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Stärken und Ressourcen

Man kann einen Menschen auf verschiedene Art und Weise beschreiben. In der Psychologie gibt es verschiedene Modelle, Theorien und Klassifizierungen. Ein Beispiel dafür ist das „Big Five“ bzw. „Fünf-Faktoren-Modell“, mit dem sich die Persönlichkeit einer Person beschreiben lässt. Dabei wird analysiert wie offen (neugierig, kreativ und abenteuerlustig), wie gewissenhaft (diszipliniert und pflichtbewusst), wie verträglich (freundlich, großzügig und hilfsbereit), wie extrovertiert (kontaktfreudig, enthusiastisch, handlungsorientiert) und wie neurotisch (emotional und anfällig für Stress) eine Person ist. Einige Klassifizierungssysteme wurden entwickelt, um die Schwächen einer Person zu erfassen - hierzu zählen Depression, Angst oder auch Zerrissenheit und Impulsivität. Ziel ist es dabei, Unterstützung und eine angemessene Behandlung für die betroffene Person zu gewährleisten (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen (DSM-5)). Andere Klassifizierungssysteme dienen dazu, die persönlichen Stärken und Ressourcen einer Person aufzuzeigen, wie etwa Optimismus, Freundlichkeit oder Dankbarkeit. So kann man die Personen auf ihrem Weg hin zu mehr Wohlbefinden und Glück unterstützen (Values in Action Classification of Character Strengths (VIA)).

Das Leben mit einer körperlichen Beeinträchtigung, wie etwa einer Rückenmarksverletzung, stellt die betroffene Person vor zahlreiche Herausforderungen – alle Facetten der jeweiligen Person müssen berücksichtigt werden. Die Psychologen der Schweizer Paraplegiker-Forschung (SPF) wollen daher „auf den Stärken aufbauen“ und nicht etwa „die Schwächen beseitigen“. Bei ihrem wissenschaftlichen Ansatz stehen die persönlichen Stärken und Ressourcen der betroffenen Person im Vordergrund. Die Forschungsbestrebungen konzentrieren sich daher darauf, den Menschen mit Behinderungen und ihren Familien hilfreiche Informationen zur Verfügung zu stellen und ihnen zu zeigen, wie sie besser mit ihrer Verletzung und deren Folgen umgehen können.

Dieser Artikel bietet dem Leser eine Einführung in die massgebendsten Stärken und Ressourcen einer Person. Massgebend deswegen, weil zahlreiche Studien bestätigt haben, dass diese Stärken und Ressourcen einer Person sehr eng verknüpft sind mit deren Wohlbefinden und Glück. Der folgende Abschnitt gibt einen Überblick über diese Stärken und beschreibt, was sie bedeuten und beinhalten. Ebenso wird die Bedeutung nach dem aktuellem Stand der Wissenschaft geschildert.

Dankbarkeit

Dankbarkeit ist Ausdruck von Erstaunen, Verbundenheit und Wertschätzung des Lebens. Es gibt viele grosse und kleine Dinge in unserem Leben, für die wir dankbar sein können. Beispielsweise für Menschen, die uns in besonderer Weise unterstützen (wie etwa unsere Eltern, enge Freunde oder sogar unser Hund oder unsere Katze). Ebenso können wir dankbar sein für den Verzicht, den andere Menschen für auf sich nehmen oder für den Beitrag, den sie zu unserem Leben leisten (z.B. Lehrer, Nachbar oder Arzt). Wir können auch dankbar sein für bestimmte Faktoren in unserem Leben, wie etwa unsere Stärken (z.B. Kreativität und Intelligenz), für bestimmte Gelegenheiten, die sich uns bieten (z.B. Schulbesuch, verschiedene Interessen) und für bestimmte Lebensumstände (z.B. an einem See leben, die Landschaft oder das Stadtleben auf dem Weg zur Arbeit geniessen). In der Praxis ist die Voraussetzung für Dankbarkeit, dass man den Moment lebt und das Leben so schätzt, wie es heute ist – und zwar mit allen Faktoren, die es so gestaltet haben. Studien haben gezeigt, dass Menschen die dankbar sind auch glücklicher, stolzer und zuversichtlicher sind – und auch körperlich sind sie in besserer Verfassung. Wenn man die guten Dinge im Leben zu schätzen weiß, wirkt sich dies positiv auf das Selbstwertgefühl aus und führt dazu, dass man besser mit Stress umgehen kann. Dankbarkeit motiviert dazu anderen zu helfen und stärkt so soziale Bindungen. Dankbarkeit schützt uns davor, die positiven Aspekte des Lebens als selbstverständlich anzusehen und beugt negativen Gefühlen wie Neid, Verbitterung, Wut und Habgier vor.

