• Die Online-Community für Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Angehörigen und Freunde

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Historische Entwicklung des Rennrollstuhls

Es gibt ein Schwarz-Weiß-Bild aus dem Jahre 1948, auf dem in einer Turnhalle ein paar junge Männer in verschlissenen Ledersesseln zu sehen sind. Sie versuchen einen Ball in den Basketballkorb zu werfen. Das Besondere jedoch ist, dass neben den Armlehnen dieser Sessel große Räder mit Greifreifen angebracht sind, unterhalb der Rückenlehne befindet sich ein weiteres kleines Rad an einem Schwenklager. Jetzt wird die Situation verständlich: es sind Ball spielende Behinderte, ihr Bewegungsgerät ist dieser „Rollsessel“.

Dieses frühe Bild Sport treibender Patienten stammt von den ersten Sportspielen im Stoke-Mandeville-Hospital in Aylesbury, etwa 80km westlich von London. Es ist Nachkriegszeit. In diesem Armeehospital unter der Leitung des vor den Nazis geflohenen deutsch-jüdischen Neurologen Sir Ludwig Guttmann wurden Kriegsversehrte mit Rückenmarkverletzungen rehabilitiert. Sir Guttmann sagte einmal anerkennend über seine neue Heimat: „Nur England war verrückt genug, eine so verrückte Idee zu akzeptieren und zu unterstützen, Schwerstbehinderte Sport treiben zu lassen.“ Das drückt den revolutionierenden Schritt in der damaligen Zeit am besten aus. Medizinisches Denken und gesellschaftliche Haltung wurden gleichermaßen auf den Kopf gestellt. Sprach man doch derartig Behinderten jede physische Leistungsfähigkeit ab. Beim damaligen Stand der Medizin war es noch ein an Wunder grenzender Erfolg, wenn sie einfach nur überlebten.

Aber was in dieser Klinik begann, funktionierte und Früchte trug, wurde mit der Gründung der ersten Internationalen Stoke-Mandeville-Games 1952 zur weltweit praktizierten Idee – der Rehabilitationssport für Querschnittgelähmte etablierte sich dank engagierter Ärzte und Physiotherapeuten in vielen Ländern. Natürlich hatte Sir Guttmann vordergründig den medizinisch-rehabilitativen Aspekt im Auge, übersah aber auch nicht, dass erlebte Leistungsfähigkeit seiner Patienten positiv auf Psyche und gesellschaftliche Anerkennung wirkten.

Mit dem medizinischen ging auch der technische Fortschritt einher, die klobigen rollbaren Sessel wurden durch Stahlrohrkonstruktionen ersetzt, sie waren wendiger und praktischer handhabbar. Diese Rollstühle wurden nun zu einem Sportgerät bei der Rehabilitation und zum Wettkampfgerät Behinderter im Bogenschießen, Tischtennis, Basketball, Leichtathletik und anderen Disziplinen. Besonders bei den Bewegungssportarten wurde ein leichter und ergonomisch konstruierter Rollstuhl zum Vorteil in der Wettkampfleistung. Das blieb nicht ohne Konsequenz. Sir Guttmann erkannte das Dilemma. Einerseits beobachtete er wohlwollend den Zugewinn an Beweglichkeit, warnte jedoch davor, für jede Sportart spezifische Rollstühle zu entwickeln. Im täglich genutzten Rollstuhl sollten schließlich die Alltagssituationen simuliert werden. Optimal funktionierender rollender Ersatz für die Beine war das Ziel der Rehabilitation, nicht ein Risiko belasteter Leistungssport.

Das aber reichte den Pionieren im Rollstuhl nicht aus. Ihre Ansprüche gingen über das Dasein als Patient hinaus, sie betrachteten sich als Sportler. Gibt sich denn ein nichtbehinderter Sportler mit Straßenschuhen oder einem Klapprad zufrieden? Warum wird mir als Behinderten verwehrt, meine Grenzen auszuloten? Zumal es nun ganz neue Grenzen waren, die durch die traumatisch bedingten Veränderungen des körperlichen Zustandes gesetzt waren. Soll mir der Leistungssport versagt werden, nur weil ich behindert bin? Legitime Fragen des Betroffenen, die jeder für sich selbst entscheiden wollte, ebenso wie es jeder Nichtbehinderte darf, mit dem Arzt als Ratgeber, nicht als Polizist.

