In Hinblick auf COVID-19 bleiben noch viele Unsicherheiten. Welche Behandlungen werden wirksam sein? Wann wird ein Impfstoff kommen? Wann wird die Epidemie ihren Höhepunkt erreichen und müssen wir uns auf noch mehr einstellen?

Gerade in einer sich ständig verändernden Situation wie der aktuellen entwickelt sich auch das Wissen rasch weiter – oder besser gesagt, es häuft sich an. Was heute wahr scheint, kann sich morgen ändern. Und es gibt im Moment Fragen, über die sich die Experten offenbar uneins sind.

Um zu verstehen, warum es anscheinend Widersprüche gibt, muss man wissen, wie Wissenschaft funktioniert. Im Folgenden stellen wir einige Reflexionen an, um die Frage zu beantworten: Widerspricht sich die Wissenschaft selbst?

Wenn wir einen Bericht zum Thema COVID-19 lesen, der auf den ersten Blick im Gegensatz zu dem steht, was wir gestern gelesen haben, oder wenn wir einem Experten zuhören, der Dingen zu widersprechen scheint, die andere zuvor gesagt haben, sollten wir folgende Punkte im Kopf behalten:

  1. Wissenschaft ist wie ein Puzzle. Jede gute Forschung untersucht etwas, das noch nicht bekannt ist, und basiert auf bereits angesammeltem Wissen. Jede neue Forschung fügt also dem vorhandenen Wissen ein kleines Stückchen Wissen hinzu.
  2. Eine Studie ist nur ein Teil des Puzzles. Es braucht viele Teile (viele Studien), um ein Phänomen vollständig zu verstehen. Manchmal scheinen Experten – aus Begeisterung oder dem Wunsch etwas beizutragen – dies zu vergessen und berichten über die Ergebnisse einer einzelnen Studie, als ob sie verallgemeinerbar wären.
  3. Wissenschaft hat Grenzen. Die Wissenschaft hat viel entdeckt, aber es gibt Aspekte der Realität, die lange Zeit unbekannt geblieben sind. Wenn ein Phänomen noch wenig bekannt ist, gibt es nur Meinungen oder Teilstudien, die im Widerspruch zueinander stehen können.
  4. Die Wissenschaft überholt sich selbst und entwickelt sich weiter. Manchmal widerspricht die Wissenschaft sich selbst, einfach weil wir mehr über ein Phänomen entdecken und so verstehen, dass unser gestriges Wissen falsch oder unvollständig war. Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass die Erde rund ist und nicht flach, wie wir gedacht hatten.
  5. Wissenschaft und Nachrichten. Zeit ist ein zentraler Faktor bei der Untersuchung komplexer Phänomene wie etwa einer neuen Krankheit. Die Nachrichten von heute können denen von gestern widersprechen, weil etwas Neues entdeckt wurde. Deshalb ist es wichtig, das Veröffentlichungsdatum der Nachricht zu prüfen.

Wenn eine Information einer anderen zu widersprechen scheint oder wenn zwei Experten offenbar nicht einer Meinung sind, denken wir an diese Punkte. Wir werden etwas weniger skeptisch und verwirrt sein.

Kommentare (5)

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Sehr wichtige Punkte, danke!

Ich habe den Link schon mehrmals geteilt, aber hier passt er so gut: Es gibt einen sehr guten TED-Talk (auf englisch; italienische und französische Untertitel sind anwählbar) darüber, wie sehr die Medizin auf einen...

Sehr wichtige Punkte, danke!

Ich habe den Link schon mehrmals geteilt, aber hier passt er so gut: Es gibt einen sehr guten TED-Talk (auf englisch; italienische und französische Untertitel sind anwählbar) darüber, wie sehr die Medizin auf einen wissenschaftlichen Ansatz angewiesen ist, um neues Wissen zu erschliessen. "Why curiosity is the key to science and medicine" von Kevin B. Jones MD.
https://www.ted.com/talks/kevin_b_jones_why_curiosity_is_the_key_to_science_and_medicine

Viele Grüße,
odyssita

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Liebe odyssita,

vielen Dank für den Link (danke, dass du es nochmals geteilt hast!). Ich habe das Video jetzt gesehen und es ist recht sehenswert! Ich werde es auch ins italienische und französische Forum teilen. Die Untertiteln sind nicht...