Optimismus

Optimisten sehen immer nur die guten Dinge im Leben und erwarten nur das Beste für die Zukunft. Sie gehen davon aus, dass Menschen und Ereignisse von Grund auf gut sind und am Ende alles gut ausgehen wird. Die Strategie der Optimisten ist es, immer das Gute zu sehen, nicht etwa das Schlechte. Sie suchen die Herausforderung in schwierigen Situationen. Es gilt der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten. Optimisten vertrauen darauf, es schon irgendwie durch den Tag zu schaffen. Dabei geht es nicht nur darum, DASS man es schaffen wird, sondern auch WIE man es schafft. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Optimisten glücklicher, tatkräftiger, erfolgreicher im Beruf und gesünder sind als Pessimisten. Optimismus hilft Menschen dabei mit Stress und Traumata umzugehen und bewirkt, dass sie sich bemühen, ihre Ziele im Leben zu erreichen.

Freundschaft und soziale Beziehungen

Soziale Beziehungen sind der Schlüssel zu Gesundheit und Glück. Sie schützen Menschen vor den negativen Auswirkungen von Stress. Sie geben uns das Gefühl geliebt, umsorgt und geschätzt zu werden und vermitteln uns ein Gefühl der Zugehörigkeit – eines der Grundziele im Leben. Studien haben gezeigt, dass behinderte Menschen, die viel Unterstützung von anderen erhalten, gesünder und weniger depressiv sind. Sie können besser mit ihrer Behinderung umgehen und leben, sind zufriedener und leben länger. Der bloße Gedanke an einen geliebten Menschen kann sie Wahrnehmung von Schmerz mindern.

Freundlichkeit

Eine freundliche Geste ist eine selbstlose Handlung von Menschen mit dem Ziel, anderen Menschen zu helfen oder sie aufzumuntern, mit der einfachen Absicht diese Menschen glücklich machen zu wollen. Geben um des Gebens Willen, ohne Erwartung einer Gegenleistung. Ein berühmtes chinesisches Sprichwort bringt es auf den Punkt:

„Willst du eine Stunde lang glücklich sein, mach’ ein Nickerchen.
Willst du einen Tag lang glücklich sein, geh’ Angeln.
Willst du einen Monat lang glücklich sein, dann heirate.
Willst du ein Jahr lang glücklich sein, erbe ein Vermögen.
Willst du ein Leben lang glücklich sein, hilf‘ jemand anderem.“
Warum führt Freundlichkeit zu mehr Glück, Gesundheit und einer längeren Lebenserwartung? Eine freundliche Geste hilft Stress abzubauen und führt dazu, dass sich die Stimmung eines Menschen verbessert, indem er von den eigenen Problemen und vom Grübeln abgelenkt wird. Sie wirkt sich positiv auf Selbstwertgefühl und Selbstwahrnehmung aus, führt uns die Bedeutung und den Sinn des Lebens vor Augen, stärkt die soziale Integration und auch die sozialen Beziehungen.

Geniessen

Geniessen bedeutet Genuss zu schaffen, zu intensivieren und auszudehnen. Das kann sich auf die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft beziehen. Wir können die Vergangenheit genießen, indem wir an die gute alte Zeit denken (z.B. unsere erste Liebe, das Ferienlager oder den Schulabschluss). Wir können die Gegenwart genießen, wenn wir voll und ganz in ein gutes Gespräch, ein gutes Buch, ein Lied oder ein Projekt bei der Arbeit eintauchen. Die Zukunft kann man genießen, indem man sich auf schöne Ereignisse freut (z.B. den Abschluss eines Projektes, ein bevorstehender Urlaub oder die Rente). Beim Geniessen geht es also nicht nur um das Hier und Jetzt, sonders auch darum, die Freuden der Vergangenheit und der Zukunft in die Gegenwart zu transportieren. Studien haben gezeigt, dass die Fähigkeit die positiven Ereignisse des Lebens zu genießen eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein glückliches Leben ist.

