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Die Schmerzen im Griff dank Mari…wie bitte?!

  • Cassandra

Die endlose Diskussion über Marihuana, seinen Nutzen in Medizin und Forschung

Autorin der Zusammenfassung: Cassandra Montoya (Schweizer Paraplegiker-Forschung)

Marihuana wird seit Jahrtausenden in der Medizin verwendet. Einige Derivate von Marihuana werden erfolgreich als Schmerzmittel eingesetzt. Ziel dieses Artikels ist es, die wichtigsten Punkte aus drei wissenschaftlichen Artikeln zur Anwendung von Marihuana in der Schmerzbehandlung vorzustellen.

Hintergrund

Marihuana, auch bekannt als Cannabis, wird seit mindestens 10.000 Jahren medizinisch genutzt. Über die Jahre wurde vielfach behauptet, dass Marihuana positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann, wie Linderung von chronischen Schmerzen, Übelkeit und Spastik. Die Befürworter der klinischen Verwendung von Marihuana argumentieren damit, dass Marihuana ein niedriges Abhängigkeitsrisiko hat und es klinisch effektiver ist als andere Medikamente wie z. B. Opioide.

Marihuana wird seit mindestens 10‘000 Jahren verwendet.

Dennoch wird Marihuana seit 1970 in der Kategorie I des US-Betäubungsmittelgesetzes (Controlled Substances Act)  gelistet.Dies ist die einzige Kategorie von geregelten Stoffen, die Ärzte nicht verschreiben dürfen. Gemäss diesem Gesetz hat Marihuana keinen medizinischen Nutzen, sondern lediglich ein hohes Missbrauchspotenzial. Ausserdem wird es als nicht genügend sicher für die Anwendung unter medizinischer Überwachung erachtet.

Aufgrund dieser strengen Regulierungen ist es noch immer schwierig, den medizinischen Nutzen von Marihuana wissenschaftlich zu untersuchen. Die Einstufung in Kategorie I war schon immer sehr umstritten und bleibt bei Politikern und Wissenschaftlern ein heiss diskutiertes Thema. Viele Wissenschaftler und Ärzte sind der Meinung, Marihuana sollte in die Kategorie II des US-Betäubungsmittelgesetzesherabgestuft werden, so dass es zur medizinischen Behandlung eingesetzt werden könnte.

Der folgende Abschnitt gibt eine kurze Zusammenfassung von drei wissenschaftlichen Artikeln über Cannabis – so die Bezeichnung für Marihuana in den Artikeln. Sie gebeneinige Hinweise darauf, ob Cannabis in der Medizin verwendet werden sollte oder nicht.

Erste Studie: Cannabis ist wertvoll für Behandlungszwecke

Graves, selbst Arzt, bezeichnet Cannabis als ein effektives Mittel zur Behandlung von Schmerzen nach einer Querschnittlähmung (QSL). In seinem im August 2018 veröffentlichten Artikel befürwortet Graves die Verfügbarkeit von Cannabis für Patienten und Wissenschaftler zu klinischen Zwecken. Seine Haltung stützt er mit folgenden Erkenntnissen:

  • Es liegen überzeugende Belege zur Wirksamkeit von Cannabis zur Behandlung von chronischen Schmerzen, Übelkeit und Spastik vor.
  • In gewissen Studien berichteten Patienten mit QSL und chronischen Schmerzen, dass Cannabis alleine das wirksamste Medikament war – effektiver als Opioide – und eines der am längsten wirksamen Schmerzmittel.
  • Wirkstoffforscher stimmen darin überein, dass Cannabis weniger abhängig macht als Koffein, Nikotin und Alkohol.

Graves weist darauf hin, dass veröffentliche Forschungsstudien die Behauptung in Frage gestellt hätten, Cannabis habe keinen medizinischen Nutzen. Daher betrachtet er es als ethisch falsch, die Verwendung von Cannabis als Medikament vorzuenthalten und einzuschränken.

Marihuana für medizinische Zwecke – ja oder nein?

Zweite Studie: Barrieren für Cannabisforschung sollten abgebaut werden

Während das Für und Wider von Cannabis in der Medizin weiter diskutiert wird, verweisen Savage et al. (2016) darauf, dass sich viele Schmerzexperten aus Klinik und Forschung darüber einig seien, dass Cannabinoide klinisch vielversprechende Wirkstoffe sind. Cannabinoide sind Bestandteile von Cannabis – nämlich die Substanzen, welche die Cannabispflanze für die Medizin und für Erholungszwecke wertvoll machen.

In ihrem Artikel stellen Savage et al. fest: Die Entwicklung und klinische Nutzung von Cannabinoiden zu Therapiezwecken wurden durch ihre botanische Herkunft erschwert – das oft missbräuchlich verwendete Cannabis. Die Wissenschaftler betonen ausserdem die Notwendigkeit, Barrieren für die Cannabisforschung abzubauen, weil die geltende Kategorisierung von Cannabis die Verfügbarkeit, Qualität und Finanzierung zukünftiger Studien einschränke.

