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Neuropathischer Schmerz

Schmerz ist eine grundlegende menschliche Erfahrung, die wir vielfach in unserem Leben machen, manchmal sogar täglich. Man schlägt sich den Kopf an, die Weisheitszähne drücken oder der Kopf brummt, wenn das Wetter umschlägt. Doch für viele Menschen mit einer Querschnittlähmung sind Schmerzprobleme weitaus gravierender, da das zentrale Nervensystem dauerhaft geschädigt ist. In wissenschaftlichen Studien hat man herausgefunden, dass ca. 58% der Menschen mit einer Querschnittlähmung bereits im ersten Jahr nach Auftreten der Lähmung an chronischem neuropathischen Schmerz leiden. Bei den meisten Personen verschlimmern sich die Symptome im Laufe der Jahre und viele berichten, dass ein permanentes Schmerzempfinden die Lebensqualität massgeblich vermindert. In manchen Fällen können alltägliche Aktivitäten und Aufgaben wie Arbeiten, Autofahren und das Ausüben von Hobbies so stark beeinflusst werden, dass eine aktive Teilnahme am sozialen Leben nur zeitweise möglich ist.

Was aber sind chronische neuropathische Schmerzen überhaupt? Ursachen für neuropathische Schmerzen können mechanische, toxische (Vergiftung), metabolische (stoffwechselbedingte) oder entzündliche Schädigungen des zentralen oder peripheren Nervensystems sein. Neuropathische Schmerzen unterscheiden sich somit von den sogenannten nozizeptiven Schmerzen, bei denen das Nervensystem intakt ist (wie z.B. bei Schmerzen des Kniegelenkes infolge von Gelenkverschleiss). Bekannte Beispiele für neuropathischen Schmerz sind Schmerzen im Bein bei Einklemmung einer Nervenwurzel durch einen Bandscheibenvorfall oder der sogenannte „Phantomschmerz“ nach Amputation einer Gliedmasse. Die Empfindung neuropathischer Schmerzen ist sehr unterschiedlich und reicht von kribbelnd, ziehend, elektrisierend über brennend, stechend, schneidend, bis hin zu einem sehr drückenden und beklemmenden Gefühl.

Bei einer Querschnittlähmung ist das Rückenmark geschädigt, das im Wirbelkanal verläuft und Teil des zentralen Nervensystems ist (gemeinsam mit dem Gehirn).

Neuropathischer Schmerz Neuropathischer Schmerz

Die Abbildung veranschaulicht die Beschaffenheit des neuropathischen Schmerzes bei Querschnittlähmung. An den Schmerzrezeptoren wird Schmerz durch eine Fehlfunktion bzw. Schädigung des Nervensystems wahrgenommen, obwohl keine lokale Verletzung (z.B. in den Beinen) aufgetreten ist. Das Schmerzzentrum im Gehirn kann die Nachricht, die über den peripheren Nerv geschickt wird, aufgrund der Querschnittlähmung nicht empfangen. Dennoch meldet es paradoxerweise eine chronische Schmerzempfindung, die meist unterhalb der Lähmungshöhe wahrgenommen wird.

Diagnose und Therapien

Eine genaue Diagnose und Beschreibung von Herkunft und Schmerzempfinden ist manchmal nicht möglich. Es ist jedoch bekannt, dass Stress, Überbelastung und psychische Probleme die Wahrnehmung von Schmerzen verstärken können. Wie aber kann neuropathischer Schmerz behandelt werden? Experten der Schmerzforschung beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Suche nach umfassenden Therapiemöglichkeiten. Auch hier gibt es sehr vielfältige und unterschiedliche Ansätze und eine generelle Einschätzung ist nur schwer möglich. Zu verschieden sind die Ausprägungen und Ursachen für den Schmerz und jeder Mensch reagiert anders auf körperliche Reize.

In den meisten Fällen versucht man, mit medikamentösen Massnahmen die Beschwerden zu lindern. Es kann allerdings ein wenig dauern, bis die richtige „Mischung“ und Dosierung der Medikamente gefunden wird. Manchmal ist ein stationärer Aufenthalt in einer Spezialklinik zur Schmerztherapie ratsam, um in Ruhe unter fachkundiger Betreuung verschiedene Möglichkeiten abzuklären.

Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass ein interdisziplinärer Ansatz häufig gute Erfolge verspricht. So ist es neben den richtigen pharmakologischen Massnahmen gleichermassen wichtig, dass Menschen, die unter neuropathischem Schmerz leiden, lernen, damit umzugehen. Mit Hilfe von Physiotherapie, Kunst- und Musiktherapie, aber auch Sport, Feldenkrais (spezielle Bewegungslehre) und der Hippotherapie (therapeutisches Reiten), ist es möglich, Strategien zu finden, um den Schmerz „auszuschalten“ und gleichzeitig an freudvollen Aktivitäten mit Anderen teilzunehmen. Sich eine stressfreie Umgebung zu schaffen, ist ein weiterer Schritt, um die Schmerzen „im Zaum“ zu halten.

Wenn Sie genauere Informationen zu Schmerz erhalten wollen, wenden Sie sich an eine Schmerzgesellschaft oder an ein Zentrum für Schmerzmedizin und lassen Sie sich professionell beraten.

Weiterführende Informationen im Internet:

Referenzen

  • Budh C, Kowalski J, Lundeberg T. A comprehensive pain management programme comprising educational, cognitive and behavioral interventions for neuropathic pain following spinal cord injury. J Rehabil Med. 2006;38:172-80.
  • Cardenas DD, Rosenbluth J. At-and Below-Level Pain in Spinal Cord Injury: Mechanisms and Diagnosis. Top Spinal Cord Inj Rehabil. 2001;7(2):30-40.
  • Richards J, Siddall P, Bryce T, Dijkers M, Cardenas DD. Spinal Cord Injury Pain Classification: History, Current Trends, and Commentary. Top Spinal Cord Inj Rehabil. 2007;13(2):1-19.
  • Störmer S, Gerner HJ, Grüninger W, Metzmacher K, Föllinger S, Wienke Ch, Aldinger W, Walker N, Zimmermann M, Paeslack V. Chronic pain/dysaesthesiae in spinal cord injury patients: results of a multicentre study. Spinal Cord. 1997;(35):446-55.

aktualisiert: Dezember 2013