Viel Ungleiches – Wenig Gleiches – Verbindendes.

Aus dem englischen Sprachraum kommt die Auffassung, wir seien eine Community – zu Deutsch eine Gemeinschaft, eine Schicksalsgemeinschaft.

Auf viele von uns wirkt diese Formulierung etwas schwülstig, obwohl sie im Kern zutrifft: Die Folgen der Rückenmarkverletzung sind schicksalsbestimmend. Wir neigen aber dazu, das unter den Tisch zu kehren und die Fügung des Schicksals in unser Leben einzubauen. Hinter dieser Grundhaltung steht, was die Psychologen den Airbag-Effekt nennen. Der Schicksalsschlag löst in uns eine trotzige Schutzreaktion aus und setzt ungeahnte Energien frei. Das Leben geht weiter, jetzt geben wir Schub, jetzt erst recht – diese Kampfrufe werden zum Lebensmotto.

Besonders ausgeprägt ist diese Reaktion wahrscheinlich bei denen, die sich im Stillen an der Nase nehmen müssen: Mit etwas mehr Bedächtigkeit hätte sich dieser Unfall, dieser leichtsinnig herbeigeführte Salto, vermeiden lassen, müssen sie sich eingestehen. So ist es wohl ein Kennzeichen unserer Community, dass wir unter uns einen vergleichsweise hohen Anteil an risikofreudigen Abenteurern und Draufgängern haben. Es sind mehrheitlich Männer. Sie lieben den Säbeltanz, Frauen mögen es gemütvoller.

Die zweite grosse Gruppe unter uns stellen die im wörtlichen Sinne Ver-Un-Fallten dar. Niemand muss damit rechnen, dass die Treppenstufe plötzlich nachgibt oder dass vor dem Rotlicht ein Raser hinten ins Auto kracht. Wenn’s dumm kommt, brechen aber solche Un-Fälle menschliche Wirbelsäulen und hinterlassen Leidtragende. Auch sie wollen weiterleben, auch sie lehnen sich auf und trotzen, getragen von berechtigter Wut. Ihre Startbedingungen in ein neues Dasein sind trotzdem zwiespältiger und deshalb anspruchsvoller. Ihnen ist Unrecht widerfahren. Hörbar oder nur im Innern fordern sie Sühne. Vielleicht sehnen sie sich danach, als Ausgleich wenigstens verwöhnt zu werden. Anspruch darauf hätten sie, die Reha-Klinik bietet das aber nicht.

Die Seele des Draufgängers verdrängt dagegen Wünsche nach Kuscheleinheiten. Er muss und will sich stellen. Zum Beispiel auf dem Sportplatz. Dort kann er seine Leistungsbereitschaft und -fähigkeit unter Beweis stellen. Der Sport steht allen offen. Wer Einsatz zeigt, darf mit Erfolg rechnen, denn es herrscht weitgehende Chancengleichheit. In der Arbeitswelt sind die Bedingungen weniger gerecht. Sie verlangt Anforderungen, die nicht jeder erlangen kann, hohe Präsenz und einen bestimmten Auftritt. Sogar der leistungsorientierte Rollstuhlfahrer ist in den meisten Fällen nicht erste Wahl.

Irgendwo zwischen den Draufgängern und den Ver-Un-Fallten stehen die, deren Rückenmark krankheitsbedingt nicht mehr durchlässig ist. Ihre Zahl steigt stetig, von rund einem Drittel in Richtung die Hälfte. Bei ihnen treten die Lähmungssymptome nicht Knall auf Fall, sondern im Zuge von Hoffen und Bangen allmählich ein. Der Glaube an Heilung ist bei ihnen wohl recht ausgeprägt und bleibt Quelle der Zuversicht. Ob sich dieser Glaube rechtfertigen lässt, ist aber nicht ergründbar. Vieles ist schwammig und gibt Anlass zu Ratlosigkeit. Auch ihr Status in der Gesellschaft ist wackliger. Bei Kranken gilt die Unschuldsvermutung nur bedingt, bei Verunfallten praktisch immer.

Glückspilze sind im Grunde genommen all die, die knapp an einer folgenschweren Rückenmarkverletzung vorbeigeschrammt sind. Sie haben vorübergehende Ausfälle, die sich im günstigen Falle nahezu vollständig zurückbilden, im weniger günstigen bleiben leichte Beeinträchtigungen. Sie fühlen sich aber als Pechvögel. Die Energiequelle des Airbags öffnet sich bei ihnen kaum, denn ihr Kopf und ihre Seele verlangen „vollständige Wiederherstellung“ – lateinisch restitutio ad integrum. Diese Erwartungshaltung kann in Enttäuschung und Verbitterung münden.  

Unsere Community von vermeintlich Gleichen ist bei Lichte besehen ein bunter Haufen unterschiedlichster Lebensgeschichten und -entwürfe, und auch unser Krankheitsbild zeigt sich in unterschiedlichsten Ausformungen. Wir sind Komplette oder Inkomplette, Schlaffe oder Spastische, Hohe oder Tiefe, „Paras“ und „Tetras“, teils erstaunlich Gesunde, teils Schmerz- und Komplikationsgeplagte, teils fast Geheilte und wenige „vollständig Wiederhergestellte“.

Und doch: Bei allen Unterschieden erkennen wir, die wir im Rollstuhl sind, uns sofort und auch auf Distanz – wie Hunde. Hunde riechen’s, wir sehen’s. Die Sitzhaltung, die Ausstattung des Rollstuhls und einige Schlüsselbewegungen verraten uns auf Anhieb: Der dort vorne in der zweiten Reihe hat eine Rückenmarkverletzung, der neben ihm sitzt auch im Rollstuhl, hat aber was anderes oder lässt sich einfach bedienen! Diese Gabe, sich gegenseitig zu erkennen, macht eine Community aus. Ein „Völkle“ sind wir, würde ein Süddeutscher sagen.

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