Dritte Studie: Cannabis als wirksame Schmerzbehandlung bei Querschnittlähmung

Eine dritte Studie von Heutink et al. (2011) beschrieb Schmerzbehandlungen mit und ohne Medikamente bei chronischer QSL. In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler die Wirkung der Behandlung bei einer grossen Zahl von Querschnittgelähmten in den Niederlanden. Die Studienteilnehmer gaben an, dass der Konsum von Cannabis und Alkohol zu den wirksamsten Schmerzbehandlungen zählt. Weitere Schmerztherapien, die ebenfalls als wirksam empfunden wurden, waren Akupunktur/Magnetisieren, Physiotherapie/Übungen und Massage/Entspannung. Die Schmerzbehandlungen, die als am wenigsten effizient eingestuft wurden, waren TENS/Ultraschall und Antidepressiva.

Die Wissenschaftler stellten jedoch fest, dass Cannabis, ebenso wie Akupunktur/Magnetisieren, nicht oft angewendet wurde. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Cannabis in den Niederlanden kein registriertes Medikament zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen ist. Während viele Patienten mit Opioiden ausreichende Schmerzlinderung erfahren, können deren Nebenwirkungen (z. B. Verstopfung, psychische Instabilität) beachtlich sein; zudem besteht das Risiko der Toleranzentwicklung. Zu guter Letzt haben die Wissenschaftler entdeckt, dass bei den Patienten „viele Schmerztherapien bereits ausprobiert, dann jedoch abgebrochen worden waren, vermutlich aufgrund der unzureichenden Schmerzlinderung oder der untragbaren Nebenwirkungen“. 

Studien zur Untersuchung von Risiken und Nutzen von Cannabis sind notwendig.

Alle drei Publikationen betonen die Tatsache, dass Kliniker früher oder später auf Patienten stossen werden, die eine Behandlung mit Cannabis bevorzugen würden. Aus diesem Grund sollten sie darauf vorbereitet sein, die Patienten über Nutzen und Risiko von Cannabis informieren zu können. Ärzte benötigen Zugang zu präzisen und hilfreichen Informationen – aus Forschungsstudien – über die möglichen Risiken und Nutzen von Cannabis. Dies wird den Patienten dabei helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen, die ihrem Lebensstil und ihren Bedürfnissen am besten entsprechen.

Meine persönliche Sicht

Eine gewisse Verblüffung und Faszination hat mich auf dieses Thema gebracht. Ich finde es wichtig, Menschen mit QSL über die aktuellen Diskussionen in Forschung und Medizin über dieses Kraut zu informieren.

Ich persönlich stimme zu, dass mehr Geld in die Forschung investiert werden sollte, um die medizinische Verwendung, Risiken und Nutzen von Marihuana zu untersuchen – wie bei jedem anderen Medikament auch. Wenn mit einem Kraut potenziell Schmerzen gelindert und andere Symptome behandelt werden können, warum sollte es dann für Patienten nicht zugänglich sein?

Was denkt Ihr über die Verwendung von Marihuana für medizinische Zwecke? Habt Ihr damit Erfahrung? Teilt sie mit uns!

Referenzierte wissenschaftliche Artikel:

  1. Graves DE. Cannabis shenanigans: advocating for the restoration of an effective treatment of pain following spinal cord injury. Spinal Cord Series and Cases. 2018;4(1):67. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1038/s41394-018-0096-1
  2. Savage SR, Romero-Sandoval A, Schatman M, Wallace M, Fanciullo G, McCarberg B, Ware M. Cannabis in Pain Treatment: Clinical and Research Considerations. The Journal of Pain. 2016;17(6):654–68. Abrufbar unter: https://doi.org/10.1016/j.jpain.2016.02.007
  3. Heutink M, Post MWM, Wollaars MM, van Asbeck FWA. Chronic spinal cord injury pain: pharmacological and non-pharmacological treatments and treatment effectiveness. Disability and Rehabilitation. 2011;33(5):433–40. Abrufbar unter: https://doi.org/10.3109/09638288.2010.498557

[Übersetzung des originalen englischen Beitrags]

Kommentare (2)

