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Gesundheit & Sexualität

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Eine Rückenmarksverletzung hat gravierende Folgen für die betroffenen Personen. Bestimmte Bewegungen können nicht mehr kontrolliert werden, man ist eingeschränkt im Alltag, verliert seine Unabhängigkeit und kann an bestimmten gesellschaftlichen Aktivitäten nicht mehr teilnehmen. Dies alles geht einher mit einer Unsicherheit bezüglich der Zukunft und auch die eigene Rolle und die persönlichen Erwartungen an einen selbst verändern sich. Das sind nur einige Beispiele für die enormen Herausforderungen, denen Menschen mit Querschnittlähmung gegenüberstehen. All diese Herausforderungen lassen vermuten, dass das Wohlbefinden eines querschnittgelähmten Menschen ab Eintreten der Rückenmarksverletzung sehr stark beeinträchtigt wird. Und tatsächlich ist das Wohlbefinden von Menschen mit Rückenmarksverletzung geringer im Vergleich mit gesunden Menschen. Neueste Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass es Menschen mit Querschnittlähmung mehrheitlich gut geht. Viele von ihnen geben immer wieder an, dass es ihnen auch nach Eintritt der Behinderung gut geht. Anderen geht es kurz nach der Rückenmarksverletzung nicht gut, sie erholen sich aber im Lauf der Zeit. Einige Betroffene leiden Jahre lang nach Eintreten der Behinderung und geben an, dass es ihnen dauerhaft schlecht geht. Diese Gruppe stellt jedoch nur einen sehr kleinen Teil der betroffenen Personen dar. Wieso gibt es derartige Unterschiede und welche Faktoren verursachen sie? Dies sind Fragen, die für viele von Bedeutung sind: Wenn man die Faktoren identifizieren kann, die das Wohlbefinden eines Menschen beeinflussen, könnte dies ein erster Schritt sein zu einer gezielten Unterstützung und Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Rückenmarksverletzung. Frühere Forschungsstudien lieferten zahlreiche Ergebnisse, die einen Perspektivenwechsel bewirkten. Zunächst ging man davon aus, dass alle Menschen mit Rückenmarksverletzung auf die gleiche Art und Weise lernen, mit der Querschnittslähmung zu leben. Es wurde angenommen, dass alle Betroffenen dieselben Phasen durchlaufen: Nach der Verletzung folgt der erste Schock, danach die Phase des Leugnens der Verletzung begleitet von einer Phase der Wut. Im Anschluss daran folgt die Phase des „Feilschens und Handelns“ mit sich selbst und letztendlich die Phase, in der man sich mit der neuen Lebenssituation abfindet. Empirische Studien haben diese Annahme allerdings nicht bestätigt. Jeder Mensch reagiert anders und lernt individuell mit der Behinderung zu leben. Das Wohlbefinden nach einer Rückenmarksverletzung hängt von vielen Faktoren ab. Hier gilt es zu betonen, dass die Läsionshöhe, die Schwere der Verletzung und die körperliche Beeinträchtigung keine konkreten Rückschlüsse auf das Wohlbefinden von querschnittsgelähmten Menschen zulassen. Das Wohlbefinden von Tetraplegikern ist nicht zwangsläufig geringer als das von Paraplegikern. Mentale Ressourcen und Stärken und die Art und Weise, wie die Betroffenen die Lähmung annehmen und mit ihr umgehen, scheinen wesentlich wichtiger für das persönliche Wohlbefinden zu sein. Wichtige Faktoren im Bereich der persönlichen Ressourcen sind beispielsweise eine hohe Selbstwirksamkeit (Überzeugung bzw. Glaube daran, dass man es schafft sich so zu verhalten, dass das vorgegebene Ziel erreicht werden kann) der Lebensinhalt (inwiefern eine Person Ziele im Leben hat), Selbstachtung oder eine optimistische und hoffnungsvolle Einstellung gegenüber der Zukunft. Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass ein hohes Mass an Selbstwirksamkeit mit einem hohen Mass an Wohlbefinden einhergeht. Auch die Art und Weise, wie die betroffene Person ihre Verletzung selbst beurteilt, kann zum Wohlbefinden beitragen. Während bei manchen Menschen eine negative Einstellung gegenüber der eigenen Behinderung überwiegt, erfahren andere vielleicht Unterstützung und positive Veränderungen nach der Rückenmarksverletzung – beides ist möglich. In einer neueren Studie wurde nachgewiesen, dass Betroffene, die ihre Behinderung als Bedrohung ansehen, ein geringeres Mass an Wohlbefinden aufweisen. Menschen, welche die neue Lebenssituation als Herausforderung ansehen, berichten ein höheres Mass an Wohlbefinden. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, wie die betroffene Person mit der Rückenmarksverletzung umgeht, d.h. wie sehr sie sich bemüht, die neuen Herausforderungen in Bezug auf die Lähmung zu meistern. Häufig werden drei Arten des Umgangs mit der Querschnittslähmung unterschieden: der problemorientierte Umgang, der emotionsorientierte Umgang und der meidende Umgang. Der problemorientierte Umgang zeichnet sich dadurch aus, dass die Betroffenen selbst planen und aktiv versuchen, eine schwierige Situation zu meistern. Beim emotionsorientierten Umgang steht die Handhabung der eigenen Emotionen im Vordergrund, die durch die Rückenmarksverletzung hervorgerufen werden. Der meidende Umgang ist dadurch gekennzeichnet, dass Betroffene die aktuelle Situation leugnen bzw. versuchen nicht daran zu denken. Der problemorientierte Ansatz, der die aktive Planung beinhaltet, ist die Strategie mit dem höheren Mass an Wohlbefinden. Der meidende Ansatz zeichnet sich durch geringeres Wohlbefinden aus. Jedoch gilt es zu betonen, dass die empirischen Ergebnisse bezüglich des Umgangs mit und Beurteilung der eigenen Behinderung diverse Widersprüche aufweisen. Die psychischen Ressourcen, die Beurteilung der eigenen Situation und der Umgang mit der Behinderung können durch kognitive Verhaltenstherapie oder andere spezielle Programme beeinflusst und gestärkt werden. Es gibt jedoch grosse Unterschiede bezüglich des Nachweises der Wirksamkeit dieser Programme. Der Einfluss der kognitiven Verhaltenstherapie ist beispielsweise sehr gross. Andere Programme, wie etwa Übungen nach dem Prinzip der Positiven Psychologie, werden derzeit noch untersucht – die Wirksamkeit konnte daher bisher noch nicht bestätigt werden. Referenzen: Bonanno, G.A., Kennedy, P., Galatzer-Levy, I.R., Lude, P., Elfström, M.L. (2012): Trajectories of Resilience, Depression, and Anxiety Following Spinal Cord Injury. Rehabilitation Psychology 57(3), 236-47. Eisenhut, J.: Funktionales Verhaltensmuster „Bewältigungsverhalten und Stresstoleranz“ – Verarbeitungsprozess. In: Haas, U. (Hrsg.) (2012): Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung – Probleme, Bedürfnisse, Ressourcen und Interventionen. Bern: Verlag Hans Huber, 339-66. Peter, C., Müller, R., Cieza, A., Geyh, S. (2012): Psychological resources in spinal cord injury: a systematic literature review. Spinal Cord 50(3), 188-201. Post, M.W.M., van Leeuwen, C.M.C. (2012): Psychosocial issues in spinal cord injury: a review. Spinal Cord 50(5), 382-9. aktualisiert: Dezember 2013
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„Erdbeerjoghurt“ steht auf der Einkaufsliste von Anna*. Beim Gestell der Milchprodukte bemerkt sie, dass sie vom Rollstuhl aus den Joghurt nicht greifen kann. Viele gestresste Menschen rennen im Feierabendgedränge durch den Laden, sie traut sich nicht, um Hilfe zu fragen. Daniel* ist gerade dabei, seinen Rollstuhl in sein Auto zu verstauen, als ein Arbeitskollege kommt und ihm den Rollstuhl in den Kofferraum verladen helfen will. Daniel ist verärgert über die ungewollte Hilfe, macht seinem Ärger Luft, bis der Arbeitskollege kopfschüttelnd davon zieht. Es ist eine anstrengende Zeit für Nadine*, sie muss wegen ihrer Druckstelle in die Klinik, ihr Chef hat sie auf Fehler bei der Arbeit hingewiesen und sie hatte Streit mit ihrem Freund. Sie besucht ihre Schwester und erzählt ihr, wie schwierig alles ist und wie schlecht sie sich fühlt. Ihre Schwester nimmt sie in die Arme, tröstet sie und redet ihr gut zu. Wie die drei Beispiele zeigen, ist die richtige Unterstützung durch Mitmenschen wichtig, nicht nur für Rollstuhlfahrer. Die Literatur zeigt, dass Personen, die über ein unterstützendes soziales Netzwerk verfügen, physisch und psychisch gesünder sind und eine höhere Lebensqualität angeben. Erste Datenauswertungen der Schweizer Studie für Personen mit Rückenmarksverletzungen (Swiss Spinal Cord Injury Study, SwiSCI) zeigen, welche Rolle die soziale Unterstützung spielt und wie soziale Kompetenzen das Leben von Personen mit einer Rückenmarksverletzung beeinflussen. Was sind soziale Kompetenzen? „Wie wir miteinander umgehen“ ist eine einfache Umschreibung von sozialen Kompetenzen. Die Psychologie definiert soziale Kompetenzen als die Fähigkeit, mit anderen Menschen angemessen, aber auch effektiv zu interagieren. Das bedeutet, eigene Ziele zu erreichen, dabei aber Werte und Normen anderer zu respektieren. Soziale Kompetenzen umfassen einfache „Werkzeuge“ der Kommunikation wie verbale (z.B. Lautstärke oder Tonlage beim Sprechen) und non-verbale Aspekte (z.B. Blickkontakt, Körperhaltung), aber auch komplexere Strategien wie Selbstbehauptung, Zielorientiertheit und Probleme lösen. Genauer beinhalten soziale Kompetenzen das „Verpacken“ (Expressivität), das „Entschlüsseln“ (Sensitivität) von Informationen und die Selbstregulierung (Kontrolle) in sozialen Situationen. Expressivität bedeutet, seine Gefühle und Bedürfnisse dem Gegenüber verständlich mitzuteilen, aber auch Kontakte zu knüpfen und andere in Gespräche miteinzubeziehen. Sensitivität heisst, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und ihre Gefühle und Gedankengänge nachempfinden zu können (Empathie). Kontrolle bezieht sich auf die Regulation eigener Emotionen wie Wut, Trauer oder Begeisterung, aber auch auf das soziale „Taktgefühl“. Die Forschung zeigt, dass Defizite in sozialen Kompetenzen mit zahlreichen psychischen Krankheiten wie zum Beispiel Depression, Angststörung oder Alkohol- und Drogenmissbrauch zusammenhängen. Im Bereich körperliche Behinderung gibt es bis jetzt wenig Studien, und es ist unklar, welche Rolle soziale Kompetenzen bei Personen mit einer Rückenmarksverletzung spielen. Was bedeutet soziale Unterstützung? Hilfe beim Einkaufen, gute Ratschläge von Freunden oder von seiner Schwester getröstet werden sind Beispiele von sozialer Unterstützung. Es können also verschiedene Arten sozialer Unterstützung (instrumentell, informationell, emotional) von verschiedenen Quellen (z.B. Familie, Freunde, Nachbarn) und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet (z.B. Quantität und Qualität) unterschieden werden.   Soziale Unterstützung wirkt wie ein „Puffer“, der die Menschen vor dem negativen Einfluss von Stress schützt. Die Forschung im Bereich Rückenmarksverletzung zeigt, dass soziale Unterstützung wichtig ist, um den Belastungen entgegenzuwirken. Personen, die zufrieden sind mit ihrer sozialen Unterstützung, sind physisch und psychisch gesünder, berichten über weniger Schmerzen, können besser mit belastenden Lebenssituationen umgehen und geben eine höhere Lebenszufriedenheit an. Die Untersuchung zu psychologischen Themen innerhalb von SwiSCI Die ganzheitlich angelegte SwiSCI Studie ist die bisher grösste Befragung für Personen mit einer Rückenmarksverletzung in der Schweizer Bevölkerung. In der hier beschriebenen Studie wurden die Teilnehmer gebeten, verschiedene Fragebögen auszufüllen. Um soziale Kompetenzen zu messen, mussten die Teilnehmer beurteilen, wie sehr bestimmte Aussagen auf sie zutreffen. Beispiele sind „Gewöhnlich ergreife ich die Initiative, um mich Fremden vorzustellen“, „Ich kann sehr gut nach aussen ruhig wirken, auch wenn ich verärgert bin“ oder „Ich scheine immer zu wissen, was die wahren Gefühle anderer sind“. Um soziale Unterstützung zu messen, mussten die Teilnehmer bei Fragen wie z.B. „Wer kümmert sich wirklich um Sie, egal was Ihnen geschieht?“ Personen auflisten, auf deren Hilfe oder Unterstützung sie zählen können, und angeben, wie zufrieden sie mit dieser Unterstützung sind. Zusätzlich wurden anhand der Fragebögen eine mögliche depressive Erkrankung oder Einschränkung in verschiedenen Lebensbereichen und die Höhe der Lebensqualität erfasst. Resultate Daten von 503 Personen mit einer Rückenmarksverletzung wurden analysiert. Die Befragten waren zu drei Vierteln Männer, hatten ein Durchschnittsalter von 55 und lebten im Schnitt seit 20 Jahren mit ihrer Rückenmarksverletzung. Die Resultate zeigen, dass soziale Kompetenzen eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit und Lebensqualität einnehmen. Sie helfen jedoch nicht, Einschränkung im Alltagsleben zu vermindern. Genauer zeigt die Studie, dass Personen mit einer hohen Expressivität und Kontrolle über mehr soziale Unterstützung berichten, weniger depressive Erkrankungen zeigen und eine höhere Lebensqualität angeben. Das heisst, die Personen, die ihren Mitmenschen auf eine angemessene Art mitteilen können, wie sie sich fühlen und was sie brauchen, bekommen mehr Unterstützung, sind psychisch gesünder und haben eine höhere Lebensqualität. Die Sensitivität hingegen wirkt sich eher negativ auf die Lebensqualität aus. Personen mit einer hohen Sensitivität scheinen durch ihre Empathie auch negative Gefühle und Gedankengänge anderer vermehrt wahrzunehmen, was sich wiederum negativ auf die Person selbst auswirkt. Überraschend ist, dass die soziale Unterstützung nur bei Einschränkungen im Alltagsleben zu helfen scheint, wenig zur Lebensqualität beiträgt und keinen Zusammenhang zu Depression zeigt. Mögliche Umsetzung der Resultate Eine Rückenmarksverletzung bringt massive Veränderungen ins Leben einer betroffenen Person, auch im Umgang mit anderen Menschen. Diese Studie zeigt, dass die soziale Kompetenz eine wichtige Stärke einer Person ist, da sie mit mehr sozialer Unterstützung, besserer psychischer Gesundheit und höherer Lebensqualität zusammenhängt. Soziale Kompetenztrainings können während der Erstrehabilitation helfen, die betroffenen Personen auf ein Leben im Rollstuhl vorzubereiten. Auch in ambulanten Psychotherapien werden soziale Kompetenztrainings angeboten. Situationen wie die anfangs beschriebenen können in diesen Trainings genauer betrachtet werden. Das Kernstück eines Trainings ist meist das Erlernen von flexiblem Verhalten und das Verhindern von Hilflosigkeit in verschiedenen sozialen Situationen, die sich durch die Rollstuhlabhängigkeit verändert haben. Soziale Kompetenzen wie Expressivität, Sensitivität und Kontrolle werden geübt. Somit wird auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, mit der neuen Situation fertig zu werden, gestärkt und Selbstabwertung und Rückzug werden verhindert. Fazit Sagen, wie's einem geht, wie man sich fühlt, was man braucht, Freundschaften knüpfen und pflegen und sozial aktiv sein scheint wichtiger zu sein als die direkte Unterstützung von anderen Personen. * fiktive Namen Referenz: Paracontact 2/2013, Schweizer Paraplegiker-Vereinigung aktualisiert: Dezember 2013
