Autoren der Zusammenfassung: Carolina Ballert, Sibylle Graf, Felix Gradinger, Alexander Lötscher, Christine Muff und Jan D. Reinhardt (Schweizer Paraplegiker-Forschung)
 
Originalartikel: Reinhardt JD, Ballert CS, Fellinghauer B, Lötscher A, Gradinger F, Hilfiker R, Graf S, Stucki G. Visual perception and appraisal of persons with impairments: A randomized controlled field experiment using photo elicitation. Disability and Rehabilitation. 2011;33(5):441-52.
 

Die Einschätzung von Rollstuhlfahrern ist deutlich negativer als die von Fussgängern, selbst in Bezug auf Attribute wie Intelligenz oder Fleiss. Allerdings können ein persönlicher Kontakt zu Menschen mit Behinderung und die Bewusstmachung des Themas dazu beitragen, solche Vorurteile abzubauen.

Was war das Ziel dieser Studie?

Damit die Chancengleichheit von Menschen im Rollstuhl gewährleistet ist, müssen Wahrnehmungen von Behinderung in der Gesellschaft durchschaut und mögliche Vorurteile erkannt werden. Wie also werden Menschen mit sichtbarer Behinderung wie Rollstuhlfahrer von anderen Menschen genau wahrgenommen? Wie schätzt man sie als Personen ein und welche Rolle spielen dabei die visuellen Augenfälligkeiten ihrer Behinderung? Wissenschaftler haben sich dieser Fragen angenommen und ein Feldexperiment mit Fotomaterial durchgeführt, das in diesem Beitrag vorgestellt wird.

Wie sind die Forscher vorgegangen?

Zur Untersuchung der visuellen Wahrnehmung von Rollstuhlfahrern befragte die Forschergruppe insgesamt 100 Personen aus der allgemeinen Schweizer Bevölkerung. Den Umfrageteilnehmern wurden insgesamt zwölf Fotos vorgelegt. Vier davon zeigten Personen im Rollstuhl, vier zeigten Personen mit sichtbarer geistiger Behinderung, vier zeigten Fussgänger ohne sichtbare Behinderung (siehe Abbildungen 1 a/b). Die Teilnehmer wurden gebeten, die insgesamt zwölf Personen auf den Fotos hinsichtlich verschiedener Personeneigenschaften einzuschätzen.

 

Abbildungen 1 a/b: Rollstuhlfahrer werden schlechter beurteilt als Fussgänger ohne sichtbare Behinderung

Was haben die Forscher entdeckt?

Als Ergebnis der Befragung kam heraus, dass die geistig behinderten Personen am schlechtesten bewertet wurden. Doch auch die Rollstuhlfahrer wurden im Vergleich zu den Fussgängern in allen Eigenschaften negativer eingeschätzt. Am grössten war der Unterschied bei den Einschätzungen der Attraktivität und der Intelligenz.
Abbildung 2 stellt die Ergebnisse dar. Es verdeutlicht auf einen Blick, dass Rollstuhlfahrer allein aufgrund der Sichtbarkeit des Rollstuhls ungünstigeren Einschätzungen ausgesetzt sind. Dabei kann man von einem Rollstuhl freilich keineswegs z.B. auf die Intelligenz der Person schliessen.

Abbildung 2: durchschnittliche Einschätzung von Rollstuhlfahrern und Fussgängern

Ein weiteres wichtiges Studienergebnis war, dass persönlicher Kontakt zu Menschen mit Behinderung offenbar zu einem Abbau von Vorurteilen beitrug. Bei den befragten Personen, die engen persönlichen Kontakt zu Menschen mit Behinderungen hatten (z.B. weil sie mit einer behinderten Person befreundet waren), zeigten sich kaum Unterschiede in den Bewertungen von Rollstuhlfahrern und Fussgängern ohne sichtbare Behinderung.
Eine ähnliche Wirkung wie der persönliche Kontakt zu behinderten Menschen hatte ein bewusster Hinweis der Befragten auf das Thema Behinderung. Dies wurde dadurch erzielt, dass die Hälfte der Umfrageteilnehmer die Information erhielt, dass sich die Studie mit der Wahrnehmung behinderter Personen befasst, und die Schweizer Paraplegiker-Forschung (SPF) als Sponsor der Studie genannt wurde. Die andere Hälfte der Befragten erhielt stattdessen die neutrale Information, dass es sich bei der Studie um eine Untersuchung der visuellen Wahrnehmung im Allgemeinen handelte, die von der Universität Luzern durchgeführt wurde. Der Vergleich dieser beiden Gruppen zeigt, dass die Rollstuhlfahrer besser eingeschätzt wurden, wenn die Befragten vorher auf das Thema Behinderung hingewiesen wurden und die SPF als Auftraggeberin der Studie genannt wurde. Dies verdeutlicht vor allem, dass ein Bewusstmachen des Themas Behinderung dazu führen kann, vorschnelles Urteilen zu verhindern.

Was bedeuten die Ergebnisse?

Die Ergebnisse des beschriebenen Feldexperimentes legen nahe, dass die visuell auffälligen Rollstuhlfahrer im Vergleich zu den Fussgängern ohne sichtbare Behinderung tendenziell ungünstigeren Einschätzungen ihrer sozialen Umwelt ausgesetzt sind. Das trifft auch und gerade auf Attribute wie „Intelligenz“ oder „Fleiss“ zu, die eigentlich nicht sichtbar sind und bei Menschen mit einer körperlichen Einschränkung keinesfalls schlechter ausfallen als bei nicht-behinderten Personen.

So ernüchternd dieses Studienergebnis auch ist, so zeigt die Studie doch auch Ansatzpunkte für den Abbau von Vorurteilen. Persönliche Kontakte zu Menschen mit Behinderungen führen dazu, dass diese in erster Linie als Personen und nicht als „Behinderte“ wahrgenommen werden. Auf diese Art und Weise werden negative Einstellungen abgebaut. Die Initiative Paradidact der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV), in der Unterrichtsmaterial zum Thema Querschnittlähmung bereitgestellt wird, Lehrer geschult werden und Rollstuhlfahrer Schulklassen besuchen, um den Schülern Erfahrungen, die ein Leben im Rollstuhl mit sich bringt, zu verdeutlichen, ist ein vielversprechender Ansatz. Ebenso ist das Aufdecken und Bewusstmachen von Vorurteilen gegenüber Rollstuhlfahrern eine wirkungsvolle Strategie zum Abbau negativer Einstellungen. Massenmediale Kampagnen können auch durchaus geeignete Massnahmen zu sein, Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen, die Thematik der Chancengleichheit in die öffentliche Diskussion einzubringen und das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Gleichstellung zu schärfen.

Wer hat die Studie durchgeführt und finanziert?

Die Studie wurde von der Schweizer Paraplegiker-Forschung in Nottwil (Schweiz) durchgeführt und finanziert, in Zusammenarbeit mit der Universität Luzern.

aus Paracontact 3/2010, Schweizer Paraplegiker-Vereinigung

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