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Reisen & Freizeit

Mit dem Rollstuhl aufs Oktoberfest

Wie barrierefrei ist die Wiesn? Ein Münchner im Rollstuhl berichtet von seinen Erfahrungen und gibt Tipps zu Bierzelten, Fahrgeschäften und zur idealen Anreise.

Wenn in München Blasmusik durch die Strassen klingt, der Duft von gebrannten Mandeln in der Luft liegt und Dirndl und Lederhosen das Stadtbild prägen, ist es wieder so weit: Die Wiesn fängt an. Der Name «Wiesn» bezieht sich auf die Theresienwiese, auf der das Oktoberfest seit 1810 stattfindet.

Mit dem traditionellen Ausruf «O’zapft is!» – bairisch für «Es ist angezapft» – eröffnet der amtierende Oberbürgermeister von München am kommenden Samstag das Oktoberfest. Das grösste Volksfest der Welt zieht jedes Jahr Millionen Menschen aus aller Welt an. Es begeistert mit seiner Mischung aus Tradition, Lebensfreude und geselligem Miteinander.

Das Kurzvideo gibt Einblicke in die Barrierefreiheit auf der Wiesn. Es zeigt behindertengerechte Massnahmen wie reservierte Sitzbereiche in Bierzelten, Rampen an Schiessbuden und spezielle Gondeln am Riesenrad.

Wie erleben Menschen im Rollstuhl oder mit Mobilitätseinschränkung das Oktoberfest? Zwischen dichtem Gedränge, lauter Musik und vollen Bierzelten kann ein Wiesn-Besuch schnell zur Herausforderung werden. Zwar betont die Stadt München auf ihrer Website «Barrierefreie Wiesn», dass ihr als Veranstalterin ein einfacher und attraktiver Besuch ein grosses Anliegen ist. Aber wie inklusiv ist die Wiesn wirklich?

Für diesen Blogartikel habe ich mich mit Dennis Bruder ausgetauscht. Er lebt mit einer hohen Querschnittlähmung, nutzt einen Elektrorollstuhl und besucht seit vielen Jahren die Wiesn.

Die Wiesn aus der Sicht eines Rollstuhlfahrers

Früher besuchte Dennis das Oktoberfest drei- bis viermal pro Jahr. Seit der Corona-Pandemie ist er seltener dort, was auch mit seinen veränderten Lebensumständen zusammenhängt. 2025 war er einmal dort und testete im Rahmen eines offiziellen Besuchs der Stiftung Pfennigparade mit drei weiteren Mitarbeitenden die Barrierefreiheit des Oktoberfests.

menschen im rollstuhl testen barrierefreiheit wiesn

Dennis Bruder und weitere Mitarbeitende der Pfennigparade beim Wiesn-Check. (Bildquelle: https://www.pfennigparade.de/)

Dennis’ erste Erinnerungen an das Oktoberfest gehen weit zurück, in die Zeit vor seinem Unfall. Schon als Kind liebte er die Fahrgeschäfte und das Essen, später die Festzelte und das Feiern. Für ihn bedeutet die Wiesn vor allem Begegnung, Leichtigkeit und Abschalten vom Alltag. Die ausgelassene Atmosphäre hilft ihm, den Kopf freizubekommen. Andererseits kann der Trubel auch stressig sein, besonders wenn es voll ist.

Eine Beobachtung bringt ihn jedes Jahr wieder zum Schmunzeln: Auf der Wiesn seien die Menschen plötzlich besonders offen, zugänglich und kommunikativ, wohl auch wegen des Alkohols. Dennis findet es schön, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, denen er im Alltag nie begegnet wäre. Manchmal wünscht er sich, dass diese Offenheit auch über die Wiesn hinaus bestehen bleibt.

feiern rollstuhlfahrerin oktoberfest

Auf dem Münchner Oktoberfest sollen Menschen mit und ohne Rollstuhl gemeinsam feiern können. (Bildquelle: https://www.muenchen.de/, Foto: Exithamster)

Gut vorbereitet aufs Oktoberfest

Dennis rät davon ab, mit dem Auto anzureisen. Fahrdienste und Inklusionstaxis gebe es zwar, aber zu wenige. Öffentliche Verkehrsmittel seien die verlässlichere Wahl. Die Münchner U-Bahn ist heute weitgehend barrierefrei mit kleinen Rampen an vielen Bahnsteigen. Für die Fahrt zur Wiesn empfiehlt Dennis, statt an der Station Theresienwiese besser am Goetheplatz auf den Linien U3 und U6 auszusteigen. Von dort aus sei der Weg zum Festgelände entspannter, weil viel weniger Gedränge herrscht.

