Pechsträhnen sind oft erklärbar – allerdings nicht lückenlos. Spielen auch höhere Mächte mit?

Die Pechsträhne tragen wir als Grunderfahrung alle in unserer Seele. Redensarten belegen das anschaulich. So kriegen wir zu hören oder sagen selbst: «Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen», «Ein Unglück kommt selten alleine», «Wo der Wurm drin ist, geht bald nichts mehr».

Wer verantwortet Unglück und Glück?

Wenn’s uns dreckig geht, die Unbill nicht enden will, sinnieren wir, womit wir uns das verdient haben, was wir falsch gemacht haben. Wir stellen unvermittelt die Schuldfrage.

Genau gleich reden wir uns ein, auf dem richtigen Pfad zu sein, wenn Erfolge weitere Erfolge nach sich ziehen. Unterschwellig kommen Gedanken hoch, dass uns die Götter belohnen wollen.

Nur Menschen, die sich eisern bemühen, stets rational zu denken, weisen solche Erwägungen gänzlich zurück. Sie reden im schlechten Fall «von einer Verkettung unglücklicher Umstände», im günstigen von einer «logischen Abfolge von Erfolgsereignissen».

Recht haben beide: Der rationale Denker, der sich der Vernunft verpflichtet fühlt, und der abwägende Rätselnde, der nach Erklärungen für schwer Nachvollziehbares sucht. Seine Sichtweise geht davon aus, dass wir selbst alle Dummheiten begehen – oft fahrlässig, manchmal bewusst. Wir riskieren damit, dass sie sich rächen. Die unglücklichen Folgen haben wir uns selbst zuzuschreiben und auszuhalten. Mit dieser Einstellung erheben wir uns selbst zu richtenden Göttern.

beichtstuhl

Eine Pechsträhne bedeutet, wir müssen büssen, sagen die spekulativen Rätselnden.

Oft ist Unglück erklärbar…

Der rational Denkende stellt dagegen nüchtern fest, dass ein System geschädigt ist. Eine Kaskade von Folgeschäden setzt daraufhin ein. Als Menschen mit Rückenmarksverletzungen kennen wir das von innen heraus: In einer Kausalkette zieht die systemische Schädigung ausser den offensichtlichen Lähmungserscheinungen noch spezifische weitere Komplikationen nach sich. Sie zeigen sich im Laufe der Zeit. Das System, in unserem Fall das zentrale Nervensystem, bedingt sie. Abwenden lassen sie sich nicht.

Anhaltende Komplikationen, die weitere Beschwerden auslösen, sind miteinander verkettet. Sie lassen sich von einer ursprünglichen Ursache ableiten. Gelingt es uns, gesundheitliche Widerwärtigkeiten so einzuordnen, belasten wir uns weniger, als wenn wir die Schuldfrage stellen. Das schliesst nicht aus, dass wir versuchen, Einfluss zu nehmen und unser Leben den veränderten Bedingungen anpassen, damit es wieder mehr Freude bereitet.

wasserkaskade

Wie das Wasser breitet sich das Unglück manchmal unkontrolliert aus.

…doch alle Fragen klärt die Vernunft auch nicht

Allerdings stellt das Leben unsere Vernunft immer wieder auf die Probe, zum Beispiel so: Zu fortgeschrittener abendlicher Stunde wird mein rechter Fuss von einer Minute auf die andere auffallend spastisch. Zuckungen, wie ich sie noch nie erlebt habe, verärgern und verstimmen mich. Von der zweiten Zehe strahlt ein leichter Schmerz ab. Unter dem Tisch, an dem meine Gäste sitzen, schüttle ich den Schuh ab, worauf die Symptome etwas nachlassen. Ich bemühe mich, keine Miene zu verziehen, bis sich alle verabschiedet haben. Kaum sind sie weg, reissen wir den Socken vom Fuss. Die ganze Zehe ist entzündet, am Gelenk klafft eine kleine offene Druckstelle. Das Gewebe ist matschig.

Das rationale Urteil ist schnell gefällt: Folgeschaden Nummer 77 nach 43 Jahren Tetraplegie. Ebenso die Therapie: Druckstelle entlasten, verbinden und antibiotisch abschirmen. In einer Woche ist alles vorbei, das Leben geht weiter.

Stimmt. Aber warum musste das ausgerechnet an meinem Geburtstagsfest geschehen? Wer wollte mir böse, habe ich etwas Schlimmes angestellt oder war wieder mal der Teufel am Werk?

teufel

Wenn’s uns dreckig geht, vermuten viele, der Teufel sei im Spiel.

Kommentare (1)

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Namens eines Freunndes übermittle ich den nachstehenden Kommentar:
Lieber Fritz,
auf einen solchen Beitrag einzugehen, ohne selbst am Körper erfahren zu haben, was für ein Glück man hat, wenn alles so funktioniert, wie es `vorgesehen` ist, nun,...

Namens eines Freunndes übermittle ich den nachstehenden Kommentar:
Lieber Fritz,
auf einen solchen Beitrag einzugehen, ohne selbst am Körper erfahren zu haben, was für ein Glück man hat, wenn alles so funktioniert, wie es `vorgesehen` ist, nun, das kostet mich auch Überwindung. Auch, weil wir uns schon länger kennen und ich um deinen hintergründigen Humor weiß. Wie dem auch sei; Ende der Vorrede. Kommen wir zum Thema. Zufall (Glück / Unglück) oder Logische Verknüpfung (Kausalität).
Im aktuellen Zusammenhang mit Corona lernen wir alle sehr anschaulich, was den einzelnen Fall von der Beschreibung der Fälle in großer Zahl ausmacht. Manchmal setzt auch der Lernprozess aus (jedenfalls bei mir), wenn man sich zu sehr mit dem Einzelfall befasst, aber ich denke, wir sind jetzt nach zwei Jahren Corona alle viel weiter im Fach Statistik. Denn davon handelt nicht nur die Epidemie, sondern auch der Zufall oder das Glück.
Das Gegenteil von Zufall scheint mit Regelmäßigkeit gut beschrieben zu sein. Es ist bisher noch niemandem gelungen, Wasser bei 50 grd. Celsius zum Kochen zu bringen. Abhängig von der Höhe des Versuches und der Zusammensetzung des Wassers kocht es auf der Erde immer (regelmäßig) bei 100 grd. Celsius. Diese Regelmäßigkeit nennen wir Gesetz. Wir haben auch eine Theorie, warum das so ist. Das gilt für die meisten physikalisch-chemischen Phänomene und das hat uns geholfen, Techniken zu entwickeln, die uns das Leben im großen Kuddelmuddel erleichtern.
Wieso handelt die Statistik vom Glück oder Zufall, wie ich es oben behauptet habe? Eben deshalb, weil hier im Einzelfall keine Regelmäßigkeit vorliegt, die sich berechnen ließe oder in keine Wenn-Dann-Beziehung überführt werden kann. Warum wir jetzt dazu neigen, dem statistischen Einzelfall eine moralische Bewertung zu zuschreiben, so wie du es in deinen Beispielen richtig benannt hast, kann ich eigentlich doch nicht beschreiben, wie ich es am Anfang wollte. Dass ist ein Fall für die Philosophie, oder Philosophiegeschichte. Ich habe einmal gelesen, man könne das gesamte Werk von Hegel unter dem Gesichtspunkt lesen, dass er den Zufall aus seinem Systemgedanken heraushalten wollte.
Jörg Partsch

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