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Man kann einen Menschen auf verschiedene Art und Weise beschreiben. In der Psychologie gibt es verschiedene Modelle, Theorien und Klassifizierungen. Ein Beispiel dafür ist das „Big Five“ bzw. „Fünf-Faktoren-Modell“, mit dem sich die Persönlichkeit einer Person beschreiben lässt. Dabei wird analysiert wie offen (neugierig, kreativ und abenteuerlustig), wie gewissenhaft (diszipliniert und pflichtbewusst), wie verträglich (freundlich, großzügig und hilfsbereit), wie extrovertiert (kontaktfreudig, enthusiastisch, handlungsorientiert) und wie neurotisch (emotional und anfällig für Stress) eine Person ist. Einige Klassifizierungssysteme wurden entwickelt, um die Schwächen einer Person zu erfassen - hierzu zählen Depression, Angst oder auch Zerrissenheit und Impulsivität. Ziel ist es dabei, Unterstützung und eine angemessene Behandlung für die betroffene Person zu gewährleisten (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen (DSM-5)). Andere Klassifizierungssysteme dienen dazu, die persönlichen Stärken und Ressourcen einer Person aufzuzeigen, wie etwa Optimismus, Freundlichkeit oder Dankbarkeit. So kann man die Personen auf ihrem Weg hin zu mehr Wohlbefinden und Glück unterstützen (Values in Action Classification of Character Strengths (VIA)). Das Leben mit einer körperlichen Beeinträchtigung, wie etwa einer Rückenmarksverletzung, stellt die betroffene Person vor zahlreiche Herausforderungen – alle Facetten der jeweiligen Person müssen berücksichtigt werden. Die Psychologen der Schweizer Paraplegiker-Forschung (SPF) wollen daher „auf den Stärken aufbauen“ und nicht etwa „die Schwächen beseitigen“. Bei ihrem wissenschaftlichen Ansatz stehen die persönlichen Stärken und Ressourcen der betroffenen Person im Vordergrund. Die Forschungsbestrebungen konzentrieren sich daher darauf, den Menschen mit Behinderungen und ihren Familien hilfreiche Informationen zur Verfügung zu stellen und ihnen zu zeigen, wie sie besser mit ihrer Verletzung und deren Folgen umgehen können. Dieser Artikel bietet dem Leser eine Einführung in die massgebendsten Stärken und Ressourcen einer Person. Massgebend deswegen, weil zahlreiche Studien bestätigt haben, dass diese Stärken und Ressourcen einer Person sehr eng verknüpft sind mit deren Wohlbefinden und Glück. Der folgende Abschnitt gibt einen Überblick über diese Stärken und beschreibt, was sie bedeuten und beinhalten. Ebenso wird die Bedeutung nach dem aktuellem Stand der Wissenschaft geschildert. Dankbarkeit Dankbarkeit ist Ausdruck von Erstaunen, Verbundenheit und Wertschätzung des Lebens. Es gibt viele grosse und kleine Dinge in unserem Leben, für die wir dankbar sein können. Beispielsweise für Menschen, die uns in besonderer Weise unterstützen (wie etwa unsere Eltern, enge Freunde oder sogar unser Hund oder unsere Katze). Ebenso können wir dankbar sein für den Verzicht, den andere Menschen für auf sich nehmen oder für den Beitrag, den sie zu unserem Leben leisten (z.B. Lehrer, Nachbar oder Arzt). Wir können auch dankbar sein für bestimmte Faktoren in unserem Leben, wie etwa unsere Stärken (z.B. Kreativität und Intelligenz), für bestimmte Gelegenheiten, die sich uns bieten (z.B. Schulbesuch, verschiedene Interessen) und für bestimmte Lebensumstände (z.B. an einem See leben, die Landschaft oder das Stadtleben auf dem Weg zur Arbeit geniessen). In der Praxis ist die Voraussetzung für Dankbarkeit, dass man den Moment lebt und das Leben so schätzt, wie es heute ist – und zwar mit allen Faktoren, die es so gestaltet haben. Studien haben gezeigt, dass Menschen die dankbar sind auch glücklicher, stolzer und zuversichtlicher sind – und auch körperlich sind sie in besserer Verfassung. Wenn man die guten Dinge im Leben zu schätzen weiß, wirkt sich dies positiv auf das Selbstwertgefühl aus und führt dazu, dass man besser mit Stress umgehen kann. Dankbarkeit motiviert dazu anderen zu helfen und stärkt so soziale Bindungen. Dankbarkeit schützt uns davor, die positiven Aspekte des Lebens als selbstverständlich anzusehen und beugt negativen Gefühlen wie Neid, Verbitterung, Wut und Habgier vor. Optimismus Optimisten sehen immer nur die guten Dinge im Leben und erwarten nur das Beste für die Zukunft. Sie gehen davon aus, dass Menschen und Ereignisse von Grund auf gut sind und am Ende alles gut ausgehen wird. Die Strategie der Optimisten ist es, immer das Gute zu sehen, nicht etwa das Schlechte. Sie suchen die Herausforderung in schwierigen Situationen. Es gilt der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten. Optimisten vertrauen darauf, es schon irgendwie durch den Tag zu schaffen. Dabei geht es nicht nur darum, DASS man es schaffen wird, sondern auch WIE man es schafft. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Optimisten glücklicher, tatkräftiger, erfolgreicher im Beruf und gesünder sind als Pessimisten. Optimismus hilft Menschen dabei mit Stress und Traumata umzugehen und bewirkt, dass sie sich bemühen, ihre Ziele im Leben zu erreichen. Freundschaft und soziale Beziehungen Soziale Beziehungen sind der Schlüssel zu Gesundheit und Glück. Sie schützen Menschen vor den negativen Auswirkungen von Stress. Sie geben uns das Gefühl geliebt, umsorgt und geschätzt zu werden und vermitteln uns ein Gefühl der Zugehörigkeit – eines der Grundziele im Leben. Studien haben gezeigt, dass behinderte Menschen, die viel Unterstützung von anderen erhalten, gesünder und weniger depressiv sind. Sie können besser mit ihrer Behinderung umgehen und leben, sind zufriedener und leben länger. Der bloße Gedanke an einen geliebten Menschen kann sie Wahrnehmung von Schmerz mindern. Freundlichkeit Eine freundliche Geste ist eine selbstlose Handlung von Menschen mit dem Ziel, anderen Menschen zu helfen oder sie aufzumuntern, mit der einfachen Absicht diese Menschen glücklich machen zu wollen. Geben um des Gebens Willen, ohne Erwartung einer Gegenleistung. Ein berühmtes chinesisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Willst du eine Stunde lang glücklich sein, mach’ ein Nickerchen. Willst du einen Tag lang glücklich sein, geh’ Angeln. Willst du einen Monat lang glücklich sein, dann heirate. Willst du ein Jahr lang glücklich sein, erbe ein Vermögen. Willst du ein Leben lang glücklich sein, hilf‘ jemand anderem.“ Warum führt Freundlichkeit zu mehr Glück, Gesundheit und einer längeren Lebenserwartung? Eine freundliche Geste hilft Stress abzubauen und führt dazu, dass sich die Stimmung eines Menschen verbessert, indem er von den eigenen Problemen und vom Grübeln abgelenkt wird. Sie wirkt sich positiv auf Selbstwertgefühl und Selbstwahrnehmung aus, führt uns die Bedeutung und den Sinn des Lebens vor Augen, stärkt die soziale Integration und auch die sozialen Beziehungen. Geniessen Geniessen bedeutet Genuss zu schaffen, zu intensivieren und auszudehnen. Das kann sich auf die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft beziehen. Wir können die Vergangenheit genießen, indem wir an die gute alte Zeit denken (z.B. unsere erste Liebe, das Ferienlager oder den Schulabschluss). Wir können die Gegenwart genießen, wenn wir voll und ganz in ein gutes Gespräch, ein gutes Buch, ein Lied oder ein Projekt bei der Arbeit eintauchen. Die Zukunft kann man genießen, indem man sich auf schöne Ereignisse freut (z.B. den Abschluss eines Projektes, ein bevorstehender Urlaub oder die Rente). Beim Geniessen geht es also nicht nur um das Hier und Jetzt, sonders auch darum, die Freuden der Vergangenheit und der Zukunft in die Gegenwart zu transportieren. Studien haben gezeigt, dass die Fähigkeit die positiven Ereignisse des Lebens zu genießen eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein glückliches Leben ist. Flow (Schaffens- oder Tätigkeitsrausch) “Flow” bedeutet, völlig von der Tätigkeit eingenommen zu werden, der wir gerade nachgehen (z.B. malen, lesen, tischlern, unterhalten, angeln, im Internet surfen oder ein Projekt bei der Arbeit) und zwar so, dass wir jegliches Zeitgefühl verlieren. Nichts anderes scheint mehr wichtig zu sein und wir vergessen sogar auf die Toilette zu gehen, zu essen und zu schlafen. „Flow“ ist ein Zustand intensiver Vereinnahmung von und Auseinandersetzung mit dem, was wir gerade tun. Wenn wir von einer Herausforderung überwältigt werden, die unsere Fähigkeiten übersteigt, werden wir ängstlich und frustriert – ist die Herausforderung zu gering langweilen wir uns. „Flow“ beschreibt genau das richtige Gleichgewicht zwischen unseren Fähigkeiten und den Herausforderungen. Studien haben gezeigt, dass solche „Flow“-Erlebnisse intensive Glücksgefühle hervorrufen und langfristig zu mehr Selbstgefühl, Kontrolle, Auseinandersetzung mit und Bedeutung des Lebens, sowie mehr Glück führen. „Flow“-Zustände bereichern uns innerlich, wir wollen sie voll auskosten. Um aber einen solchen Zustand zu erreichen, müssen wir ständig nach größeren Herausforderungen suchen. Daher streben wir ständig nach derartigen Herausforderungen. Wir lernen und wachsen, wir werden zunehmend kompetenter und erfolgreicher in dem, was wir tun. Ziele Menschen, die nach etwas streben, was ihnen persönlich am Herzen liegt (z.B. das Erlernen einer Fremdsprache, einer neuen Sportart oder handwerklichen Tätigkeit, eine berufliche Veränderung, ein Haustier oder freiwillige Mithilfe in der Kirche) sind weitaus glücklicher als Menschen, die keine großen Träume oder Ziele im Leben haben. Hart auf ein Ziel hinzuarbeiten und so einer sinnvollen und fordernden Tätigkeit nachzugehen ist ebenso wichtig für langfristiges Glück, wie die Erreichung des Zieles selbst. Der Weg zum Ziel gibt unserem Leben einen Sinn und gibt uns das Gefühl, unser Leben in der Hand zu haben. Dies vermittelt uns ein Gefühl von Erfolg und stärkt unser Selbstwertgefühl. Wenn wir in Krisenzeiten Ziele vor Augen haben, hilft uns das die Probleme besser zu meistern. Vergebung Vergebung impliziert die Minderung oder Unterdrückung der eigenen Abneigung und Rachegefühle (dies geht häufig einher mit Wut, Enttäuschung und Feindseligkeit). Stattdessen werden diese Gefühle durch positivere oder wohlwollendere Empfindungen, Einstellungen und Verhaltensweisen ersetzt. Vergebung bedeutet NICHT etwas stillschweigend zu dulden, Versöhnung, Rechtfertigung, das Suchen nach Entschuldigungen, Begnadigung, und dass man einfach weitermacht, als wäre nichts passiert und dabei Fehltritte übergeht und vergisst. Wir haben einem Menschen dann vergeben, wenn wir umdenken, wenn wir der betreffenden Person weniger Böses und wieder mehr Gutes wünschen. Vergeben ist eine Geste von unschätzbarem Wert. Es ist ein Zeichen von Mitgefühl, Liebe und Fürsorge. Wir vergeben jedoch nur um unserer selbst willen, nicht für andere. Viktor Frankl, ein Psychologe und Opfer des Holocaust, schrieb 1959: „Wir dürfen nie vergessen, dass wir auch eine Bedeutung in unserem Leben finden, wenn wir mit einem Schicksal konfrontiert werden, das wir nicht ändern können. Dann gilt es, aus unserer misslichen Lage einen menschlichen Erfolg zu machen. Wenn wir die Situation nicht ändern können, müssen wir uns der Herausforderung stellen, uns selbst zu ändern.