Wer dennoch mit dem Auto anreist, findet im Südteil der Theresienwiese kostenlose Behindertenparkplätze. Die hellblaue schweizerische «Parkkarte für behinderte Personen» wird anerkannt, ein gewöhnlicher Behinderten- oder IV-Ausweis reicht nicht aus.

Eine gute Vorbereitung kann den Besuch deutlich erleichtern. Aufzugsausfälle, überfüllte Wege oder plötzlich blockierte Zugänge können die geplante Route kurzfristig erschweren. Es lohnt sich deshalb, Anreise und Wege vorab zu prüfen – z. B. die ÖV-Verbindungen und den Status der U-Bahn-Rolltreppen und -Lifte – und nach Möglichkeit alternative Routen einzuplanen. Ausführliche Informationen zur Barrierefreiheit auf dem Oktoberfest gibt es auf der Website des Oktoberfests und in diesem Blog «Barrierefreie Wiesn»

Mit dem Rollstuhl auf der Wiesn feiern

Die grossen Bierzelte und Festbetriebe sind entweder ebenerdig zugänglich oder verfügen über Rampen. Auch in den kleineren Zelten stehen Plätze für Menschen im Rollstuhl zur Verfügung. Die Wiesn-Wirte sind verpflichtet, entsprechende Plätze bereitzuhalten. Unter der Woche werden diese Plätze bis 17 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen bis 14 Uhr ohne Reservierung freigehalten. Allerdings: Wenn ein Zelt wegen Überfüllung geschlossen ist, werden auch Menschen im Rollstuhl nur noch mit Reservierung eingelassen. Wer also spontan einen Platz im Festzelt bekommen möchte, sollte frühzeitig kommen. Weitere Informationen zu barrierefreien Zugängen und Rollstuhlplätzen in den Festzelten findet ihr auf dem Münchner Stadtportal.

schild tisch rollstuhlfahrer oktoberfest

In den Wiesn-Zelten stehen Plätze für Gäste im Rollstuhl zur Verfügung. (Bildquelle: https://www.oktoberfest.de/, Foto: RAW, Stefan Dohl)

Doch die ausgewiesenen Rollstuhlplätze sind nicht für alle die bevorzugte Wahl. Dennis nutzt sie ungern, weil sie meist in Randbereichen liegen. Er bevorzugt einen Platz am Tischende in den regulären Gängen. Dennis beschreibt seine Erfahrung so:

«Ich bin gerne unter Menschen und empfinde es als diskriminierend, dass Menschen mit Behinderung am Rand sitzen müssen. Natürlich hat das Sicherheitsaspekte, da Fluchtwege gewährleistet sein müssten. Ich versuche aber, nicht auf diesen Extraplätzen zu sitzen, sondern in den normalen Gängen am Ende der Tische. Das geht in manchen Zelten ganz gut, in denen die Gänge breiter sind, zum Beispiel in der Bräurosl oder auf der Oidn Wiesn. In anderen geht es kaum, wenn die Gänge sehr schmal sind. Am Ende kommt es immer auch auf das Wohlwollen der Kellnerinnen und Kellner und der Security an, ob man dort sitzen darf.»

Eine weitere Herausforderung ist das dichte Gedränge auf der Wiesn, insbesondere abends und an den Wochenenden. Betrunkene können für Menschen im Rollstuhl gefährlich werden, wenn sie stolpern. Dennis erzählt von einer Situation, in der zwei Männer sich stritten und im Gerangel auf ihn stürzten. Eine Freundin konnte ihn gerade noch wegziehen.

Besonders wichtig bei einem Wiesn-Besuch ist die «Bierrückgabe». Alle grossen Festhallen und die meisten kleineren Zelte verfügen über barrierefreie Toiletten, die mit dem Euro-Key zugänglich sind. Dazu gibt es sieben weitere Behinderten-WCs auf dem Festgelände.

barrierefreie toilette mit hütten dekoration wiesn

Eine barrierefreie Toilette mit «Hüttenzauber»-Dekoration auf dem Oktoberfest. (Bildquelle: Szene aus dem YouTube-Video «Münchner Oktoberfest - Volksfestspaß barrierefrei»)