Liebe odyssita,

vielen Dank für den Link (danke, dass du es nochmals geteilt hast!). Ich habe das Video jetzt gesehen und es ist recht sehenswert! Ich werde es auch ins italienische und französische Forum teilen. Die Untertiteln sind nicht perfekt aber gar nicht schlecht.

Gruss
Claudia

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Liebe Claudia,

super, danke! Wirklich schade, dass es keine deutschen Untertitel gibt.

Ich habe immer wieder das Gefühl, dass viele Menschen, aber auch Ärzte und Mitarbeiter im Gesundheitssystem und Entscheider bei Krankenkassen an medizinische...

Liebe Claudia,

super, danke! Wirklich schade, dass es keine deutschen Untertitel gibt.

Ich habe immer wieder das Gefühl, dass viele Menschen, aber auch Ärzte und Mitarbeiter im Gesundheitssystem und Entscheider bei Krankenkassen an medizinische Fragen so herangehen, als gäbe es keine Unsicherheiten. Vielleicht ein bisschen so, als wären die Unsicherheiten und die Forschung outgesourct und als würde nur das Ergebnis, das die evidenzbasierte Medizin liefert, zählen: Die Leitlinien, das, was es in die Schulbücher geschafft hat etc. Mit diesem Ansatz gibt es leider immer dann Probleme, wenn etwas noch nicht gut erforscht ist - Patienten mit nicht gut erforschten Krankheitsbildern oder ungewöhnlichen Präsentationen bekannter Krankheitsbilder berichten leider wirklich oft, dass sie nicht ernst genommen werden und durchs Netz fallen.

Deswegen finde ich es so wichtig, dass vermittelt wird, wie neues Wissen erarbeitet wird und wie man damit umgeht, wenn die Wissenschaft noch viele offene Fragen hat und es nur unvollständige Daten gibt. Danke, dass Ihr das macht! Und vielleicht ist das ja eines der Dinge, die man von der Corona-Krise lernen kann.

Viele Grüße,
odyssita

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Du hast recht, liebe odyssita. Unsicherheit ist ein Teil er Medizin, aber sie wird oft als "exact science" vorgestellt und man vergisst, dass sie es nicht ist. Wenn man weiss, wie die Wissenschaft Fortschritte macht, dann versteht man besser auch...

Du hast recht, liebe odyssita. Unsicherheit ist ein Teil er Medizin, aber sie wird oft als "exact science" vorgestellt und man vergisst, dass sie es nicht ist. Wenn man weiss, wie die Wissenschaft Fortschritte macht, dann versteht man besser auch ihre Grenze. "Laien" können die Resultate, die in den Medien dargestellt werden, besser beurteilen, wenn sie die Grundlage der Wissenschaft kennen. Und das ist wahrscheinlich noch wichtiger für chronischen Patienten, die sich immer wieder mit der Frage der Heilung ihrer Krankheit beschäftigen. Wir denken jetzt darüber nach, ob und wie wir in der Community noch ein paar Tipps über die Bewertung wissenschaftlicher Studien veröffentlichen sollen... Work in progress! ;-)

Vielen Dank für deine wertvolle Inputs! Es ist für uns wichtig zu verstehen, was für die Community nützlich ist.

Claudia

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Liebe Claudia,

ganz herzlichen Dank für Eure Arbeit!

Als ich mich eingearbeitet habe, wie die Wissenschaft arbeitet, dachte ich anfangs, dass das recht willkürliche Regeln sind und manches kam mir wie Gatekeeping vor. Erst, als ich...

