Nutze Deine Andersartigkeit und präge neue Sichtweisen bei anderen.

Die Schweiz ist bekannt für Käse und Schokolade, Berge und Seen, Heidi und Uhren. Ein Land, ein Pass, eine Verfassung, vier Landessprachen. Wie äussert sich das in der Realität? Ich wurde in der italienischsprachigen Schweiz nahe der italienischen Grenze geboren. Ich wuchs auf und fühlte mich als Schweizerin, feierte den Nationalfeiertag, ass Butterzopf zum Sonntagsbrunch, war stolz auf die Sauberkeit und Organisation in meinem kleinen Land und liebte Gruyère-Käse und Schokolade. Doch ebenso wuchs ich mit den Songs von Zecchino d’Oro auf, schaute italienische Fernsehsendungen und ass sonntagmittags mit der Familie Lasagne oder Polenta. Die schweizerisch-italienische Mischung war mein Alltag.

Als ich fürs Studium in die französischsprachige Schweiz zog und später in den deutschsprachigen Teil, wurde mir bewusst, dass ich in den Augen meiner Landsleute zwar Schweizerin war, aber anders. Ich hatte etwas „Exotisches“, weil viele meiner kulturellen, sozialen und kulinarischen Bezugspunkte italienisch waren. Mein unverkennbarer italienischer Akzent war oft der Ausgangspunkt für eine Diskussion über die eigentlichen Merkmale der Schweizer Identität. Es wurden mir Fragen gestellt, die für mich keinen Sinn ergaben, wie z. B. „fühlst Du Dich mehr als Schweizerin oder Italienerin“? Mit der Zeit habe ich aber gelernt, aus der Not eine Tugend zu machen.

Erstens weckt mein vielfältiger kultureller Hintergrund Neugier und erleichtert die Konversation: Es gibt immer etwas, über das ich mich mit meinen Landsleuten unterhalten kann ;-) In die Neugierde mischt sich bisweilen Aufdringlichkeit – doch meistens bekomme ich die Gelegenheit, meine Unterschiede zu erklären, Vorurteile abzubauen und bei den anderen ihr Bild der Tessiner zu beeinflussen. Zweitens: Um mir Gehör zu verschaffen, musste ich an meinen Kommunikationsfähigkeiten arbeiten. Das bedeutet nicht nur, eine neue Fremdsprache zu lernen. Es ist viel mehr als das. Man muss lernen, sich zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Regeln und Normen bewegen zu können. Drittens bin ich durch meinen Kontakt mit den „Schweizer Mehrheiten“ weltoffener geworden und betrachte meine eigene Weltanschauung mit mehr Objektivität. Mich durch die Brille anderer zu sehen, hat mir auch dabei geholfen, mich selbst besser kennenzulernen.

In verschiedenen Teilen der Schweiz zu leben, machte mir klar: Es gibt einen Unterschied zwischen sich als Schweizerin fühlen und als Schweizerin wahrgenommen werden. Schweizerin sein bedeutet nicht nur, einen Schweizer Pass zu haben und sich als Schweizerin zu fühlen – es ist eine Frage der gesellschaftlichen Anerkennung: Wenn Du nicht das darstellst, was die anderen als schweizerisch ansehen, dann wirst Du eben nicht als Schweizerin betrachtet! Dies gilt genauso für alle Situationen, in denen Du glaubst, Du gehörst einer bestimmten Gruppe an, die anderen dies aber nicht so sehen. Wenn also z. B. eine Person mit einer Behinderung als eine behinderte Person behandelt wird, dann wird diese Person aufgrund eines einzigen Merkmals in eine Schublade gesteckt und nicht in erster Linie als Mitbürger, Mutter/Vater, Tourist, Athlet oder Berufstätiger wahrgenommen. Jedes Mal, wenn die Medien einen paralympischen Athleten als Helden des Alltags präsentieren, anstatt sich auf seine sportlichen Leistungen zu konzentrieren; jedes Mal, wenn wir daran zweifeln, dass eine Person einer bestimmten Aufgabe nachkommen kann, weil wir ihren Rollstuhl sehen: jedes Mal erkennen wir nicht an, wer oder was diese Person alles sein kann. Wir stellen ein einziges Merkmal heraus – aus ihrer Sicht wahrscheinlich nicht das wichtigste.

Wir können nicht ändern, dass wir aus dem Tessin stammen oder dass wir im Rollstuhl sitzen. Aber wir können ändern, wie andere uns sehen – zum Beispiel, indem wir ihnen zeigen, dass das Tessin mehr ist als nur die „Sonnenstube“ der Schweiz, und dass Tessiner mehr sind als nur gesellig und geschwätzig. Wenn wir schon keinen Einfluss darauf haben, welche Eigenschaften uns andere auf den ersten Blick zuschreiben, so können wir zumindest ihre Einstellung uns gegenüber beeinflussen. Dies geschieht normal nicht über Nacht – aber es ist ein Weg, wie historisch einzelne Leben, aber auch kollektive Schicksale geändert wurden. Frauen haben sich so das Wahlrecht erkämpft, und Menschen mit Behinderungen die Menschenrechte. Kommunikation ist der Schlüssel, um Menschen zu ermutigen, unkonventionell zu denken und neue Weltanschauungen zu entwickeln – welche dazu beitragen werden, die Welt zu verändern.

[Übersetzung des originalen englischen Beitrags]

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