Gutgläubig – Willfährig. 

Fragen wir den Oberkellner, welchen Wein er zum Essen empfiehlt, wird er kaum den billigsten nennen. Das wissen wir schon lange. Deswegen fragen wir ihn gar nicht, sondern setzen auf unser eigenes gesundes Urteil.

In anderen Lebensbereichen treten wir dagegen weniger selbstsicher auf. Rät uns der befreundete Anwalt, mit Verträgen die familiären Beziehungen sauber zu regeln, so hören wir ihm aufmerksam zu. Den Architekten preisen wir sogar: Dank ihm wissen wir, dass wir Energie und Geld sparen, wenn wir nur endlich unser Haus anständig isolieren. Er ist eben ein echter Profi – genau wie der Anlageberater, der uns empfiehlt, mit dem geliehenen Kapital aus einer zusätzlichen Hypothek zukunftsträchtige Aktien zu kaufen. Die Zinskosten können wir vom steuerbaren Einkommen abziehen und auf den Börsengewinnen, die winken, müssen wir nichts abliefern.

Schliesslich gibt’s noch den vertrauenswürdigen Doktor. Der weiss am besten, wie wir drohendes Unglück abwenden. Die Vorsorgeuntersuchung erfordert zwar einen kurzen stationären Aufenthalt. Angenehm ist sie nicht, dafür haben wir danach Gewissheit, wo wir stehen. Sollte sich ein kleiner Eingriff aufdrängen, so könnte er gleich im Anschluss erfolgen – wenn das nicht sinnvoll ist! Dem kleinen Ungemach dieser vorbeugenden Massnahme fügen wir uns gerne.

Die Maxime ist immer dieselbe: Wenn wir heute nicht handeln, bereuen wir es morgen. Aktien müssen wir natürlich kaufen, bevor sie gestiegen sind! Recht hat er, dieser Berater. Den Letzten beissen bekanntlich die Hunde! Bei der Isolierung des Hauses trifft das erst recht zu. Die kommt heute günstiger, als wenn wir warten, bis sie gesetzlich eh vorgeschrieben wird. Zudem gibt’s jetzt noch ein Subventionsprogramm, das aber bald ausläuft. Zum Glück hat uns der Architekt darauf hingewiesen. Nicht auszudenken ist es schliesslich, dass sich unsere Kinder zerstreiten, wenn wir nicht mehr sind. Ein durchdachter Ehe- und Erbvertrag ist die richtige Lösung, und zwar sofort! Mit seinen bedrohlichen Schilderungen, was uns alles widerfahren könnte, wird auch der Versicherungsberater schnell zum geschätzten Hausfreund. Er schützt uns vor künftigem Unheil.

Da kommt der Oberkellner und erklärt unaufgefordert, diese Weine der unteren und mittleren Preisklasse enthalten viele, teils recht gefährliche Giftstoffe. Er führe diese Weine eigentlich nur für Gäste, die mit dem Budget nicht ganz durchkommen. Sehr bewusst biete er deswegen die Qualitätsweine zu vergleichsweise tiefen Preisen an. Er gewichte eben die Gesundheit seiner Gäste höher als den eigenen Vorteil.

Diese Aussage beeindruckt alle am Tisch. «Bringen Sie die Schlossabfüllung, da sind wir auf der sicheren Seite», rufen sie dem Oberkellner zu.

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