Natürlich haben wir alle unsere medizinischen Nöte. Deshalb gehen wir gerne und recht häufig zum Online-Doktor. Dr_Hans, wie er sich nennt, weiss auch viel und beantwortet Fragen jeweils erschöpfend. Bei ihm lassen wir die Hose runter, manchen ist er sogar Retter in der Not.

In der Not sind wir aber nicht nur medizinisch. Das Leben bringt jeden Tag grössere und kleinere Nöte mit sich. Immer wieder beklemmen uns die Lebensumstände, stehen wir im Zwiespalt, wie wir uns in peinlichen Alltagsgegebenheiten am besten verhalten, wie wir verunsicherten Mitmenschen offen, aber nicht aufsässig begegnen. Davon ist indessen kaum die Rede in diesem Forum. Die Hose bleibt zugeknöpft.

Im Umgang mit zwiespältigen Alltagssituationen, aber auch anspruchsvollen und wegweisenden Lebensfragen scheinen der Rat und der Austausch mit andern nicht wirklich gefragt zu sein: Ein blitzgescheiter Freund von mir mit unfallbedingter Paraplegie bewarb sich vor Jahren bei Max Havelaar als Geschäftsführer. In der Bewerbung wies er auf seine Doktorwürde und mehrjährige operative Führungserfahrung in einem Pharmakonzern hin. Seinen ständigen Begleiter, den Rollstuhl, verschwieg er aber. Erst nach dem Interview erzählte er mir davon. Er war enttäuscht, denn sie nahmen ihn nicht. Er hat sie auch dumm brüskiert, meine ich. Unsere Lebensumstände lassen sich nicht verbergen. Das gilt auch dann, wenn mich ausgerechnet der die Treppe hochzieht, den ich als Vereinspräsident in der anschliessenden Sitzung aus dem Vorstand schmeissen muss. Da fühle ich mich nicht wohl in meiner Haut. Etwas mulmig war mir auch, als ich unlängst meinem, inzwischen leicht gehbehinderten ehemaligen obersten Chef begegnete. Er begrüsste mich überschwänglich und bestand darauf, mir an meinem Ziel aus dem Tram zu helfen. Ich verwies auf die jungen Leute, die ebenfalls im Wagen sassen, und erklärte, meinetwegen brauche er keinen Umweg zu machen. Er erwiderte, er sei schon immer zu mir gestanden und tue das selbstverständlich auch im hohen Alter. Diese Aussage machte ihn nicht kräftiger, rührte mich aber sehr. Gereizt war ich dagegen, als der einzige Chauffeur am Bahnhof einer Kleinstadt stark hinkend aus seinem Taxi, einem A-Klasse-Mercedes, stieg. Nur mit Mühe kam ich auf den für mich zu hohen Sitz. Helfen konnte er mir nicht. Den Rollstuhl musste ein Passant in den Kofferraum hieven. Erst als wir endlich losfuhren, sah ich, dass er links eine eiserne Handprothese hatte. Ich schmollte. So ein Krüppel braucht weiss Gott nicht Taxi zu fahren, dachte ich, schwieg aber. Und schliesslich bei anderer Gelegenheit: Ich muss über den Randstein, kann das aber nicht alleine. Zur Stelle ist nur eine zierliche junge Frau. Sie steht kaum meinetwegen da, auch wenn ich mir das wünschte. Ist der Randstein meine Chance, mit ihr anzubandeln?

Wir sind oft genauso verunsichert wie unsere Mitmenschen. So treten wir ihnen gegenüber vielfach zu forsch oder zu schüchtern auf. So verkorksen wir's und schaffen neue Nöte. Es würde sich lohnen, nicht nur über Medizinisches zu sprechen: Zum Abbau und zur Vermeidung von Nöten!

