Topfeben sind auch umgebaute ÖV-Haltestellen meistens nicht. Die wenigsten Trams eignen sich dafür.

«5/7» – das sind die goldenen Masse bei ebenerdig gebauten Stationen im öffentlichen Verkehr. In meinem Haus gelten 0.5/1. Schliesslich will ich in meinem Rollstuhl weder in die Liftkabine reinplumpsen, noch rauspurzeln. Also ist die Anlage so gebaut und eingestellt, dass die Kabine beim Anhalten die richtige Höhe um höchstens 5 Millimeter verfehlt und nur einen Zentimeter vom Stockwerksboden entfernt ist. Mit etwas Feinarbeit war das hinzukriegen. Zudem ist es jederzeit nachstellbar.

Die Teetasse darf nicht verschütten

Im Lift kann ich meiner lieben, zurzeit leider kränkelnden Frau Tee ans Krankenbett im Obergeschoss bringen. Das Servierbrettchen, auf dem die randvolle Tasse steht, liegt auf meinem Schoss. Kein Tropfen verschüttet. Das heisst: die Liftkabine steht auf dem genau richtigen Niveau still, Abweichung 0, ich rolle ebenerdig aus dem Lift ans Krankenbett.

Älteren Menschen, Kleinkindern und angetrunkenen Festbrüdern behagt das auch. Häufig stolpern sie schon bei kleinsten Absätzen. Sie beachten sie nicht, schlurfen oder träumen freudig vor sich hin und stürzen in der Folge jämmerlich wie übermüdete Hochgebirgskletterer.

Den Wunsch, dass sich die Vorderrädchen meines Rollstuhls nicht im Hohlraum zwischen Kabine und Stockwerk verkeilen, teile ich mit eleganten Damen: Sie mögen es nicht, wenn sie in diesem Zwischenraum versinken, weil sich ihre feingliedrigen Stöckelabsätze darin verfangen haben.

Der ÖV ist unser «Landeslift»

Die Funktion der Aufzüge in unseren Häusern übernehmen in den Städten und im ganzen Land Busse, Trams und Eisenbahnzüge, kurz der «ÖV». Allen soll er bequem zugänglich sein, auch Gebrechlichen, Sehbehinderten und Menschen im Rollstuhl, sieht das seit dem 1. Januar 2004 geltende Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) vor.

Wir Rollstuhlfahrer sollen fühlen und erleben, dass diese Verkehrsmittel niemanden ausschliessen, niemanden fallen oder versinken lassen. Um dieses hehre Ziel zu erreichen, gewährte das BehiG den verantwortlichen Verkehrsbetreibern 20 Jahre Zeit. Seither bemühen sie sich redlich, ihre Haltestellen und Bahnhöfe baulich anzupassen und alte Schienenfahrzeuge mit zu engen und zudem hochgestellten Eingängen auszurangieren.

tram am barfüsserplatz in basel

Tramstation Barfüsserplatz im Herzen von Basel: Hier stimmt gar nichts, der Zugang ist zu hoch und zudem in einer Kurve.

Sachzwänge noch und nöcher

Auf dem Weg zu ebenerdigen Zugängen stossen die Bauleute, Techniker und Ingenieure auf, wie es scheint, unendlich viele Hindernisse. So ist der vermeintliche Goldstandard «5/7» entstanden. Maximal 5 Zentimeter Höhenabstand und höchstens 7 Zentimeter seitlicher Abstand zwischen Fahrzeug und dem auf 27 Zentimeter erhöhten Randstein.

Bei Trams ist zudem unbedingt zu vermeiden, dass der Wagen tiefer liegt als der Randstein. Der Grund: Die aufklappbare Rampe muss einsatzbereit bleiben und beim Aussteigen zum Randstein hin fallen und ja nicht ansteigen. Das leuchtet irgendwie ein.

Doch auch bei den meisten umgebauten, als «ebenerdig» bezeichneten Haltestellen hat das zur Folge, dass beim Einstieg ins Tram noch immer unbequeme 5 Zentimeter zu überwinden sind. Das ist wesentlich besser als 10 oder 15 Zentimeter. Nach all der Müh überzeugt dieses Resultat trotzdem nicht. Erst recht findet das meine Teetasse. Sie würde gänzlich ausleeren.

tram in edinburgh

Ob in Edinburgh oder in Basel: Als «ebenerdig» gilt alles bis zu 5 Zentimetern Höhendifferenz.

Zur Erklärung weisen die Experten darauf hin, dass ein volles Tram tiefer liegt als ein halbleeres und dass sich zudem die Schienen verschleissen, will heissen, an Höhe verlieren. Diese äusseren Einflüsse bewirken, dass das Einstiegsniveau eines Tramwagens um zwei bis drei Höhenzentimeter schwankt. Bei der Projektierung ist das zu berücksichtigen.

Die Einsicht kommt spät

Inzwischen sind alle zuständigen Fachleute klüger geworden. Wirklich ebenerdig lässt sich nur ein- und aussteigen, wenn die Tram- oder Zugwagen ein Zutrittsbrettchen haben, das sich ausfahren lässt oder als Teil der Türe aufklappen lässt. Die modernen S-Bahnen der SBB haben das ausfahrbare Zutrittssystem, in Zürich das moderne Tram «Cobra» das aufklappbare: Es ist nach meinen Erfahrungen das angenehmste Tram. Ich schaffe den Ein- und Ausstieg alleine, im allerbesten Falle sogar mit Teetasse auf dem Schoss.

ausfahrbrettchen

Das ausfahrbare Zutrittsbrettchen ist die beste Lösung für Rollstuhlfahrer. Bei S-Bahnen ist sie üblich.

aufklappbrettchen

Beim Öffnen der Türe klappt unten das Zutrittsbrettchen auf. Das ist gut und funktional.

Ein Einstiegsbrettchen hat in Zürich auch die alte Kiste, Baujahre 1976 und 1978, mit dem verführerischen Namen «Tram 2000». Es ist unzugänglich für Rollstuhlfahrer, in seinem Innern hat der Gast noch zwei Stufen hochzusteigen.

cobra und tram 2000 in zürich

Fortschritt: Vorne das rollstuhlfreundliche Tram Cobra der Verkehrsbetriebe Zürich, hinten das unzugängliche alte Tram 2000.

Das neuere Zürcher Fahrzeug «Flexitiy» hat dagegen gar kein Brettchen. Im Raum Basel gibt es nur solche Trams. Sie eignen sich im Grunde nicht, um wirklich ebenerdig zusteigen zu können.

Dafür haben sie am EuroAirport in Basel monströse Fahrzeuge mit Hebebühnen, die direkt am Flugzeugeingang andocken. Einstieg ebenerdig – die Franzosen machen’s möglich.

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