Wie kann man sich mit einer Behinderung auf Notfälle vorbereiten?

Wie gut seid Ihr vorbereitet für den Fall, dass eine Katastrophe eintritt? Wenn Ihr in der Schweiz lebt, solltet Ihr die Liste der Notvorräte kennen, die das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung empfiehlt. Neun Liter Trinkwasser pro Person, Nahrungsmittel für eine Woche: Nicht viele nehmen die Liste ernst, besonders die jüngere Generation, die noch nie oder selten eine Katastrophe erlebt hat.

Seit dem COVID-19-Ausbruch machen sich die Menschen mehr Gedanken über die Vorbereitung auf Notlagen. Dazu gehört sicher mehr, als wichtige Güter wie Toilettenpapier auf Vorrat zu kaufen. Auf einen Notfall vorbereitet sein bedeutet, reagieren und sich in Sicherheit bringen zu können.

Menschen mit Behinderungen haben ein höheres Risiko

Sich vorbereiten: Menschen mit Behinderungen wissen sehr genau, was das bedeutet, besonders wenn ihre Mobilität eingeschränkt ist. Auch wenn mehr und mehr Barrieren abgebaut werden, sind viele Orte für Menschen mit Mobilitätsproblemen noch immer unzugänglich. In normalen Zeiten bedeutet vorbereitet sein weniger Umwege und Frustration. Doch im Katastrophenfall kann eine gute Vorbereitung über Leben und Tod entscheiden – selbst in hochentwickelten Ländern wie der Schweiz.

Eine weltweite Befragung der UN zeigt Gründe auf, warum Menschen mit Behinderungen während und nach einer Katastrophe gefährdeter sind als die Allgemeinbevölkerung. Nur 20 % der Befragten mit Behinderungen denken, dass sie ihre Wohnung sofort und problemlos verlassen können, wenn plötzlich eine Katastrophe eintritt. 71 % der Befragten haben keinen individuellen Schutzplan für den Fall einer Naturkatastrophe und nur 17 % sind sich des Katastrophenschutzplans ihrer Gemeinde bewusst. Diese Zahlen sind insbesondere beunruhigend, da Menschen mit Behinderungen laut einem Bericht der UN ein zwei bis vier Mal höheres Risiko haben, in einer Katastrophe umzukommen, als Menschen ohne Behinderungen.

überschwemmte unterführung in der schweiz

Das extreme Wetter diesen Sommer in der Schweiz überraschte einige Menschen. Wie viel schwieriger ist es für Menschen mit Behinderungen, solchen Situationen zu entkommen? (Quelle: Archyde)

Gemäss dem Schweizer Forschungsprojekt Hydro-CH2018 wird der Klimawandel die Schweiz mit immer extremeren Wetterereignissen bedrohen. Die Folge sind Naturkatastrophen wie Überflutung und Hagelstürme, wie wir sie diesen Sommer mehrmals erlebt haben. Was kann man tun, um sich auf die nächste Naturkatastrophe und andere Notfälle vorzubereiten?

Hilfspersonen bestimmen und Notfallpläne erstellen

«Wohin gehe ich?» «Wer kann mir helfen?» «Wie kontaktiere ich meine Verwandten und Freunde?» Diese einfachen Fragen können Panik auslösen, wenn man unvorbereitet in eine Notlage gerät. Deshalb ist es wichtig, vorauszudenken und sich einen persönlichen Plan zu erstellen, um im Notfall unverzüglich und angemessen reagieren zu können.

So betreibt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz eine Website und eine App namens Alertswiss, wo Ihr Euch jederzeit über Katastrophen und Notlagen in Eurer Region informieren könnt. Alertswiss stellt ausserdem Hilfsmittel für Euren persönlichen Notfallplan zur Verfügung, z. B. eine Möglichkeit zur Erfassung der Kontaktdaten von Verwandten, eine Notfallset-Checkliste, Evakuierungspläne sowie Notfalltreffpunkte, wenn die Wohnung nicht mehr erreichbar ist.

Wichtig ist nicht nur zu wissen, wo man Hilfe findet, sondern man braucht auch ein paar alternative Pläne, falls Plan A nicht funktioniert. Im Webinar «Disaster Readiness and Paralysis» unten wird Menschen mit Behinderung empfohlen, eine Gruppe aus vier oder mehr Personen zu haben, die im Notfall helfen können. Zum Team sollten Nachbarn, Familie, Freunde und Betreuungspersonen gehören. Es braucht jemanden, der sich nach Euch erkundigt, Euch versteht und zu Euch kommt, um zu helfen, falls Ihr festsitzt oder verletzt seid.

