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«Peer Counseling»

«Peer Counseling» - der neudeutsche Begriff steht für Beratung nicht durch Experten, sondern durch gleichgestellte Kollegen. In unserem Falle: Ein Rollstuhlfahrer gibt einem Leidensgenossen Tipps aus der Schatzkiste seiner Erfahrungen. So schrieb der österreichische Publizist Erwin Riess, der seit 1983 infolge eines Rückenmarktumors an den Rollstuhl gebunden ist, in der Qualitätszeitung Die Presse einem offenbar frisch verletzten Kumpanen einen offenen Brief. Der Angeschriebene hat die Diagnose «L5 komplett» - also kompletter Querschnitt auf Höhe des fünften Lendenwirbels. Er begrüsst Marco im Kreise der Rollstuhlfahrer und kommt nach einigen Ausschweifungen auf das Thema Beziehung. Sein «Peer Counseling» klingt dann so:

„Dein Vater schreibt, dass Du tapfer bist und den Kopf nicht hängen lässt. Das ehrt Dich und bereitet mir Freude. Nur mit einem würdest Du nicht fertigwerden, dem Verlust der Sexuali­tät, die bei Dir erst vor wenigen Jahren aufgeblüht ist. Aus diesem Grund hättest Du auch Deiner Freundin den Zutritt zu Deinem Zimmer im Rehabilitationszentrum verboten. Sie solle Deinen Katheter nicht sehen, solle sich nicht verpflichtet fühlen, solle frei für oder gegen ein Leben mit Dir entscheiden.

Das, mein verwundeter Knappe, ist die falsche Ritterlichkeit. Lass sie zu Dir, gib ihr und Dir die Chance, einen Weg durch die Terra incognita zu finden. Trennungsgründe kommen noch genug auf Euch zu, glaube mir. Und die wenigsten werden mit Deiner Behinderung zu tun haben."

Sind das gute Tipps? Die Freundin ist wohl verzweifelter und ratloser als Marco. Der Ratschlag, sie nicht auszusperren, ist mithin klug. Die Behinderung ist aber das beherrschende Thema und belastet die Beziehung. Das Pärchen kommt nicht darum herum, sie in die Beziehung einzuflechten. Sie zerbricht sonst. Dabei ist der Sex eines von vielen Themen, aber natürlich immer ein interessantes. So geht es weiter:

"Als Erstes empfehle ich Dir regelmäßiges bis exzessives Masturbieren. Du musst Dich ja einüben, musst herausfinden, was Du spürst, welche Funktionen wie ansprechbar sind."

Nicht ganz einfach mit einer kompletten L-5-Paraplegie – wie seht Ihr das?

Mühe bereitet mir auch der nachstehende Ratschlag:

"Lass Dir von Deiner Freundin techni­sche Hilfsmittel – vom Penisring bis zum Vibrator, von Handschellen bis zum Masturbator – bringen."

Es gibt nach meinem Wissen genau einen Vibrator, der was taugt und auch dann nur bei spastischen Lähmungen: der personal penile vibrator bzw. Ferti Care – hergestellt von einem dänischen Medtech-Unternehmen. Von der Schweiz aus ist er bei Heise Medizintechnik gegen Vorauszahlung von rund 400 Euro zu bestellen:

http://www.medizintechnik-heise.de

Er vibriert nicht zärtlich, sondern so stark, dass er Reflexe auslöst, die zu einer Ejakulation führen. Das Zentralnervensystem muss aber mitspielen, was es bei mir nicht (mehr) immer tut.

Das erzähle ich – C5/7 inkomplett - euch im Sinne von aufrichtigem Peer-Counseling. Wenn wir Kollegen beraten, darf das weder in Prahlerei noch in Gejammer ausarten, finde ich. Seht Ihr das auch so?

Ich will euch den etwas zu lange geratenen Brief von Erwin Riess an Marco nicht vorenthalten. Im Anhang findet ihr ihn. Geniesst ihn aber mit Vorsicht!

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