Bei einer Lähmungshöhe, bei der die Hand- und Armmuskulatur teilweise oder nicht innerviert ist (Tetraplegiker), sind viele alltägliche Aktivitäten wie das Drücken einer gewöhnlichen Fernbedienung, das Greifen nach dem Telefonhörer oder die Betätigung des Lichtschalters nicht mehr möglich.

Der Verlust der bisher gewohnten Selbständigkeit kann durch den Einsatz von elektronischen Hilfsmitteln bedingt ausgeglichen werden.

Als Eingabemöglichkeiten stehen dem Benutzer verschiedenste Sensoren wie Taster, Druckschalter, Hebel, Saug-/Blassteuerung, Näherungs- und Neigungssensoren, Muskelsensoren sowie Joysticks oder Spracheingabe zur Verfügung.

Bei der Versorgung in einem Querschnittzentrum wird der Betroffene solche Geräte bei Bedarf bereits auf der Intensivstation kennen lernen oder sich im weiteren Verlauf seiner Rehabilitation genauer damit auseinandersetzen. Zu Anfang steht meist die Bedienung des Pflegerufes, das Ein- oder Ausschalten von Licht, der Unterhaltungselektronik und des Telefons. Im Verlauf der Behandlung folgen z.B. Computerbedienung, Benutzung des Mobiltelefons und schliesslich auch die Überlegung, was in der eigenen Wohnung oder am Arbeitsplatz an diese Bediengeräte zur Handhabung angeschlossen wird.

Die einzelnen auf dem Markt angebotenen Geräte unterscheiden sich durch die zum Teil unterschiedlichen Eingabemöglichkeiten, die möglichen Schnittstellen zu anderen Geräten, den maximalen Umfang der anzusteuernden Geräte, die mehr oder minder flexible Programmierung des Bedien- und Anzeigefeldes (Display, Bildschirm, Touchscreen) sowie durch die technische Durchführung der Steuerung. Das Einsatzfeld der Geräte ist individuell verschieden, daher muss jeder Nutzer das geeignete Gerät für seine Anforderungen finden und die Einstellungen auf sich anpassen. Am besten dafür ist die Erprobung verschiedener Geräte, um sich gezielt für ein System oder auch mehrere entscheiden zu können.

Umfeldkontrollgerät

Ein Umfeldkontrollgerät könnte auch als Universalfernbedienung bezeichnet werden. Im Unterschied dazu kann bei einem Umfeldkontrollgerät die Art der Eingabe verschieden gewählt und rasch angepasst werden, bei Veränderung der Körperfunktionen oder des Umfeldes. So kann z.B. im Rollstuhl ein Taster oder Joystick mit der Hand betätigt werden, aus dem Bett heraus benötigt es dagegen die Ansteuerung über eine Saug-/Blassteuerung.

Die Datenübergabe vom Umfeldkontrollgerät kann an sämtlichen elektronischen Schnittstellen wie Infrarot, Funk, Bluetooth usw. erfolgen, je nach Einsatzbereich. Somit können alle Geräte, die diese Schnittstellen aufweisen, mit dem Umfeldkontrollgerät angesteuert werden, sobald auf dieses die entsprechendes Codes übertragen wurden. Je nachdem, was von der Haustechnik automatisiert ist, können Türen, Fenster, Storen, Licht, Heizung, Lifte/Aufzüge, Bettverstellung u.a. bedient werden. Auch Geräte wie TV, Radio, DVD, Infrarottelefone und viele mehr lassen sich so benutzen.

Wird das Umfeldkontrollgerät mit einem Sensor betätigt, startet ein automatisches Scanning, d.h. auf dem Display werden einzelne Felder oder ganze Reihen bzw. Spalten nacheinander durchlaufen. Der Benutzer muss dann weitere Impulse über den Sensor setzen, um einen Befehl auszulösen. Solche Geräte sind z.B. Keo, Gewa Control Prog, Gewa Control Omni oder Senior Pilot. Das SiCare kann zusätzlich per Sprache benutzt werden, ist aber sprecherabhängig; das Easy by Voice hingegen – ein komplett in die Hauselektronik integriertes System – funktioniert unabhängig davon, wer spricht.

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Umfeldkontrollgerät „Gewa Control Omni“

Wie ist es mit Mobiltelefonen? Manche Hersteller bieten spezielle Lösungen an, in denen das Umfeldkontrollgerät durch eine integrierte SIM-Karte direkt als Mobiltelefon und zum SMS-Schreiben genutzt werden kann (z.B. Gewa Control Omni).

