Rollstuhlfahrer Stephan Gmür gibt Reisenden Tipps, testet Angebote und berät die Tourismusbranche im Engadin

Ferien und Freizeitvergnügen bedingen für Rollstuhlfahrer meist eine umfangreichere Vorbereitung als für Fussgänger. Vor allem, wenn es in unbekannte Regionen gehen soll. Wo gibt es dort eine Toilette, die man nutzen kann? Ist das Restaurant über eine Rampe zugänglich? Und lässt sich der Pool im Hotel auch mit Mobilitätseinschränkung nutzen?

Wer selber im Rollstuhl sitzt, kann solche Situationen besser beurteilen und kennt die drängendsten Fragen aus Erfahrung. Seit sieben Jahren arbeitet Stephan Gmür bei der Tourismus Engadin Scuol Samnaun Val Müstair AG (TESSVM) als Produktmanager für Barrierefreiheit – und dies mitten im eher unwegsamen Bergterrain. «Wir möchten aufzeigen, wie Betroffene hier trotzdem ihre Ferien geniessen können», erklärt der Paraplegiker, der sich 2014 bei einem Unfall mit dem Gleitschirm einen Lendenwirbel zertrümmerte.

Auf einem Kiesweg im Grünen ist eine Gruppe Menschen zu Fuss unterwegs. Unter ihnen Stephan Gmür mit seinem Rollstuhl.

Offroad unterwegs: Stephan Gmür beim Wandern mit Freunden.

Für den ehemaligen Gastronomen und paralympischen Skirennfahrer wäre es nie in Frage gekommen, jetzt der Einfachheit halber im Flachland zu leben. Seine persönliche Erfahrung und seine Tricks teilt er nun mit Gästen im Rollstuhl, berät sie «auf Augenhöhe». Das wird geschätzt, und die Region macht sich mit diesem einzigartigen Service einen Namen – auch bei ausländischen Gästen, wie der Reisebericht der deutschen Autorin Kim Lumelius zeigt.

Zu Gmürs Aufgaben gehört auch die Beratung von touristischen Anbietern – beispielsweise zu hindernisfreiem Bauen oder bei Mobilitätsfragen, wie etwa dem Anschaffen geländegängiger Wanderrollstühle. «Solche Angebote werden auch für ältere Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuss sind, immer wichtiger.»

Informieren, vermessen, schulen

Detaillierte Informationen zu Barrierefreiheit, Anreise und Ausflugszielen, Hotels und Geschäften sind auf der Webseite von Engadin-Tourismus zu finden. Zusätzlich arbeitet Stephan Gmür mit Anbietern von Apps und Plattformen wie OK:GO, Pro Infirmis und Ginto zusammen, welche die gesammelten Informationen auf ihren Karten publizieren.

Nicht für alle Betroffenen gelten die gleichen Rahmenbedingungen. Wo Stephan Gmür mit seinem 59 Zentimeter breiten Rollstuhl noch durchkommt, bleiben andere stecken. Dies berücksichtigt die gängige SIA-Norm für Barrierefreiheit jedoch nicht – somit sind die Angaben oft zu wenig spezifisch. Deshalb hat die Tourismusorganisation in Zusammenarbeit mit dem Naturpark letztes Jahr im Val Müstair alle seine Museen, Hotels und Restaurants ausgemessen und die Daten über die Ginto-App zugänglich gemacht.

Ein gepflasterter, steil ansteigender Weg zwischen typischen Engadiner Häusern.

Wie gut sind Dörfer wie Santa Maria im Val Müstair für Menschen im Rollstuhl oder mit anderen Mobilitätseinschränkungen geeignet? Die Ginto-App kann weiterhelfen.

Auch Stephan Gmür nimmt im Engadin regelmässig solche Messungen vor. Neben dem Erfassen von verschiedensten Daten – wie dem Platz neben einem Hotelbett, der Steigung eines Wegs oder dem Manövrierraum in einer Toilette – geht es bei seinen Besuchen auch ums Sensibilisieren: «Es ist wichtig, dass Hoteliers, Gastronomen und Bähnler verstehen, wieso etwas zugänglich ist oder eben nicht – und was sie zu mehr Barrierefreiheit beitragen könnten.»

«Dank der präzisen Messungen und Daten kann jede und jeder selber für sich entscheiden, ob eine Steigung mit dem Rollstuhl machbar oder ein Durchgang breit genug ist.»

Stephan Gmür, Berater für Barrierefreiheit bei Engadin-Tourismus

In diesem Jahr, in der Zwischensaison vor dem Winter, möchten die Verantwortlichen auch im übrigen Engadin alle wichtigen Gebäude und Sehenswürdigkeiten ausmessen. Die Initiative ist Teil der touristischen Strategie, die Region als Gesundheits- und Wellnessoase zu positionieren.

