähigkeiten aufrechtzuerhalten bzw. weiterzuentwickeln, sondern hat auch eine wichtige psychosoziale Komponente – nicht nur für Menschen mit Querschnittlähmung. Wiedergewonnene Leidenschaft und Freude am Bewegen können helfen, mit der neuen Lebenssituation besser zurecht zu kommen. Spass am Sport ist ein wichtiges Element für Selbstwert und Selbstbewusstsein und ermöglicht es, seine eigenen Grenzen nicht nur kennen zu lernen, sondern auch durch Training zu verschieben.

Darüber hinaus fördert das aktive Engagement in einem Sportverein oder einer Interessengruppe die soziale Interaktion und die gesellschaftliche Integration. Der Sport ist für viele eine sehr gute Gelegenheit, um andere Personen mit Querschnittlähmung wie auch Fussgänger kennen zu lernen und neue Freundschaften zu knüpfen. Denn in Bewegung bleiben heisst nicht nur, alleine zu Hause oder im Fitnessstudio auf dem Handergometer „Kilometer zu machen“, sondern ist gerade in der Gruppe eine interessante und kommunikative Freizeitbeschäftigung.

Die Auswahl an Sportarten für Querschnittgelähmte ist vielfältiger als man denkt. Die Seite des Paralympischen Komitees gewährt einen guten Einblick, was sogar als Hochleistungssport wettkampfmässig betrieben wird (www.paralympic.org). Welcher Sport am geeignetsten ist, kann in einer Rehabilitationseinrichtung oder bei Physio- und Sporttherapeuten abgeklärt werden, die Erfahrung mit querschnittgelähmten Menschen haben.

Bereits 1948 hat der Arzt Sir Ludwig Guttmann erkannt, dass Sport in der Rehabilitation von querschnittgelähmten Menschen eine sehr wichtige Rolle spielt. Sein Engagement führte 1960 zu den ersten Paralympischen Spielen. Seither ist das Repertoire der Paralympics ständig erweitert worden. Manche Sportarten stecken noch in den Kinderschuhen, doch etliche sind seit vielen Jahren etabliert und in der Community sehr beliebt. Je nach Läsionshöhe und körperlichen Fähigkeiten kommen folgende Sportarten in Frage (kleine Auswahl):

Leichtathletik

In dieser Sportart sind inkomplette und komplette Para- wie auch Tetraplegiker aktiv (Menschen mit Spina Bifida und Amputationen sind meist in entsprechende Wettkampfklassen integriert). Bei nationalen und internationalen Sportveranstaltungen und Wettkämpfen werden Rennen über alle gängigen Distanzen ausgetragen: vom Sprint bis zum Marathon.

Rollstuhl-Rennen
Rollstuhl-Rennen

Handbikefahren

Das Handbike ist nicht nur ein sehr geeignetes Fortbewegungsmittel, sondern auch ein äusserst schonendes Sportgerät. Da die Schultern bei den meisten Menschen mit Querschnittlähmung durch das tägliche Antreiben des Rollstuhls stark beansprucht werden, entstehen häufig Probleme an den Sehnen- und Muskelansätzen. Das Handbikefahren ist, wie eine Studie gezeigt hat, nicht nur effizienter, sondern auch weniger belastend für den gesamten Schultergürtel.
Es finden Rennen in verschiedenen Klassen und über unterschiedliche Distanzen statt.

Handbike
Handbike

Basketball

Der „körperlose Sport“, wie Basketball auch genannt wird, ist gerade bei Menschen mit einer Paraplegie sehr beliebt. Hier sind nicht nur körperliche Ausdauer und Gleichgewicht gefragt, sondern auch Teamgeist und Übersicht. Rollstuhlbasketball wird schon seit 1945 gespielt, als amerikanische Kriegsveteranen ihren Nationalsport auch auf die Räder brachten.

Rollstuhl-Basketball
Rollstuhl-Basketball

Rugby

Ähnlich wie Basketball ist auch Rugby ein action- und temporeicher Teamsport, der überwiegend von Menschen mit Tetraplegie betrieben wird (Low Point Rugby). Speziell angefertigte Rollstühle schützen die Spieler vor Verletzungen, wenn die Athleten mit ihren Sportgeräten gegeneinander krachen. Auch hier sind Ausdauer, Geschicklichkeit, Teamgeist und Strategie wichtige Elemente des Spiels.

Rollstuhl-Rugby
Rollstuhl-Rugby

Tennis

Eine weitere Ballsportart, die in über 100 Ländern gespielt wird und seit 1992 auch bei den Paralympics ausgetragen wird, ist Tennis. Die Regeln des Spiels sind identisch mit denen für Fussgänger – die einzige Ausnahme ist, dass der Ball zweimal aufspringen darf bevor er geschlagen werden muss. Um den Sport auszuüben, müssen die Arme und Hände voll funktionsfähig sein, daher spielen vor allem niedrig gelähmte Paraplegiker Tennis.

Skifahren

Obwohl das Skifahren nicht überall möglich und zudem sehr zeit- und ressourcenintensiv ist, erfreut es sich auch im Breitensportbereich grosser Beliebtheit. Man könnte annehmen, dass das Skifahren nur Menschen mit einer niedrigen Lähmungshöhe möglich ist, doch auch Personen, die keine Sitzbalance haben, können im Skibob den Pistensport geniessen. Je nach Selbstständigkeit muss eine Begleit- und Hilfsperson dabei sein.

Monoski (Quelle: W. Morelli)
Monoski (Quelle: W. Morelli)

Die Palette der möglichen Sportarten ist noch viel breiter: Sogar Funsportarten wie Surfen, Klettern, Rollstuhl-Skaten und Motorsport (Quad fahren), aber auch Tanzen und Yoga sind je nach körperlichen Voraussetzungen möglich. Vor allem Menschen mit Tetraplegie widmen sich häufig dem Schiessen (u.a. Bogenschiessen) oder dem E-Hockey (Hockey mit elektrischen Rollstühlen für Tetraplegiker). Solange man Spass an Bewegung hat und es Körper und Geist gut tut, ist die Wahl der Sportart sekundär. Am besten ist es, verschiedene Sportarten in regionalen Rollstuhlclubs oder Vereinen nach Absprache mit einem Gesundheitsexperten auszuprobieren. In der Schweiz sind die Sportberatung und Förderung der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (www.spv.ch) sehr gut organisiert. Gerade die regionalen Rollstuhlclubs sind ein idealer Treffpunkt, um Kontakte zu knüpfen und Neues kennen zu lernen.

Rollstuhl-Skaten
Rollstuhl-Skaten

aktualisiert: Dezember 2013