Als einen Mann in einem „Wägelchen“ bezeichnete Helmut Kohl, der in Deutschland von 1982 bis 1998 als Bundeskanzler regierte, Wolfgang Schäuble. Der war in Kohls Regierung immerhin Innenminister und einer seiner engsten Parteifreunde.

Eigentlich war angedacht, dass Schäuble 1998 Kohls Nachfolger würde. Dazu kam es aber nicht. Kohl drängte seinen treuen Kumpanen im „Wägelchen“ zurück und kandidierte 1998 zum sechsten Mal selbst.

Auch einem vermeintlichen Tausendsasa wie Schäuble kann es schaden, dass er im Rollstuhl sitzt. Selbst er, der trotz einer kompletten Paraplegie auf Höhe von TH6 und seinem Alter von 72 Jahren heute der mächtigste Finanzminister Europas ist, wird nicht ganz ernst genommen, wenn es wirklich drauf ankommt.

Subtile Mechanismen der Ausgrenzung bestehen auch in modernen Gesellschaften, und das wird auch so bleiben. Wer Auffälligkeiten hat, ist ihnen ausgesetzt.

Dabei haben es Rollstuhlfahrer vergleichsweise gut. Der Rollstuhl ist derart auffällig, dass er auch das Gegenteil von Ausgrenzung bewirken kann, nämlich Anteilnahme und Hilfsbereitschaft. Im Alltagsleben müssen wir als Rollstuhlfahrer lernen, mit beiden Reaktionsmustern umzugehen. Noch besser ist es, damit zu spielen: Mit gesundem Stolz können wir bei borstigen Mitmenschen Gefühle der Anteilnahme auch wecken. In der Arbeitswelt ist das aber wesentlich schwieriger, denn dort zählt Leistung mehr als eine positive Ausstrahlung. Wer an unserer Leistungsfähigkeit zweifelt, setzt nicht auf uns. Dieser demütigenden Erfahrung kann sich auch ein Schäuble nicht entziehen.

Das „Wägelchen“ ist und bleibt eine Last – auch wenn wir wie Schäuble uns selbst und andern vortäuschen, dem sei nicht so.

Kommentare (0)

Noch keine Kommentare vorhanden.
Sei der Erste, der dies kommentiert!

Beitrag bewerten