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Liebe Cassandra
Vielen Dank für deinen Bericht über Marihuana. Tatsächlich haben wir dies auch selbst ausprobiert. Als wir noch  in der Schweiz wohnten, setzte ich selbst Hanfplanzen an. Für den Eigenbedarf ist ja dies erlaubt. Da Felix nicht...
Liebe Cassandra
Vielen Dank für deinen Bericht über Marihuana. Tatsächlich haben wir dies auch selbst ausprobiert. Als wir noch  in der Schweiz wohnten, setzte ich selbst Hanfplanzen an. Für den Eigenbedarf ist ja dies erlaubt. Da Felix nicht rauchte und das Marihuana nicht für Schmerzen brauchte sondern sich damals Linderung der Spasmen erhoffte, habe ich daraus Tee gemacht und Güetzi gebacken. Meine netten Nachbarn und ich haben es dann ein bisschen geraucht. Wahrscheinlich war der THC Gehalt zu wenig hoch, denn wir hatten nur mit den Güetzi's erfolg. Vom Tee bekamen wir Bauchschmerzen und beim Rauchen stellte sich auch nichts besonderes ein. Felix behielt seine Spasmen und als Nachtbuben unsere Hanfpflanzen entdeckten und klauten liessen wir es dann auch bleiben. Nichtdestotrotz glaube ich an die Wirkung und fände es toll, wenn dies in richtiger Dosierung vermehrt eingesetzt würde. Eigentlich dachte ich, dies sei in der Schweiz in der Zwischenzeit schon der Fall.
Herzliche Grüsse, Silvia
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Liebe Cassandra,
auch von mir vielen Dank für den Bericht und die Links zu den Publikationen! Schade, dass sie hinter einer Paywall stehen und nicht kostenfrei im Volltext aufrufbar sind.
Hier in Deutschland können Ärzte seit vergangenem Jahr...
Liebe Cassandra,
auch von mir vielen Dank für den Bericht und die Links zu den Publikationen! Schade, dass sie hinter einer Paywall stehen und nicht kostenfrei im Volltext aufrufbar sind.
Hier in Deutschland können Ärzte seit vergangenem Jahr im Prinzip ja medizinischen Hanf für Schmerzpatienten verschreiben. So weit die Theorie. In der Praxis sieht es so aus, dass der Verwaltungsaufwand immens ist und selbst die Ärzte, die dies eigentlich befürworten, sagen, dass sie dies nicht leisten können.
Mir persönlich geht es so, dass ich ursprünglich weniger Interesse an dem Thema hatte. Doch ein Vortrag eines Schmerztherapeuten, in dem er den Wirkmechanismus erklärte, liess mich dann doch aufhorchen. Wenn ich das richtig im Kopf habe, wirkt der Wirkstoff direkt im Rückenmark - was bei anderen Medikamenten nicht unbedingt der Fall ist. Weiteres Einlesen zum Thema liess mich darauf stossen, dass der Wirkstoff einem natürlich im Körper vorkommenden Stoff sehr ähnlich ist - der natürlich im Körper vorkommende Stoff nimmt wohl mit zunehmendem Alter immer mehr ab. Vor diesem Hintergrund könnte ich mir erklären, warum in jugendlichen Jahren ein hoher Konsum problematisch sein kann (und z.T. eine Korrelation mit Psychosen beobachtet wurde - wobei natürlich die Frage ist: Sind die Psychosen durch den Konsum getriggert, oder ist der Konsum quasi hilfreiche "Selbstmedikation";), während mit zunehmendem Alter ggf. die positiven Effekte überwiegen.
In einer Reha durfte ich schliesslich ein Spray auf Cannabis-Basis ausprobieren. Meine Beobachtung war, dass es gegen Schmerzen, von denen ich vermute, dass es Nervenschmerzen sind, wirksamer war als andere Medikamente. Bei anderen Schmerzarten, die ich in der Zeit hatte, habe ich weniger Wirkung gemerkt. Wenn man noch dazu in Erwägung zieht, dass das ein natürlich gewachsener Stoff ist und kein chemisch hergestelltes Medikament (dessen Wirkweise und Wechselwirkungen ggf. auch nur zum Teil verstanden werden), dann überwiegen für mich inzwischen ganz klar die positiven Aspekte. Ich halte mehr Forschung zum Thema und ein Überdenken der Illegalisierung inzwischen auch für sehr wichtig, ebenso wie einen besseren Zugang dazu für Patienten.
Wichtig finde ich auch, dass Ärzte dem Thema gegenüber offen sind. Im Moment erlebe ich das noch unterschiedlich. Während ein Teil der Ärzte das Thema mit Interesse verfolgt und bedauert, dass der Verwaltungsaufwand es nahezu unmöglich macht, medizinischen Hanf zu verordnen, ist es mir bei einer Schmerztherapeutin, zu der mich meine Hausärztin mit dem Hinweis geschickt hatte, ich solle das Thema dort ansprechen, passiert, dass mir mit großem Misstrauen begegnet wurde ("DESWEGEN kommen Sie hierher?!?";). Da hat die lange Illegalisierung schon Spuren hinterlassen, und das ist schade.
Geradezu schockierend finde ich auch, zu welchen Kosten Produkte aus medizinischem Hanf abgegeben werden. Ein kleines Fläschchen mit Spray für 600 Euro, und das bei einem Produkt, das ohne größeren Aufwand aus einer Pflanze gewonnen werden kann - das ist geradezu skandalös.
Ich bin gespannt, wie sich das Thema weiter entwickelt - weitere Updates hier in der Community, auch zu neuen Studien und Entwicklungen, fände ich super!
Viele Grüße,
odyssita
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