Flow (Schaffens- oder Tätigkeitsrausch)

“Flow” bedeutet, völlig von der Tätigkeit eingenommen zu werden, der wir gerade nachgehen (z.B. malen, lesen, tischlern, unterhalten, angeln, im Internet surfen oder ein Projekt bei der Arbeit) und zwar so, dass wir jegliches Zeitgefühl verlieren. Nichts anderes scheint mehr wichtig zu sein und wir vergessen sogar auf die Toilette zu gehen, zu essen und zu schlafen. „Flow“ ist ein Zustand intensiver Vereinnahmung von und Auseinandersetzung mit dem, was wir gerade tun. Wenn wir von einer Herausforderung überwältigt werden, die unsere Fähigkeiten übersteigt, werden wir ängstlich und frustriert – ist die Herausforderung zu gering langweilen wir uns. „Flow“ beschreibt genau das richtige Gleichgewicht zwischen unseren Fähigkeiten und den Herausforderungen. Studien haben gezeigt, dass solche „Flow“-Erlebnisse intensive Glücksgefühle hervorrufen und langfristig zu mehr Selbstgefühl, Kontrolle, Auseinandersetzung mit und Bedeutung des Lebens, sowie mehr Glück führen. „Flow“-Zustände bereichern uns innerlich, wir wollen sie voll auskosten. Um aber einen solchen Zustand zu erreichen, müssen wir ständig nach größeren Herausforderungen suchen. Daher streben wir ständig nach derartigen Herausforderungen. Wir lernen und wachsen, wir werden zunehmend kompetenter und erfolgreicher in dem, was wir tun.

Ziele

Menschen, die nach etwas streben, was ihnen persönlich am Herzen liegt (z.B. das Erlernen einer Fremdsprache, einer neuen Sportart oder handwerklichen Tätigkeit, eine berufliche Veränderung, ein Haustier oder freiwillige Mithilfe in der Kirche) sind weitaus glücklicher als Menschen, die keine großen Träume oder Ziele im Leben haben. Hart auf ein Ziel hinzuarbeiten und so einer sinnvollen und fordernden Tätigkeit nachzugehen ist ebenso wichtig für langfristiges Glück, wie die Erreichung des Zieles selbst. Der Weg zum Ziel gibt unserem Leben einen Sinn und gibt uns das Gefühl, unser Leben in der Hand zu haben. Dies vermittelt uns ein Gefühl von Erfolg und stärkt unser Selbstwertgefühl. Wenn wir in Krisenzeiten Ziele vor Augen haben, hilft uns das die Probleme besser zu meistern.

Vergebung

Vergebung impliziert die Minderung oder Unterdrückung der eigenen Abneigung und Rachegefühle (dies geht häufig einher mit Wut, Enttäuschung und Feindseligkeit). Stattdessen werden diese Gefühle durch positivere oder wohlwollendere Empfindungen, Einstellungen und Verhaltensweisen ersetzt. Vergebung bedeutet NICHT etwas stillschweigend zu dulden, Versöhnung, Rechtfertigung, das Suchen nach Entschuldigungen, Begnadigung, und dass man einfach weitermacht, als wäre nichts passiert und dabei Fehltritte übergeht und vergisst. Wir haben einem Menschen dann vergeben, wenn wir umdenken, wenn wir der betreffenden Person weniger Böses und wieder mehr Gutes wünschen. Vergeben ist eine Geste von unschätzbarem Wert. Es ist ein Zeichen von Mitgefühl, Liebe und Fürsorge. Wir vergeben jedoch nur um unserer selbst willen, nicht für andere. Viktor Frankl, ein Psychologe und Opfer des Holocaust, schrieb 1959:

„Wir dürfen nie vergessen, dass wir auch eine Bedeutung in unserem Leben finden, wenn wir mit einem Schicksal konfrontiert werden, das wir nicht ändern können. Dann gilt es, aus unserer misslichen Lage einen menschlichen Erfolg zu machen. Wenn wir die Situation nicht ändern können, müssen wir uns der Herausforderung stellen, uns selbst zu ändern.“

