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Die Entstehung der Lust: Libido

Die Libido ist das Verlangen und die Lust auf Sexualität. Beim Mann hängt sie von einer bestimmten Menge des Sexualhormons Testosteron ab und bei der Frau spielt das Hormon Oxytocin eine wichtige Rolle. Ausgelöst wird die Libido durch Sinneswahrnehmungen wie Berührung, Bilder, Geschmack, Geruch oder Musik. Menschen mit Querschnittlähmung können viel Lust auf Sexualität haben, denn die oben genannten Faktoren sind mit Ausnahme der Berührungssensibilität kaum beeinträchtigt. Allerdings können Depressionen oder Medikamente wie Antidepressiva, Schmerzmedikamente (Opiate, Neuroleptika), Spastikmedikamente (Diazepam) oder bei den Frauen die Antibabypille die Libido vermindern.

Bei Einschränkungen der Sensibilität vor allem bei den Geschlechtsorganen ist es möglich, andere oder neue erogene Zonen zu entdecken wie beispielsweise am Nacken oder hinter dem Ohr. Ausserdem lassen sich die intakten Sinnesorgane vermehrt anregen, etwa durch erotische Musik und Klänge, schöne Worte, sexy Bekleidung, ein Gläschen Sekt, sinnliche Beleuchtung oder Düfte. Gesichts- und Körperöle, Balsame, aber auch Essenzen für eine Duftlampe oder Duftkerzen verwöhnen den Geruchssinn. Finden Sie heraus, was Ihnen gefällt.

Sinnlichkeit

Meist ist durch eine Rückenmarkverletzung die Sinnesempfindung der Haut beeinträchtigt. Berührungen können an bestimmten Körperteilen nicht mehr oder verändert wahrgenommen werden (meist unterhalb Lähmungsniveau). Es gibt aber Möglichkeiten, diese Defizite teilweise zu kompensieren. Es kann zu Neubildung oder Entdeckungen von bisher unbekannten erogenen Zonen kommen. Die vorhandenen Sinne können vermehrt einbezogen, beachtet und trainiert werden. Betroffene können lernen und erfahren, dass Sexualität auch ohne die «normalen Körperreaktionen» sehr beglückend, nährend und freudvoll erlebt werden kann.

Stellungen

Verschiedene Stellungen beim Sex sind auch für Menschen mit Querschnittlähmung möglich. Abwechslung vermehrt die Lust und den Spass und ermöglicht andersartige Berührungen und Wahrnehmungen. Je offener und direkter Sie Ihre Bedürfnisse kommunizieren, desto lustvoller kann die Begegnung werden. Der Partner oder die Partnerin kann zur Stabilisation beitragen – oft hilft nur eine kleine Unterstützung zum Lagewechsel. Auch Kissen (beispielsweise unter der Hüfte der Frau), Keile oder an der Zimmerdecke angebrachte Schlingen sind nützliche Hilfsmittel.

Bedingungen für das Sexualleben

Wer sich entspannen kann und sich von der eigenen Angst – und jener des Partners – nicht einschüchtern lässt, hat gute Voraussetzungen für ein erfüllendes Sexualleben. Ein produktiver Umgang mit Angst erlaubt Experimentierfreude, Neugierde und Offenheit für lustvolle Erfahrungen. Dies kann sich auf den physischen Zustand beziehen, auf die Position, in der man sich wohl fühlt und attraktiv findet, auf die Art der Stimulierung, die man sich wünscht. Die Experimentierfreude kann sich auch auf die Umgebung beziehen, auf die Gestaltung, Temperatur oder Beleuchtung des Raums oder auf notwendige Hilfsmittel. Auch ein informatives Gespräch mit der Partnerin oder dem Partner kann zu den Bedingungen gehören. Der bewusste Umgang mit den eigenen Bedürfnissen, sie zu kennen und auch durchzusetzen, kann eine grosse Bereicherung und ein enormer Entwicklungsschritt zu einer erfüllten Sexualität darstellen.