Kommentare (4)

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Lieber Fritz

Ich habe bereits einige deiner Kommentare und Beiträge gelesen und habe mich schon ab und an gefragt, willst du einfach provozieren oder siehst du die Dinge wirklich so frustriert…

Dieses Mal gehst du für mich wirklich zu...
Lieber Fritz

Ich habe bereits einige deiner Kommentare und Beiträge gelesen und habe mich schon ab und an gefragt, willst du einfach provozieren oder siehst du die Dinge wirklich so frustriert…

Dieses Mal gehst du für mich wirklich zu weit. Einen Chauffeur mit Einschränkungen als Krüppel zubrachten, nur weil er deine Bedürfnisse nicht decken kann?? Gibt es nicht extra dafür Rollstuhltaxis? Hat schlussendlich nicht alles funktioniert, dank dem sich jemand zusätzliches für euch eingesetzt hat?

Ja der Alltag ist voller Herausforderungen, aber wie wir ihn gestalten und was wir sehen und daraus machen, das liegt ganz alleine bei uns.

Ich finde dieses Forum sehr wertvoll, weil Ideen, Tipps und wichtige Inputs geteilt werden können. In meinen Augen können auch kritische oder brisante Themen diskutiert werden, aber einfach aus Frust in die Tasten drücken dafür gibt es so etwas wie Tagebücher.

In Achtsamkeit Corina
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Liebe Corina,
Ich bitte um Nachsicht, dass ich erst heute auf deine Antwort eintrete. Ich habe sie übersehen. Das ist schade, denn ich will ja Antworten, um den Austausch zu intensivieren. Insofern trifft auch deine Vermutung zu, dass ich...
Liebe Corina,
Ich bitte um Nachsicht, dass ich erst heute auf deine Antwort eintrete. Ich habe sie übersehen. Das ist schade, denn ich will ja Antworten, um den Austausch zu intensivieren. Insofern trifft auch deine Vermutung zu, dass ich provozieren will.
In meinem Beitrag nenne ich - wie schon an anderer Stelle - Beispiele beklemmender Situationen, mit denen wir kluger und weniger klug umgehen können. Ziel ist es, so klug wie möglich zu verfahren. Da kann der Erfahrungsaustausch sehr hilfreich sein.
Du äusserst dich in deiner Stellungnahme nur zur Sitation mit dem Taxi und verweist auf die Rollstuhl-Taxis. An jenem Sonntagabend am Bahnhof in Sursee stand das aber nicht zur Debatte. Du hast aber recht, indem du andeutest, dass wir beklemmenden Situationen mit guter Planung ausweichen können. Ich bin seither auch nie mehr zu einem Zeitpunkt nach Sursee gereist, da die Busse nicht mehr fahren. Vom Bus aus sehe ich aber, dass die Taxis dort immer noch ungeeignet sind für mich.
Soviel für den Moment.
Es würde mich freuen, wenn wir den Diskurs weiterführen könnten.
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Lieber Fritz

Es freut mich, dass du dich gemeldet hast.

Gerne kann ich dir meine Sicht als Rollstuhlfahrern in der Gesellschaft und wie ich mit Hindernissen umgehe schildern.

Ich habe in den letzten drei Jahren gelernt, dass es...
Lieber Fritz

Es freut mich, dass du dich gemeldet hast.

Gerne kann ich dir meine Sicht als Rollstuhlfahrern in der Gesellschaft und wie ich mit Hindernissen umgehe schildern.

Ich habe in den letzten drei Jahren gelernt, dass es wichtig ist zu wissen, was meine Bedürfnisse sind. Die sind bei jedem von uns anders. Der eine will/ braucht Hilfe der andere wird halb aggressiv, wenn er welche Angeboten kriegt.

Wenn ich nun also weiss wo ich welche Unterstützung brauche, gehe ich aktiv auf die Mitmenschen zu und frage, ob sie mich dabei unterstützen würden.
In deinem Taxi Beispiel sehe ich deine Herausforderung, wie kommst du auf den Sitz. Das siehst du bereits bevor du einsteigst, je genauer du dem Taxifahrer sagen kannst, wie er dich unterstützen kann oder eben der Passant, je genauer weisst du, ob du dich darauf einlassen willst.

Ansonsten gibt es ja die Möglichkeit ein anderes Taxi zurufen. Diese Alternative hast du im Elektrorolli nicht. Aber wo und wie immer gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, man muss sie nur sehen.