“ Warum sollten wir vergeben? Die Forschung hat gezeigt, dass Menschen die vergeben in besserer körperlicher Verfassung sind. Dies betrifft das Herz, den Blutdruck und das Immunsystem. Diese Menschen sind weniger angespannt und schlafen besser. Menschen die vergeben sind weniger gestresst, grübeln weniger nach und sind weniger auf Rache aus. Sie verspüren weniger Hass, Feindseligkeit und Wut und sind seltener neurotisch, depressiv und ängstlich. Sie sind seltener erschöpft und führen ein zufriedeneres Leben. Spiritualität Spiritualität ist die Suche nach dem Sinn des Lebens durch etwas, das größer ist als man selbst. Dabei geht es nicht nur darum, gewöhnliche Dinge auf Erden zu weihen, sondern auch darum, etwas für die Seele zu tun. Studien haben gezeigt, dass spirituelle Menschen glücklicher und gesünder sind, sich nach einem Trauma schneller erholen und länger leben. Spiritualität ist eine kraftvolle Quelle des Selbstwertgefühls, des Gefühls bedingungsloser Wertschätzung, ebenso wie von Liebe und Fürsorge. Spiritualität impliziert auch das Gefühl von Sicherheit, Hoffnung und Optimismus. Sie gibt Erklärungen und spendet Trost und emotionale Unterstützung. Durch sie gewinnt das Leben an Bedeutung und erhält einen Sinn. Sie hilft und auch dabei zu vergeben und gibt uns die Möglichkeit, dauerhaft als Mensch zu wachsen. Bewegung und Meditation Studien haben bewiesen, dass Bewegung nicht nur förderlich ist für die Gesundheit, sondern auch unser Selbstwertgefühl steigert, uns das Leben besser meistern lässt und uns mehr Energie gibt. Bewegung führt auch zu mehr Enthusiasmus und Lebenskraft. Bei der Meditation geht es darum, die Aufmerksamkeit zu bündeln. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen, die meditieren, gesünder sind, seltener an Depressionen leiden, weniger ängstlich sind und weniger Schmerz verspüren. Gleichzeitig sind sie gelassener, friedlicher und ruhiger. Sowohl Bewegung als auch Meditation wecken positive Gefühle in uns – dadurch fühlen wir uns nicht nur stärker, sondern werden auch von unseren Sorgen, Stress und Ängsten abgelenkt. Diese persönlichen Stärken und Ressourcen können durch Therapien und einfache Übungen gefördert werden. Allgemeine Bevölkerungsstudien zeigen, dass diese Therapien das Wohlbefinden nachhaltig verbessern und Symptome von Depressionen mindern. Eine aktuelle Pilotstudie hat gezeigt, dass Therapien, die auf persönlichen Stärken und Ressourcen basieren, nicht nur zu mehr Glück und weniger Depressionen führen, sondern auch den Schmerz bei Menschen mit Behinderung mindern. Literaturhinweise (Deutsch): Seligman, M.E.P. (2011): Flourish – Wie Menschen aufblühen: Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens (Stephan Schuhmacher, Trans.). München: Kösel-Verlag. Lyubomirsky, S. (2008): Glücklich sein: Warum Sie es in der Hand haben, zufrieden zu leben (Jürgen Neubauer, Trans.). Frankfurt: Campus Verlag. Literaturhinweise (Englisch): Peterson, C. & Seligman, M.E.P. (2004): Character strengths and virtues: A handbook and classification. New York: Oxford University Press and Washington, DC: American Psychological Association. Referenzen: American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). Arlington, VA: American Psychiatric Publishing. Peterson, C. & Seligman, M.E.P. (2004): Character strengths and virtues: A handbook and classification. New York: Oxford University Press and Washington, DC: American Psychological Association. Sin, N.L. & Lyubomirsky, S. (2009): Enhancing well-being and alleviating depressive symptoms with positive psychology interventions: a practice-friendly meta-analysis. Journal of Clinical Psychology 65(5), 467-87. aktualisiert: Dezember 2013
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Menschen mit Querschnittlähmung benötigen meist keine spezielle Diät – üblich ist eine ausgewogene, an die individuellen Bedürfnisse angepasste Ernährung. Bei Querschnittgelähmten ist der Energiebedarf deutlich niedriger als bei Menschen ohne Querschnittlähmung. Gleich bleibt hingegen der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen. Getränke (Quelle: © fotolia) Die täglich empfohlene Flüssigkeitsmenge ist bei Querschnittgelähmten mit 2-3 Litern etwas höher, um Verstopfung und Harnwegsinfektionen vorzubeugen. Bei Harnwegsinfektionen kann eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr (z.B. mit Blasentee) hilfreich sein. Zur Vorbeugung von Harnwegsinfektionen sind evtl. Cranberry-Produkte sinnvoll – die Einnahme wird aber am besten mit dem Arzt besprochen. Ungesüsste Getränke: Mineral- und Leitungswasser (z.B. mit Zitronen- oder Orangenschnitz) sowie Kräuter-, Früchte-, Grün- und Schwarztees sind optimale Flüssigkeitslieferanten. Stark verdünnte Frucht-/Gemüsesäfte, Null-Kalorien-Getränke und Kaffee dürfen ebenfalls zur Flüssigkeitszufuhr gezählt werden, sollten aber bewusst und in kleinen Mengen getrunken werden. Süssgetränke: Der hohe Zuckergehalt in diesen Getränken liefert viel Energie (leere Kalorien) ohne Vitamine und Mineralstoffe. Der Konsum solcher Getränke kann Übergewicht und Karies begünstigen. Frucht-/Gemüsesäfte (z.B. Orangen- oder Karottensaft), unverdünnt und ungezuckert: 2 dl unverdünnter Frucht- oder Gemüsesaft kann anstelle einer Portion Frucht bzw. Gemüse getrunken werden. Gilt deshalb nicht als Getränk, sondern als Nahrungsmittel. Milch: Gilt aufgrund des hohen Energiegehaltes ebenfalls als Nahrungsmittel und ist ein ungeeigneter Durstlöscher. Früchte und Gemüse: Vitamine und Nahrungsfasern (Ballaststoffe) (Quelle: © fotolia) Empfohlen werden täglich fünf Portionen: zwei Portionen Früchte, am besten roh und in unterschiedlichen Farben, und drei Portionen Gemüse. Eine Portion entspricht ca. 120 g bzw. einer Handvoll. Früchte und Gemüse enthalten viele Vitamine (z.B. Vitamin C, Beta-Carotin), Mineralstoffe (z.B. Magnesium, Eisen) und Nahrungsfasern bzw. Ballaststoffe. Zudem beinhaltet jede Frucht-/Gemüsefarbe jeweils andere sekundäre Pflanzenstoffe (z.B. Lycopin, Flavonoide). Diese stärken das Immunsystem, wirken entzündungshemmend, blutdruckregulierend, cholesterinsenkend und vorbeugend gegen Krebs. Früchte und Gemüse sind am besten frisch zu verarbeiten – langes Lagern im Kühlschrank, langes Kochen oder Warmhalten reduziert den Vitamingehalt. Der Genuss von 3-4 Stücken Dörrobst, 2 dl Frucht-/Gemüsesaft oder die Verwendung von tiefgekühltem Obst und Gemüse können helfen, die fünf Portionen am Tag zu erreichen. Wegen des hohen Wassergehaltes sind frische, unverarbeitete Früchte und Gemüse energiearm. Rohes, gedämpftes oder anderweitig fettarm zubereitetes Gemüse ist daher für Personen mit Querschnittlähmung besonders wertvoll, und sie können nach Lust und Laune davon essen, ohne eine Gewichtszunahme fürchten zu müssen. Getreideprodukte, Kartoffeln und Hülsenfrüchte: Kohlenhydrate und Proteine (Quelle: © fotolia) Täglich sollten drei Portionen Kohlenhydrate gegessen werden. Eine Portion entspricht 75-125 g Brot/Teig oder 60-100 g Hülsenfrüchten (Trockengewicht) oder 180-300 g Kartoffeln oder 45-75 g Knäckebrot, Vollkornkräckern, Flocken, Mehl, Teigwaren, Reis, Mais, Hafer, Hirse oder anderen Getreidekörnern (Trockengewicht). Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, andere Getreideprodukte und Kartoffeln sind reich an Stärke, weshalb sie auch Stärkebeilage genannt werden. Sie enthalten pflanzliches Protein, liefern Nahrungsfasern und Vitamine der B-Gruppe. Hülsenfrüchte haben unter den pflanzlichen Lebensmitteln den höchsten Protein-Anteil, nämlich ca. 20 %. (Quelle: © fotolia) Unter den Getreideprodukten sind Vollkornprodukte zu bevorzugen, da sich in der Kornschale und dem Keimling die meisten Vitamine, Mineralstoffe (Magnesium, Eisen oder Zink), Proteine, sekundären Pflanzenstoffe und Nahrungsfasern befinden. Vollkornprodukte können dabei fein gemahlen sein, wodurch sie einfacher zu beissen und leichter verdaulich sind. Raffinierte Produkte (Weissmehl) enthalten deutlich weniger Vitamine, Mineralstoffe und Nahrungsfasern. Deshalb sind für Querschnittgelähmte Vollkornprodukte sehr wichtig, um wenig Kalorien zu sich zu nehmen und dennoch den Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen zu decken. Glutenintoleranz (Zöliakie): Eine Glutenintoleranz muss von einem Facharzt diagnostiziert sein, bevor eine Umstellung der Ernährung erfolgt. Danach wird im Gespräch mit der Ernährungsberatung eine glutenfreie Diät festgelegt. Milch und Milchprodukte: Proteine und Calcium (Quelle: © fotolia) Die tägliche Aufnahme von drei Milchproduktportionen wird empfohlen. Eine Portion entspricht 2 dl Milch oder 150-200 g Joghurt, Quark, Hüttenkäse oder 30 g Halbhart-/Hartkäse oder 60 g Weichkäse. Milch enthält hochwertiges Milchprotein sowie Vitamine und Mineralstoffe. Besonders Calcium und Phosphor sind für Aufbau und Erhalt der Knochen wichtig und leisten bei Querschnittlähmung einen Teil zur Prophylaxe der Inaktivitätsosteoporose. Bei der Auswahl der Milchprodukte sollte auf deren Fettgehalt geachtet werden, etliche weisen einen sehr hohen Anteil auf. Fettarme Produkte (z.B. Hüttenkäse, Frischkäse, Magerquark, Drinkmilch, Halbrahm, Ziger, Ricotta) sind fettreichen (z.B. Hartkäse, Vollrahm, Mascarpone) zu bevorzugen. Milchzuckerunverträglichkeit (Laktoseintoleranz): Hier kann auf zahlreiche laktosefreie Milchprodukte und Joghurts ausgewichen werden. Hart-/Halbhartkäse und Butter enthalten nur Spuren oder gar keinen Milchzucker. Fleisch, Fisch, Eier und Tofu: Proteine (Quelle: © fotolia) Von diesen Produkten sollte eine Portion pro Tag verzehrt werden – am besten im täglichen Wechsel. Eine Portion entspricht: 100-120 g Fleisch, Geflügel, Fisch, Tofu, Quorn, Seitan (Frischgewicht) oder 2-3 Eiern. Diese Lebensmittel enthalten Proteine von sehr hoher Qualität und liefern zudem Vitamine (z.B. B12, A, D, K) und Mineralstoffe. Das Eisen im Fleisch, Fisch und Ei kann vom Körper besonders gut aufgenommen werden. Um die Zufuhr von Fett und Nitritpökelsalz zu vermindern, sind fettarme Fleischstücke besser geeignet als Fleisch- und Wurstwaren (z.B. Salami, Lyoner, Fleischkäse, Aufschnitt). Auch die Zubereitung in einer antihaftbeschichteten Pfanne ohne zusätzliches Fett und das Garen von Fleisch im Ofen oder in der Suppe reduzieren die Fettzufuhr. Fisch liefert Jod sowie wertvolle Omega-3-Fettsäuren, welche sich auch bei Querschnittgelähmten günstig auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit auswirken. Fette Fische (z.B. Lachs, Hering, Makrelen, Sardinen) enthalten mehr Omega-3-Fettsäuren als magere Fischsorten (z.B. Felchen, Egli, Seehecht, Kabeljau, Flunder). Eier enthalten das hochwertigste Protein, wobei der Gehalt an Protein, Fett, Cholesterin und Vitamin A im Eidotter höher ist als im Eiweiss. Tofu und Quorn enthalten Nahrungsfasern, deren Eisen jedoch schlechter für den Körper nutzbar ist als das im Fleisch. Wichtig für Vegetarier und Veganer: Tofu und Quorn enthalten kein Vitamin B12. Vegetariern und insbesondere Veganern wird daher empfohlen, ihre Kostform mit der Ernährungsberatung zu besprechen, um eventuellen Mangelerscheinungen vorzubeugen. Fette, Öle und Nüsse: Fette (Quelle: © fotolia) Täglich werden eine Handvoll ungesalzene, ungeröstete Nüsse, Samen oder Kerne und 2-3 Esslöffel pflanzliches Öl empfohlen. Zusätzlich können ca. 10 g (ein Esslöffel) Streichfett gegessen werden. Olivenöl und Rapsöl sind besonders für die kalte Küche geeignet. Öl, Fett und Nüsse sollten täglich verzehrt werden, da sie Vitamin E, essentielle Fettsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe enthalten. Allerdings empfiehlt sich ein gemässigter Konsum, da Fett den höchsten Energiewert unter den Nährstoffen hat (ein Gramm hat ca. 9 kcal – bei Kohlenhydraten/Proteinen hat ein Gramm ca. 4 kcal). Ein mässiger Gebrauch von Streichfetten (Butter, Margarine) und die Anwendung von fettsparenden Garmethoden (z.B. antihaftbeschichtete Pfanne, Dampfgaren) sind empfehlenswert. Die Fette, respektive die Fettsäuren als Bestandteile des Fetts, unterscheiden sich stark in der Qualität. Fettsäuren können gesättigt, einfach oder mehrfach ungesättigt sein. Die mehrfach ungesättigten Fettsäuren nennt man auch essentielle Fettsäuren, da sie für zahlreiche Funktionen des Organismus unerlässlich sind und der Körper sie nicht selbst herstellen kann. Zu diesen essentiellen Fettsäuren gehören die Omega-6- und die Omega-3-Fettsäuren. Für die Gesundheit ist es besser, einen höheren Anteil an einfach und mehrfach ungesättigten Fetten zu konsumieren und die Einnahme gesättigter Fettsäuren (gehärteter Fette) zu reduzieren. Erreicht werden kann dies durch den sparsamen Umgang mit Butter, Margarine und Vollrahm beim Kochen wie auch durch einen massvollen Genuss von fettigen Fleisch-/Milchprodukten und Backwaren (z.B. Blätterteig, Mürbeteig, Kekse). Dieser Punkt ist insbesondere für Menschen im Rollstuhl wichtig, die körperlich wenig aktiv sind, weil sie so Herzkrankheiten vorbeugen können. Nahrungsfasern (Ballaststoffe) (Quelle: © fotolia) Nahrungsfasern sind überwiegend das Material der Zellwände nahrungsliefernder Pflanzen. Sie gehören zur Familie der Kohlenhydrate. Studien zeigen, dass eine ausreichende Zufuhr an Nahrungsfasern Voraussetzung für einen normalen Verdauungsablauf ist. Nahrungsfasern regen unsere Kautätigkeit und dadurch die Ausschüttung von Speichel an – der erste Schritt zu einer guten Verdauung. Die ballaststoffreiche Nahrung verweilt länger im Magen, wodurch ein länger anhaltendes Sättigungsgefühl entsteht. Für Querschnittgelähmte sind Nahrungsfasern sehr hilfreich, um die Darmbewegung (Peristaltik) anzuregen. Nahrungsfasern lassen sich in zwei Untergruppen aufteilen: Unlösliche Nahrungsfasern: Diese nehmen im Darm Wasser auf und quellen dabei, so dass sich das Volumen des Nahrungsbreis vergrössert. Auf diese Weise wird die Muskulatur der Darmwand gedehnt und die Tätigkeit des Darms angeregt. Der Stuhl wird weicher und die Passagezeit des Nahrungsbreis durch den Darm verkürzt sich. Unlösliche Nahrungsfasern sind enthalten z.B. in Vollkornmehl, Vollkornreis, Kohl und Nüssen. Lösliche Nahrungsfasern: Diese bilden bei Kontakt mit Wasser eine Art Gel und sind Nährstoffe für die Darmbakterien und die Darmzotten, welche für die Nährstoffaufnahme verantwortlich sind. Die Zufuhr löslicher Nahrungsfasern steigert ausserdem die Anzahl der Darmbakterien. Durch sie erhöht sich die Wassermenge im Darm und der Stuhl wird schwerer. Dies regt wiederum die Darmbewegungen an und die Darmpassagezeit des Nahrungsbreis nimmt ab. Lösliche Nahrungsfasern sind enthalten u.a. in Hülsenfrüchten, Hafer, Kartoffeln, Karotten, Äpfeln und Zitrusfrüchten. Für weitere Informationen rund um das Thema Essen wird die Homepage der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung empfohlen: http://www.sge-ssn.ch. Zu den Autoren: Susanne Morach hat einen Bachelor in Ernährung und Diätetik und absolvierte 2013-15 ein Masterstudium in Health Sciences u.a. an der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV). Dr. med. Hans Georg Koch war 19 Jahre Oberarzt am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil/Schweiz und gab zusammen mit Guido A. Zäch, dem Gründer des SPZ, das Standardwerk zu Querschnittlähmung "Paraplegie. Ganzheitliche Rehabilitation" heraus. Hans Georg Koch ist Mitglied des paraforum-Teams. aktualisiert: Mai 2015
