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- 04. Juli 2024
- Organisation des täglichen Lebens, des Haushalts: Was können / wollen Sie noch selber erledigen?
- Mobil sein, den Transfer durchführen können: Dies hat einen direkten Einfluss auf die Möglichkeit Freunde zu treffen oder selbstständig Besorgungen zu machen usw.
- Sich sicher fühlen: Wie können Sie Unfälle / Stürze verhindern sowie im Notfall Hilfe organisieren?
- Hilfestellungen neu organisieren: Eventuell können Ihre Angehörigen Sie nicht mehr im gleichen Ausmass unterstützen, da auch sie älter geworden sind.
Bei der Gestaltung des Alltags ist die Autonomie ein zentrales Element für uns Menschen. Gerade im Alter und bei Erkrankungen spielt sie eine wichtige Rolle. Sie beinhaltet Begriffe wie Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. Selbstständig im Sinn von unabhängig von anderen Menschen sind wir in keiner Lebensphase. Im Alter und bei Krankheit nimmt die Abhängigkeit häufig zu. Die Selbstbestimmung bedeutet, dass wir selber über unser Leben bestimmen dürfen. Dies gilt auch in der Abhängigkeit, wo wir bestimmen, welche Hilfe angenommen wird und in welcher Form. Die Selbstverantwortung fordert weiter, dass wir unsere Ressourcen und unser Potenzial einbringen.
(Rüegger, 2014)

Alter(n) mit Querschnittlähmung aus medizinischer Sicht
Wenn man Alter und Querschnittlähmung betrachtet, kann man unterscheiden, ob Sie bereits seit Jahr(zehnt)en mit der Querschnittlähmung leben oder erst seit Kurzem.
Nach Jahren im Rollstuhl können altersbedingte Auswirkungen früher und eventuell ausgeprägter vorkommen als bei der «Fussgänger»-Bevölkerung. Diese Auswirkungen sind beispielsweise: eine höhere Anfälligkeit für Infektionen (Blase, Lungen); Abnutzungserscheinungen in den Schultergelenken; eine Verminderung von Kraft und Ausdauer; Arteriosklerose und Gefässerkrankungen sowie Hautveränderungen (die Haut wird dünner, verliert an Elastizität und wird schlechter durchblutet). Dies macht die Haut anfälliger für Scherkräfte, Blasen und Dekubitus. Insbesondere am Gesäss wirkt sich das negativ aus, wo zusätzlich beim Sitzen die Knochen des Beckens von «innen» auf die Haut und das Gewebe drücken.
Wenn Sie in fortgeschrittenem Alter von einer Querschnittlähmung betroffen sind, haben Sie möglicherweise vorbestehende Probleme: Ihre Gelenke sind nicht mehr so beweglich oder
schmerzen, Sie haben Erkrankungen des Herzkreislaufsystems und auch Ihre Haut zeigt Alterserscheinungen.
Somit gibt es durchaus Parallelen in der Gestaltung Ihres Lebens, unabhängig davon, ob Sie bereits lange oder erst seit Kurzem mit einer Querschnittlähmung leben.
Finanzierung im AHV-Alter
Die Finanzierung ist abhängig vom Zeitpunkt des Ereignisses und dessen Ursache. Ereignet sich eine Krankheit oder Unfall vor der offiziellen Pensionierung, ist der Leistungskatalog für Sach- und Geldleistungen deutlich umfangreicher.
Hilfsmittel
- Bei der IV besteht bezüglich Hilfsmittel eine Besitzstandswahrung, jedoch nur im Zusammenhang mit dem bestehenden Leistungsanspruch. Tritt eine altersbedingte Verschlechterung ein, besteht kein Anspruch auf Besitzstandswahrung.
- Im AHV-Alter besteht maximal ein Anspruch auf einen Beitrag an ein bestimmtes Hilfsmittel, z. B. manueller Rollstuhl und keine Kostenübernahme.
- Wohnungs- oder Fahrzeuganpassungen werden seitens IV keine mehr finanziert.
Keine Kostenübernahme von Elektro-Rollstühlen.
Geldleistungen
- UVG-Renten werden bei Erreichen des AHV-Alters auf das Niveau der IV-Renten gekürzt. IV-Renten werden in AHV-Renten umgewandelt. Kürzung der Ehepaarrenten gemäss
AHV-Gesetz. - Bei der Assistenzentschädigung gilt Besitzstandswahrung im bisherigen Rahmen.
- Monatliche Ergänzungsleistungen zur AHV, sofern das Existenzminimum nicht gesichert ist. Krankheitskosten können unabhängig davon geltend gemacht werden.
- Wichtig: Bei Heimeintritt eines Ehepartners werden zwei Budgets erstellt, sodass der eine Partner im Eigenheim bleiben und die ins Heim eintretende Person Anspruch auf Ergänzungsleistungen haben kann.