Auf die Olympischen Spiele in München 1972 folgten in Heidelberg im gleichen Jahr die Weltspiele der Behinderten. Als Wettkampf im Schnellfahren wurden lediglich 100m angeboten und im Normalstuhl absolviert. Aber die Ausdehnung auf die von der Leichtathletik besetzten Distanzen war nicht aufzuhalten, nachdem der US-Amerikaner Bob Hall 1974 erfolgreich einen Marathon gefahren war. Es bedurfte solcher Pioniere und ihrer Leistungen, um den Sport aus den Kliniken zu holen und in die Öffentlichkeit zu bringen. Gleichzeitig begannen Behinderte selbst mit der Entwicklung von Spezialrollstühlen, vor allem auf dem Gebiet der Schnellfahrstühle. Einen großen Anteil daran hatte Errol Marklein, der spätere mehrfache Paralympicsieger für Deutschland und Mitbegründer der Rollstuhlfirma SOPUR, der zunächst mit Umbauten am Rollstuhl begann, bis er schließlich Neukonstruktionen präsentierte. Die damit erreichten Geschwindigkeiten zwangen zum Nachahmen, ein Wettrüsten begann.

Es war eine spannende Zeit mit unglaublich schnellen Fortschritten für diese, an ein technisches Gerät gekoppelte Sportart. Ein wesentlicher Aspekt bei der Gestaltung des speziellen Schnellfahrstuhles war die Ergonomie, die, ausgehend von den erhaltenen körperlichen Funktionen, nur auf eine möglichst hohe Geschwindigkeit abzielte. Hinzu kam modernes Material aus dem Radsportbereich. So bequem wie in einem Ledersessel saß man nicht mehr, aber das haben diese Athleten gemein mit Schumacher in seinem Formel-I-Boliden. Körperposition und Sitzhaltung mit den weitausholenden und in die Greifreifen schlagenden Händen bestimmen sichtbar den Fahrstil mit diesen hohen Geschwindigkeiten, wie er heute zu sehen ist.

Spezialrollstühle setzten sich in allen Sportarten durch. Wer heute erfolgreich im Rollstuhl-Basketball oder Tennis sein will oder in den Wurfdisziplinen der Leichtathletik, braucht einen Spezialstuhl, der zudem meist direkt für die individuellen Bedürfnisse des Nutzers hergestellt wird.

Wie sehr der Rollstuhl zum Sportgerät wurde, begreift man, wenn man diesen von ganz normalen „Fußgängern“ (Insider-Begriff für Nichtbehinderte) zur Ausübung einer Sportart genutzt sieht. Zum Beispiel beim Rollstuhl-Basketball, wo der Integrationsgedanke besonders wirksam werden konnte. Hier spielen nicht nur Behinderte unter sich, Behinderte und „Fußgänger“ finden sich in einer Mannschaft. Über ein ausgeklügeltes Punktesystem, je nach Behinderungsgrad, wird innerhalb der Mannschaft auf eine faire Mischung geachtet, die es einzuhalten gilt.

Auch im Feld der rollenden Marathonis sind längst nichtbehinderte „Fußgänger“ zu finden und erweitern die Konkurrenz. Die Behinderten selbst sehen diese Tendenz zur Integration positiv – eine Frage der Perspektive? Das Sportgerät Rennstuhl vereint sie alle – und das ist auch gut so.

Beim Rennstuhl-Marathon gibt es drei unterschiedliche Klassen. Die querschnittgelähmten Paraplegiker starten gemeinsam mit anderen Gehbehinderungen (z.B. Beinamputierte) und mit „Fußgängern“ in den Klassen T3 und T4 in gemeinsamer Konkurrenz, während die Tetraplegiker (Querschnittlähmung im Halsmarkbereich) in die T2 oder – mit Lähmung der Triceps-Armmuskulatur – in die T1 eingestuft werden. Diese Einteilung der Konkurrenzen in Klassen ist eigentlich nichts nur für den Behindertensport Spezifisches. Obwohl jeder in seiner Gewichts-Klasse meisterlich ist, würde wohl ein Boxkampf zwischen einem Klitschko (Superschwer) und Oktay Urkal (Halbwelter) als unfair empfunden werden. Wie sinnvoll die Kategorien der Rennstuhlfahrer sind, zeigen die aktuellen Marathon-Weltrekorde: In den Klassen T3/4 steht er bei 1:20:14 h, in T2 bei 1:49:53 h und in T1 bei 2:23:08 h.

