Von der Randgruppe zur Freak-Kultur? Eine Einführung in die Studien zu Behinderung (Disability Studies)

Literaturgrundlage: Dederich, Markus. Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. Bielefeldt: Transkript Verlag, 2007.

„Disability Studies“, in der Schweiz? Nie gehört. Eine Wissenschaft, die sich mit dem Spannungsfeld von Behinderung und Gesellschaft beschäftigt? Das ist für viele sicher Neuland. Und dennoch haben sie einen festen Platz seit ca. 20 Jahren in den USA, England und Deutschland, doch hierzulande stecken sie noch in den Kinderschuhen. Was aber genau sind das nun, „Disability Studies“, was sind Ansatz, Ziel und Kernpunkte dieses recht neuen Forschungsfeldes? Um das zu verstehen, muss man etwas weiter ausholen.

Behinderung und ihre Wahrnehmung und Verarbeitung sind seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts ein fester Bestandteil der europäischen Kultur. So haben sich beispielsweise Berufe und relevante Disziplinen in Zuge der humanistischen Reformation entwickelt, da man die dunklen Seiten des Mittelalters hinter sich lassen wollte: die Psychiatrie, das System der Behindertenhilfe, Ausbildungsgänge auf Hochschulniveau, ein System an Verbänden und Stiftungen, die Reha-Industrie sowie Berufe der Erziehung, Therapie, Beratung und Assistenz für Behinderte speisten sich nicht nur aus der philosophisch und theologischen Neuausrichtung, sondern fussten auch massgeblich auf den fortschrittlichen Entwicklungen der Natur- und Sozialwissenschaften. Die Aufklärung förderte ein ethisch motiviertes Inklusionsgebot zutage, doch die selbstverständliche gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit körperlichen, kognitiven, sprachlichen oder emotionalen Behinderungen ist noch lange nicht in unserer Gesellschaft verankert; und dabei muss man nicht unbedingt eine Blick zurück in die Vergangenheit werfen, als Menschen aufgrund ihrer „Andersartigkeit“ verfolgt wurden.

Was aber ist genau der Fokus der „Disability Studies“? Möchte man mehr über das Forschungsfeld erfahren, kommt man um ein Buch (fast) nicht herum: Markus Dederichs Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. (Bielefeldt: Transkript Verlag, 2007.) Besonders die Einleitung ist sehr informativ und gibt einen sehr guten kulturhistorischen Abriss über Entwicklung und den aktuellen Wissensstand. Obgleich ein dünnes Büchlein, ist es dennoch keine leichte Kost, was schon ein kurzes Zitat veranschaulicht: „ [Die] Disability Studies rücken gesellschaftliche und kulturelle Wandlungsprozesse im Umgang mit den grundlegenden Erfahrungen menschlicher Vergänglichkeit, Krankheit, Gebrechlichkeit und Abhängigkeit in den Blick; sie untersuchen, wie, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen Deutungsmuster, Theorien und Modelle von körperlicher, geistiger, wahrnehmungs- und verhaltensbezogener, moralischer und kultureller Abweichung, von Abnormität, Andersheit oder Fremdheit entstehen; sie untersuchen ferner, welche Praxen sich um „widersinnige“ Formen des Wahrnehmens, Erlebens und Denkens, um erwartungswidrige Formen der Kommunikation, des Verhaltens, des Aussehens und des körperlichen und intellektuellen Funktionierens organisieren“ (Dederich 19/20).
Das mag ein wenig sperrig klingen, trifft jedoch den Kern der Sache: wie „entsteht“ Behinderung in unserer Gesellschaft? Was sind Rahmenbedingungen für mangelnde Integration und Partizipation und wie können wir festgefahrene Vorurteile und Geisteshaltungen nicht nur hinterfragen, sondern auch nachhaltig zum Besseren wenden? Die „Disability Studies“ haben also einen sehr direkten und vor allem alltäglichen Anwendungsbezug, der nicht nur für politisch und soziale Einflussgrössen (Gesetzgebung, Verordnungen etc.), sondern auch für jeden Mitbürger von Belang sein sollte.