Hilflosenentschädigung
- Es besteht Besitzstandswahrung auf die bestehende Unterstützungsbedürftigkeit.
Bei einer Verschlechterung gilt der AHV-Ansatz.
Pflegekosten
- Grundsätzlich durch die bisherige obligatorische Unfall- oder Krankenversicherung.
Veränderungen bei Hilfsmitteln und der Organisation der Pflege
Wie auch immer Sie sich im häuslichen Umfeld organisiert haben: Mit zunehmendem Alter kann die Pflege oft nicht mehr in der gleichen Form weitergeführt werden. Geeignete Hilfsmittel können den Alltag erheblich erleichtern.
Bei Schulterproblemen
- Einen Elektro-Rollstuhl anstelle eines manuellen Rollstuhls benutzen
- Die Anzahl der Transfers reduzieren: z. B. einen Duschrollstuhl benutzen anstelle eines WC-Transfers, Mobilität erhalten mit Swiss-Trac anstelle Autofahrens
- Unterstützung mit Elektrobett, Gleittuch, Patientenheber
Bei Problemen mit der Blase
- Blasenmanagement z. B. Dauerkatheter anstelle Selbstkatheterismus
Bei Problemen mit der Haut oder als Prävention von Komplikationen
- Hautentlastung: Evaluation von Matratze, Rollstuhlkissen, Rollstuhlsitz-Abklärung, Einhalten einer Entlastung vom Sitzen
z. B. am Mittag im Bett
Es lohnt sich auch, wenn Sie sich zu folgenden Themen Gedanken machen:
- Situation in der Nacht (Umpositionieren, Katheterisieren)
Mehr Manpower: Miteinbezug von Spitex, Assistenzpersonen, hauswirtschaftlichen Hilfsdiensten oder Freiwilligen
Körperlich und geistig aktiv bleiben
Eine regelmässige körperliche Aktivität hilft, altersbedingten Beschwerden vorzubeugen. Diese Erkenntnis gilt auch bei einer Querschnittlähmung. Dabei ist es nicht das Ziel, einen Spitzensportler aus Ihnen zu machen, sondern Kraft und Ausdauer für die Bewältigung des Alltags zu erhalten. Möglichkeiten für ein Alltagstraining zeigt die Broschüre «Ausgleichstraining für Rollstuhlfahrer», die auf der Website der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung / Publikationen heruntergeladen werden kann.
Auch «für den Kopf» kann man einiges tun: Im Alter können Hobbys wieder aktiviert werden, man hat Zeit für soziale Kontakte, kann sich in Freiwilligenarbeit engagieren.
Philosoph Ludwig Hasler, selber im Rentenalter, meint dazu: Hauptsache, er (der Mensch) hat etwas im Kopf und im Herzen und in der Hand. Und er braucht es, macht es nutzbar, auch für andere.
Wohnen im Alter
Blieb früher bei Nachlassen der Kräfte beziehungsweise bei Zunahme des Unterstützungsbedarfs nur ein Umzug ins Alters- oder Pflegeheim, so bieten sich heute viele Alternativen. Vielerorts umfassen die Angebote nicht nur das Wohnen, sondern eine ganze Palette an Dienstleistungen und Unterstützungsangeboten. Mittlerweile gibt es Wohngemeinden, Wohnbaugenossenschaften oder private Anbieter, die im mittleren Preissegment Wohnungen mit individuell wählbaren Dienstleistungen anbieten. Dies können Wohnungsreinigung, Wäsche- oder Mahlzeitendienste, aber auch Pflege in der eigenen Wohnung oder der Unterhalt einer Notruforganisation sein.
Informieren Sie sich über die verschiedenen Angebote in Ihrer Umgebung. Machen Sie sich ein Bild über die angebotenen Lebensformen und vergleichen Sie diese mit Ihren Ansprüchen und Vorstellungen.
Fazit
Das Alter mit einer Querschnittlähmung bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten. Wichtig ist, dass Sie Ihre Träume und Vorstellungen zusammenbringen mit den körperlichen und geistigen Gegebenheiten. So sind eine Auseinandersetzung und eine Entscheidungsfindung möglich, wie Ihr weiteres Leben aussehen könnte und kann, basierend darauf, wie Sie selber Lebensqualität definieren.
Unterstützungsangebote der Schweizer Paraplegiker-Stiftung
- Lebensberatung der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung: Beratung zu Sozialversicherung und Finanzierung von Hilfsmitteln
- ParaHelp: Beratung, Schulung, fachliche Unterstützung von pflegenden Teams und Angehörigen
- Koordination Alter und Wohnen, ParaHelp: Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Wohnmöglichkeiten und beim Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks
- Sozialberatung SPZ für stationäre Patientinnen und Patienten