Es redet nur, wen der Chef anspricht

Wieder dringt mir dieser Geruch in die Nase, aber Piet schläft friedlich. Er hatte am Vortag eine Röntgenguntersuchung mit einem Kontrastmittel, das Durchfall auslösen kann. Die Stationsschwester ist fürchterlich aufgebracht. «Um neun Uhr kommen sie, dann darf’s hier nicht mehr stinken.» Sie reisst das Fenster auf und zerrt Piet grob aus dem Bett. Zwanzig Minuten später ist sein Bett frisch angezogen, und Piet sitzt mit vergrämter Miene, aber tadellos eingekleidet in seinem Rollstuhl. «Sie könnten ja den Patienten im Voraus und nicht im Nachhinein sagen, was dieses Kontrastmittel bewirkt», rege ich an. Die Stationsschwester faucht mich aber nur an: «Das müssen Sie denen um neun Uhr sagen, die haben das verordnet.»

Kurz vor neun inspiziert der Oberpfleger das Zimmer und verdeckt die drei Bierkisten in der Ecke mit einem Leintuch. «Warum das, sie sind ja leer», rufen Piet und ich ihm zu. Dann schreiten sie ein: Der charismatische Chefarzt, hinter ihm der Stationsarzt, der Oberarzt, die leitenden Therapeuten, die Pfleger und der Berufsberater. Der Chef eröffnet das Gespräch. Alle andern reden nur, wenn sie angesprochen sind. Da pocht es energisch an die Türe, ein bärtiger Mann in blauer Berufskleidung dringt ein. Vor sich ein Schubkarren mit drei Kisten Bier. Flink wechselt er die leeren gegen die vollen aus und zischt wieder ab. Das zerknüllte Leintuch liegt am Boden. Der Chef verzieht keine Miene. Nur der Oberarzt fragt mich, schelmisch lächelnd und hinter vorgehaltener Hand: «Wie oft im Tag kommt der?»

Derweil berichtet der Berufsberater, der vorgesehene Heimplatz für Piet sei nun endlich bestätigt. Gute Kunde komme auch von der Versicherung: Sie biete ihm eine sechsstellige Entschädigung an. Alle sind erleichtert. Vom Bett aus höre ich, wie es in Piets Darm rumort, es folgen leise Blähungen. Er spürt es wohl nicht. Die Visite ist beendet, der Tross verabschiedet sich. Im Zimmer beginnt es wieder zu stinken. Als Raucher scheint Piets Nase es nicht einmal zu riechen. Immerhin: Zu seiner Heilung gibt es frisches Bier.

Kommentare (6)

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Lieber Fritz
Diese herrliche Chefarztgeschichte - eigentlich tragikomisch - hat bei mir einen lauten Lacher ausgelöst. Danke für diesen erheiternden, bühnenreifen Bericht.  Ein Prosit dem "armen Opfer" Piet!
Herzlich grüsst
cucusita
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danke vielmals, liebe cucusita, für deine Antwort. Ich freue mich über solche Kommentare, denn man fühlt sich als "Schreiberling" zuweilen etwas einsam.
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Cucusitas Kommentar gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Ja Fritz, mir ist  auch aufgefallen, dass du dich als Schreiberling wohl einsam fühlen musst. Ein bisschen wenig Feedback. Aber gelesen wird alles:smileyhappy: Und deine Texte sind so gut und...
Cucusitas Kommentar gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Ja Fritz, mir ist  auch aufgefallen, dass du dich als Schreiberling wohl einsam fühlen musst. Ein bisschen wenig Feedback. Aber gelesen wird alles:smileyhappy: Und deine Texte sind so gut und treffend. Silvia
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Es ist tatsächlich so, dass ich mich ab und an etwas einsam fühle an meinem PC-Tischlein. Umso mehr geniesse ich Echos und danke dafür.
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Lieber Fritz
Dass Du Dich manchmal etwas einsam fühlst an Deinem PC-Tischlein, kann ich sehr gut verstehen. Aber stell Dir einmal vor, was uns Mitgliedern fehlte ohne Deine anregenden, geistvollen, manchmal auch humorigen Beiträge! Wie Recht...
Lieber Fritz
Dass Du Dich manchmal etwas einsam fühlst an Deinem PC-Tischlein, kann ich sehr gut verstehen. Aber stell Dir einmal vor, was uns Mitgliedern fehlte ohne Deine anregenden, geistvollen, manchmal auch humorigen Beiträge! Wie Recht Tulipe doch hat, alles von Dir wird  (mehrfach) gelesen und auch geschätzt!
Herzliche Grüsse
cucusita 
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...ich schwelge in euren Komplimenten! Danke vielmals! Ich bleibe dran.
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