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Gesellschaft

Peinliche Fragen

Intime Fragen zu stellen, ist eigentlich tabu. Wer Anteil nimmt und sogar helfen kann, darf das aber.

Nur selten, wenn überhaupt, schütten wir gegenüber anderen unser Herz ganz aus. Sie brauchen nicht alle unsere Nöte und Schwächen zu kennen. Wir wollen uns nicht ausstellen und nicht alles preisgeben. So hat es sich über Generationen hinweg eingespielt.

«Weshalb bist du im Rollstuhl?» Wer uns diese Frage unversehens und zudem duzend stellt, ist zu direkt und überrumpelt uns.

Wenn er oder sie gleich nachlegt mit der Frage: «Und wie läuft’s denn zwischen den Beinen?», wird es taktlos und rutscht im wörtlichen Sinne unter die Gürtellinie. Diese Information geht nur diejenigen etwas an, mit denen wir Sex haben oder haben möchten, oder bei denen wir Rat suchen. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass wir auf solche Fragen eingehen sollten.  

unter der gürtellinie

Fragen, die unter die Gürtellinie gehen, beantworten wir am besten ausweichend oder gar nicht.

Benimmregeln wandeln sich

Der Zeitgeist bestimmt, wie wir uns gegenüber anderen verhalten und wie wir uns ausdrücken sollen und dürfen. Er wandelt sich, grob gesagt, von Generation zu Generation.

Ein Beispiel: Vor 30 oder 40 Jahren war es nicht verpönt, einen dunkelhäutigen Mitmenschen im Tram spontan zu fragen, woher er oder sie komme. Wenn wir das heute tun, unterstellen wir, dass er oder sie nicht hierhergehört, sondern zugewandert ist. Dabei ist die Person in der Schweiz geboren und aufgewachsen, ist zum Beispiel der Sohn oder die Tochter tamilischer Flüchtlinge.

Die unbedachte Frage kann diese Menschen im Herz treffen. Sie möchten nicht ständig an den Bürgerkrieg in Sri Lanka erinnert werden. Ihr Wunsch ist es, in der Schweiz möglichst unbehelligt und unauffällig zu leben. Oft halten sie sich deshalb strikter an schweizerisches Brauchtum als angestammte Schweizerinnen und Schweizer.

lächelnder tamile

Ihn zu fragen, woher er kommt, ist deplatziert. Er ist Schweizer, auch wenn wir vermuten, er sei ein Tamile. (Bild: Aswin Crist auf Pixabay)

Schweigen oder Zurückschiessen bringt nichts

Manchmal geht es uns in unseren Rollstühlen ähnlich wie dem tamilischen Flüchtlingskind. Wir wollen, wie viele von uns es ausdrücken, «ein möglichst normales Leben führen», sein wie alle anderen. Wer uns grundlos daran erinnert, dass wir in unseren Rollstühlen dennoch auffallen, tritt uns zu nahe.

Die Schüchternen und Verschämten unter uns sind davon verletzt. Sie antworten, indem sie verlegen schweigen oder sogar erröten. Die Aufbrausenden hingegen schiessen zurück: «Das geht dich einen Scheissdreck an».

Damit entfernen sich beide vom Ziel, auf Augenhöhe möglichst normal miteinander umzugehen. Sie verhalten sich genauso unbeholfen wie die Fragenden und entblössen sich unnötig.

Dabei ist es durchaus möglich, dass sich dieser fragende Mitmensch betroffen fühlt, echt Anteil nimmt oder uns sogar hilft. In diesem Fall darf er fragen, sofern es zur Situation passt und er sich zurückhaltend ausdrückt.

Auf den Ton kommt es an

Wir sind gefordert, herauszuhören, in welcher Tonlage sich unser Gegenüber nach uns erkundigt und was es antreibt. Am besten füttern wir es zunächst mit einigen Standardsätzen, die wir als alte Hasen parat haben.

Zum Beispiel so: «Töff-Unfall vor langer Zeit». Um den üblichen Folgefragen entgegenzuwirken, können wir gleich anfügen: «Rückenmarksverletzung, nicht heilbar.» Oder: «Menschen sind anpassungsfähig, das Leben bleibt auch mit Behinderung lebenswert.»

Es ist nicht einmal wichtig, ob das, was wir von uns geben, zutrifft. Wichtiger ist, dass wir uns nicht provozieren lassen und knapp, aber höflich und wohlklingend antworten.

wütender mann

Es ist nicht ideal, auf direkte Fragen aufbrausend zu reagieren. (Bild: ACWells auf Pixabay)

Stolz bleiben, ohne überheblich zu sein

Auf diese Weise wirken wir souverän und gewinnen Zeit, um die Fragesteller zu ergründen und zu entscheiden, ob und wie wir das Gespräch weiterführen möchten. Oft stellt sich heraus, dass die Fragenden sich nur auf uns einlassen, weil sie uns ihr eigenes Leid klagen wollen. Das ist nicht in Ordnung.

Andere haben ein Glas zu viel genossen und verlieren ihre Hemmungen. In solchen Fällen wenden wir uns so schnell wie möglich ab. Erfahrungsgemäss ist das nicht immer einfach. Trotzdem ist es ratsam, nicht aufbrausend zu reagieren, sondern die eigene Würde zu bewahren, statt sich dem Stil des ungebetenen Vorwitzigen anzugleichen.

Langfristig ist es für uns alle am besten, wenn wir stolz und selbstbewusst auftreten, ohne dabei überheblich oder abweisend zu wirken. So bleiben wir offen und können uns freuen, wenn uns ein liebenswürdiger und interessanter Mitmensch anspricht. Er tut das, weil wir ihm wegen unseres Rollstuhls auffallen. Ohne dieses – oft verdriessliche – Merkmal hätte er uns nicht beachtet.

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