Wir schreiben das Jahr 1975. Ich beuge mich dem Druck und gehe in die Rekrutenschule unserer Armee. Der Truppensanität bin ich zugeteilt. Dort lerne ich, dass die Körpertemperatur 36.5 Grad beträgt, der Puls bei 80 pro Minute liegt und der Blutdruck bei 80 auf 120. Temperaturen ab 37.5 bedeuten Krankheit und damit Flohnerleben im Krankenzimmer der Kaserne. Beim Gewicht gilt die Faustregel: Körperlänge minus ein Meter plus zehn Prozent, also 1.78 ./. 1 + 7.8 = 85.8 Kilo. Ich war aber 63, zu meinem Bedauern noch genug, um diensttauglich zu sein.

Zwei Jahre später verunfalle ich: „Halswirbelverletzungen auf Höhe C5/C7 mit konsekutiver inkompletter Tetraplegie". Seither stimmt gar nichts mehr. Der Puls ist irgendwo, der Blutdruck bei 60 auf 90, die Temperatur zuweilen unter 36, und das Gewicht fiel bis Ende der achtziger Jahre auf kümmerliche 55 Kilo. Heute sind es 60.5.

Dieser rein technischen Abwägung zwischen krank und gesund steht das Konzept der funktionalen Gesundheit gegenüber: Der Ausgangspunkt ist hier, ob und wie sich ein Mensch durch den Alltag schlägt. Das Konzept der funktionalen Gesundheit ist im Grunde seit jeher die Leitschnur in der Rehabilitationsmedizin. In Reha-Zentren geht es deshalb zuweilen ruppig zu und her. Befindlichkeiten und die Gewichtsklasse interessieren nur bedingt. Hauptsache, der Patient sich auf dem Klo selbständig, kann alleine einkaufen gehen und sich einen Kaffee kochen – auch mit überhitztem Körper.

Wo dieses Ziel nicht erreichbar ist, braucht es die Hilfe Dritter. Wenn's nur um einige Handreichungen geht, genügen Kurzbesuche der Spitex. Sind mehr Hilfeleistungen erforderlich, die sich zudem über den ganzen Tag erstrecken, so ist betreutes Wohnen angezeigt. Ist das nicht befriedigend oder ausreichend, so ist ein Wohnheim mit einem guten Pflegeangebot die zweckmässigste Lösung.

Spätestens hier werden die Wertvorstellungen, die hinter dem Konzept der funktionalen Gesundheit stehen, deutlich sichtbar. In einem Heim zu leben, entspricht nicht dem Freiheitsideal unserer individualistisch ausgerichteten Gesellschaft. Die Wertvorstellungen unserer Gesellschaft brechen aber auch an anderer Stelle durch: Funktional gesund sind im Grunde nur die, die das Leben körperlich und auch finanziell selbständig bestreiten können. Deswegen heisst uns der Rehabilitationsmediziner zusammen mit seinem staatlich beauftragten Berufsberater, uns möglichst schnell zumindest teilzeitlich wieder in einem Arbeitsstollen einzufinden und eigenes Geld zu verdienen.

Dabei wäre es doch so schön, nach erlittener Unbill und dank körperlicher Versehrtheit endlich nicht mehr arbeiten zu müssen und die hoffentlich üppig fliessenden Renten auf schönen Entdeckungsreisen genussvoll auszugeben. Auf Reisen ereilt uns aber die bittere Realität unserer Einschränkungen: Die verschiedensten Anforderungen, die das Reisen an uns stellt, vermindern unsere wieder erlangte funktionale Gesundheit: Wir leiden unter dem Jetlag mehr als andere, vertragen das Klima schlechter, und die Infrastruktur ist nicht so, wie sie sein sollte. Im Grunde ergeht es allen Reisenden so, aber in der Regel können's die meisten überhauen. Für uns Rollstuhlfahrer entscheiden aber diese Hürden über Glück und Unglück.

Sind wir also dazu verdammt, zu Hause zu bleiben und an unserem Pültchen irgendeiner Arbeit nachzugehen? Nein, aber wir sind gut beraten, mehr als andere immer abzuwägen, wieviel Lustgewinn uns ein bestimmter Lebensstil und mondäne Extravaganzen wirklich bringen.

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