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In den verschiedenen Rehabilitations- und Lebensphasen eines Menschen mit Querschnittlähmung ist es wichtig, eine Fehlernährung und die damit verbundenen Komplikationen zu vermeiden. Weil Nährstoffbedürfnisse individuell sind und sich im Verlaufe einer Rehabilitation oder durch eine Komplikation verändern können, muss auch die Nährstoffzufuhr individuell angepasst werden. Die Ernährungsberatung erfasst den Ernährungszustand und bietet fachliche Unterstützung bei der Umsetzung einer angepassten Ernährung. Das Ziel einer gesunden Ernährung ist nicht nur eine bedarfsdeckende Versorgung mit Nährstoffen, sondern eine alltagstaugliche, den Vorlieben und Gewohnheiten entsprechende Ernährung, in der Lebensqualität und Genuss ebenfalls einen hohen Stellenwert besitzen. Stufen der Ernährungstherapie Stufen der Ernährungstherapie Mangelernährung Ursachen Zu geringe Zufuhr durch: mangelnden Appetit Schluckstörungen psychische Belastungssituationen Erhöhter Bedarf durch: Krankheiten veränderten Stoffwechsel bei Stress (z.B. durch eine Erkrankung) Auswirkungen Verminderung des allgemeinen Wohlbefindens Verlust von Muskelmasse und dadurch Kraftverlust verminderte Immunabwehr, Anfälligkeit für Krankheiten/Infekte schlechte Hautverhältnisse, Risiko für Druckstellen, schlechte Wundheilung schwieriges Darmmanagement Auch übergewichtige Personen können mangelernährt sein, indem sie beispielsweise an einem spezifischen Nährstoffmangel leiden (häufig Eiweiss, Mineralstoffe und Vitamine). Die Ernährungsberatung… berechnet den individuellen Bedarf an Kalorien und Eiweiss unterstützt bei der Wahl von geeigneten Lebensmitteln gibt Tipps zur Menügestaltung unter Berücksichtigung von individuellen Bedürfnissen zeigt Möglichkeiten zur ausreichenden Aufnahme von spezifischen Nährstoffen auf empfiehlt gegebenenfalls geeignete Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel) bezieht nach Wunsch Angehörige in die Beratung mit ein kümmert sich, wenn Sondennahrung benötigt wird, um die Bestellung des Produkts und die Kostenübernahmeerklärung der Krankenversicherung Übergewicht Ursachen verminderte Bewegung Verlust von Muskelmasse verminderter Grundumsatz psychische Faktoren wie Einsamkeit, Frust, Stress etc. Auswirkungen Verminderung des allgemeinen Wohlbefindens metabolische (den Stoffwechsel betreffende) Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2 oder Fettstoffwechselstörungen erschwerter Transfer, Einschränkung der Mobilität Druckstellen Die Ernährungsberatung… misst den individuellen Energiebedarf mittels Atemtest unterstützt bei der Wahl von geeigneten Lebensmitteln empfiehlt bei Bedarf einen Physio- oder Sporttherapeuten bezieht nach Wunsch Angehörige in die Beratung mit ein Verdauungsproblematik Ursachen verminderte Darmtätigkeit durch Rückenmarksverletzung verminderte Bewegung bestehende Unverträglichkeiten Nebenwirkungen von Medikamenten Spastik und Schmerzen psychische, soziale und kulturelle Aspekte (z.B. auf Reisen) Auswirkungen Blähungen Verstopfung Durchfall Unwohlsein Die Ernährungsberatung… zeigt verschiedene Einflussfaktoren auf das Darmmanagement auf vermeidet unnötige Einschränkungen, die zu einseitiger Ernährung führen berechnet den individuellen Bedarf an Ballaststoffen und Flüssigkeit und gibt entsprechende Empfehlungen ab unterstützt bei der Wahl von geeigneten Lebensmitteln holt bei Bedarf Informationen beim Hausarzt ein, um die Problematik im Ganzen zu erfassen Dekubitus (Druckstellen) Ursachen Mangel an spezifischen Nährstoffen (häufig Eiweiss, Zink, Vitamin D, Vitamin C) Übergewicht/Untergewicht Auswirkungen Immobilisation Schmerzen verlängerte Spitalaufenthaltsdauer evtl. Operation Die Ernährungsberatung… berechnet den individuellen Bedarf an Kalorien, Eiweiss und Flüssigkeit und gibt entsprechende Empfehlungen ab supplementiert spezifische Nährstoffe, welche im Blut zu wenig vorhanden sind bietet spezifische Supplemente zur verbesserten Wundheilung an Häufig gestellte Fragen Gibt es eine spezielle Diät bei Querschnittlähmung? Grundsätzlich gibt es keine spezifische Diät. Es gelten die Empfehlungen einer gesunden, ausgewogenen Ernährung, um alle Nährstoffe in ausreichender Menge zuzuführen. Die Empfehlungen für die Zufuhr von Ballaststoffen sind im Vergleich zu Fussgängern etwas niedriger. Wie verändert sich die Körperzusammensetzung? Die Muskelmasse nimmt durch die fehlende Bewegung ab. Das bedeutet, dass auch der Grundumsatz und damit der Energiebedarf sinkt. Darf ich noch alles essen? Ja, Sie dürfen alles essen. Wie bei Fussgängern spielt die Menge eine entscheidende Rolle. Da der Energiebedarf sinkt, ist es wichtig, energiedichte Lebensmittel (z.B. Süssgetränke, Knabbereien, Süssigkeiten) nur in geringen Mengen zu geniessen. Ist es nötig, Nahrungssupplemente einzunehmen? Bei einer ausgewogenen Mischkost sind Supplemente nicht nötig. In einzelnen Situationen aber, z.B. bei einem erhöhten Bedarf während einer Krankheit oder wenn ein Mangel im Blut festgestellt wird, werden gewisse Nährstoffe supplementiert. Wie und wo kann ich mir zu Hause eine Ernährungsberatung organisieren? Eine Ernährungsberatung kann via Hausarzt per Verordnung organisiert werden. Es ist auch möglich, in einer Klinik einen Termin für eine Ernährungsberatung zu bekommen. Zur Autorin: Yvonne Häberli ist Leiterin der Abteilung Ernährungsberatung am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil/Schweiz, wo sie seit 2012 arbeitet.   aktualisiert: Dezember 2013
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Die Hippotherapie ist eine anerkannte medizinische Behandlungsmethode der Physiotherapie mit Hilfe eines Kleinpferdes. Bei der Hippotherapie werden die rhythmischen, dreidimensionalen Bewegungen des Pferdes auf den Patienten übertragen und so therapeutisch genutzt, ohne dass der Patient dabei aktiv auf das Pferd einwirkt. Der Transfer, also der Wechsel auf das Pferd und herunter, ist bereits ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung. Transfer vom Pferd in den Rollstuhl Wirkungsweise Die Bewegungen des Pferderückens haben vorwiegend lockernde, aber auch kräftigende und anregende Effekte. Der Patient sitzt im Spreizsitz auf dem Pferd, das von einem Pferdeführer in der Gangart Schritt geführt wird. Bereits diese Sitzposition kann die verkrampfte Muskulatur in Rumpf und Beinen positiv beeinflussen. Der Therapeut stützt den Patienten und gibt Anweisungen für Übungen. Zusätzlich kann er mit seinen Händen die gewünschte Beckenbewegung des Patienten stimulieren. Dabei kommt es in der Muskulatur zu einem ständigen Wechsel zwischen Spannung und Entspannung. Gleichzeitig werden Gleichgewicht, Haltungsreaktionen des Rumpfes und die Koordination geschult, schwache Muskulatur gekräftigt oder auch Verspannungen gelöst. Auf diese Weise lassen sich mit dem Einsatz der Hippotherapie verschiedene therapeutische Ziele verfolgen, oft die Linderung von Schmerzen oder die Regulation der Muskelspannung. In einer Studie zu erhöhtem Muskeltonus (Spastik) bei Querschnittgelähmten wurden Verbesserungen durch die Hippotherapie festgestellt (Lechner et al. 2003). Des Weiteren hat die Behandlung auf dem Pferd für Patienten eine psychisch positive, motivierende Wirkung. Bei der Hippotherapie werden Gleichgewicht und Koordination geschult. Die Therapeutin stützt den Patienten und stimuliert zugleich die gewünschte Beckenbewegung. Die individuellen Eigenschaften und das Wesen des Pferdes sind sehr wichtig. Therapiepferde sind nicht auf ein bestimmte Rasse festgelegt, sondern werden speziell ausgebildet und sind sehr sensibel. Im Laufe der Ausbildung werden sie an Rollstühle und Gehstützen gewöhnt und lernen, an Liften oder Rampen zu stehen und mit den untypischen Bewegungen der Patienten umzugehen. Die Ausbildung des Pferdes hat zum Ziel, „gleichzeitig die Ausnutzung aller Bewegungsmöglichkeiten und den höchsten Sicherheitsfaktor für die Durchführung der Hippotherapie zu gewährleisten" (Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR)). Durch ein vertrautes, menschenfreundliches und gehorsames Pferd werden das Verhalten und das Befinden des Patienten positiv beeinflusst. Anforderungen an das Pferd mentale und emotionale Fitness für die konzentrierte Aufnahme und Umsetzung der Kommandos starke Muskulatur und Ausdauer des Pferdes still und geduldig im Stand an der Rampe bleiben können Vertrauen zu verschiedensten Therapiematerialien haben (Gehstöcke, Rollstühle etc.) sich auf beiden Seiten auf Hals- und Schulterhöhe führen lassen unempfindlich sein gegenüber Spastik und Ungleichgewicht des Patienten damit umgehen können, von mehreren Personen umringt sein bei Umwelteinflüssen und Geräuschen jeglicher Art die Ruhe bewahren Kostenübernahme und Verordnung Nach Abschluss der Akutphase kann die Hippotherapie in der ambulanten wie auch in der stationären Versorgung stattfinden. Sie wird meist bei Patienten mit neurologischen Krankheitsbildern angewendet, beispielsweise bei Querschnittlähmung oder Schlaganfall. Teilweise werden die Kosten für die Hippotherapie von den Krankenkassen oder von der Invalidenversicherung übernommen, in der Schweiz z.B. bei Erwachsenen mit Multipler Sklerose oder bei Kindern mit Zerebralparese. Bei anderen Diagnosen muss eine Finanzierung durch Dritte geprüft werden. Hierzulande muss die Therapie wie jede andere Form der Physiotherapie von einem Arzt verordnet und von Physiotherapeuten mit Zusatzausbildung in Hippotherapie durchgeführt werden. Es handelt sich dabei in der Regel um die Weiterbildung nach Künzle (Hippotherapie-K) – in der Schweiz berechtigt nur diese Form zur Abrechnung. Stationäre Patienten mit Querschnittlähmung werden über die Tagespauschale der Klinik abgedeckt. Das Therapieteam setzt sich aus dem Patienten, einem geschulten Therapiepferd, einem Hippotherapeuten (Physiotherapeut mit Zusatzausbildung Hippotherapie-K) und einem Pferdeführer zusammen. Hippotherapie wird meist einmal pro Woche durchgeführt. Sie ist im Freien wie auch in der Halle möglich. Die Behandlungsdauer ist von der Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit des Patienten abhängig, durchschnittlich beträgt sie ca. 30 Minuten. Der Patient wird während der gesamten Maßnahme vom Hippotherapeuten gesichert. Eine Helmpflicht besteht nicht (DKThR). Voraussetzungen beim Patienten Die Person verfügt über eine ausreichende Sitzstabilität und Rumpfkontrolle und kann den Kopf eigenständig kontrollieren. Die individuelle Eignung ist jeweils durch geschultes Personal abzuklären. Das Mindestalter für Kinder beträgt vier Jahre. Die Hippotherapie findet in der freien Natur statt. Weiterführende Informationen im Internet (in Deutsch und Französisch): Schweizer Gruppe Therapeutisches Reiten: http://sg-tr.ch/v2/verein/ Österreichisches Kuratorium für Therapeutisches Reiten: http://www.oktr.at/ Deutsche Gruppe für Hippotherapie e. V.: http://www.dgh-ev.com/startseite.html Schweizer Gruppe für Hippotherapie-K®: http://www.hippotherapie-k.org/index.php?id=27 Association Suisse de Thérapie Avec le Cheval: http://www.therapiecheval.ch/ Institut de Formation en Equithérapie: http://www.ifequitherapie.fr/ Pferdegestützte Therapie Schweiz / PT-CH: http://www.sv-hpr.ch/de/Home ESAAT - European Society for Animal Assisted Therapy: http://www.esaat.org/; diese hat zusammen mit der internationalen Organisation ISAAT einen Leitfaden zur Qualitätssicherung tiergestützter Interventionen im Gesundheitswesen entwickelt Referenzen: Schweizer Paraplegiker-Zentrum: Hippotherapie, Heilpädagogisches und Therapeutisches Reiten. URL: http://www.paraplegiker-zentrum.ch/de/pub/spz/bereiche/physiotherapie/hippotherapie.htm (abgerufen am 30.07.2015) Lechner HE, Feldhaus S, Gudmundsen L, Hegemann D, Michel D, Zäch GA, Knecht H. The short-term effect of hippotherapy on spasticity in patients with spinal cord injury. Spinal Cord. 2003 Sep;41(9):502-5. Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR): Wie wird Hippotherapie durchgeführt? URL: https://www.dkthr.de/de/therapeutisches-reiten/hippotherapie/wie-wird-hippotherapie-durchgefuehrt/ (abgerufen am 30.07.2015) Abramovic M et al.: Hippotherapie. In: Zäch GA, Koch HG (Hrsg.) (2006): Paraplegie. Ganzheitliche Rehabilitation. Basel: Karger, S. 355f. Zu den Autorinnen: Der Artikel wurde erstellt vom Experten-Team Hippotherapie, Heilpädagogisches und Therapeutisches Reiten der Abteilung Physiotherapie am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil/Schweiz, insbesondere von Sabine Grupp, Kathrin Kriesche und Sibille Bühlmann. Dr. Andrea Glässel ist Physiotherapeutin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Schweizer Paraplegiker-Forschung (SPF) in Nottwil/Schweiz, wo sie seit 2007 arbeitet. Sie ist Mitglied des paraforum-Teams. aktualisiert: Oktober 2015
