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House Besuch

Ich will offen und ehrlich sein: ich vermisse ihn. Teilweise sehr. Für viele Jahre bin ich ihm treu geblieben, sei es auf DVD oder bei der Montagssession im Schweizer Fernsehen. Ich bin alles andere als ein Serien-Junkie, doch bei ihm bin ich irgendwie „hängen geblieben“.
Was aber hat mich so fasziniert an der Figur des Dr. Gregory House, der acht Staffeln lang nicht nur für gute Unterhaltung gesorgt, sondern durchaus auch zum Nachdenken angeregt hat? Irgendwie wollte mir nicht aus dem Kopf, was wir – und damit meine ich alle, die die Serie ebenfalls mochten – an dem Protagonisten Dr. House gut fanden, und recht bald war ich in einem Dilemma. Um es kurz zu machen: kann sich der überaus geniale Arzt, der am fiktiven Princeton Plainsboro Teaching Hospital mit seinem Spezialteam aussergewöhnliche medizinische Fälle behandelt, alles erlauben, weil er eine Behinderung hat? Weil die anderen Figuren und auch der Zuschauer um seine chronischen Schmerzen im rechten Bein wissen, um seinen offensichtlichen körperlichen Makel, das Stigma des Gehstocks, der ihn als „Krüppel“ zeichnet? Darf sich House nicht nur am Rand der gesellschaftlich-moralischen Grenzen, oder sogar darüber hinaus, bewegen? Gestehen wir ihm jeden Lausbubenstreich und so manche beizeiten fast menschenverachtende Eskapade zu, weil wir irgendwo Mitleid mit ihm haben, weil er es auf Grund seiner Opioidabhängigkeit eh so schwer hat? Oder ist er schlicht und ergreifend ein medizinisch-diagnostisches Genie, das sich nicht um gesellschaftliche Konventionen und zwischenmenschliche Sozialkompetenz scheren muss und daher auch ein Kotzbrocken sein darf?
 
Ich habe beschlossen, gar nicht mehr nach Antworten zu suchen, sondern bleibe lieber bei den Fragen. Man muss es David Shore, der die Idee zur US-Serie gab und den Produzenten Paul Attanasio, Katie Jacobs und Bryan Singer hoch anrechnen, dass sie eben nicht in die Fussstapfen von „Emergency Room“ und „Grey’s Anatomy“ treten wollten, sondern eine Arztserie geschaffen haben, die durchaus mehr Subtext und sozio-politische Agenda mit im Gepäck hat, anstatt die moderne Soap ins klinische Setting zu verlegen. Zum einen gibt es bereits Studien, dass treue House-Zuschauer gerade für seltene Krankheiten sensibler geworden sind, da mögliche Diagnosen wie Lupus oder Sarkoidose häufig wieder kehrende Motive sind und keine Diagnose von vornherein ausgeschlossen wird. Fachgesellschaften loben die gesellschaftliche Sensibilisierung von Krankheiten, deren Behandlung eine grösse Lobby gut würde. Zum anderen ist die Serie fachlich mit Sicherheit eine der besten auf dem Fernsehmarkt, obwohl sie dabei keinen Anspruch erhebt, einen realistischen Klinikalltag zu portraitieren, sondern sich auf das Lösen der beinahe kriminalistischen Medizinfälle konzentriert. Erst kürzlich konnte Prof. Dr. Jürgen Schäfer, der an der Philipps-Universität Marburg lehrt und sogar „Dr. House“-Folgen in seinen Unterricht mit einbindet, eine lebensrettende Diagnose bei einem rätselhaften Patienten stellen, da er sich an einen ähnlichen Fall aus der Serie erinnern konnte (siehe auch dazu: http://diepresse.com/home/panorama/welt/1559582/Dr-House-ermoglichte-lebensrettende-Diagnose; Schäfer publizierte sogar im renommierten Wissenschaftsmagazin the Lancet den Fall).
Wie stark ist nun aber das Motiv der Behinderung, das unbestreitbar die Serie hinsichtlich Charakterzeichnung und Plot bestimmt? Hier mag sich jeder seine eigene Meinung bilden, doch ein paar Gedanken von meiner Seite.
Gregory House ist sicher nicht immer der gefühlvollste Zeitgenosse und manchmal bis an die Grenze der Verträglichkeit direkt. Dennoch ist er ein hoch moralischer Mensch und das Wohl der Patienten steht bei ihm immer an erster Stelle. Nicht selten setzt er nicht nur seine berufliche Laufbahn, sondern auch seine Gesundheit aufs Spiel, um Anderen zu helfen. In manch stillen Momenten der Serie spürt man sehr viel Empathie, Verständnis und eine Art „bonding through suffering“: House selbst weiss nur zu gut, wie sich Schmerzen, Abhängigkeit und ein Leben mit einer Behinderung oder einem chronischem Zustand anfühlen. Gleichzeitig jedoch spielt er genau damit, setzt sein körperliches Stigma bewusst ein, um notfalls auch unkonventionell ans Ziel zu kommen. Und genau das ist das Spannende: sein Umfeld toleriert sein Verhalten (zumindest meistens), bewundert ihn ob seines Mutes zur Grenzüberschreitung und hasst ihn gleichzeitig dafür, das seine „Behindertennummer“ (so House über sich selbst) fast immer zieht und er (meistens) mit milden Sanktionen davon kommt. Das liegt natürlich auch, oder in erster Linie, an seiner Fachkompetenz als Arzt; aber vielleicht eben nicht nur. Seine gesellschaftlichen und beruflichen Grenzüberschreitungen scheinen seine eigenen körperlichen Grenzen zu kompensieren, man könnte also sagen, er wird positiv diskriminiert, da für ihn meist ein Auge zugedrückt wird und er nicht gleichberechtigt zu anderen abgestraft wird. Das Argument liegt nahe, „Dr. House“ in die gleiche Schublade mit Filmen und Serien zu stecken, die das Thema Behinderung sehr einseitig thematisieren, indem ein „Defizit“ mit anderen aussergewöhnlichen Fähigkeiten kompensiert wird (Konzept des „super cripple“). Doch diese Analogie stimmt bei House eben nicht ganz, da er nicht einfach nur stigmatisiert, aber genial, sondern gleichzeitig eben auch Menschenfeind und empathischer Humanist ist. Die Figur des Gregory House ist durch und durch ambivalent und für mich entzieht sich der Charakter einer eindeutigen Lesart.
Das mag vielleicht nun alles etwas theoretisch und interpretatorisch  klingen, doch sieht man mal von all dem ab, ist „Dr. House“ zumindest eine Serie, die das Thema Behinderung auf die populärkulturelle Agenda setzt, ohne es explizit zum Leitmotiv zu machen und ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Denn es gibt, leider, immer noch viel zu wenig mediale Kunstfiguren, die nicht auf den Aspekt der Behinderung reduziert werden. Oder es überhaupt erst einmal in die „prime time“ des Abendfernsehens schaffen. Schade, dass House den Kittel an den Nagel gehängt hat.

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