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Veränderungen der Sexualfunktion und Behandlungsmöglichkeiten bei Frauen mit Querschnittlähmung

Lubrikation (Befeuchtung der Scheide)
Als Lubrikation wird der Austritt von Gleitflüssigkeit in der Scheide bezeichnet, die bei sexueller Erregung aus Drüsen abgesondert wird. Sie tritt während der Haupterregungsphase auf und erleichtert das Eindringen des Penis.
Bei einer querschnittgelähmten Frau können die körperlichen Zeichen der sexuellen Erregung je nach Lähmungshöhe vermindert auftreten oder ganz fehlen. Dies bedeutet aber nicht, dass sie keine Lust empfindet.

Psychogene Lubrikation
Anziehungskraft und Ausstrahlung eines Partners sind wirksame psychische Reize, die zu einer Lubrikation führen können. Gerüche, optische und akustische Reize wie auch eigene Fantasien, Erwartungen und sexuelle Wünsche können ebenfalls eine psychogene Lubrikation auslösen.
Die Bewertung dieser Stimulationen erfolgt im Gehirn. Von dort aus werden die Informationen über Nervenfasern ins Rückenmark und schliesslich zur Scheide geleitet; es kommt zur Lubrikation.
Bei Frauen mit einer Querschnittlähmung kann prinzipiell eine psychogene Befeuchtung auftreten, wenn die Lähmungshöhe unterhalb Th11 liegt, bei einer kompletten Lähmung oberhalb Th11 eher nicht.

Reflexogene Lubrikation

Reflexogene Lubrikationen entstehen durch direktes Stimulieren im Genitalbereich. Die Reize werden ins Reflexzentrum im Rückenmark weitergeleitet und verarbeitet. Von dort aus gelangen sie durch Nervenfasern wieder zur Vagina und leiten die Befeuchtung ein.
Eine Reflexlubrikation ist nur bei einer Querschnittlähmung oberhalb des Reflexzentrums (S2-5) möglich. Frauen mit kompletter, tiefer Querschnittlähmung haben keine Reflexlubrikation. Es gibt jedoch zahlreiche Ausnahmen, so dass immer geltende Aussagen schwer zu treffen sind.

Hilfsmittel
Wenn die Scheide zu wenig feucht wird, erleichtert ein Gleitmittel das Einführen des Gliedes oder von Sex-Hilfsmitteln in die Vagina. Dazu können Öle, Vaseline oder Gleitmittel auf Wasser- oder Silikonbasis verwendet werden. Bei gleichzeitiger Verwendung von Kondomen sollten keine fetthaltigen Gleitmittel verwendet werden, da sie mikroskopisch kleine Risse im Latex-Kondom verursachen können. Somit scheiden Öle und Vaseline für Safer Sex aus. Gleitcremes sind in Apotheken, Drogerien, Supermärkten und Erotik-Shops erhältlich.

Orgasmus
Der Orgasmus kann je nach Lähmungshöhe weiterhin auftreten oder ausbleiben. Querschnittgelähmte Frauen spüren die physische Erregung in den Genitalien und im Beckenbereich nicht mehr so intensiv wie vor Eintritt der Lähmung. Der Orgasmus wird entweder verändert wahrgenommen, beispielsweise durch ein Wohl- oder Wärmegefühl im Becken, überhaupt nicht empfunden oder als unangenehm wahrgenommen, beispielsweise durch das Auftreten einer Bein- und Bauchspastik oder einer autonomen Dysreflexie. Ausserdem vergeht mehr Zeit bis der Orgasmus erreicht wird als vor Eintritt der Lähmung.

„Frauen berichten von einem Orgasmus, den sie als 'Para-Orgasmus' beschreiben. Dies bedeutet, dass der Orgasmus, den sie erleben, sich von dem genitalen Orgasmus unterscheidet und eine ganz eigene Qualität hat. Es kann eine Kombination aus körperlichen Empfindungen, emotionaler Reaktion, Erinnerungen, Fantasien und visuellen und/oder auditiven Stimulationen sein und somit mehr eine ganzheitliche Körpererfahrung als eine nur auf den Genitalbereich bezogene sein“ (Ducharme & Gill, 2006).