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Ein besseres Körpergefühl, regulierende Beeinflussung der Spastik, leichtere Atmung, ein gesteigertes Atemvolumen, Wohlgefühl und eine verbesserte Kondition: Dies sind nur einige der Rückmeldungen von Praktizierenden über die positiven Auswirkungen, die Yoga für Querschnittgelähmte haben kann. Grund genug, diese jahrtausendealte Tradition etwas näher zu betrachten. Ursprünglich ist Yoga eine indische (auch tibetische) philosophische Lehre. Yoga bedeutet so viel wie „verbinden“ oder „vereinigen“. Damit ist die Verbindung des individuellen mit dem unendlichen Bewusstsein gemeint wie auch die Verbindung von Körper, Geist und Seele. In der abendländischen Philosophie wird Wissen häufig durch theoretische Studien erarbeitet; in der indischen Tradition hingegen erfährt man sich und die Wirklichkeit über die direkte, persönliche Erfahrung. Ein Ziel des Yogas ist es, sich über sich selbst und seinen innere Werte bewusster zu werden, seine Wahrheit und seine wahre Identität bzw. höheres Selbst zu erfahren. Yoga ist in seiner ursprünglichen Form somit ein ganzheitliches System, das sich mit Körperübungen, Atemtechniken, Meditation, Ernährung, aber auch der Psychologie, zwischenmenschlichen Beziehungen, der Ethik und Philosophie auseinandersetzt. Im Laufe der Zeit haben sich viele unterschiedliche Yogaschulen entwickelt. Einige sind ursprünglich und aus Indien; andere sind erst in jüngerer Zeit im Westen entwickelt worden und legen teilweise ausschließlich Wert auf körperliche Fitness und Wellness. Es gibt Yogaarten, die sehr sanft, die herausfordernd, entspannend, meditativ oder akrobatisch sein können. Einige der wichtigsten sind: Hatha Yoga Hatha Yoga ist das bekannteste Yoga im Westen und es gibt viele verschiedene Schulen und Arten es zu praktizieren. Es konzentriert sich auf die Balance zwischen Körper und Geist, die in erster Linie über Körperübungen und die Beherrschung des Körpers angestrebt wird. Auch Atemübungen und/oder Meditation werden in einigen Hatha Yoga-Richtungen praktiziert. Gyan Yoga Gyan Yoga ist das Yoga des Wissens. Ziel ist es, die Wahrheit durch Erkenntnis, Üben und Wissen zu erfahren und Gott bzw. das Göttliche in allem zu sehen. Kundalini Yoga Kundalini Yoga wird auch Yoga des Bewusstseins genannt. Im Kundalini Yoga wird über Körperübungen, Entspannung, Meditation, den Gebrauch von Mantren (Silben oder Wörter, die wiederholt rezitiert werden), Mudras (Handstellungen), Bandhas („Körperschleusen“ bzw. Muskelkontraktionen) und Pranayama (Atemtechniken) die Balance zwischen Körper und Geist hergestellt. Die Beherrschung des Geistes wird geschult, der Weg zur inneren Kraft hergestellt und ein höheres Bewusstsein angestrebt. Naad Yoga Naad Yoga benutzt die Kraft des Klangs. Durch verschiedene Klänge, Mantren, Töne, Musikinstrumente, Stimme etc. entstehen Schwingungen, die auf den Körper wirken und das Bewusstsein klären. Für Querschnittgelähmte eignen sich alle Yogaarten, die keine akrobatischen Körperhaltungen beinhalten. Wichtiger Bestandteil eines regelmäßigen Yogatrainings für Querschnittgelähmte sind Meditationen und Atemtechniken (Pranayama), die eine besonders wohltuende Wirkung bei Atembeschwerden haben können. Kundalini Yoga und seine Vorteile für Querschnittgelähmte In vielen Kursen hat sich gezeigt, dass Kundalini Yoga für Querschnittgelähmte besonders gut geeignet ist. Dies liegt daran, dass... ... viele Übungen (Asanas) im Sitzen oder auf dem Boden ausgeführt werden können. Somit können Übungsfolgen (Kriyas) für jede Läsionshöhe gefunden werden. ... im Kundalini Yoga viel Wert auf die Atmung gelegt wird. Dadurch wird das Lungenvolumen trainiert und verbessert. ... Konzentration und Meditation ein wichtiger Bestandteil sind. ... im Kundalini Yoga auch Entspannung und Körperwahrnehmung gefördert werden. ... Respekt gegenüber sich selbst und gegenüber anderen ein Teil der Kundalini Yoga-Philosophie ist, der auch in die Übungsfolgen und Meditationen einfliesst.   Yogaübungen im Rollstuhl...   ... und auf dem Boden Bei regelmäßiger Übung kann Kundalini Yoga sehr positive Auswirkungen auf den Körper und die Psyche der Praktizierenden haben. Dies sind unter anderem: Muskelaufbau und -dehnung regulierende Auswirkung auf Organe und Organfunktionen (z.B. Niere, Verdauung) Verbesserung der Atmung und des Lungenvolumens Verbesserung des Körperbewusstseins Reduzierung von Stress und Aufbau innerer Ruhe und Gelassenheit Minderung und eventuelle Überwindung von Ängsten Abbau von Beschwerden, die durch Stress verursacht werden (z.B. Verdauungsstörungen und Verspannungen) Reduzierung von Muskelspannung Regulierung von Herz- und Atemfrequenz und evtl. Blutdrucksenkung Steigerung der Konzentrationsfähigkeit Förderung und Schärfung der Selbsterkenntnis Versöhnung von Geist und Unterbewusstsein bis hin zur Lösung von seelischen Blockaden Kundalini Yoga ist – nach Absprache mit dem behandelnden Arzt – für jedermann geeignet. Die Körperübungen kann man trainieren und visualisieren und selbst hochgradig gelähmte Menschen können Atemtechniken und Meditationen üben. Querschnittgelähmte müssen beim Yoga – wie alle anderen auch – nur lernen, auf sich und ihren Körper zu hören. Weiterführende Links (auf Englisch): http://www.mindbodysolutions.org/yoga/adapative-yoga/ http://www.youtube.com/watch?v=Alr7U_Rrzis Referenzen: URL: http://www.kundaliniyoga-ak.de/ (abgerufen am 15.09.2014) Kuwert, A. (2014): Kundalini Yoga für RollstuhlfahrerInnen. Gross-Umstadt: YogiPress. Autorin: Antje Kuwert, Yogalehrerin und Yogalehrerausbilderin aktualisiert: September 2014
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Der Mensch ist ein „Bewegungstier“ – wohl jeder kennt das gute Gefühl, wenn man Sport getrieben hat. Dieses menschliche Grundbedürfnis ändert sich auch nicht mit einer Querschnittlähmung. Daher ist es ein wichtiges Ziel der Erstrehabilitation zu verhindern, dass Menschen mit einer Querschnittlähmung sich weniger bewegen und somit viel an Funktionsfähigkeit, Mobilität und Selbstständigkeit einbüssen. Zu wenig Bewegung kann nicht nur Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen haben, sondern auch psychologische Probleme können sich verstärken – und das meist lange nach der Rückkehr in die Lebenssituation nach der Erstrehabilitation. Studien haben sogar herausgefunden, dass sich bei „Sportmuffeln“ das Risiko von Depressionen, Angstzuständen und verminderter Lebensqualität erhöhen kann. Ein fitter und aktiver Körper ist darüber hinaus weniger anfällig für Begleiterkrankungen. Aufgrund der vertieften Atmung und der gesteigerten Durchblutung beim Sport ist das Risiko von Harnwegsinfekten, Atemwegserkrankungen, verstärkter Spastik und Druckstellen reduziert – dies gilt für komplette und inkomplette Para- wie auch Tetraplegiker. Die physiologischen Vorteile vom Sport für Menschen mit Querschnittlähmung sind in zahlreichen Studien nachgewiesen worden. Hier sind einige Beispiele: verbesserte Herz- und Atemfunktion; dadurch erhöhte Ausdauer und Leistungsfähigkeit verbesserte Koordination und körperliche Belastbarkeit (man ist weniger müde) verbesserte Muskelkraft positiver Einfluss auf die Gefässe und den Blutfluss (Thromboseprophylaxe) verbesserter Stoffwechsel (Metabolismus) und Vorbeugung von erhöhten Blutfettwerten (Cholesterin) Bogenschiessen Sport zu treiben trägt also nicht nur dazu bei, die physischen Fähigkeiten aufrechtzuerhalten bzw. weiterzuentwickeln, sondern hat auch eine wichtige psychosoziale Komponente – nicht nur für Menschen mit Querschnittlähmung. Wiedergewonnene Leidenschaft und Freude am Bewegen können helfen, mit der neuen Lebenssituation besser zurecht zu kommen. Spass am Sport ist ein wichtiges Element für Selbstwert und Selbstbewusstsein und ermöglicht es, seine eigenen Grenzen nicht nur kennen zu lernen, sondern auch durch Training zu verschieben. Darüber hinaus fördert das aktive Engagement in einem Sportverein oder einer Interessengruppe die soziale Interaktion und die gesellschaftliche Integration. Der Sport ist für viele eine sehr gute Gelegenheit, um andere Personen mit Querschnittlähmung wie auch Fussgänger kennen zu lernen und neue Freundschaften zu knüpfen. Denn in Bewegung bleiben heisst nicht nur, alleine zu Hause oder im Fitnessstudio auf dem Handergometer „Kilometer zu machen“, sondern ist gerade in der Gruppe eine interessante und kommunikative Freizeitbeschäftigung. Die Auswahl an Sportarten für Querschnittgelähmte ist vielfältiger als man denkt. Die Seite des Paralympischen Komitees gewährt einen guten Einblick, was sogar als Hochleistungssport wettkampfmässig betrieben wird (www.paralympic.org). Welcher Sport am geeignetsten ist, kann in einer Rehabilitationseinrichtung oder bei Physio- und Sporttherapeuten abgeklärt werden, die Erfahrung mit querschnittgelähmten Menschen haben. Bereits 1948 hat der Arzt Sir Ludwig Guttmann erkannt, dass Sport in der Rehabilitation von querschnittgelähmten Menschen eine sehr wichtige Rolle spielt. Sein Engagement führte 1960 zu den ersten Paralympischen Spielen. Seither ist das Repertoire der Paralympics ständig erweitert worden. Manche Sportarten stecken noch in den Kinderschuhen, doch etliche sind seit vielen Jahren etabliert und in der Community sehr beliebt. Je nach Läsionshöhe und körperlichen Fähigkeiten kommen folgende Sportarten in Frage (kleine Auswahl): Leichtathletik In dieser Sportart sind inkomplette und komplette Para- wie auch Tetraplegiker aktiv (Menschen mit Spina Bifida und Amputationen sind meist in entsprechende Wettkampfklassen integriert). Bei nationalen und internationalen Sportveranstaltungen und Wettkämpfen werden Rennen über alle gängigen Distanzen ausgetragen: vom Sprint bis zum Marathon. Rollstuhl-Rennen Handbikefahren Das Handbike ist nicht nur ein sehr geeignetes Fortbewegungsmittel, sondern auch ein äusserst schonendes Sportgerät. Da die Schultern bei den meisten Menschen mit Querschnittlähmung durch das tägliche Antreiben des Rollstuhls stark beansprucht werden, entstehen häufig Probleme an den Sehnen- und Muskelansätzen. Das Handbikefahren ist, wie eine Studie gezeigt hat, nicht nur effizienter, sondern auch weniger belastend für den gesamten Schultergürtel. Es finden Rennen in verschiedenen Klassen und über unterschiedliche Distanzen statt. Handbike Basketball Der „körperlose Sport“, wie Basketball auch genannt wird, ist gerade bei Menschen mit einer Paraplegie sehr beliebt. Hier sind nicht nur körperliche Ausdauer und Gleichgewicht gefragt, sondern auch Teamgeist und Übersicht. Rollstuhlbasketball wird schon seit 1945 gespielt, als amerikanische Kriegsveteranen ihren Nationalsport auch auf die Räder brachten. Rollstuhl-Basketball Rugby Ähnlich wie Basketball ist auch Rugby ein action- und temporeicher Teamsport, der überwiegend von Menschen mit Tetraplegie betrieben wird (Low Point Rugby). Speziell angefertigte Rollstühle schützen die Spieler vor Verletzungen, wenn die Athleten mit ihren Sportgeräten gegeneinander krachen. Auch hier sind Ausdauer, Geschicklichkeit, Teamgeist und Strategie wichtige Elemente des Spiels. Rollstuhl-Rugby Tennis Eine weitere Ballsportart, die in über 100 Ländern gespielt wird und seit 1992 auch bei den Paralympics ausgetragen wird, ist Tennis. Die Regeln des Spiels sind identisch mit denen für Fussgänger – die einzige Ausnahme ist, dass der Ball zweimal aufspringen darf bevor er geschlagen werden muss. Um den Sport auszuüben, müssen die Arme und Hände voll funktionsfähig sein, daher spielen vor allem niedrig gelähmte Paraplegiker Tennis. Skifahren Obwohl das Skifahren nicht überall möglich und zudem sehr zeit- und ressourcenintensiv ist, erfreut es sich auch im Breitensportbereich grosser Beliebtheit. Man könnte annehmen, dass das Skifahren nur Menschen mit einer niedrigen Lähmungshöhe möglich ist, doch auch Personen, die keine Sitzbalance haben, können im Skibob den Pistensport geniessen. Je nach Selbstständigkeit muss eine Begleit- und Hilfsperson dabei sein. Monoski (Quelle: W. Morelli) Die Palette der möglichen Sportarten ist noch viel breiter: Sogar Funsportarten wie Surfen, Klettern, Rollstuhl-Skaten und Motorsport (Quad fahren), aber auch Tanzen und Yoga sind je nach körperlichen Voraussetzungen möglich. Vor allem Menschen mit Tetraplegie widmen sich häufig dem Schiessen (u.a. Bogenschiessen) oder dem E-Hockey (Hockey mit elektrischen Rollstühlen für Tetraplegiker). Solange man Spass an Bewegung hat und es Körper und Geist gut tut, ist die Wahl der Sportart sekundär. Am besten ist es, verschiedene Sportarten in regionalen Rollstuhlclubs oder Vereinen nach Absprache mit einem Gesundheitsexperten auszuprobieren. In der Schweiz sind die Sportberatung und Förderung der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (www.spv.ch) sehr gut organisiert. Gerade die regionalen Rollstuhlclubs sind ein idealer Treffpunkt, um Kontakte zu knüpfen und Neues kennen zu lernen. Rollstuhl-Skaten aktualisiert: Dezember 2013