Um allerdings die vielen Funktionen eines Smartphones nutzen zu können, sind andere Systeme oder Modelle notwendig, wie z.B. das James4 oder das HouseMate für Android Smartphones oder Tablets. Mit diesen wird das Smartphone selbst zur Umfeldkontrolle; es bedarf aber spezieller Anpassungen und entsprechenden Zubehörs. Mit der eigenen Spracherkennung mancher Smartphones können bereits viele Funktionen benutzt werden, allerdings stößt der Betroffene in der alltäglichen Anwendung meist rasch an die Grenzen der Eingabemöglichkeiten, da diese Geräte nicht ohne die teilweise Bedienung der Tasten oder des Touchscreens auskommen.

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Umfeldkontrollsystem „HouseMate“ (Quelle: Unique Perspectives Limited)

Computerbedienung

Um einen Computer auch ohne die herkömmliche Maus- und Tastaturbedienung nutzen zu können, müssen diese durch andere Geräte oder Software ersetzt werden. Möglich sind dazu spezielle oder individuell angepasste Computermäuse, Joysticks, Touchpads, Trackballs oder Tastaturen und der Einsatz von externen Sensoren für die Klickfunktionen. Die Cursorbewegungen können auch gänzlich ohne Finger-, Hand- oder Armfunktion ausgeübt werden. Bei der HeadMouse wird die Kopfbewegung durch einen Infrarot reflektierenden Punkt – aufgeklebt auf Stirn oder Brille – erfasst und in die Cursorbewegung umgesetzt. Mit Augensteuerungen wie SeeTech, Tobii PCEye oder Alea ist nicht einmal eine Kopfbewegung nötig.

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Trackballmaus (Quelle: © by Computer für Behinderte)

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HeadMouse (mit aufgeklebtem Punkt auf der Brille)

Um Texte schreiben zu können, ist zusätzlich eine Bildschirmtastatur notwendig; die Klicks werden durch Verweilen an einer Stelle, durch eine Klicksoftware (z.B. Dragger 32 oder ClickMaster) oder mit externen Sensoren ausgelöst. Teilweise funktionieren die im Betriebssystem integrierten Bildschirmtastaturen recht gut, allerdings verfügen sie nicht über die speziellen Einstellungs- und Wortvorhersageoptionen wie entsprechende Software, z.B. Onscreenkeys oder WiViK. Für kleine Bewegungen, die mit dem Mund ausgeführt werden können, eignet sich die kabellose IntegraMouse Plus. Hier kann der Klick über Saugen/Blasen direkt ausgeführt werden.

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Mundmaus „IntegraMouse“

Ergänzend kommt der Spracherkennungssoftware eine wichtige Bedeutung zu, vor allem wenn es um Textverarbeitung geht. Mit Voice Pro oder Dragon Naturally Speaking können Befehle, Diktierfunktion und die Bewegung des Cursors per Spracheingabe vorgenommen werden.

Kommunikation

Mit Verlust der Stimm- und Sprechfunktion, ausgelöst z.B. durch eine dauerhafte oder temporäre Beatmungspflicht, kommen Geräte zum Einsatz, die die verbale Kommunikation ersetzen. Textbasierte Geräte wie Allora oder Lightwriter verfügen über eine Tastatur zur Eingabe, ein Display, um den geschriebenen Text anzuzeigen, und teilweise über eine synthetische Sprachausgabe, um die verfassten Texte wiederzugeben. Andere Geräte verwenden Bilder und Symbole zur Kommunikation (LightTalker, SmallTalker, Eco Talker) und hinterlegen diese mit gespeicherten Aussagen und Texten, die je nach Produkt von Hilfspersonen individuell besprochen werden können. Des Weiteren gibt es Kommunikationssoftware wie The Grid, OnScreenCommunicator, Tobii und MoMobil, die entweder auf ein vorhandenes Medium wie Computer, Laptop, Tablet aufgespielt oder integriert in ein eigenes computerbasiertes Gerät angeboten werden. Diese Geräte verfügen über weitere Möglichkeiten, z.B. darüber verschiedenste Steuerungs- und Eingabemodule anzuschließen, sowie die Funktion einer Umfeldkontrolle durch bestimmte Schnittstellen zu übernehmen. Damit wird Personen mit starken Einschränkungen ermöglicht, dieses Gerät als Computer, Umfeldkontrolle und Kommunikationshilfe einzusetzen.

Die gesamte Liste der elektronischen Hilfsmittel lässt sich bei weitem nicht ausreichend in diesem Artikelumfang behandeln. Die genannten Bespiele sollen vielmehr einen ersten Überblick geben. Der Markt ändert sich rasant und es werden laufend Neuerungen und Neuentwicklungen angeboten. Für weitere Informationen und eine individuelle Beratung stehen Ihnen externe Firmen oder Zentren für Querschnittgelähmte zur Verfügung.

Bezugsquellen:

Umfangreiche Hilfsmittel-Datenbank (mit Informationen zum Vertrieb):

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