Wo die Barrierefreiheit am Oktoberfest an Grenzen stösst

Die bestehenden barrierefreien Angebote erleichtern Menschen im Rollstuhl den Wiesn-Besuch. Für Dennis ist die Wiesn nach wie vor ein tolles Erlebnis. Doch seine Erfahrungen zeigen, dass Barrierefreiheit mehr bedeutet als Rampen und Toiletten. Engstellen, Menschenmassen und unzugängliche Fahrgeschäfte machen den Besuch anstrengend. Der Besuch verlange Dennis viel Mut und Energie ab. Er erzählt:

«Ich selbst sitze in einem Elektrorollstuhl und bin nach meinem Unfall eigentlich nur noch im Riesenrad gefahren, da es auch mit einem Elektrorollstuhl zugänglich ist. Ich habe inzwischen viele Rampen an den Fahrgeschäften entdeckt, kann mir aber selbst nicht vorstellen, mit diesen Fahrgeschäften zu fahren. Dafür habe ich mit meiner hohen Querschnittlähmung einfach zu wenig Stabilität.»

Praktische Tipps für den Wiesn-Besuch

Dennis hat sechs praktische Tipps für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, die zum ersten Mal die Wiesn besuchen:

  1. Wochenenden meiden: Die Zelte sind dann sehr voll und es ist schwierig, einen Platz zu bekommen.
  2. Mittags kommen: Unter der Woche ist es einfacher, einen Tisch zu finden. Ab dem Nachmittag nimmt die Besucherzahl stark zu.
  3. Biergärten nutzen: Bei schönem Wetter sind sie eine gute Alternative zum Festzelt. Sie sind weitläufiger und meist gut zugänglich.
  4. Oide Wiesn (Alte Wiesn) besuchen: Sie kostet zwar Eintritt, ist aber deutlich ruhiger und traditioneller. Die Zelte dort sind grosszügiger und bieten mehr Bewegungsfreiheit.
  5. Öffentlich anreisen: Der Zugang über die Station Goetheplatz ist entspannter und weniger überlaufen.
  6. Begleitperson mitnehmen: Besonders Menschen im Rollstuhl werden im Gedränge leicht übersehen. Eine Begleitung kann helfen, durch die Menge zu navigieren, einen Platz zu finden oder in kritischen Situationen schnell zu reagieren.

barrierefreie gondeln riesenrad oktoberfest

Das grosse Riesenrad auf der Wiesn verfügt über zwei barrierefreie Gondeln mit breiten Eingängen. (Bildquelle: Szene aus dem YouTube-Video «Münchner Oktoberfest - Volksfestspaß barrierefrei»)

Was ist neu auf dem Oktoberfest 2026?

Auf dem diesjährigen Oktoberfest gibt es einige Neuerungen rund um Barrierefreiheit:

  1. Strasse 4 ist barrierefrei ausgebaut. Nachdem in den vergangenen Jahren bereits die Strassen 1 bis 3 erneuert wurden, folgte 2026 die Umgestaltung der Strasse 4.
  2. Weitere Fahrgeschäfte sind barrierefrei zugänglich. Neben dem Riesenrad ermöglichen auch der Sky Lift und die Nostalgie-Geisterbahn eine barrierefreie Mitfahrt. Darüber hinaus verfügen die Autoskooter-Betriebe Distel, Bayern-Crash, Skooter Zone und der Zwei-Säulen-Autoskooter über Rampen und Fahrzeuge mit Handgasbetätigung.
  3. Im Armbrustschützenzelt gibt es kürzere Bänke. Menschen im Rollstuhl können dadurch direkt neben anderen Gästen sitzen und nicht mehr nur am Rand.
  4. Rollstühle können ab sofort auch online reserviert werden. An den Gepäckaufbewahrungen nahe dem Haupteingang (G1) und am Südteil (G10) stehen jeweils zwei Rollstühle kostenlos zur Verfügung – gegen Pfand in Form eines Lichtbildausweises. Eine Reservierung ist online unter de oder telefonisch unter +49 176 43831566 möglich.
  5. Die «Hidden Disabilities Sunflower» ist neu auf dem Festgelände erhältlich. Das Schlüsselband mit der gelben Sonnenblume auf grünem Grund gibt es erstmals an den offiziellen Infoständen sowie im Museumszelt auf der Oidn Wiesn.
  6. An zehn Standorten gibt es kostenlose Trinkwasserbrunnen. Die Brunnen sind für Menschen im Rollstuhl zugänglich. Bruchsichere Trinkgefässe müssen selbst mitgebracht werden.

Wer von euch war schon auf dem Oktoberfest? Habt ihr weitere Tipps für einen barrierefreien Wiesn-Besuch? Wir sind gespannt auf eure Erlebnisse.

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