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Die Entstehung der Lust: Libido Die Libido ist das Verlangen und die Lust auf Sexualität. Beim Mann hängt sie von einer bestimmten Menge des Sexualhormons Testosteron ab und bei der Frau spielt das Hormon Oxytocin eine wichtige Rolle. Ausgelöst wird die Libido durch Sinneswahrnehmungen wie Berührung, Bilder, Geschmack, Geruch oder Musik. Menschen mit Querschnittlähmung können genau so viel Lust auf Sexualität haben wie Fussgänger, denn die oben genannten Faktoren mit Ausnahme von Sensibilitätseinschränkungen sind kaum beeinträchtigt. Allerdings können Depressionen oder Medikamente dagegen (Antidepressiva), Schmerzmedikamente (Opiate, Neuroleptika), spastikreduzierende Medikamente (Diazepam) oder bei den Frauen die „Pille“ die Libido vermindern. Sinnlichkeit Meist ist durch eine Rückenmarksverletzung die Sinnesempfindung der Haut beeinträchtigt. Berührungen können an bestimmten Körperteilen nicht mehr oder nur verändert wahrgenommen werden (meist unterhalb des Lähmungsniveaus). Dies wird von den Betroffenen als grosser Verlust erlebt. Leider gibt es dagegen bisher keine Therapie. Es gibt aber Möglichkeiten, diese Defizite sowie auch Einschränkungen der Sensibilität bei den Geschlechtsorganen teilweise zu kompensieren. Es kann zu Neubildung oder Entdeckung von bisher unbekannten erogenen Zonen kommen, beispielsweise am Nacken oder hinter dem Ohr. Ausserdem lassen sich die intakten Sinnesorgane vermehrt anregen, etwa durch erotische Musik und Klänge, schöne Worte, aufreizende Kleidung, Bettwäsche oder Dessous, ein Gläschen Sekt, sinnliche Beleuchtung, Spiegel, um die Berührungen über die Augen wahrzunehmen, verschiedene Materialien, um die noch empfindsamen Körperstellen zu verwöhnen (Seidentücher, Federn, Felle, etc.), oder betörende Düfte wie Ylang Ylang, Jasmin, Sandelholz, Vanille oder Moschus. Gesichts- und Körperöle, Balsame, aber auch Essenzen für eine Duftlampe oder Duftkerzen verwöhnen den Geruchssinn. Aphrodisierend sollen Austern, Kaviar, Trüffel, Tomaten, Spargel, Kokosnüsse, Haselnüsse oder ein wenig geriebene Muskatnuss wirken. Sardellen, Rettich, Chili, Pfeffer und Senf machen angeblich „scharf“. Feigen, Schokolade, Erdbeeren, Zimt oder Bananen versüssen zärtliche Stunden und Petersilie, Ingwer, Salbei und Sellerie sollen den Hunger nach Liebe ebenfalls anregen. Betroffene können lernen und erfahren, dass Sexualität auch ohne die „normalen“ Körperreaktionen sehr freudvoll und beglückend erlebt werden kann. Tantrische Rituale, bei denen der Partner mit allen Sinnen wahrgenommen und erlebt wird, zeigt beispielsweise die DVD „Tantra & Selbsterkenntnis für Paare“ (siehe unten). Stellungen Verschiedene Stellungen beim Sex sind auch für Menschen mit Querschnittlähmung möglich. Abwechslung vermehrt die Lust und den Spass und ermöglicht andersartige Berührungen und Wahrnehmungen. Je offener und direkter die Beteiligten ihre Bedürfnisse kommunizieren, desto lustvoller kann die Begegnung werden. Der Partner kann zur Stabilisation beitragen, oft hilft nur eine kleine Unterstützung zum Lagewechsel. Auch Keile, Kissen, beispielsweise unter der Hüfte der Frau, oder an der Zimmerdecke angebrachte Schlingen sind nützliche Hilfsmittel. Rider Rider 1 (Quelle: IntimateRider) Rider 2 (Quelle: IntimateRider) Querschnittgelähmte Männer können mit dem „Rider“ ohne körperliche Anstrengung den aktiven Part im Liebesspiel übernehmen. Eine spezielle Konstruktion beim Sitz sorgt dafür, dass eine leichte Verlagerung des Oberkörpers das Becken vor und zurück gleiten lässt. So entsteht eine natürliche, flüssige Intimbewegung. Die Bank dient dazu, dass sich der Geschlechtspartner in optimaler Höhe befindet. Lagerungskissen Lagerungskissen 1 (Quelle: IntimateRider) Lagerungskissen 2 (Quelle: IntimateRider) Lagerungskissen 3 (Quelle: IntimateRider) Bedingungen für das Sexualleben Wer sich entspannen kann und sich von der eigenen Angst – und jener des Partners – nicht zu sehr verunsichern lässt, hat gute Voraussetzungen für ein erfülltes Sexualleben. Ein produktiver Umgang mit Angst erlaubt Experimentierfreude, Neugierde und Offenheit für lustvolle Erfahrungen. Dies kann sich auf den physischen Zustand beziehen, auf die Position, in der man sich wohl fühlt und attraktiv findet sowie auf die Art der Stimulierung, die man sich wünscht. Freude am Experimentieren lässt sich auch in Bezug auf die Umgebung einbringen, auf die Gestaltung, Temperatur oder Beleuchtung des Raums oder auf notwendige Hilfsmittel. Auch ein informatives Gespräch mit dem Partner kann eine wichtige Voraussetzung darstellen. Der querschnittgelähmte Mensch muss lernen, auf Faktoren und Bedingungen zu achten, die vor seiner Behinderung keine Bedeutung hatten oder ignoriert werden konnten. Dieser bewusste Umgang mit den eigenen Bedürfnissen, sie zu kennen und auch durchzusetzen kann eine grosse Bereicherung und einen enormen Entwicklungsschritt zu einer erfüllten Sexualität darstellen. Lustkiller Angst Die durch eine Querschnittlähmung veränderte körperliche Situation kann zuerst einmal sehr viel Angst machen: Angst vor Versagen, Angst vor Nichtgefallen und -genügen, Angst vor Inkontinenz oder Angst vor Spastik. Diese Ängste können dazu führen, dass Betroffene eine erotische Situation als anstrengend und nicht lustvoll erleben. Auf Dauer kann so das Interesse an Sexualität verloren gehen. Deshalb müssen Betroffene, ihre Partner und das ganze Rehabilitationsteam über die Probleme informiert sein. Nur so können Ängste angesprochen und diskutiert und Lösungen gesucht werden. Bleiben diese Themen unerwähnt, werden sie tabuisiert. „Was man tabuisiert, kann man nicht gestalten“ (Moeller, 1998). Angst vor Inkontinenz Das Managen der Blasen- und Darmfunktion ist von grosser Wichtigkeit. Querschnittgelähmte Menschen lernen ihren Körper mit den Jahren sehr genau kennen und achten darauf, vor dem Sex die Blase (eventuell auch den Darm) zu entleeren, die Trinkmenge zu reduzieren und eine Unterlage bereit zu halten. Zur Entspannung trägt auch bei, dass der Geschlechtspartner informiert ist, dass ein «Unglück» geschehen könnte und der Betroffene weiss, wie sein Partner darauf reagiert. Ausserdem findet Sex ohnehin niemals ohne Ausscheidungen wie Schweiss, Speichel und Samenflüssigkeit statt. Man sollte sich bewusst sein, dass Speichel sehr viel unhygienischer ist als frischer Urin. Sexualität muss auch nicht nur im Schlafzimmer stattfinden: Eine Wiese, die Dusche oder die Badewanne sind wunderbare Orte, an denen die Angst vor Inkontinenz vergessen werden kann. „Die meisten Menschen haben nach einer Rückenmarksverletzung verständlicherweise Angst vor unwillkürlichem Stuhlabgang. Wenn sie ein regelmässiges Schema zur Darm- und Blasenentleerung verfolgen, gibt es jedoch keinen Grund, warum sexuelle Aktivität dieses Schema durcheinanderbringen sollte. […] Das Wichtigste ist, mit Ihrem Partner über dieses Thema zu sprechen und vorbereitet zu sein, falls doch etwas passieren sollte. Legen Sie ein Handtuch bereit. Wenn Ihr Partner Ihre Bedenken kennt, kann das Ihre Anspannung verringern und Ihren sexuellen Genuss steigern“ (Ducharme & Gill, 2006). Angst, keine Erektion zu haben Trotz aller Hilfsmittel und Medikamente bleibt die Angst bei vielen Männern bestehen, keine Erektion zu bekommen. Zu sehr sind Bilder von hochpotenten Männern verinnerlicht und Sex wird oft mit Hochleistungssport verwechselt. Sex ist aber keine olympische Disziplin, es geht nicht um höher, schneller, besser, es muss nicht einmal ein Ziel erreicht werden. Männer denken oft, eine Frau würde sie verlassen, wenn sie keine „anständige Erektion“ zustande brächten. Von wegen! Welche Frau würde nicht liebevoll damit umgehen: Lass uns mal schmusen, trödeln, albern, uns gegenseitig massieren, uns liebe Dinge sagen und eng umschlungen Musik hören. Männer mit erektiler Dysfunktion müssen ihre Funktionsstörung unbedingt ihrem (neuen) Partner mitteilen. Sie können nicht davon ausgehen, dass alle über Erektionsstörung und Querschnittlähmung informiert sind. Das Ausbleiben einer Erektion in einer erotischen Situation könnte der Partner eventuell auf sich beziehen und annehmen, dass sie/er nicht attraktiv ist, nicht gefällt und ihn nicht erregt. Angst vor Spasmen und Spastik Spasmen sind unwillkürliche Muskelbewegungen, häufig als Zittern wahrgenommen, die durch verschiedene Stimuli wie Lagewechsel, volle Blase, Berührung der Haut, sexuelle Erregung oder völlig unberechenbar in den gelähmten Körperteilen auftreten können. Für die Sexualität können Spasmen hinderlich sein, wie beispielsweise beim Finden einer bestimmten Stellung, sie können aber auch genutzt werden, um eine bessere Erektion zu erreichen oder Beckenbewegungen zu ermöglichen. Spastik (erhöhte Körperspannung) lässt sich meist durch eine Positionsveränderung oder eine Massage beenden. Grundsätzlich ist es sehr sinnvoll, dass der Geschlechtspartner über das mögliche Auftreten von Spastik oder Spasmen informiert ist. Angst vor autonomer Dysreflexie Manipulationen an den Geschlechtsteilen, Sexualverkehr, gynäkologische Untersuchungen, die letzte Phase der Schwangerschaft und die Geburt können eine autonome Dysreflexie auslösen. Die Symptome sind Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, kaltschweissige Haut oberhalb der Lähmungshöhe, rotes Gesicht und ein schnell ansteigender Blutdruck mit gleichzeitig abfallendem Puls. Die Therapie besteht in der Beseitigung der Ursache, z.B. der Stimulation der Genitalien; ist dies nicht möglich, empfiehlt sich eine Blutdrucksenkung mittels Medikamenten. In den meisten Fällen klingen die Symptome sofort ab, sobald mit der Stimulation aufgehört wird. Die Betroffenen benötigen eine genaue und einfühlsame Aufklärung, was im Fall einer autonomen Dysreflexie getan oder unterlassen werden muss und welche Vorkehrungen getroffen werden müssen. Sexualbegleitung und Sexualassistenz Menschen mit einer Behinderung kann der Zugang zu einer partnerschaftlichen Sexualität oder zur Selbstbefriedigung schwerer fallen als nicht behinderten Menschen. Da das Pflegepersonal nicht sexuell assistieren darf oder will, haben sich als Sonderform der Prostitution die Sexualassistenz und die Sexualbegleitung entwickelt. Sexualbegleiter ermöglichen ihren Kunden ein erotisch-sinnliches Erlebnis durch Berühren, Halten, Streicheln oder in den Arm Nehmen. Dabei geht es um Nähe und Geborgenheit, um Beziehung und Kontakt, um Wärme, Zärtlichkeit, Lust und sexuelle Befriedigung. Sexualbegleitung kann Behinderten auch helfen, erste sexuelle Erfahrungen zu machen. Meist bieten Sexualbegleiter keinen Geschlechts- oder Oralverkehr an. Bei der passiven Sexualassistenz geht es um die Besorgung von sexuellen Utensilien wie Pornofilmen oder Vibratoren bzw. um vorbereitende Tätigkeiten wie den Transport zu einer Prostituierten, das Entkleiden für den Geschlechtsverkehr oder die Unterstützung bei der Kontaktherstellung zu einem Partner oder einer Prostituierten. Die meisten Institutionen (Krankenhäuser, Pflegeheime etc.) sind weder räumlich noch von Seiten der Mitarbeiterinformation auf derartige Angebote eingerichtet, daher muss Sexualassistenz im privaten Rahmen organisiert werden. Entsprechende Angebote mit speziell geschulten Sexualbegleitern sind z.B. im Internet verfügbar. Häufig gestellte Fragen Können die Medikamente, die ich jeden Tag einnehmen muss, Auswirkungen auf meine Libido haben? Ja, es gibt Medikamente, von denen bekannt ist, dass sie die Libido vermindern. Wenn Sie das Gefühl haben, dass dies bei Ihnen der Fall ist, ist es allerdings wichtig, dass Sie nur in Rücksprache mit Ihrem Urologen Änderungen an Ihrer Medikation vornehmen. Nie selbständig einfach Medikamente weglassen! Literaturvorschläge und DVDs Sexualität trotz(t) Handicap Autoren: Christiane Fürll-Riede, Ralph Hausmann, Wolfgang Schneider Verlag: Georg Thieme Verlag, Stuttgart Erscheinungsjahr: 2001 ISBN: 978-3131182111 Sexualität bei Querschnittlähmung Antworten auf Ihre Fragen Autoren: Stanley H. Ducharme, Kathleen M. Gill Verlag: Verlag Hans Huber, Bern Erscheinungsjahr: 2006 ISBN: 978-3456839332 Sexualität und Behinderung: Umgang mit einem Tabu Autoren: Hans-Peter Färber, Wolfgang Lipps, Thomas Seyfarth Verlag: Attempto Verlag, Tübingen Erscheinungsjahr: 1998 ISBN: 978-3893082933 Hautnah Neue Wege der Sexualität behinderter Menschen Autor: Lothar Sandfort Verlag: AG SPAK Bücher, Neu-Ulm Erscheinungsjahr: 2007 ISBN: 978-3930830305 Behinderung und Sexualität: Probleme und Lösungsmöglichkeiten Autor: Hermann B. Offenhausen Verlag: Reha-Verlag, Remagen Erscheinungsjahr: 2006 ISBN: 978-3882390612 Sexualität und Querschnittlähmung Nicht vorbei Die Therapie neurogener Sexualstörungen Praktische Ratschläge für den Alltag (DVD) Bezugsquelle:Dr. med. Dieter Löchner-Ernst BG Unfallklinik D-82418 Murnau www.nichtvorbei.de e-Mail: info@nichtvorbei.de Tantra & Selbsterkenntnis für Paare (DVD) Regisseur: Dirk Liesenfeld Studio: Intimatefilm (AL!VE) Erscheinungsjahr: 2011 Referenzen: Ducharme, S.H. & Gill, K.M. (2006): Sexualität bei Querschnittlähmung. Antworten auf Ihre Fragen. Bern: Verlag Hans Huber. Moeller, M.L. (1998): Worte der Liebe: Erotische Zwiegespräche. Ein Elixier für Paare. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Zur Autorin: Therese Kämpfer ist Verantwortliche Patientenbildung in der Abteilung Pflegeentwicklung und Bildung am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil/Schweiz, wo sie seit 1999 arbeitet. Sie ist Mitautorin der Standardwerke zu Querschnittlähmung "Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung" (Hrsg. Ute Haas) und "Paraplegie. Ganzheitliche Rehabilitation" (Hrsg. Guido A. Zäch & Hans Georg Koch).   aktualisiert: Dezember 2013