Es ist wichtig zu vermerken, dass das Buch von Markus Dederich weder Anspruch auf Allgemeingültigkeit noch Vollständigkeit erhebt, sondern vielmehr Denkanstösse geben und gleichzeitig die Basis dafür bereit stellen möchte. Das an sich ist nicht neu; denn schon 2001 brachte Gary Albrecht unter dem Credo „Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung“ das „Handbuch der Disability Studies“ heraus, das die Forderung erhob, dass Behinderte in den Schreibdiskurs mit eingebunden werden müssten, anstatt nur „Gegenstand“ einer Wissenschaft zu sein. Tom Shakespeare geht sogar über diese Forderung hinaus und verlangt die Förderung von integrierten Lebensformen sowie die Neubestimmung der Bürgerrechte, damit man die gesellschaftlichen Hindernisse beseitigen könne, die behinderte Menschen diskriminieren.
Historisch gesehen wurde der Ruf nach Integration, Partizipation und Selbstbestimmung besonders in den USA schon in den 1960er Jahren laut, als man sich mit auf die Bühne der Bürgerrechts- und Frauenbewegung stellte, da man in vielen Belangen eine gleiche Agenda hatte. Besonders Kalifornien rückt in dieser Zeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit, als Edward Roberts mit der Hilfe anderer Rollstuhlfahrer das „independent living movement“ („Selbstbestimmtes Leben“) gründete. 1978 fanden dann die in England und in den USA entstandenen Themen auch im deutschsprachigen Raum Gehör, und Horst Frehe und Franz Christoph gründeten die „Krüppeltruppe“, die sich gegen die Segregation von Behinderten in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, aber auch Rehakliniken einsetzte und zehn Jahre später öffneten auch in Deutschland die ersten „Zentren für selbstbestimmtes Leben“ ihre Pforten. Dem Gründer Peter Wehrli geht es darum, dass Menschen nicht nur geheilt, rehabilitiert oder für mögliche finanzielle Ausfälle kompensiert werden, sondern es müssen zusätzlich die gesellschaftlich-kulturellen Verhältnisse verändert werden, die behindertenfeindliche, abwertende oder unterdrückende Lebensumstände hervorbringen.
Ein wichtiges Anliegen der „Disability Studies“ ist jedoch nicht nur die politische und soziale, sondern gleichermassen auch die kulturelle Einflussnahme. Wie wird Behinderung in Kulturen und verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, im Recht, in der Literatur, den bildenden Künsten, im Film, aber auch im täglichen Handeln der Menschen wahrgenommen und repräsentiert?
Egal, wie das Thema Behinderung aufgegriffen und verarbeitet wird: die Auseinandersetzung erfolgt fast immer über einen „Text“, sei es eben ein Stück Literatur, ein Film, Gesetz oder ein Gutachten. Über Texte konstituieren wir Ordnung, legen „Innen“ und „Aussen“ fest und setzen den Fokus auf eine ganz bestimmte (Erzähl-)Perspektive. Man könnte also sagen, Texte bieten Deutungsmuster an und dienen damit als Erkenntnisinstrumente, als Drehbücher für Verstehensprozesse und soziales Handeln. Es liegt daher an jedem von uns, genau hinzusehen und bestehende Deutungsmuster zu hinterfragen, um das Spannungsfeld Behinderung nicht nur im medizinischen und rehabilitationsrelevanten Alltag weiter in den gesellschaftlichen Fokus zu rücken. Denn lernen können wir alle von den „Disability Studies“.
(Fabian Diesner)

Quellen:
  • Albrecht, Gary L., Katherine D. Seelman, and Michael Bury, eds. Handbook of Disability Studies. Thousand Oaks: Sage, 2001.
  • Dederich, Markus. Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. Bielefeldt: Transkript Verlag, 2007.
  • Garland-Thomson, Rosemarie. Extraordinary Bodies: Figuring Physical Disability in American Culture and Literature.New York: Columbia UP, 1997.
  • Mitchell, David T. and Sharon L. Snyder. Narrative Prosthesis: Disability and the Dependencies of Discourse. Ann Arbor: University of Michigan Press, 2000.

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