Warum sollten wir vergeben? Die Forschung hat gezeigt, dass Menschen die vergeben in besserer körperlicher Verfassung sind. Dies betrifft das Herz, den Blutdruck und das Immunsystem. Diese Menschen sind weniger angespannt und schlafen besser. Menschen die vergeben sind weniger gestresst, grübeln weniger nach und sind weniger auf Rache aus. Sie verspüren weniger Hass, Feindseligkeit und Wut und sind seltener neurotisch, depressiv und ängstlich. Sie sind seltener erschöpft und führen ein zufriedeneres Leben.

Spiritualität

Spiritualität ist die Suche nach dem Sinn des Lebens durch etwas, das größer ist als man selbst. Dabei geht es nicht nur darum, gewöhnliche Dinge auf Erden zu weihen, sondern auch darum, etwas für die Seele zu tun. Studien haben gezeigt, dass spirituelle Menschen glücklicher und gesünder sind, sich nach einem Trauma schneller erholen und länger leben. Spiritualität ist eine kraftvolle Quelle des Selbstwertgefühls, des Gefühls bedingungsloser Wertschätzung, ebenso wie von Liebe und Fürsorge. Spiritualität impliziert auch das Gefühl von Sicherheit, Hoffnung und Optimismus. Sie gibt Erklärungen und spendet Trost und emotionale Unterstützung. Durch sie gewinnt das Leben an Bedeutung und erhält einen Sinn. Sie hilft und auch dabei zu vergeben und gibt uns die Möglichkeit, dauerhaft als Mensch zu wachsen.

Bewegung und Meditation

Studien haben bewiesen, dass Bewegung nicht nur förderlich ist für die Gesundheit, sondern auch unser Selbstwertgefühl steigert, uns das Leben besser meistern lässt und uns mehr Energie gibt. Bewegung führt auch zu mehr Enthusiasmus und Lebenskraft. Bei der Meditation geht es darum, die Aufmerksamkeit zu bündeln. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen, die meditieren, gesünder sind, seltener an Depressionen leiden, weniger ängstlich sind und weniger Schmerz verspüren. Gleichzeitig sind sie gelassener, friedlicher und ruhiger. Sowohl Bewegung als auch Meditation wecken positive Gefühle in uns – dadurch fühlen wir uns nicht nur stärker, sondern werden auch von unseren Sorgen, Stress und Ängsten abgelenkt.

Diese persönlichen Stärken und Ressourcen können durch Therapien und einfache Übungen gefördert werden. Allgemeine Bevölkerungsstudien zeigen, dass diese Therapien das Wohlbefinden nachhaltig verbessern und Symptome von Depressionen mindern. Eine aktuelle Pilotstudie hat gezeigt, dass Therapien, die auf persönlichen Stärken und Ressourcen basieren, nicht nur zu mehr Glück und weniger Depressionen führen, sondern auch den Schmerz bei Menschen mit Behinderung mindern.

Literaturhinweise (Deutsch):

  • Seligman, M.E.P. (2011): Flourish – Wie Menschen aufblühen: Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens (Stephan Schuhmacher, Trans.). München: Kösel-Verlag.
  • Lyubomirsky, S. (2008): Glücklich sein: Warum Sie es in der Hand haben, zufrieden zu leben (Jürgen Neubauer, Trans.). Frankfurt: Campus Verlag.

Literaturhinweise (Englisch):

  • Peterson, C. & Seligman, M.E.P. (2004): Character strengths and virtues: A handbook and classification. New York: Oxford University Press and Washington, DC: American Psychological Association.

Referenzen:

  • American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). Arlington, VA: American Psychiatric Publishing.
  • Peterson, C. & Seligman, M.E.P. (2004): Character strengths and virtues: A handbook and classification. New York: Oxford University Press and Washington, DC: American Psychological Association.
  • Sin, N.L. & Lyubomirsky, S. (2009): Enhancing well-being and alleviating depressive symptoms with positive psychology interventions: a practice-friendly meta-analysis. Journal of Clinical Psychology 65(5), 467-87.

aktualisiert: Dezember 2013