Seit jeher gehören zu unseren menschlichen Gesellschaften Gruppierungen, die gemeinsame Auffälligkeiten und besondere Bedürfnisse haben. Seit jeher ähneln sich auch die Antworten auf diese sozialen Herausforderungen, und sie folgen wiederkehrenden Verhaltensmustern. Bestimmend sind der Zeitgeist, das Geld und unser Wille, auf einander zuzugehen.

Im Umgang mit Alten, aber auch Behinderten reicht das Handlungsspektrum von Bewunderung mit rituellen Ehrbezeugungen bis zur mutwilligen und lebensgefährdenden Ausgrenzung. Hat das Pendel wieder mal zu fest ausgeschlagen, wendet es sich zwangsläufig. Auch die jüngste Geschichte veranschaulicht das: Mit umfassenden Vorsorge- und Versicherungssystemen haben wir die Last des Alters und von Gebrechen mit Geld aufgewogen. Jetzt zeigt sich, dass dieses Geld schon bald nicht mehr reicht, und das Interesse an Alten und Invaliden klingt wieder ab.

Sie sollen sich selbst um ihr Wohlergehen kümmern, lautet die neue Losung. Sie deckt sich wunderbar mit dem zeitgenössischen Anspruch, sich immer emanzipiert und unabhängig zu geben. So ist der greise Grossvater, der sich als Privatmann natürlich alleine zu helfen weiss, ein unverwechselbares Produkt unserer Zeit geworden. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten kamen private Lösungen für die alternde obere Generation nur mit Unterstützung von familiären Strukturen und in deren Rahmen zustande. Auch schwächere und invalide Familienmitglieder, oft auch die ledig Gebliebenen, konnten auf Dauer nur im Familienverband bestehen.

Bekannt ist das verklärte Stöckli, wo die Eltern des Berner Bauern wohnten. In Städten gab es die Generationen übergreifenden Grossfamilien, die je nach Status grössere oder kleinere Liegenschaften gemeinsam bewohnten. Zeitgenössische Anlehnungen an diese Wohnform sind und andere privat organisierte Gemeinschaften von Menschen, die sich gegenseitig helfen. Weit weniger bekannt ist aber, wie gut denn die Stimmung in all diesen Lebensgemeinschaften war und ist.

Wir müssen achtsam sein, denn Seelenlosigkeit kann in allen Wohnstrukturen vorherrschen. Überall können Menschen vereinsamen und förmlich zugrunde gehen, denn wenn's darum geht, andere auszugrenzen, waren und sind wir Menschen sehr erfinderisch. Welche Wohnform für alte und behinderte Menschen die beste ist, lässt sich kaum abschliessend bestimmen. Trotzdem glaubt jede Generation von neuem, Patentlösungen gefunden zu haben. Dabei geht unter, dass es letztlich die Atmosphäre ist, die zählt.

Kommentare (5)

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Lieber Herr Vischer.
Ich bin neu in diesem Forum. Sie sprechen mir aus der Seele. Wir alle - Gesunde, Behinderte, Kranke - tun gut daran, ein gewisses Mass an Abhängigkeit zu akzeptieren. Das gehört zum Menschsein; wie könnten wir sonst in Würde...
Lieber Herr Vischer.
Ich bin neu in diesem Forum. Sie sprechen mir aus der Seele. Wir alle - Gesunde, Behinderte, Kranke - tun gut daran, ein gewisses Mass an Abhängigkeit zu akzeptieren. Das gehört zum Menschsein; wie könnten wir sonst in Würde alt werden? Seit gut 2 Jahren bin ich (71) an einer inkompletten Querschnittlähmung erkrankt (nach Aortariss). Kürzlich verbrachte ich 3 Wochen in einer Kurklinik am Sempachersee. Die aussergewöhnlich warmherzige Atmosphäre, die vom Pflege- und Servicepersonal ausging, hat mich sehr berührt. Erstmals erahnte ich deren grosse Bedeutung für meine evtl. später einmal gewählte Wohnform. Diese positive Erfahrung hat meine Zukunftsängste stark relativiert, weil ich jetzt weiss, worauf es wirklich ankommt. Herzlichen Dank für Ihren Beitrag. 
Grüsse von Cucusita
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Liebe Cucusita,
Vielen Dank für Ihren liebenswürdigen Kommentar. Ich bin immer froh um Echos. Ich bezeichne sie als "Lektoratsdienst". Ich sitze gewöhnlich hier in meinem Büro und schreibe. Da besteht das Risiko, schrullig zu werden. Kritische...
Liebe Cucusita,
Vielen Dank für Ihren liebenswürdigen Kommentar. Ich bin immer froh um Echos. Ich bezeichne sie als "Lektoratsdienst". Ich sitze gewöhnlich hier in meinem Büro und schreibe. Da besteht das Risiko, schrullig zu werden. Kritische Kommentare - ob positiv oder eher ablehnend - helfen, auf der Mittellinie zu bleiben.
Sie haben, wie ich lese, einen schweren Schlag erlitten. Eine Tetraplegie im beginnenden hohen Alter ist ein jäher Einschnitt. Sie scheinen das aber mit der nötigen Gelassenheit zu nehmen. Ich bin auch froh zu hören, dass es am Sempacher See ein angenehmes Heim gibt. Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und Kopf hoch! Herzliche Grüsse, fritz vischer  
 
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Lieber Fritz
Noch eine kleine Geschichte zum Thema Atmosphäre:
Vergiss Deine Behinderung, banal und doch so schön!
Kürzlich war ich mit meiner Freundin Monique zum Mittagessen in einem gemütlichen Beizli. Die Bedienung war freundlich, und die...
Lieber Fritz
Noch eine kleine Geschichte zum Thema Atmosphäre:
Vergiss Deine Behinderung, banal und doch so schön!
Kürzlich war ich mit meiner Freundin Monique zum Mittagessen in einem gemütlichen Beizli. Die Bedienung war freundlich, und die Mahlzeit schmeckte ausgezeichnet. Wie üblich tauschten wir uns über Schwieriges und viel mehr Schönes aus. Ich sah mich im heimeligen Wintergarten um und meinte ganz spontan: „Was haben sie hier doch für bequeme Stühle, ich sitze sehr gut?“. Zuerst schaute sie mich etwas verwirrt an. Plötzlich begannen wir beide laut zu lachen. Offenbar fühlte ich mich in dieser Atmosphäre so wohl, dass ich meinen Rollstuhl (in dem ich sass) samt Behinderung ganz vergessen konnte ?
Herzliche Grüsse
cucusita
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Liebe cucusita

Das ist eine schöne Geschichte, die mich herzlich zum Lachen gebracht hat. Danke Dir! :smileyvery-happy:

Liebe Grüsse

Johannes
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Liebe cucusita,
Diese Anekdote gefällt mir auch. Solche Erlebnisse häufen sich, je besser wir uns einrichten...
...das ist eine Binsenweisheit. Sie tirfft zu wie fast alle Binsenweisheiten, ist aber nicht immer leicht umzusetzen.
Trotzdem: Weiter so!
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