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Lubrikation (Befeuchtung der Scheide) Als Lubrikation wird der Austritt von Gleitflüssigkeit in der Scheide bezeichnet, die bei sexueller Erregung aus Drüsen abgesondert wird. Sie tritt während der Haupterregungsphase auf und erleichtert das Eindringen des Penis. Bei einer querschnittgelähmten Frau können die körperlichen Zeichen der sexuellen Erregung je nach Lähmungshöhe vermindert auftreten oder ganz fehlen. Dies bedeutet aber nicht, dass sie keine Lust empfindet. Psychogene Lubrikation Anziehungskraft und Ausstrahlung eines Partners sind wirksame psychische Reize, die zu einer Lubrikation führen können. Gerüche, optische und akustische Reize wie auch eigene Fantasien, Erwartungen und sexuelle Wünsche können ebenfalls eine psychogene Lubrikation auslösen. Die Bewertung dieser Stimulationen erfolgt im Gehirn. Von dort aus werden die Informationen über Nervenfasern ins Rückenmark und schliesslich zur Scheide geleitet; es kommt zur Lubrikation. Bei Frauen mit einer Querschnittlähmung kann prinzipiell eine psychogene Befeuchtung auftreten, wenn die Lähmungshöhe unterhalb Th11 liegt, bei einer kompletten Lähmung oberhalb Th11 eher nicht. Reflexogene Lubrikation Reflexogene Lubrikationen entstehen durch direktes Stimulieren im Genitalbereich. Die Reize werden ins Reflexzentrum im Rückenmark weitergeleitet und verarbeitet. Von dort aus gelangen sie durch Nervenfasern wieder zur Vagina und leiten die Befeuchtung ein. Eine Reflexlubrikation ist nur bei einer Querschnittlähmung oberhalb des Reflexzentrums (S2-5) möglich. Frauen mit kompletter, tiefer Querschnittlähmung haben keine Reflexlubrikation. Es gibt jedoch zahlreiche Ausnahmen, so dass immer geltende Aussagen schwer zu treffen sind. Hilfsmittel Wenn die Scheide zu wenig feucht wird, erleichtert ein Gleitmittel das Einführen des Gliedes oder von Sex-Hilfsmitteln in die Vagina. Dazu können Öle, Vaseline oder Gleitmittel auf Wasser- oder Silikonbasis verwendet werden. Bei gleichzeitiger Verwendung von Kondomen sollten keine fetthaltigen Gleitmittel verwendet werden, da sie mikroskopisch kleine Risse im Latex-Kondom verursachen können. Somit scheiden Öle und Vaseline für Safer Sex aus. Gleitcremes sind in Apotheken, Drogerien, Supermärkten und Erotik-Shops erhältlich. Orgasmus Der Orgasmus kann je nach Lähmungshöhe weiterhin auftreten oder ausbleiben. Querschnittgelähmte Frauen spüren die physische Erregung in den Genitalien und im Beckenbereich nicht mehr so intensiv wie vor Eintritt der Lähmung. Der Orgasmus wird entweder verändert wahrgenommen, beispielsweise durch ein Wohl- oder Wärmegefühl im Becken, überhaupt nicht empfunden oder als unangenehm wahrgenommen, beispielsweise durch das Auftreten einer Bein- und Bauchspastik oder einer autonomen Dysreflexie. Ausserdem vergeht mehr Zeit bis der Orgasmus erreicht wird als vor Eintritt der Lähmung. „Frauen berichten von einem Orgasmus, den sie als 'Para-Orgasmus' beschreiben. Dies bedeutet, dass der Orgasmus, den sie erleben, sich von dem genitalen Orgasmus unterscheidet und eine ganz eigene Qualität hat. Es kann eine Kombination aus körperlichen Empfindungen, emotionaler Reaktion, Erinnerungen, Fantasien und visuellen und/oder auditiven Stimulationen sein und somit mehr eine ganzheitliche Körpererfahrung als eine nur auf den Genitalbereich bezogene sein“ (Ducharme & Gill, 2006). Fruchtbarkeit Kurz nach dem Eintreten einer traumatisch bedingten Querschnittlähmung kann die Menstruation ausfallen, sie setzt aber nach zwei bis zwölf Monaten wieder ein. Eine Empfängnis ist bei einer querschnittgelähmten Frau problemlos möglich, da die notwendigen Funktionen nicht über das Rückenmark gesteuert werden: Die Eizellen sind bereits bei der Geburt der Frau im Eierstock angelegt, die Eireifung und der Eisprung sind hormonell gesteuert und der Transport der Eizelle durch die Eileiter in die Gebärmutter wird durch unwillkürliche Muskelbewegungen des Eileiters und durch die Bewegung der Flimmerhärchen gewährleistet. Verhütungsmittel Trotz anfänglichem Ausbleiben der Menstruation ist die Frau nach Eintritt einer Querschnittlähmung nicht unbedingt vor einer Schwangerschaft geschützt. Daher sollte verhütet werden. Grundsätzlich sind alle gängigen Verhütungsmethoden bei Frauen mit Querschnittlähmung möglich. Da die unterschiedlichen Möglichkeiten Vor- und Nachteile haben, ist es wichtig, die Wahl mit der Gynäkologin zu besprechen: Hormonelle Antikonzeption mit Östrogenen (Pille) erhöht das Thromboserisiko. Temperaturmessungen sind eventuell zu ungenau, da die Temperatur durch wiederkehrende Infekte oder durch die Temperaturregulationsstörungen bei einer Tetraplegie verändert sein kann. Mirena Empfohlen wird die Hormonspirale Mirena, welche ihre Wirkung lokal in der Gebärmutter entfaltet und eine langanhaltende, sehr sichere Schwangerschaftsverhütung gewährleistet. Ein elastischer Kunststoffzylinder, der direkt in die Gebärmutterhöhle eingelegt wird, enthält ein Hormon, das seit Jahren in vielen empfängnisverhütenden Pillen verwendet wird. Damit ist eine langsame und gleichmässige Freisetzung des Hormons direkt in die Gebärmutter gewährleistet, wo es seine Wirkung entfaltet. Die Hormonbelastung des restlichen Körpers ist dadurch sehr gering (ca. 20 Mal geringer als unter einer Mikropille), entsprechend finden sich weit weniger Nebenwirkungen als bei der Pille. Hormonspirale Mirena Wie wirkt Mirena? Hormonspirale Mirena in der Gebärmutter (Quelle: Bayer HealthCare) Durch die Hormoneinwirkung verdickt sich der Schleimpfropf im Gebärmutterhals. Die Spermien können somit nicht mehr in die Gebärmutter vordringen. Die Spermienbeweglichkeit wird gehemmt. Das Hormon vermindert das monatliche Wachstum der Gebärmutterschleimhaut. Damit kann sich eine Eizelle nicht mehr einnisten und die Monatsblutungen verringern sich auf natürliche Weise. Das Wegfallen der Monatsblutung hat zur Folge, dass keine Tampons oder Binden mehr gewechselt werden müssen. Schwangerschaft Frauen mit einer Querschnittlähmung können eine ganz normale Schwangerschaft haben; einige Dinge müssen jedoch beachtet bzw. durchgeführt werden: frühestmögliche Kooperation zwischen Gynäkologen, Paraplegiologen und Hebamme. Abklärung der Medikamente auf mögliche Schädigung des Embryos. Physiotherapie, Hochlagern der Beine, Stützstrümpfe oder Medikamente zur Thromboseprophylaxe. Anleitung der Schwangeren zum Selbstabtasten des Bauches, um die Wehentätigkeit zu kontrollieren (Bauch wird hart, Uterus wölbt sich nach vorne). Bei fehlender Sensibilität muss die Frau wissen, welche Zeichen sie als mögliche Wehentätigkeit interpretieren kann. Die meisten Frauen kennen ihren Körper sehr genau und wissen, welche Ersatzsymptome für Schmerzen auftreten wie beispielsweise Spastik, Druckgefühl, Kopfschmerzen, Gänsehaut oder Schwitzen. Anpassen der Hilfsmittel, z.B. Verbreiterung des Rollstuhls, Anpassung des Sitzkissens zur Dekubitusprophylaxe wegen Gewichtszunahme, unterfahrbares Kinderbett. Auf Symptome der autonomen Dysreflexie achten: Je näher der Geburtstermin rückt, desto höher ist die Gefahr ihres Auftretens. Anpassen des Geburtstermins: Frauen mit Querschnittlähmung gebären in der Regel vor dem errechneten Termin. Tetraplegikerinnen entbinden erfahrungsgemäss 24 Tage früher, bei Paraplegikerinnen ist der Entbindungszeitpunkt durchschnittlich fünf bis sechs Tage vorverlegt. Dies stellt für das Kind normalerweise kein Problem dar. Für die Mutter bringt dies den Vorteil, dass die letzten und beschwerlichsten Schwangerschaftswochen wegfallen. Geburt Die Entbindung kann grundsätzlich auch ohne die Möglichkeit der Mutter, aktiv mitzupressen, spontan und unkompliziert verlaufen. Der Uterus besitzt nämlich ein selbständiges Reizleitungssystem, das die Geburt entscheidend beeinflusst. Durch die meist vollständige Entspannung der Bauch- und Beckenbodenmuskulatur wird der Geburtsvorgang erleichtert. Bei verzögerter Austreibungsphase ist die vaginale, instrumentelle Entbindung ratsam (Zangengeburt, Saugglocke). Die Indikation zum Kaiserschnitt unterscheidet sich nicht von der bei Frauen ohne Rückenmarksverletzung. Schwieriger verhält es sich bei hoch gelähmten Para- und Tetraplegikerinnen mit autonomen Dysreflexien. Diese können sich in Kopfschmerzen, Schweissausbrüchen, Pulsverlangsamung und Beeinträchtigung der Nasenatmung durch Schleimhautschwellung äussern. Auf Grund dieser möglichen Komplikationen sollte die Geburt bei Frauen mit einer Lähmung auf der Höhe Th6 oder oberhalb unter Regionalanästhesie erfolgen. Schwangerschaftsabbruch Ein medikamentöser wie auch ein operativer Abbruch durch Absaugen (Aspiration) oder Ausschaben (Curettage) sind möglich. Dies sollte auch bei einer Frau mit sensibel kompletter Lähmung zur Vermeidung einer autonomen Dysreflexie unter Anästhesie durchgeführt werden. Vorsorgeuntersuchungen Die jährliche Vorsorgeuntersuchung gehört auch bei einer Frau mit Querschnittlähmung zur Gesundheitsvorsorge. Allerdings gibt es wenige gynäkologische Praxen, die über die nötige Infrastruktur und ausgebildetes Hilfspersonal verfügen, das beim An- und Ausziehen sowie beim Transfer angemessen helfen kann und darüber hinaus über Wissen zu spastischen Reaktionen und Gelenkseinschränkungen in den Hüften verfügt. Ausserdem kann es während der vaginalen Untersuchung zu einer autonomen Dysreflexie kommen. Der Gynäkologe sollte zeitig über die möglichen Komplikationen informiert werden. Referenz: Ducharme, S.H. & Gill, K.M. (2006): Sexualität bei Querschnittlähmung. Antworten auf Ihre Fragen. Bern: Verlag Hans Huber. Zur Autorin: Therese Kämpfer ist Verantwortliche Patientenbildung in der Abteilung Pflegeentwicklung und Bildung am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil/Schweiz, wo sie seit 1999 arbeitet. Sie ist Mitautorin der Standardwerke zu Querschnittlähmung "Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung" (Hrsg. Ute Haas) und "Paraplegie. Ganzheitliche Rehabilitation" (Hrsg. Guido A. Zäch & Hans Georg Koch).   aktualisiert: Dezember 2013
