Autor der Zusammenfassung: Albert Marti (Schweizer Paraplegiker-Forschung)

Originalartikel: Marti A, Reinhardt JD, Graf S, Escorpizo R, Post MWM. To work or not to work: labour market participation of people with spinal cord injury living in Switzerland. Spinal Cord. 2012;50(7):521-6.
 

In der Schweiz sind mehr Personen mit einer Querschnittlähmung erwerbstätig (63.8%) als in anderen Ländern. Diese Studie zeigt, dass die Gründe, weshalb Querschnittgelähmte arbeiten, sozialer Natur sind. Die Ursache für Nichterwerbstätigkeit sind meist gesundheitliche Probleme.

Was war das Ziel dieser Studie?

Arbeiten ist ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens. Die Forschung zeigt, dass Arbeit nicht nur den Lebensunterhalt sichert, sondern auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die soziale Integration hat. Dies trifft besonders auch auf Menschen mit einer Behinderung zu. Leider sind diese jedoch oft aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen. Im Durchschnitt gehen in Europa und den USA ca. 35% der Personen mit einer Querschnittlähmung einer bezahlten Arbeit nach. Für die Schweiz waren diese Zahlen bisher nicht vorhanden. Das Ziel dieser Studie war es daher, Daten über die Erwerbstätigkeit von querschnittgelähmten Personen zu sammeln und die Gründe und Konsequenzen der Erwerbstätigkeit zu erforschen.

Wie sind die Forscher vorgegangen?

Im Jahr 2008 wurden die Mitglieder der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung, die seit mindestens einem Jahr von einer Rückenmarksverletzung betroffen waren, gebeten, Fragen zu ihrer Erwerbstätigkeit zu beantworten. An der Studie nahmen 495 Personen teil (zu den soziodemographischen Merkmalen der Teilnehmer siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Soziodemographische Merkmale der Studienteilnehmer

Was haben die Forscher entdeckt?

Von den Studienteilnehmern waren 63.8% erwerbstätig, was verglichen mit anderen Ländern ein hoher Wert ist. Eher überraschend ist die Tatsache, dass Tetraplegiker fast gleich häufig erwerbstätig waren wie Paraplegiker (63.4% vs. 64.7%). Lediglich bezüglich des Arbeitspensums unterschieden sich die beiden Gruppen deutlich (47.5% vs. 58.3%).
Als stärkster Einflussfaktor auf die Erwerbstätigkeit wurde die Wichtigkeit der Arbeit genannt. Dabei wurde die Bedeutung der Arbeit mit jener von anderen Lebensbereichen wie Sport, Familie/Partner, Freundeskreis und sonstigen Freizeitaktivitäten verglichen. Generell lässt sich sagen, dass die Arbeit nach der Rückenmarksverletzung als weniger wichtig eingestuft wurde als vorher und dafür die Familie an Bedeutung gewann. Wie in den meisten anderen Studien auch, war Bildung in dieser Studie ein wichtiger Einflussfaktor: Mit jedem zusätzlichen Jahr an Ausbildung stieg die Wahrscheinlichkeit zu arbeiten um 12%. Ebenso spielte das Alter eine grosse Rolle. Die Alterskategorie der 40- bis 44-Jährigen erreichte mit 82% die höchste Erwerbstätigenquote, was fast der Quote (91%) der allgemeinen Bevölkerung entsprach. Bei den 60- bis 64-Jährigen waren dagegen nur noch 35% erwerbstätig (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Anteil arbeitender Personen nach Alterskategorie

Auf die Frage, weshalb die Studienteilnehmer arbeiten, wurden die folgenden drei Gründe am häufigsten genannt: „Arbeit befriedigt mich“ (85%), „Arbeit bringt soziale Kontakte“ (71%) und „Ich brauche das Geld“ (70%). Nicht-erwerbstätige Studienteilnehmer nannten als Gründe nicht zu arbeiten: „Ich habe zu starke gesundheitliche Probleme“ (57%), „Ich habe zu starke Schmerzen“ (50%) und „Ich habe keinen passenden Job gefunden (37%)“. Erstaunlich gross ist der Unterschied zwischen Personen mit und ohne Arbeit in Bezug auf das Einkommen. In dieser Studie hatten die arbeitenden Personen im Durchschnitt ein um 40% höheres Einkommen als die nicht-arbeitenden.

Was bedeuten die Ergebnisse?

Die Studie lässt darauf schliessen, dass in der Schweiz die Wiedereingliederung von Querschnittgelähmten ins Erwerbsleben gut funktioniert. Mögliche Gründe dafür sind der allgemein gute Arbeitsmarkt in der Schweiz (wenig Arbeitslose), die Arbeitsmarktstruktur (viele für Rollstuhlfahrer ausführbare Jobs im Büro-, Dienstleistungs- und Computerbereich), gut erreichbare Arbeitsplätze (Zugänglichkeit und Transport) sowie die umfassende berufliche Rehabilitation. Die Tatsache, dass der Anteil der erwerbstätigen Personen mit Tetraplegie hoch ist, könnte unter anderem auf die meist guten technischen und finanziellen Möglichkeiten (Anpassung von Computer und Arbeitsplatz, Umbau des Autos für die Fahrt zur Arbeit usw.) zurückzuführen sein. Diese Möglichkeiten erlauben es auch Personen mit schwersten Behinderungen, am Erwerbsleben teilzunehmen.
Die Gründe, weshalb Menschen mit Querschnittlähmung arbeiten, sind sozialer Natur. Die Resultate dieser Studie bestätigen andere Forschungsergebnisse und zeigen, dass die Arbeit ein entscheidender Faktor für die soziale Integration ist. Die Gründe, weshalb Personen in dieser Studie nicht arbeiteten, waren meistens gesundheitlicher Natur. Das deutet darauf hin, dass in der Schweiz nicht, wie in einigen anderen Ländern, die fehlende Infrastruktur oder Transportprobleme zu Erwerbslosigkeit führen, sondern vor allem die durch die Rückenmarksverletzung verursachten gesundheitlichen Probleme.
Eine der Konsequenzen der Erwerbstätigkeit ist das deutlich höhere Gesamteinkommen (Lohn und Rente) der arbeitenden Personen. Es ist vom Gesetzgeber gewollt, dass sich Arbeit lohnen soll. Dass aber Personen, die nicht arbeiten können und nur von der Rente leben müssen (Personen mit schweren Gesundheitsproblemen und die am schwersten behinderten Personen), finanziell so viel schlechter gestellt sind, ist ein überraschendes Ergebnis.
Kurz zusammengefasst: Jüngere, gut ausgebildete und motivierte Personen, die zudem nicht allzu stark von gesundheitlichen Problemen geplagt werden, haben gemäss dieser Studie die besten Chancen erwerbstätig zu sein und sind dadurch finanziell deutlich besser gestellt.

Wer hat die Studie durchgeführt und finanziert?

Die Studie wurde von der Schweizer Paraplegiker-Forschung in Nottwil (Schweiz) durchgeführt und finanziert.

Referenzen:

  • Anderson D, Dumont S, Azzaria L, Le Bourdais M, Noreau L. Determinants of return to work among spinal cord injury patients: a literature review. Journal of Vocational Rehabilitation. 2007;27(1): 57-68.
  • Lidal IB, Huynh TK, Biering-Sørensen F. Return to work following spinal cord injury: a review. Disability and Rehabilitation. 2007;29(17): 1341-75.
  • Ottomanelli L, Lind L. Review of critical factors related to employment after spinal cord injury: implications for research and vocational services. The Journal of Spinal Cord Medicine. 2009;32(5): 503-31.

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