Ein Ratschlag, der eigentlich ein Hirngespinst ist

Es sind wohl zehn Jahre her, dass mir die Spezialärztin im Ambulatorium erstmals riet, «es fortan einfach gemütlich zu nehmen».

Vor einem halben Jahr war mein Nervensystem derart überreizt, dass ich in Panik und als Notfall nach Nottwil flüchten musste und zehn Tage in der Klinik verblieb. Puls, Blut­druck und der Muskeltonus waren viel zu hoch, die Blase platschvoll und überdehnt. Ich hatte es offenbar zu wenig gemütlich genommen. Der Rat­schlag, mich mit gebotener Gemütlichkeit zu pflegen, ist seither Ermah­nung.

Bei Kaffee und Kuchen ist's richtig gemütlich, finden viele.

Vielen kommt ein solcher Appell sehr zupass. Endlich können sie sich treiben lassen. Endlich müssen sie sich nicht mehr abmühen, endlich dürfen sie sich ihrer Verpflichtungen entledigen und können sie sich ihr Leben selbstbestimmt, locker und entspannt einrichten. Endlich darf es auch unter der Woche urgemütlich sein, zum Beispiel bei Kaffee und Kuchen, bei ausgedehntem Zeitunglesen, bei sinnlichen Erlebnissen mit Freunden, bei herrlichen Schlemmeressen oder einfach, wenn’s mal beliebt, schon morgens vor der Glotze.

Es gemütlich zu nehmen, ist in unserer hektischen Zeit trendiges Lebensmotto geworden. Es entspringt unserem Kopf, ist wohl Ausdruck tiefer Sehnsucht, im Grunde aber ein Hirngespinst. Wie gemüt­lich unsere Organe, unser Skelett und unsere Haut die scheinbar ganz neue Lebensgestaltung finden, überlegen sich die meisten nicht.

In unserem Falle ist das auch nicht nötig. Mit unserem lädierten Rückenmark antwortet das ausser Kontrolle geratene Nervensystem, ohne Verzug und ohne uns zu fragen. Hauen wir nach seinem Geschmack über die Stränge, so erhöht es sofort und kräfte­zehrend den Muskeltonus oder jagt mit bedrohlichen Dysreflexien Blut­druck und Puls auf ungemütliche Messwerte von deutlich über 100.

Stehtraining - wohl die ödeste therapeutische Pflichtübung

Wir fühlen uns dann nicht nur verspannt und gepeinigt, wir sind es auch. Unser Herzschlag erstarrt, als wären wir Maschinen, wir werden kurzat­mig, wir schwitzen, und selbst die verbliebene, willkürlich steuerbare Mus­kulatur verspannt sich. Schon bald setzen auch biologische Gesetzmässigkeiten ein: Die Haut rötet sich, der Darm meldet sich auf seine Art, und in der kuscheligen Wärme unserer Blase mehren sich die Keime. Sie bilden einen Infekt, der all diese widerwärtigen Rückmeldun­gen unseres Körpers noch verstärkt.

Gemütlich ist das alles nicht. So müssen wir unseren aufgereizten Körper dämpfen, um den ungemütlichen Reaktionen seiner Systeme zu entrin­nen. Dazu sollen wir massvoll leben, bedächtig durch den Alltag wandeln, ruhig atmen, die Blase regelmässig leeren und uns der Haut zuliebe hinreichend entlasten. Nach alter Schule sind wir zudem eingeladen, uns regelmässig in der Physio einzufinden und mit Kreislauf belastendem Stehtraining anstrengende Zeit zu verplempern. Herz und Knochen freuen sich darüber, heisst es noch heute.

Wie dem auch sei: Immer haben wir zuerst abzuwägen, was denn unser Körper als echt gemütlich empfinden könnte. Tun wir das brav und redlich, so ent­spannt er sich als Belohnung und plagt uns auf Zusehen hin nicht weiter.

Mein Kopf will Abenteuer und kann auch immer noch Vespa fahren.

Unser Kopf will das freilich nicht. Er ist weder para- noch tet­raplegisch. Er will das Herz höher und nicht langsamer schlagen hören. Er will staunen, dass ihm der Atem stillsteht, vor Lebenslust strotzen und seine Haut in der Sonne wohlig bräunen lassen. Er will zwei Stück Ku­chen und zum Kaffee am liebsten noch einen Cognac. Er will was erleben und nicht im Dienste seines Körpers stehen. Gedanken an ihn sind ihm lästig und ungemütlich. Sie langweilen ihn.

Langeweile sucht unser Kopf aber nicht, er willigt lediglich ein, es fortan einfach gemütlich zu nehmen. Schliesslich hat ihm das ein anderer Kopf, immerhin der einer erfahrenen Spezialärztin, schon vor zehn Jahren empfohlen.

Kommentare (1)

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Zwei Seelen, ach, in meiner Brust
Lieber Fritz
Den Zwiespalt zwischen den Bedürfnissen des Kopfes und jener des Körpers auszuhalten, ist wirklich eine unglaubliche Parforceleistung!
Fazit: "Nehmen Sie's einfach nicht allzu gemütlich!"
Herzlich...
Zwei Seelen, ach, in meiner Brust
Lieber Fritz
Den Zwiespalt zwischen den Bedürfnissen des Kopfes und jener des Körpers auszuhalten, ist wirklich eine unglaubliche Parforceleistung!
Fazit: "Nehmen Sie's einfach nicht allzu gemütlich!"
Herzlich grüsst
cucusita
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