Am Eingang zum grossen Speisesaal fragen sie auch mich und meine Frau, ob wir einen Tisch mit andern Gästen teilen möchten. Wir stimmen zu, und der Oberkellner führt uns an einen Vierertisch, an dem noch zwei Plätze frei sind. Der Rollstuhlfahrer, dem ich am Vortag von weitem zugewinkt hatte, sitzt mir nun gegenüber. Neben ihm sein Freund. Werni heisst er, sagt Pierre-Alain, der gleich zur Sache kommt: Ich hätte wohl gemerkt, dass er sei. Ja, sei er schon lange und seit über 30 Jahren mit Werni zusammen, erst seit fünf Jahren sei er auch noch Paraplegiker.

Er sei eben ein doppelter Aussenseiter, meinte er mit nachdenklicher Miene plötzlich auf Schweizerdeutsch. Zuvor hatte er mich auf Englisch angesprochen. Wegen seines hörbaren Akzents antwortete ich ihm auf Französisch. Da hörte er mein Schweizerdeutsch heraus. Kurz danach wussten wir: Werni ist Stadtzürcher, Pierre-Alain Walliser aus Martigny.

Wir waren auf einem grossen Kreuzfahrtschiff vor der Küste Brasiliens. Wie am Tag zuvor bedankte sich Pierre-Alain nochmals überschwänglich, dass ich ihm beim von weitem ein Grusszeichen gegeben hatte. Eine schöne, für ihn ganz neue Erfahrung sei das gewesen.

Ich erkläre ihm nochmals, dass ich Rückenmarkverletzte von weitem erkenne und sie immer grüsse, so, wie es Motorradfahrer tun. Ich verschweige aber, dass mir gestern auch seine Gestik, seine Stimme und seine Sprache auffielen. Elton John im Rollstuhl, dachte ich für mich.

Da kam er nochmals auf seine Rolle als doppelter Aussenseiter zu sprechen. So schlimm sei's auch wieder nicht - nicht mehr, denn Schwule hätten's heute leichter als früher. Ich warnte ihn, darauf dürfe er sich nicht verlassen und trug ihm wohl etwas schulmeisterlich meine Theorie vor: Gesellschaften, die nach Sündenböcken suchen, finden sie immer bei ihren Minderheiten. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, ob diese Gesellschaften im Luxus schwelgen oder darben müssen. Entscheidender ist, ob sie sich irgendwie bedroht fühlen. Dann müssen Schuldige her. Fühlen sie sich dagegen sicher, dann preisen und geniessen sie alle die Vorzüge der sozialen und kulturellen Vielfalt.

So kommt es, dass die Mehrheiten ihre Minderheiten seit jeher entweder verherrlichen oder verteufeln. Nehmen wir die Homosexuellen als prominentes Beispiel, so schwankt ihr gesellschaftliches Dasein zwischen zur Schau getragenem, aber durchaus ehrlichem Respekt und Geringschätzung bis hin zur Verfolgung. Die Stimmung kann schnell drehen, schliesse ich. Pierre-Alain zeigte sich daraufhin etwas gekränkt und meinte, auch ich sei ein Schwulenhasser, zumindest ein Unterschwelliger.

Bin ich das? Ich glaube nicht.

Ich gab zu bedenken, dass es den Behinderten nicht grundsätzlich anders geht. Es gibt Zeiten, da sie als vorwiegend invalid, also als schwach und hilfsbedürftig gelten, und es gibt Zeiten, da sie mit aufrichtiger Anteilnahme rechnen dürfen. Zurzeit leben wir in einer guten Epoche. Es überwiegt die Auffassung, dass Behinderten ein nicht verdientes Unglück widerfahren ist. Die Mitmenschen, die ganze Gesellschaft, sollen sie deshalb unterstützen. Rückenmarkverletzten geht es sogar noch besser. Sie kriegen besonders oft zu hören, dass «mir das auch hätte passieren können». Hinter dieser Aussage verbirgt sich nicht nur Anteilnahme, sondern die tiefe Einsicht, dass wir alle auf tönernen, verletzungsanfälligen Füssen stehen. Diese Psychologie spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle, dozierte ich weiter, bis mich der Oberkellner unterbrach. Er schenkte den wunderbaren Burgunder Wein, einen Gevrey Chambertin, den Pierre-Alain offeriert hatte, ein.

Wir sind doch keine Aussenseiter, rief ich ihm zu und bedankte mich. Er willigte ein, darauf anzustossen.

Das alles geschah am 25. Dezember 2011. Inzwischen sind gute sechs Jahre verstrichen, und die Welt wandelt sich. Nicht unbedingt nach dem Geschmack von Pierre-Alain. Er kann das nicht mehr wissen, am 8. Dezember 2014 ist er einem Infarkt erlegen.

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