Notfallsets packen

Ein Notfall kann jederzeit und überall eintreten. Idealerweise richtet man sich Notfallsets für verschiedene Orte und Situationen. Das ADA (Americans with Disabilities Act) National Network hat eine Tabelle erstellt, die das Zubehör für fünf verschiedene Notfallsets zusammenfasst:

  • Eine Tasche, die am Körper getragen wird; sie sollte essentielle Dinge enthalten, die Ihr immer braucht.
  • Eine Tasche zum Mitnehmen, die leicht und schnell greifbar ist, falls Ihr unerwartet und ohne Hilfe aus dem Haus müsst.
  • Ein Set für Zuhause mit lebensnotwendigen Dingen wie Wasser, Nahrungsmittel und behinderungsspezifischen Sachen, damit Ihr mehrere Tage unabhängig zu Hause oder in einer Evakuierungsunterkunft auskommen könnt.
  • Ein Nachttischset mit Dingen, die Ihr benötigt, falls Ihr nicht mehr aus dem Bett kommt.
  • Eine Tasche fürs Auto mit Dingen, die Ihr braucht, falls Ihr das Gebiet schnell im Auto verlassen müsst.

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Was sollten Menschen mit Behinderungen noch in ihre Notfallsets packen? (Quelle: Agroscope)

Bei der Zusammenstellung Eurer Notfallsets solltet Ihr Eure Fähigkeiten, individuellen Situationen und Bedürfnisse berücksichtigen. Verstaut die Sets in einer wasserdichten Box an einem sicheren und leicht erreichbaren Ort. Für Menschen im Rollstuhl empfehlen das ADA National Network und das Amerikanische Rote Kreuz weitere Punkte, um auf Notfälle vorbereitet zu sein:

  • Reparaturset oder Dose mit Dichtungsmaterial vorbereiten, um platte Reifen zu flicken, und/oder Ersatzschlauch für nicht pannensichere Rollstuhlreifen.
  • Ausrüstung mit laminierten, einfachen Anleitungsschritten beschriften, wie man z. B. «das Rad herausnehmen» oder «die Gangschaltung entkoppeln» kann.
  • Im Notfallset Ladegeräte bereithalten, die sich an ein Auto anschliessen lassen, um einen Akku zu laden.
  • Ersatzakku für E-Rollstuhl und andere akkubetriebene medizinische oder technologische Hilfsmittel kaufen und stets geladen halten.
  • Leichten manuellen Ersatzrollstuhl bereithalten, falls möglich.
  • Ersatz-Mobilitätshilfen oder medizinische Ausrüstung beim Nachbarn, in der Schule oder am Arbeitsplatz deponieren.

Niemand sollte zurückgelassen werden

Vielleicht erinnert Ihr Euch an Hurrikan Katrina, der im August 2005 den Südwesten der USA traf und mehr als 1800 Todesopfer forderte. Eines der Opfer war Benilda Caixeta, E-Rollstuhl-Nutzerin mit Muskeldystrophie. Im Dokumentarfilm unten erzählt Benildas Freundin deren Tragödie. Zuerst wurde Benilda vom Fahrer, der sie zur Evakuierung in ein Hotel bringen sollte, zurückgelassen. Dann bot die Polizei Hilfe an, aber weigerte sich, ihren Rollstuhl oder Assistenten mitzunehmen. Schliesslich blieb Benilda zurück und überlebte die Flutkatastrophe nicht.

Tragödien wie die von Benilda wären nicht passiert, wenn es genug Hilfe für Menschen mit Behinderungen geben würde – die 15 % der Weltbevölkerung. Katastrophen-Risikomanagement kann nur dann für alle funktionieren, wenn wir Menschen mit Behinderungen in die allgemeine öffentliche Notfallplanung einbeziehen – wir müssen ihre Bedürfnisse wahrnehmen und uns darum kümmern!

Wie gut seid Ihr auf Notlagen vorbereitet? Wie sehen Eure Pläne für den Notfall aus? Was würdet Ihr unbedingt in Euer Notfallset einpacken?

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