Je mehr wir uns aufregen, desto weniger offen sind wir für die andere Lösung. Mein Alltag wurde zum Abenteuer, welches ich mit grosser Neugier und Offenheit erlebe.
Die Mitmenschen erlebe ich als sehr hilfsbereit und manchmal kurz verunsichert, was sich aber meist rasch verflüchtigt.

Ich würde es sehr schön finden, wenn du deine Taxigeschicht nochmals neu machst und mit einer wohlwollenden und neugierigen Einstellung einsteigst ;-)

Herzlich Corina
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Liebe Corina,
Da bin auch ich wieder!
Du schneidest einen interessanten und für uns sehr wesentlichen Punkt an. Es geht in unserem Dasein eben nicht um unsere Bedürfnisse im weitesten Sinne, sondern um die Frage, was denn unter den...
Liebe Corina,
Da bin auch ich wieder!
Du schneidest einen interessanten und für uns sehr wesentlichen Punkt an. Es geht in unserem Dasein eben nicht um unsere Bedürfnisse im weitesten Sinne, sondern um die Frage, was denn unter den gegebenen Umständen möglich und sinnvoll ist. Ob Para oder Tetra, für alle gilt hier nach meiner Beurteilung: Bewegungs- und mobilitätsorientierte Aktivitäten sind streng genommen nicht sinnvoll, weil sie uns in jedem Falle in Grenzbereiche führen, die wir nicht voraussehen können. Ich veranschauliche das in meinem Beitrag sehr bewusst mit einem banalen Beispiel aus dem Alltag: Wir stossen auf ein ungeeignetes Taxi, gefahren von einem ebenfalls behinderten Chauffeur. Die vielen prahlerisch daher kommenden Berichte unserer Leidensgenossen über abenteuerliche Reisen und Sportanlässe blenden diesen Aspekt immer aus. Dabei weiss ich, dass alle unter diesen grösseren und kleineren Nöten leiden. Deswegen mein Aufruf: Redet darüber und tauscht euch aus, wie am besten damit umzugehen ist.
Ein denkbarer und durchführbarer Weg ist es, aus der Not eine Tugend zu machen: es heisst ja so schön, wir seien "an den Rollstuhl gebunden". Im Grunde ist das eine ideale Voraussetzung, um ein kontemplatives Leben zu führen. Ich muss nicht wie alle andern Sport treiben, ich muss nicht zu jedem belanglosen Ereignis sputen, ich muss nicht reisen, sondern kann mich mir selbst hingeben und Aktivitäten ausüben, die zu mir und meiner Lebenssituation passen.
Aus dieser Überlegung heraus habe ich mich vor 39 Jahren recht schnell entschieden, eine Publizistikausbildung anzutreten. Um zu schreiben, brauchte man damals noch einen Tisch, auf dem die Schreibmaschine steht. Im Zeitalter der Notebooks ist das auch vom Bett aus möglich.
Aus derselben Überlegung heraus sage ich in letzter Zeit die Teilnahme an Sitzungen immer häufiger ab - dies erst recht in winterlichen Eiszeiten. Ich bin zu Hause und wirke von meinem Pültchen aus...
Bevor wir das weiter vertiefen, zwei kleine Bemerkungen:
1. Deine Kritik interessiert mich, weil sie mir aufzeigt, wie meine Texte rüberkommen. Als publizistisch tätiger Mensch brauche ich ein Echo, um mich verbessern zu können.
2. Du klammerst dich etwas fest an die Episode mit dem Taxi und unterschlägst, dass Taxifahrer ein geschützter und streng regulierter Beruf ist. Sie erfüllen gegen teures Geld einen öffentlichen Auftrag. Er beinhaltet zwingend, dass sie auch Gebrechliche und Behinderte, aber auch Gäste mit Gepäck befördern müssen. Wer körperlich beeinträchtigt ist, erfüllt die nötigen Voraussetzungen nicht. In andern Worten: Nicht ich, sondern er war an jenem Sonntagabend am falschen Ort. Trotz meines Ärgers bekam er aber nebst den Fahrtkosten ein nettes Trinkgeld.
Ich habe ihn aber nie mehr gesehen. Gut möglich und vor allem zu hoffen, dass auch er inzwischen ein kontemplatives und nicht mobilitätsorientiertes Leben führt.
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