Die Sportmöglichkeiten, wie sie sich heute für Behinderte bieten, brachten einen enormen Zugewinn an erreichbarer Lebensqualität. Die Betroffenen, oft vor dem Unfall bereits sportlich aktiv, sind nicht mehr zu Passivität verurteilt. Der Weltrekordhalter der schnellsten Rennstuhlfahrer, der Schweizer Heinz Frei, war vor seinem Unfall ein erfolgreicher Bergläufer. Seine außergewöhnlichen physiologischen Voraussetzungen ermöglichten ihm eine unvergleichliche sportliche Karriere auch im Rollstuhl.

Inzwischen sind es 15 paralympische Goldmedaillen aus Stoke Mandeville, Seoul, Barcelona, Atlanta, Sydney, Peking, London - 14 Weltmeistertitel, er ist vielfacher Europameister, über 100mal Schweizer Meister seit 1982 auf allen Distanzen und 112-facher Sieger von Marathons in der ganzen Welt.

Welche gesellschaftliche Wertschätzung ihm zuteil wird, mögen Beispiele bezeugen: In einem Schweizer Café kann es einem passieren, dass auf dem Deckel der Kaffeesahne der Rennstuhlfahrer in Aktion zu sehen ist, eine Straße ist nach ihm benannt, und er ist Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde. Zehnmal ist er Behindertensportler des Jahres. Und international 1999 Weltsportler im Rollstuhl beim erstmals vergebenen Titel, im ZDF-Sportstudio wird er 1998 zum As des Monats gewählt, und die japanische Stadt und Region Oita erklärte den 14maligen Sieger des gleichnamigen Rollstuhlmarathons zum Ehrenbürger. Hier fuhr er 1999 die aktuelle, immer noch gültige Weltbestzeit von 1:20:14 h. Vielleicht unterstreicht diese Tatsache des Weltrekordes auf der Marathonstrecke, dass die Weiterentwicklung des Sportgerätes Rennrollstuhl im letzten Jahrzehnt kaum noch Fortschritte gebracht hat. Was innerhalb des gültigen Reglements machbar ist, wurde ausgereizt – es liegt wieder vermehrt am Athleten selbst, schneller zu werden und Fortschritte der Trainingslehre zu erzielen.

Spitzenfahrer leisten während der Aufbauphase Trainingsumfänge von 300 bis 400 Kilometer pro Woche. Anders wären die erzielten Zeiten nicht möglich. Könnte Sir Guttmann den gegenwärtigen Stand erleben, wäre er wohl mit der Entwicklung versöhnt und würde wohlwollend auf die athletischen Patienten blicken. Diese wissen ihren Normalstuhl ebenfalls perfekt zu bewegen, denn die Materialschlacht um die Spezialsportstühle hat nicht nur den Leistungssport vorangebracht, sie wirkte auch synergistisch auf Konstruktion und Design für den alltagstauglichen Rollstuhl.

Zum Autor Dr. Reiner Pilz:
Ressortleiter im Team des real,-BERLIN-MARATHON für die Rollstuhlfahrer seit 1991,
selbst Rollstuhlfahrer, Querschnittlähmung nach Badeunfall 1970, Alter 61 Jahre,
10 Marathons in Berlin gefahren (damit Mitglied im Jubilée-Club),
insg. 38 Marathons u.a. New York 1998

Sportliche Erfolge im Rennrollstuhl (Rollstuhlschnellfahren), Funktionsklasse T2 (Tetraplegiker):

  • Sieger des Berlin-Marathon 1996, 1997 der Funktions-Klasse T2
  • Weltmeisterschaften d. Behinderten in Berlin 1994: Silber 10.000m, Bronze Marathon und 5.000m
  • Internat. Stoke Mandeville Games 1996: Sieger 1.500m und 5.000m

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