Liebe Claudia,

ganz herzlichen Dank für Eure Arbeit!

Als ich mich eingearbeitet habe, wie die Wissenschaft arbeitet, dachte ich anfangs, dass das recht willkürliche Regeln sind und manches kam mir wie Gatekeeping vor. Erst, als ich grundsätzlich verstanden habe, wie sich die Wissenschaft Wissen annähert und was für eine Bedeutung es hat, dass dabei gründlich vorgegangen wird (also was für negative Folgen es haben kann, wenn das nicht gemacht wird) habe ich verstanden, warum so gearbeitet wird, wie man das macht. Die Arbeit von Karl Popper, das Prinzip des kritischen Rationalismus, das Buch "Der Hund, der Eier legt" mit der Erklärung von statistischen Prinzipien und Fehlerquellen und Beispielen aus der medizinischen Forschung haben mir geholfen, das zu verstehen. Neben den statistischen Hintergründen und möglichen Fehlerquellen ist mir auch das Thema kognitive Bias/kognitive Verzerrung wichtig geworden, das mir seitdem hilft, bei mir selbst und anderen mögliche Denkfehler zu erkennen.

Inzwischen wundere ich mich immer wieder, dass all das nicht in der Schule gelehrt wird. Wenn man das nicht lehrt, wie sollen die Leute dann lernen, zu beurteilen, ob die Stimmen verlässlicher sind, die mehr im Brustton der Überzeugung sprechen, oder diejenigen, die offen über Unsicherheiten und mögliche Fehlerquellen sprechen? Ich dachte früher wirklich, dass ich irgendetwas falsch mache, weil ich zu vielem keine klare Meinung hatte, sondern ich beide Seiten gesehen habe und nicht genug wusste, um mir eine Meinung zu bilden. Ich habe nie verstanden, warum viele andere sich ihrer Meinung so sicher waren (ohne dass sie erklären konnten, warum). Es war sogar immer wieder eine Schulaufgabe, in Aufsätzen zu vorgegebenen Themen das Für und Wider zu diskutieren und sich für eine Seite zu entscheiden - ohne zu den Themen irgendein Hintergrundwissen oder irgendwelche Daten zu haben. Inzwischen kann ich darüber nur den Kopf schütteln.

Zur Frage, was für die Community nützlich ist: Es gibt sicher ganz allgemein wichtige Themen, wie die Frage, wie man Informationen findet, filtert, auf Glaubwürdigkeit und Relevanz prüft und bewertet. In der aktuellen Situation finde ich das Thema besonders wichtig.

Darüber hinaus ist vermutlich die Frage, wie man "die Community" definiert. Ich bin international in Kontakt mit vielen Patienten mit inkompletten Rückenmarksverletzungen (in Folge von Unfällen oder anderen Grunderkrankungen) und ich sehe da einen ganz großen Bedarf, für den sich leider oft niemand zuständig zu fühlen scheint. Wenn z.B. Instabilitäten der Wirbelsäule oder des kraniozervikalen Übergangs die Ursache sind oder ein verstecktes Tethered Cord Syndrom fallen diese Patienten sehr oft durch die üblichen diagnostischen Algorithmen. Oft vergehen Jahre bis zur Diagnose und die Patienten bekommen wiederholt zu hören, ihre Symptome seien zu komplex und das könne nicht sein, in der Bildgebung sehe man keine Einengung des Rückenmarks und die Symptome müssten psychogen sein. Für Betroffene hat das gravierende negative körperliche und psychische Folgen, mit solch gravierender Symptomatik nicht gehört und nicht ernst genommen zu werden und keine angemessene medizinische Hilfe zu bekommen - viele beschreiben diese Erfahrung als traumatisch. Für mich ist es eine Herzensangelegenheit, dass das Thema erforscht wird und etwas getan wird, damit diese Patientengruppe nicht mehr durchs Netz fällt.

Liebe Grüße,
odyssita

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