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Spannung und Entspannung

  • fritz

Die Nerven plagen uns, wir können sie aber besänftigen    

Der Atem ist die einzige vegetative Funktion, die wir selbst steuern können, wenn wir das wollen. Atmen wir nach grosser Aufregung bewusst regelmässig und langsam, so besänftigen wir unser vegetatives Nervensystem. Puls, Blutdruck und Muskeltonus gehen zurück, und wir fühlen uns wieder etwas entspannter.

Mit gesundheitserhaltenden sportlichen Aktivitäten beeinflussen wir unser vegetatives Nervensystem ebenfalls. Sogar das Liebesspiel dürfen wir getrost zu diesen Betätigungen zählen. Im Falle von uns Rollstuhlfahrern sind auch die Körperpflege, das An- und Ausziehen – ja selbst ins Bett zu sinken nach vollbrachtem Tageswerk – jedes Mal eine Turnstunde. Im Idealfall steigt der Puls bei hohen Anforderungen. Nach vollbrachter grosser Leistung sinkt er wieder, und wir sind erschlafft. Unser Herz schlägt gemächlich, das Blut strömt wärmend durch unseren Körper und die Muskulatur ist gelockert. Wir sind zufrieden, fühlen uns entspannt und wohlig.

Die Wege «vom Hirn» und «zum Hirn» sind unterbrochen. Das Nervensystem reguliert sich deshalb selbst.

Für viele von uns ist dieser Weg jedoch nur beschränkt, vielleicht gar nicht begehbar. Die nötigen Nervenverbindungen, namentlich der Sympathikus, zwischen den oberen Sphären im Gehirn und den Schlünden des vegetativen Nervensystems sind gekappt. Das Vegetativum führt ein Eigenleben. So «tauchen» wir zuweilen, weil der Blutdruck zu tief ist, oder das System überschiesst blödsinnig. Blutdruck und Puls sind dann viel zu hoch.

Dazu ein Beispiel von mir mit meiner inkompletten Tetraplegie auf Höhe C5/C7: Ich putze mir nach dem Frühstück scheinbar friedlich die Zähne. Dabei werden die Hände kalt, an den Oberschenkeln bildet sich Hühnerhaut, in den Beinen erhöht sich der spastische Muskeltonus ekelhaft, und in der Herzgegend spüre ich ein leichtes Stechen. Ich bin verspannt, der Puls um 100 herum. Beim anschliessenden Rasieren wird’s zum Glück wieder spürbar ruhiger, obwohl die Bewegungen und der Kraftaufwand praktisch die gleichen sind wie beim Zähneputzen.  

Mit dem Rollstuhl unterwegs zu sein, ist gesund und wirkt entspannend.

Etwas menschenfreundlicher benimmt sich mein ausser Kontrolle geratenes «Vegi-System», wenn ich zwei, drei, zuweilen bis zu vier Kilometer Rollstuhl fahre. Das ermüdet mich so, dass sich schliesslich sogar die fürchterlich spastische Beinmuskulatur lockert, und der ausschliesslich störende Klonus im linken Fuss gänzlich verschwindet.

Geringer, aber immerhin spürbar sind diese angenehm entspannenden Wirkungen auch nach Kraft- und Strecktraining mit der verbliebenen Arm- und Rumpfmuskulatur und nach der einmal wöchentlich stattfindenden Physiotherapie. Diese therapeutischen Massnahmen sind aber repetitiv und auf Dauer stinklangweilig. Darauf angesprochen, meinte mein Physiotherapeut, ein ehemaliger Spitzensportler: «Das spielt keine Rolle, es geht um das therapeutische Ziel.»

Wer der Meinung meines Therapeuten nicht nachzuleben mag, greift zu anderen Mitteln: Alkohol, Kiff oder verordnetes THC sowie Antispasmolytika, die uns die Ärzte noch so gerne verschreiben. Sie entspannen, indem sie uns von Kopf bis Fuss dämpfen. Die Dosierung ist nach oben offen, und wir können sie beliebig kombinieren. So lockern und beglücken sie uns auf ihre Art und bei lustvoll anhaltendem Konsum legen sie schlussendlich jeden und jede flach.

Ein bisschen von allem erleben wir beim Liebesspiel. Es ist gleichermassen repetitiv, aber nicht langweilig, es lässt uns hoch fliegen, ohne uns zu schaden. Es entspannt ohne Nebenwirkungen. Es ist das Freizeitdrögchen. Das dreimal täglich anzuwendende Universalmittel kann es aber nicht sein – ganz abgesehen von gewissen Tücken und Hürden, die es umgeben.

Die Klangschale – Beispiel eines uralten therapeutischen Ansatzes ohne Nebenwirkungen

In die Bresche zwischen dem etwas stumpfsinnigen, sportlich-therapeutischen Spektrum und den erlesenen Beruhigungsmittelchen mit ihren widerwärtigen Nebenwirkungen springen die Anbieter von alternativen Ansätzen. Sie fördern das Wohlergehen im weitesten Sinne, bleiben aber nach schulmedizinischer Doktrin «den Nachweis der Wirksamkeit» schuldig. In der Praxis bedeutet das, sie machen weder weh noch dröhnen sie zu. Sie verlangen aber eine gewisse Hingabe, die Bereitschaft, dass wir spüren, wie gut sie uns tun.

Das wollen nicht alle, aber diese teils uralten Praktiken stehen uns allen offen. Angenehme Erfahrungen mit Yoga und Feldenkrais habe ich schon lange. Unlängst war ich an einem Tageskurs zu «Body Talk Access», und neuerdings versuche ich mich mit Techniken zur Stärkung des entspannenden Parasympathikus. Ich bleibe dran!

Kommentare (2)

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Lieber Fritz
wunderbar hast du das beschrieben. Ich bin zwar selbst nicht Paraplegikerin, kann aber trotzdem die positive Erfahrung mit Klangschalen bestätigen. Noch mehr aber bin ich Feldenkrais Fan. Ich weiss, dass Feldenkrais im PZ Nottwil...
Lieber Fritz
wunderbar hast du das beschrieben. Ich bin zwar selbst nicht Paraplegikerin, kann aber trotzdem die positive Erfahrung mit Klangschalen bestätigen. Noch mehr aber bin ich Feldenkrais Fan. Ich weiss, dass Feldenkrais im PZ Nottwil auch angeboten wird. Habe mich des öfteren gefragt, wie das bei Para- resp. Tetraplegikern angewandt wird. Ich selbst habe die Wahl zwischen einer Gruppenlektion oder einer Einzelsitzung. In der Gruppe bin ich aktiv in der Einzelstunde bewegt mich die Therapeutin. Schwierig dies zu beschreiben, jedenfalls für mich. Vielleicht kannst du erzählen, wie du Feldenkrais machst. 
Liebe Grüsse, Silvia
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...danke für dein Echo. Ich habe mich behandeln lassen. Das Problem war, dass der Effekt nach der Sitzung jeweils schnell nachgelassen hat. Ich räume allerdings ein, dass dies wohl unvermeidlich ist.
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