Fruchtbarkeit
Kurz nach dem Eintreten einer traumatisch bedingten Querschnittlähmung kann die Menstruation ausfallen, sie setzt aber nach zwei bis zwölf Monaten wieder ein. Eine Empfängnis ist bei einer querschnittgelähmten Frau problemlos möglich, da die notwendigen Funktionen nicht über das Rückenmark gesteuert werden: Die Eizellen sind bereits bei der Geburt der Frau im Eierstock angelegt, die Eireifung und der Eisprung sind hormonell gesteuert und der Transport der Eizelle durch die Eileiter in die Gebärmutter wird durch unwillkürliche Muskelbewegungen des Eileiters und durch die Bewegung der Flimmerhärchen gewährleistet.

Verhütungsmittel
Trotz anfänglichem Ausbleiben der Menstruation ist die Frau nach Eintritt einer Querschnittlähmung nicht unbedingt vor einer Schwangerschaft geschützt. Daher sollte verhütet werden. Grundsätzlich sind alle gängigen Verhütungsmethoden bei Frauen mit Querschnittlähmung möglich. Da die unterschiedlichen Möglichkeiten Vor- und Nachteile haben, ist es wichtig, die Wahl mit der Gynäkologin zu besprechen: Hormonelle Antikonzeption mit Östrogenen (Pille) erhöht das Thromboserisiko. Temperaturmessungen sind eventuell zu ungenau, da die Temperatur durch wiederkehrende Infekte oder durch die Temperaturregulationsstörungen bei einer Tetraplegie verändert sein kann.

Mirena
Empfohlen wird die Hormonspirale Mirena, welche ihre Wirkung lokal in der Gebärmutter entfaltet und eine langanhaltende, sehr sichere Schwangerschaftsverhütung gewährleistet. Ein elastischer Kunststoffzylinder, der direkt in die Gebärmutterhöhle eingelegt wird, enthält ein Hormon, das seit Jahren in vielen empfängnisverhütenden Pillen verwendet wird. Damit ist eine langsame und gleichmässige Freisetzung des Hormons direkt in die Gebärmutter gewährleistet, wo es seine Wirkung entfaltet. Die Hormonbelastung des restlichen Körpers ist dadurch sehr gering (ca. 20 Mal geringer als unter einer Mikropille), entsprechend finden sich weit weniger Nebenwirkungen als bei der Pille.

Hormonspirale Mirena
Hormonspirale Mirena

Wie wirkt Mirena?

Hormonspirale Mirena in der Gebärmutter (Quelle: Bayer HealthCare)
Hormonspirale Mirena in der Gebärmutter (Quelle: Bayer HealthCare)
  1. Durch die Hormoneinwirkung verdickt sich der Schleimpfropf im Gebärmutterhals. Die Spermien können somit nicht mehr in die Gebärmutter vordringen.
  2. Die Spermienbeweglichkeit wird gehemmt.
  3. Das Hormon vermindert das monatliche Wachstum der Gebärmutterschleimhaut. Damit kann sich eine Eizelle nicht mehr einnisten und die Monatsblutungen verringern sich auf natürliche Weise.

Das Wegfallen der Monatsblutung hat zur Folge, dass keine Tampons oder Binden mehr gewechselt werden müssen.


Schwangerschaft
Frauen mit einer Querschnittlähmung können eine ganz normale Schwangerschaft haben; einige Dinge müssen jedoch beachtet bzw. durchgeführt werden:

