Der beliebteste Ballsport der Welt ist auch im E-Rollstuhl möglich. Die Schweiz hat noch Nachholbedarf

Fussball im Rollstuhl? Auch das gibt es. «Powerchair Football», auch «E-Rolli-Fussball» genannt, ist der breiten Bevölkerung noch unbekannt, doch die Sportart erfreut sich weltweit zunehmender Beliebtheit und Professionalisierung. Eine Entwicklung, die hoffentlich bald auch in der Schweiz Fahrt aufnimmt.

Alles ist anders und doch vieles gleich

Namensgebend für die Sportart ist der elektrifizierte Rollstuhl, mit dem die Sportlerinnen und Sportler auf dem Feld manövrieren. Die Grundregeln des Spiels folgen denen des gewöhnlichen Fussballs: Die zwei Teams bilden sich aus je drei Feldspielern und einem Torwart. Gespielt wird über zweimal 20 Minuten auf einem Basketballfeld. Das Tor besteht aus zwei Pfosten, die sich in sechs Meter Distanz voneinander befinden. Der etwa basketballgrosse Spielball wird mithilfe eines speziellen Gestells vorne am Rollstuhl dem Mitspieler zugespielt, gedribbelt oder ins gegnerische Tor spediert. Hier ein (englisches) Video, das gut die wichtigsten Regeln von Powerchair-Fussball aufzeigt:

Da ein elektrifizierter Rollstuhl auf verschiedenste Weise gesteuert werden kann, ist Powerchair-Fussball eine der wenigen Disziplinen, die auch Personen mit schwersten körperlichen Behinderungen offenstehen. Der Australier Abdullah Karim, der bei den letzten Weltmeisterschaften zum wertvollsten Spieler gekürt wurde, steuert seinen Rollstuhl lediglich mit der Hilfe seiner Füsse. Über das Gefühl auf dem Feld zu spielen, sagt er:

«Wir vergessen, dass wir in einem Rollstuhl sind, und kämpfen so, wie es normale Fussballspieler tun.»

Die Popularität des «grossen Bruders» und die Möglichkeit, junge und ältere Spieler mit verschiedenen Beeinträchtigungen im Spiel zu vereinen, hat Powerchair-Fussball sehr beliebt gemacht. Weltweit ist es die am weitesten verbreitete Sportart für Elektrorollstuhlfahrer und die am schnellsten wachsende Behindertensportart insgesamt.

Der lange Weg zu einheitlichen Regeln

Es waren wohl erfinderische Lehrer in Frankreich, die in den 1970er-Jahren zum ersten Mal auf die Idee kamen, Fussball mittels E-Rollis auch für physisch stark beeinträchtigte Schüler spielbar zu machen. Kurze Zeit später entwickelte auch Kanada unabhängig eine eigene Version der Sportart mit dem Namen «Power Soccer».

Die französische und die kanadische Version breiteten sich in weitere Länder aus, die wiederum die Spielweise ihren eigenen Bedürfnissen anpassten, insbesondere Japan und England. Es bildeten sich nationale Ligen aus und die Spielarten entwickelten sich weiter. Über 25 Jahre existierten vier verschiedene Arten von Fussball im E-Rollstuhl mit teils stark abweichenden Regeln, ohne gross voneinander zu wissen.

Erst 2005 begann ein Prozess, weltweit einheitliche Regeln festzulegen. Teams aus den vier Ländern Frankreich, Japan, England und den USA präsentierten sich gegenseitig ihre Regeln und Spielweisen. Nach langen Diskussionen einigte man sich darauf, die englischen Regeln als Grundlage für die internationale Vereinheitlichung des Sports zu verwenden. In zahlreichen Sitzungen und einem Testturnier und wurden die Regeln geprüft und verfeinert.

Trotz starker Entwicklung ist Powerchair-Fussball noch nicht paralympisch

Im Jahr 2006 wurde die Fédération Internationale de Powerchair Football Association (FIPFA) mit Hauptsitz in Paris gegründet. Dank der vereinheitlichten Regeln konnten seither drei Weltmeisterschaften stattfinden, die letzte 2017 in Florida, USA. Die kommende WM wurde soeben um ein Jahr verschoben und soll im Oktober 2023 in Sydney, Australien stattfinden. Hier die Highlights aus dem Spiel Frankreich gegen Argentinien während der letzten WM (mit vielen tollen Toren 😀):

Die FIPFA hat wiederholt beantragt, Powerchair-Fussball in die Liste der paralympischen Disziplinen aufzunehmen. Dies wurde auch für die nächsten Paralympics 2024 in Paris abgelehnt, da einige Einschlusskriterien noch nicht erfüllt sind. Es ist wünschenswert, dass dieser schöne Sport auch bald bei den Paralympischen Spielen zu sehen sein wird.

Nicht nur auf globaler, auch auf europäischer und nationaler Ebene haben sich die Teams in professionellen Ligen organisiert. Die European Powerchair Football Association (EPFA) vereint als Dachorganisation zwölf nationale Verbände. Sie organisiert regelmässig Wettkämpfe: So werden vom beim EPFA Cup 2022 vom 21. bis 27. August in Genf die Teams aus Deutschland, Italien, Österreich, Schottland, Spanien und der Schweiz gegeneinander antreten. Falls Ihr Zeit habt, schaut doch vorbei! 😉

In der Schweiz gibt es noch Luft nach oben

In einigen Ländern ist die Professionalisierung von Powerchair-Fussball schon weit fortgeschritten. In Frankreich haben sich unter der Commission Sportive du Foot Fauteuil drei nationale Divisionen mit insgesamt über 30 Teams gebildet. Mittels Relegation können die Mannschaften jeweils in die nächste Division auf- oder absteigen. Ähnlich gibt es in den USA – wo die Sportart Power Soccer genannt wird – vier hierarchische Ligen, die wiederum über die Relegation miteinander verbunden sind. Auch in Deutschland wird derzeit ein Ligabetrieb installiert. In Österreich gibt es aktuell vier Teams, weitere sind im Aufbau.

Im Vergleich dazu hinkt der organisierte Powerchair-Fussball in der Schweiz hinterher, obwohl man bereits relativ früh Mitglied des Weltverbands FIFPA war. Das schweizerische Nationalteam nahm 2011 bei der FIPFA-Weltmeisterschaft teil, erreichte jedoch nur den letzten Platz. Bei der letzten WM 2017 gab es keine Schweizer Vertretung; Sieger wurde Frankreich vor den USA und England.

schweizer nationalteam im powerchair fussball 2018

Das Schweizer Nationalteam im Jahr 2018. (Quelle: https://www.swisspfa.ch)

Die Schweizer Liga Swiss Powerchair Football Association besteht lediglich aus zwei Westschweizer Teams, «Les Egles» aus Vevey und «Les Phoenix» aus Genf. Eine Delegation aus der Deutschschweiz ist noch nicht vertreten. Es bleibt zu hoffen, dass Powerchair-Fussball auch hierzulande bald Aufwind erfährt.

schweizer powerchair fussball team les egles aus vevey 2018

Das Team der «Les Egles» aus Vevey. (Quelle: https://www.swisspfa.ch)

Habt Ihr schon einmal von Powerchair-Fussball gehört? Würde es Euch reizen, den Sport einmal auszuprobieren?

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