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Erektile Dysfunktion Bei Männern mit einer Querschnittlähmung kann es zu Erektionsproblemen kommen, die auch „erektile Dysfunktion“ genannt werden. Hierbei handelt es sich um die anhaltende Unfähigkeit, eine für den Geschlechtsverkehr ausreichende Erektion zu erreichen und aufrecht zu erhalten. Ihr Auftreten ist stark von der Höhe und der Vollständigkeit der Querschnittlähmung abhängig. Im Allgemeinen gilt: Je höher das Lähmungsniveau, desto grösser die Chancen, eine vollständige Reflexerektion zu erreichen und aufrecht zu erhalten. Bei einer tiefen Lähmung besteht dafür die Möglichkeit einer psychogenen Erektion. Spastisch gelähmte Männer haben eine grössere Chance, eine Erektion zu erreichen, als Männer mit einer schlaffen Lähmung. Erektionsstörungen können sich auf verschiedene Weise zeigen: Spontane, nächtliche oder morgendliche Erektionen fehlen; der Penis wird auf sexuelle Reize hin nicht steif oder nicht steif genug, um ihn einzuführen; die Erektion ist nur von kurzer Dauer und lässt nach, bevor oder kurz nachdem der Mann in den Geschlechtspartner eindringen kann. Die verschiedenen Erektionstypen Psychogene Erektion Anziehungskraft und Ausstrahlung des Geschlechtspartners sind wirksame psychische Reize, die zu einer Erektion führen können. Gerüche, optische und akustische Reize wie auch eigene Fantasien, Erwartungen und sexuelle Wünsche können ebenfalls eine psychogene Erektion auslösen. Die Bewertung dieser Stimulationen erfolgt im Gehirn. Von dort aus werden die Informationen über Nervenfasern ins Rückenmark und schliesslich zum Penis geleitet; es kommt zur Erektion. Bei Männern mit einer Querschnittlähmung kann prinzipiell eine psychogene Erektion auftreten, wenn die Lähmungshöhe unterhalb Th11 bis L2 liegt. Die Erektion ist allerdings nur stabil, solange die Stimulation im Gehirn andauert, und daher meist von kurzer Dauer, falls eine ergänzende Reflexerektion (siehe nächster Abschnitt) nicht möglich ist. Reflexogene Erektion Reflexogene Erektionen entstehen durch direkte Berührungen und Zärtlichkeiten im Genitalbereich. Die Reize werden ins Reflexzentrum im Rückenmark weitergeleitet und verarbeitet. Von dort aus gelangen sie durch Nervenfasern wieder zum Penis und leiten die Erektion ein. Eine Reflexerektion ist nur bei einer Querschnittlähmung oberhalb des Reflexzentrums (S2-5) möglich. Falls das Signal vom Gehirn fehlt (psychogene Erektion, siehe vorheriger Abschnitt), muss anhaltend stimuliert werden, um die Erektion zu erhalten. Diese ist dann oft ungenügend und dauert zu kurz für den Geschlechtsverkehr. Die grösste Wahrscheinlichkeit, dass beide Erektionsarten möglich sind, besteht bei einer Lähmungshöhe zwischen Th11 und S1. Es gibt jedoch zahlreiche Ausnahmen, so dass immer geltende Aussagen schwer zu treffen sind. Hilfsmittel bei erektiler Dysfunktion Medikamente Die Behandlung der erektilen Dysfunktion erfolgt heute überwiegend mit Medikamenten. Die Medikamente der ersten Wahl stammen aktuell aus der Gruppe der Phosphodiesterase-5-Hemmer. Sildenafil (Viagra) ist seit 1998 verfügbar und hat in zahlreichen Studien auch bei Paraplegikern eine ausgezeichnete Wirkung gezeigt. Weitere Medikamente aus der gleichen Stoffgruppe sind Tadalafil (Cialis) und Vardenafil (Levitra, Vivanza). Prinzipiell sind diese Medikamente ähnlich aufgebaut. Allerdings bedeutet dies nicht, dass, wenn eines dieser Präparate nicht den gewünschten Erfolg erbracht hat, die anderen Präparate ebenfalls unwirksam sind. Tadalafil unterscheidet sich von den beiden anderen Präparaten durch seine längere Wirkdauer (36 Stunden im Vergleich zu 4-5 Stunden). Die Wirkung dieser Medikamente setzt nur in Abhängigkeit von sexueller Stimulation ein. Wichtig Diese Medikamente dürfen keinesfalls mit Nitroglyzerinpräparaten kombiniert werden, weil dies zu einer lebensbedrohlichen Verschlechterung der Herzdurchblutung führen kann. Nitroglyzerinpräparate (z.B. bei Blutdruckkrisen) werden aufgrund einer autonomen Dysreflexie relativ häufig bei querschnittgelähmten Menschen eingesetzt. Medikamente auf natürlicher Basis Es gibt Pflanzen mit potenzsteigernder Wirkung, wie zum Beispiel Ginseng oder Maca, ein Knollengewächs aus den peruanischen Anden. Die Blätter und die Rinde des Yohimbin-Baumes können bei Erektionsproblemen helfen. Die Wirkstoffe dieser Pflanzen sind in verschiedenen Medikamenten auf natürlicher Basis enthalten, die Maca-Knolle beispielsweise in Androxan600 Forte. Ein weiteres Medikament auf natürlicher Basis, das eine Potenzsteigerung bewirken soll, ist Libidoxin. Im Vergleich zu den Phosphodiesterase-5-Hemmern ist die Wirkung dieser Präparate jedoch meist weniger stark. Schwellkörper-Autoinjektions-Therapie (SKAT) SKAT ist seit der Einführung von neuen Medikamenten in Tablettenform nicht mehr die Therapie der ersten Wahl. Für einige Patienten ist sie jedoch immer noch eine wichtige Therapiemöglichkeit, besonders wenn die Medikamente nicht wirken oder nicht angewendet werden können. Bei der SKAT wird ein Wirkstoff (Alprostadil) in den Penis gespritzt. Diese Substanz verteilt sich im Schwellkörpergewebe und bewirkt dort durch Erschlaffung der Muskulatur einen vermehrten Bluteinstrom, einen verminderten Blutabstrom und somit schliesslich eine Erektion. Die Wirkung tritt unabhängig von einer sexuellen Stimulation ein. Bei Tetraplegikern kann der Geschlechtspartner instruiert werden, die Injektionen durchzuführen. Wie funktioniert SKAT? Schwellkörper-Autoinjektions-Therapie (SKAT) (Quelle: Onmeda) Der Schwellkörper wird mit einer Spritze punktiert: Nach sorgfältiger Reinigung und Desinfektion der Einstichstelle mit einem Alkoholtupfer wird das Medikament körpernah in den seitlichen Penisrücken gespritzt. Dabei sollte der Einstich in sichtbare Venen vermieden werden. Der Wirkungseintritt ist nach fünf bis zehn Minuten zu erwarten. Die Dosis sollte so gewählt werden, dass die Erektion nicht länger als 60 Minuten anhält. Die Einstichstellen und die Penisseiten müssen bei jeder Anwendung gewechselt werden. Bevor mit der ersten Anwendung durch den Patienten selbst begonnen werden kann, erfolgt eine Austestung der Dosis beim behandelnden Arzt. SKAT muss durch einen Urologen verschrieben werden. Mechanische Hilfsmittel Vakuum-Pumpe Die Vakuum-Pumpe ist eine mechanische Therapie. Die Vakuum-Erektionshilfe ist ein Kunststoff-Zylinder, der über den Penis gestülpt und fest an die Peniswurzel gedrückt wird. Mit einer Pumpe wird dann ein Unterdruck erzeugt, durch dessen Sog sich die Schwellkörper mit Blut füllen. Der Penis wird steif. Um die Erektion zu erhalten, wird nach dem Pumpen ein Penisring vom Zylinder auf den Penis übergestreift, der an der Peniswurzel den vorzeitigen Blutabfluss aus den Schwellkörpern verhindert. Bei Männern mit einer Querschnittlähmung ist diese Lösung in aller Regel nicht sehr erfolgreich, da der Penis oft an der Wurzel abknickt. Der Penisring muss nach dem Geschlechtsverkehr unbedingt entfernt werden, da es sonst zu Druckschäden oder Nekrosen kommen kann. Vakuum-Pumpe (Quelle: AMEDS Centrum/VEDI Clinic) Schwellkörper-Implantat Das Schwellkörper-Implantat („Penisprothese“) ist eine operative Therapie, bei der zwei Plastikzylinder in die Schwellkörper eingesetzt werden, die sich durch eine im Hodensack implantierte Pumpe bei Bedarf füllen lassen und somit eine mechanische Gliedversteifung erzielen. Risiken sind Infektionen und mechanische Defekte, zudem zerstört diese Operation einen grossen Teil des Schwellkörpers. Schwellkörper-Implantat (Quelle: AMEDS Centrum/VEDI Clinic) Veränderter Orgasmus Die Orgasmusfähigkeit ist bei einer Rückenmarksverletzung fast immer betroffen. Die rhythmischen, unwillkürlichen Muskelkontraktionen, die beim Orgasmus auftreten, können nach Eintritt einer Querschnittlähmung länger anhalten und von den Betroffenen als unangenehm empfunden werden. Bei einer Querschnittlähmung oberhalb Th12 gehen einem Orgasmus oft spastische Reaktionen in den Beinen voraus. Bei sensibel inkompletten Lähmungen können Orgasmusgefühle den Empfindungen vor dem Eintreten der Querschnittlähmung entsprechen. Querschnittgelähmte mit sensibel kompletter Lähmung im Genitalbereich erzählen, dass es möglich ist, einen „Orgasmus im Kopf“ zu erleben oder dass sich ein allgemeines Wohlbefinden und eine Entspannung einstellen kann, wie sie es von früher her kennen. Hier sind Fantasie, Abenteuerlust und Experimentierfreude der Betroffenen von grosser Bedeutung. Trotz verminderter oder erloschener Sensibilität gibt es Paraplegiker und Tetraplegiker, die einen Orgasmus erleben. Ejakulation Bei der Ejakulation spielen verschiedene Nerven zusammen. Nach Eintritt einer Querschnittlähmung ist dieses Zusammenspiel oft gestört und die Ejakulation beeinträchtigt. Sie ist nur tropfenweise vorhanden, entfällt ganz, oder findet rückläufig in die Harnblase statt (retrograde Ejakulation), wenn der Verschluss des Blasenhalses nicht funktioniert. Fruchtbarkeit Auch bei einer Querschnittlähmung kann ein Mann genetisch eigene Kinder haben. Sexualfunktionen wie Erektion und Ejakulation können trotz Querschnittlähmung erhalten bleiben, wie auch eine ausreichende Samenqualität. Bei eingeschränkten oder fehlenden Funktionen gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, einen Kinderwunsch zu erfüllen. Diese Möglichkeiten werden im nächsten Abschnitt beschrieben. Grundsätzlich wird empfohlen, dass sich ein Mann frühzeitig über seine Möglichkeiten informiert, da auch das biologische Alter der Frau bei einem Kinderwunsch ein wichtiger Faktor ist. Die Spermaqualität ist nach Eintritt einer Querschnittlähmung fast immer vermindert. Über die Ursachen der meist schweren Fertilitätsstörung liegen umfangreiche Studienergebnisse vor. Einflüsse von veränderten Lebensumständen wie erhöhte Hodentemperatur durch die sitzende Position eines Rollstuhlfahrers, seltene Ejakulationen, Harnwegsinfektionen, Antibiotika, histologische Veränderungen des Hodengewebes oder die Dauer der Lähmung konnten entgegen entsprechenden Annahmen nicht als Ursache bestätigt werden. Da alle Organe, welche die Spermaqualität beeinflussen, vom vegetativen Nervensystem kontrolliert werden, liegt die vermutete Ursache hier. Das Einfrieren des Sperma (Kryokonservierung) ist auf Wunsch grundsätzlich möglich. Dabei muss beachtet werden, dass durch das Auftauen des Depots die Mobilität und die Vitalität der Spermien gegenüber vor dem Einfrieren deutlich reduziert wurde. Da ausserdem die Qualität des Spermas nicht, wie früher angenommen, mit zunehmender Dauer der Querschnittlähmung schlechter wird, ist eine frisch gewonnene Spermaprobe vorzuziehen. Die Verwendung von eingefrorenem Sperma, um Kinder zu zeugen, ist aber prinzipiell möglich. Kinderwunsch Intrauterine Insemination Bei einer ausreichenden Anzahl an genügend beweglichen Spermien kann bei einem Kinderwunsch eine intrauterine Insemination (Samenzellübertragung mittels eines Katheters in die Gebärmutterhöhle der Frau) erfolgen. Jedoch ist die Anzahl der querschnittgelähmten Männer, die eine ausreichende Spermienqualität für diese Methode haben, gering. Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) Bei einer weniger guten Spermien-qualität, die aber noch einige mobile Spermien aufweist, kann eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) durchgeführt werden. ICSI ist eine Methode der künstlichen Befruchtung. Dabei wird die Samenzelle direkt in die Eizelle eingespritzt. Durch assistierte Ejakulation (siehe nächster Abschnitt) und ICSI sind auch bei querschnittgelähmten Männern Kinderwünsche realisierbar geworden, da pro Eizelle nur noch ein mobiles Spermium benötigt wird. Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) (Quelle: Kinderwunschzentrum Regio Basel) Zur Beurteilung der Spermaqualität ist ein Spermiogramm (Untersuchung der Spermien unter dem Mikroskop und Analyse der Spermaflüssigkeit) erforderlich. Gutes Spermiogramm Schlechtes Spermiogramm Eine Behandlung zur Verbesserung der Spermaqualität ist noch nicht bekannt. Zur Gewinnung des Spermas kann eine Vibratorstimulation des Penis eingesetzt werden. Durch Vibratorstimulation an der Eichel kommt es bei intaktem sakralem Reflexbogen zur Ejakulation. Lässt sich keine Ejakulation auf diese Weise auslösen, bleibt die Möglichkeit einer Elektrostimulation durch den Enddarm. Dabei werden über Elektroden, die in den Enddarm eingeführt werden, bestimmte Nerven stimuliert, was zu einem Ausfliessen des Spermas führt. Die Methode ist nicht an den intakten sakralen Reflexbogen gebunden und kann daher auch bei einer Paraplegie mit Läsionshöhe unter L3 eingesetzt werden. Ist auch diese Methode erfolglos, können Spermien durch einen operativen Eingriff aus dem Gewebe des Hodens entnommen werden. Häufig gestellte Fragen Können die Medikamente, die ich jeden Tag einnehmen muss, Auswirkungen auf meine Libido haben? Ja, es gibt Medikamente, von denen bekannt ist, dass sie die Libido vermindern. Wenn Sie das Gefühl haben, dass dies bei Ihnen der Fall ist, ist es allerdings wichtig, dass Sie nur in Rücksprache mit Ihrem Urologen Änderungen an Ihrer Medikation vornehmen. Nie selbständig einfach Medikamente weglassen! Werden die Medikamente für die Behandlung der Erektionsstörungen von der Versicherung bezahlt? Dies ist unterschiedlich geregelt. In der Schweiz werden die Tabletten in der Regel nicht bezahlt, die Spritzen (SKAT) hingegen schon. Kann ich zu jedem Urologen gehen, wenn ich unter Erektionsproblemen leide oder ich und meine Partnerin uns Kinder wünschen? Es empfiehlt sich, einen Urologen aufzusuchen, der grosse Erfahrung mit Querschnittlähmung besitzt. Am besten wenden Sie sich an Ihren behandelnden Urologen im Querschnittzentrum. Referenz: Ducharme, S.H. & Gill, K.M. (2006): Sexualität bei Querschnittlähmung. Antworten auf Ihre Fragen. Bern: Verlag Hans Huber. Zur Autorin: Therese Kämpfer ist Verantwortliche Patientenbildung in der Abteilung Pflegeentwicklung und Bildung am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil/Schweiz, wo sie seit 1999 arbeitet. Sie ist Mitautorin der Standardwerke zu Querschnittlähmung "Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung" (Hrsg. Ute Haas) und "Paraplegie. Ganzheitliche Rehabilitation" (Hrsg. Guido A. Zäch & Hans Georg Koch). aktualisiert: Dezember 2013
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