  • frühestmögliche Kooperation zwischen Gynäkologen, Paraplegiologen und Hebamme.
  • Abklärung der Medikamente auf mögliche Schädigung des Embryos.
  • Physiotherapie, Hochlagern der Beine, Stützstrümpfe oder Medikamente zur Thromboseprophylaxe.
  • Anleitung der Schwangeren zum Selbstabtasten des Bauches, um die Wehentätigkeit zu kontrollieren (Bauch wird hart, Uterus wölbt sich nach vorne). Bei fehlender Sensibilität muss die Frau wissen, welche Zeichen sie als mögliche Wehentätigkeit interpretieren kann. Die meisten Frauen kennen ihren Körper sehr genau und wissen, welche Ersatzsymptome für Schmerzen auftreten wie beispielsweise Spastik, Druckgefühl, Kopfschmerzen, Gänsehaut oder Schwitzen.
  • Anpassen der Hilfsmittel, z.B. Verbreiterung des Rollstuhls, Anpassung des Sitzkissens zur Dekubitusprophylaxe wegen Gewichtszunahme, unterfahrbares Kinderbett.
  • Auf Symptome der autonomen Dysreflexie achten: Je näher der Geburtstermin rückt, desto höher ist die Gefahr ihres Auftretens.
  • Anpassen des Geburtstermins: Frauen mit Querschnittlähmung gebären in der Regel vor dem errechneten Termin. Tetraplegikerinnen entbinden erfahrungsgemäss 24 Tage früher, bei Paraplegikerinnen ist der Entbindungszeitpunkt durchschnittlich fünf bis sechs Tage vorverlegt. Dies stellt für das Kind normalerweise kein Problem dar. Für die Mutter bringt dies den Vorteil, dass die letzten und beschwerlichsten Schwangerschaftswochen wegfallen.


Geburt

Die Entbindung kann grundsätzlich auch ohne die Möglichkeit der Mutter, aktiv mitzupressen, spontan und unkompliziert verlaufen. Der Uterus besitzt nämlich ein selbständiges Reizleitungssystem, das die Geburt entscheidend beeinflusst. Durch die meist vollständige Entspannung der Bauch- und Beckenbodenmuskulatur wird der Geburtsvorgang erleichtert. Bei verzögerter Austreibungsphase ist die vaginale, instrumentelle Entbindung ratsam (Zangengeburt, Saugglocke). Die Indikation zum Kaiserschnitt unterscheidet sich nicht von der bei Frauen ohne Rückenmarksverletzung.

Schwieriger verhält es sich bei hoch gelähmten Para- und Tetraplegikerinnen mit autonomen Dysreflexien. Diese können sich in Kopfschmerzen, Schweissausbrüchen, Pulsverlangsamung und Beeinträchtigung der Nasenatmung durch Schleimhautschwellung äussern. Auf Grund dieser möglichen Komplikationen sollte die Geburt bei Frauen mit einer Lähmung auf der Höhe Th6 oder oberhalb unter Regionalanästhesie erfolgen.


Schwangerschaftsabbruch
Ein medikamentöser wie auch ein operativer Abbruch durch Absaugen (Aspiration) oder Ausschaben (Curettage) sind möglich. Dies sollte auch bei einer Frau mit sensibel kompletter Lähmung zur Vermeidung einer autonomen Dysreflexie unter Anästhesie durchgeführt werden.


Vorsorgeuntersuchungen
Die jährliche Vorsorgeuntersuchung gehört auch bei einer Frau mit Querschnittlähmung zur Gesundheitsvorsorge. Allerdings gibt es wenige gynäkologische Praxen, die über die nötige Infrastruktur und ausgebildetes Hilfspersonal verfügen, das beim An- und Ausziehen sowie beim Transfer angemessen helfen kann und darüber hinaus über Wissen zu spastischen Reaktionen und Gelenkseinschränkungen in den Hüften verfügt. Ausserdem kann es während der vaginalen Untersuchung zu einer autonomen Dysreflexie kommen. Der Gynäkologe sollte zeitig über die möglichen Komplikationen informiert werden.

Referenz:

  • Ducharme, S.H. & Gill, K.M. (2006): Sexualität bei Querschnittlähmung. Antworten auf Ihre Fragen. Bern: Verlag Hans Huber.

Zur Autorin:

  • Therese Kämpfer ist Verantwortliche Patientenbildung in der Abteilung Pflegeentwicklung und Bildung am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil/Schweiz, wo sie seit 1999 arbeitet. Sie ist Mitautorin der Standardwerke zu Querschnittlähmung "Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung" (Hrsg. Ute Haas) und "Paraplegie. Ganzheitliche Rehabilitation" (Hrsg. Guido A. Zäch & Hans Georg Koch).

 

aktualisiert: Dezember 2013