Funktional gesund ist, wer den Alltag selbständig bestreiten kann. Das ist die engmaschige, offizielle Definition zum Begriff der funktionalen Gesundheit. Die meisten Menschen wollen aber mehr als nur überleben.

Funktional gesund ist, wer sich sein Leben gut einrichten und gestalten kann. So müsste wohl die erweiterte Definition lauten. Wer darüber nachdenkt, kommt über kurz oder lang zur Erkenntnis, dass letztlich jedem Menschen ein mehr oder weniger enger Rahmen gesetzt ist. Jeder stösst an Grenzen. Solange er sich in diesem begrenzten Rahmen bewegen und entfalten kann, ist er aber funktional auch im übergeordneten Sinne gesund. Er weiss mit den Begrenzungen seines Lebensrahmens umzugehen.

In der Praxis bedeutet das: Wenn Roger Federer aufgrund einer nächtlichen Unterkühlung, die er nicht mal wahrgenommen hat, am Morgen leichte Schmerzen im rechten Ellbogen verspürt, so ist er in seiner Rolle als weltweit bester Tennisspieler funktional nicht mehr gesund.

Die meisten andern Menschen brauchen auf dieses banale Symptom nicht einzutreten. Es beeinträchtigt sie funktional nicht; zudem wissen sie, dass es nur vorübergehend ist. Auch Menschen mit schwersten Behinderungen können funktional gesund sein. Im Vergleich zu einem Roger Federer mag ihr Bewegungsspielraum zwar deutlich enger sein. Sie haben aber gelernt, ihr Dasein trotz allem lebenswert zu gestalten.

So wie Federer einen Trainer beansprucht, brauchen auch sie qualifizierte Helfer, um maximale funktionale Gesundheit zu erlangen und die gesetzten, scheinbar unverrückbaren Grenzen vielleicht sogar zu überwinden. Je nach Behinderung und den individuellen Gegebenheiten finden sie diese Unterstützung im erforderlichen Ausmass nur in einer Rehabilitationsklinik, einer sogenannten Trainingswohnung oder in einem Heim. Einrichtungen dieser Art entsprechen, etwas salopp formuliert, dem Trainingscamp, dem auch ein Federer nicht entweichen kann.

Im Umgang mit allen Formen von Unterstützung kommt die Teilhabe als wichtiges erfolgsförderndes Kriterium ins Spiel: Sich unterstützen zu lassen, ist ein partnerschaftlicher Vorgang, an dem sich alle beteiligen: Die, die geben und die, die nehmen. Für die Nehmenden erhöht sich so ihr funktionales Gesundheitspotenzial. Sie bewegen sich spielerischer im Rahmen, der ihnen gesetzt ist.

Übertragen wir doch diese theoretische Gerede ins Praktische: Je fitter wir funktional sind, desto leichter kommen wir auch auf der höheren Ebene des Soziallebens in den Genuss der Teilhabe. Wir können uns beteiligen, wir können uns einbringen und nähern uns so dem Zentrum der Gesellschaft. Im Idealfall verschmelzen wir uns förmlich mit den andern Mitgliedern unserer Gesellschaft und sind nicht länger der Spezialfall mit Behinderung, der irgendwie auch dabei ist. Diese Vision steckt hinter dem Gedankengut der Inklusion. Der Begriff verleitet uns allerdings zur allzu schönen Vorstellung, auch schwerwiegende Einschränkungen liessen sich mit etwas gutem Willen überwinden und wir seien alle gleich und natürlich auch gleichgestellt.

Dem ist nicht so: Wie die funktionale Gesundheit ist auch die Inklusion keine absolute, sondern eine relative Grösse. Das heisst, wir können die Last von Defiziten mit entsprechendem Einsatz mindern und das gesellschaftliche Leben trotz Benachteiligungen bereichern. Ganz gleich sind wir aber nicht. In exemplarischer Weise veranschaulichen das die Paralympics: Sie sind zu einem Teil der olympischen Spiele geworden, den niemand mehr missen möchte. Sie sind und doch separiert von den eigentlichen Spielen.

Mit diesem Widerspruch müssen wir leben und können das auch: Es bleibt uns ja der Trost, dass Teilhabe und Inklusion auch einem Tausendsasa wie Federer nicht immer und überall vergönnt ist: Wenn er mit seiner Familie ins Theater geht und das Stück nicht begreift, fühlt auch er sich etwas einsam.

Kommentare (1)

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Nach der obigen Lektüre fühle ich mich in meiner Lebensphilosophie bestätigt, die da heisst:
            "Der Ziellose erleidet sein Schicksal, der Zielbewusste gestaltet es!" (Immanuel Kant)
Herzlich grüsst
cucusita
 
 
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