All die Massnahmen erfordern natürlich Zeit und Aufwand, nicht zuletzt bei Stephan Gmür: «Weil ich mit meinen Beratungen von Betroffenen zeitweise an den Anschlag kam», erzählt er, «habe ich nun eine entsprechende Schulung unserer Mitarbeitenden der Gästebetreuung an die Hand genommen».

Ein paar tausend Nutzer für die Ginto-App

Daten und Wissen über die Situation vor Ort zur Verfügung haben – das ist unentbehrlich für Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung. Nur zu gut weiss das Julian Heeb, der auf einen Elektrorollstuhl angewiesen ist. Der Ostschweizer ist Erfinder der App «ginto», er betreibt und entwickelt die Plattform weiter mit dem eigens gegründeten Verein AccessibilityGuide. «Ein paar tausend Personen nutzen unsere Datenbank heute», erzählt er.

Auf vier Smartphone-Displays sind Funktionen der Ginto-App zu sehen sowie eine Seite zum Erfassen der Daten.

Alle können sich beteiligen: messen, Daten erfassen, online stellen. Die Ginto-App steht allen Interessierten offen, die Infos benötigen oder teilen möchten.

Dank der Zusammenarbeit mit Organisationen wie Pro Infirmis und OK:GO oder Messungs-Aktionen wie jene im Engadin seien bis jetzt viele Daten zusammengekommen. «Vor allem Städte wie Zürich, Basel und Bern sind mittlerweile detailliert dokumentiert», erläutert Julian Heeb. Gut läuft es auch in der Ostschweiz, von wo das Projekt startete, etwas weniger in der Romandie und im Tessin.

Neben dem Erfassen weiterer Daten und Regionen gehe es in Zukunft auch darum, breites Vertrauen zu schaffen. «Das erreichen wir vor allem durch korrekte Angaben und zuverlässige Informationen.»

«Es braucht einen enormen Effort an Personen und Geld, damit wir unser Projekt dereinst flächendeckend anbieten können.»

Julian Heeb, Entwickler der Ginto-App

Porträtbild von Julian Heeb.

Julian Heeb hatte die Idee zur Ginto-App.

Dass der achtsame Umgang mit Informationen rund um Barrierefreiheit einen Aufschwung in den Reisedestinationen bringen kann, zeigt ein Innotour-Projekt der Stiftung Claire & George: Zusammen mit den Tourismusregionen Ascona-Locarno/Ticino, Interlaken, Biel-Seeland, Davos Klosters sowie dem Kanton Waadt mit Morges Région und Pays-d’Enhaut wurden Anfang 2022 zwölf barrierefreie Tagestouren lanciert. Nur sechs Monate später zeigt sich, dass nun Menschen mit Behinderungen öfter Ferien in diesen Regionen planen: Ihre Buchungen haben im Schnitt um zehn Prozent zugenommen.

Eine neue App als «Tinder für deine Hobbys»

Es tut sich also einiges rund um Zugänglichkeit und das Bereitstellen der entsprechenden Daten. Und die Ideen sind noch lange nicht erschöpft. So setzt sich Tourismus-Spezialist Stephan Gmür für Inklusion statt nur Integration ein und erklärt: «Wenn ich mit meiner Freundin, die Fussgängerin ist, heute biken gehen will, schauen wir zuerst in einer App für Outdoor-Sport nach schönen Velorouten.» Doch wenn er wissen will, ob die gewählte Tour auch für ihn geeignet ist, muss er sich seine Informationen anderswo zusammensuchen.

Sein Ziel: Eine einzige App für alle und alles. Das Luzerner Start-up MountOn ist am Umsetzen einer solchen Plattform mit dem Namen SamePassion. Auch Stephan Gmür ist in deren Aufbau involviert. So soll sie funktionieren:

Fünfzig Personen haben das Pilotprojekt bereits getestet und 20 Minuten hat über die App als «Tinder für deine Hobbys» berichtet. Ziel ist, noch in diesem Jahr online zu gehen. «So müssten Menschen mit einer Beeinträchtigung die nötigen Informationen zu Barrierefreiheit nicht mehr mühsam zusammensuchen.»

Auf einem Smartphone-Display ist die SamePassion-App zu sehen.

Menschen mit gleichen Interessen finden und gemeinsam etwas unternehmen: Noch in diesem Jahr soll die inklusive SamePassion-App online gehen.

Welche Apps oder Plattformen empfiehlst du beim Planen von Ferien oder Aktivitäten?

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