Lustkiller Angst

Die durch ein Querschnittlähmung veränderte körperliche Situation kann zuerst einmal sehr viel Angst machen: Angst vor Versagen, Angst vor nicht gefallen und genügen, Angst vor Inkontinenz oder Angst vor Spastik. Diese Ängste können dazu führen, dass Betroffene nichts mehr von Sexualität wissen und erfahren wollen, dass sie eine erotische Situation als anstrengend und nicht lustvoll erleben und so das Interesse an Sexualität verlieren. Deshalb müssen Betroffene, ihre Partner oder Partnerinnen und das ganze Rehabilitationsteam über die Probleme informiert sein. Nur so können Ängste angesprochen, diskutiert und Lösungen gesucht werden. Bleiben diese Themen unausgesprochen, werden sie tabuisiert. Und: Was man tabuisiert, kann man nicht gestalten.

Angst vor Inkontinenz

Das Managen der Blasen- und Darmfunktion ist von grosser Wichtigkeit. Querschnittgelähmte Menschen lernen ihren Körper mit den Jahren sehr genau kennen und achten darauf, sich vor dem Sex die Blase (eventuell auch den Darm) zu entleeren, die Trinkmenge vor einer Liebesnacht zu reduzieren und eine Unterlage bereit zu halten. Zur Entspannung trägt auch bei, dass der Partner informiert ist, dass ein «Unglück» geschehen könnte und der Betroffene weiss, wie sein Partner oder seine Partnerin darauf reagiert.

Angst keine Erektion zu haben

Trotz allen Hilfsmitteln und Medikamenten bleibt manchmal die Angst bei Männern bestehen, keine Erektion zu haben. Zu sehr sind Bilder von hochpotenten Männern verinnerlicht und Sex wird oft mit Hochleistungssport verwechselt. Sex ist aber keine olympische Disziplin, es geht nicht um höher, schneller, besser. Es muss nicht einmal ein Ziel erreicht werden. Männer denken oft, eine Frau würde sie verlassen, wenn sie keine «anständige Erektion» zustande brächten. Sprechen Sie mit Ihrer Partnerin offen darüber.

Angst vor Spastizität

Spasmen können hinderlich sein wie beispielsweise beim Finden einer bestimmten Stellung. Sie können aber auch in der Sexualität genutzt werden um eine bessere Erektion zu erreichen oder Beckenbewegungen zu ermöglichen. Die Spastik lässt sich durch eine Positionsveränderung oder eine Massage beenden. Grundsätzlich ist es sehr sinnvoll, dass der Partner oder die Partnerin über das mögliche Auftreten von Spastik informiert ist.

Angst vor der autonomen Dysregulation

Die Stimulation der Genitalien kann bei einem querschnittgelähmten Menschen mit einer Lähmungshöhe oberhalb T8 eine autonome Dysregulation auslösen. In den meisten Fällen klingen die Symptome sofort ab, sobald mit der genitalen Stimulation gestoppt wird. Dazu benötigt es aber eine genaue und einfühlsame Aufklärung, was im Fall einer autonomen Dysregulation getan oder unterlassen werden muss oder welche Vorkehrungen getroffen werden müssen.

Sexualassistenz

Menschen mit einer Behinderung kann der Zugang zu einer partnerschaftlichen Sexualität oder zur Selbstbefriedigung schwerer fallen als nicht behinderten Menschen. Deshalb kann durchaus auch der Wunsch nach Unterstützung real werden. Sexualbegleiter oder Sexualbegleiterinnen (als Sonderform der Prostitution) können ein erotisch-sinnliches Erleben ermöglichen. Dabei geht es um Nähe und Geborgenheit, um Beziehung und Kontakt, um Liebe und Wärme, aber auch um Zärtlichkeit, Lust und sexuelle Befriedigung.

Die meisten Institutionen sind aber weder räumlich noch von Seiten der Mitarbeiterinformation auf derartige Angebote eingerichtet und so muss Sexualassistenz im privaten Rahmen organisiert werden. Weitere Informationen sind auf der Website www.sexualassistenz.ch zu finden.

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