Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis – die Quelle des Lebens und eine Quelle von Sinnlichkeit, Lebenslust und Freude.

Eine Querschnittlähmung beeinträchtigt fast immer die Sexualfunktionen. Sie greift massiv in das persönliche, intime und soziale Leben von Ihnen und Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner ein. Das veränderte Körpererleben wirkt sich oft auf das Selbstwertgefühl, die Psyche und auf die Identität als Frau oder als Mann aus.

Burgdörfer und Kock beschreiben die Phasen der sexuellen Rehabilitation wie folgt:

  • Phase der Verunsicherung / Verdrängung
  • Phase des Experimentierens
  • Phase des Akzeptierens / Geniessens

Auch wenn nicht zwingend jede Phase erreicht und kontinuierlich durchlebt wird, lassen sich doch typische Phänomene, Chancen und Risiken finden und charakteristische Verhaltensweisen in der Partnerschaft aufzeigen.

Phase der Verunsicherung / Verdrängung

In dieser Phase fühlen sich die Betroffenen völlig orientierungslos, meist wird das Thema Sexualität ganz zur Seite geschoben. Gespräche mit dem Partner / der Partnerin, Fachleuten oder Peer Counsellors sind von Bedeutung, um Ängste zu reduzieren oder unrealistische Vorstellungen zu korrigieren.

Erfahrungen dieser Phase sind, sich von alten Normen zu lösen, sich und den eigenen Körper neu zu erforschen, um die Voraussetzungen für einen Neubeginn des veränderten Sexuallebens herbeizuführen. Noch keine Vorstellung über verbleibende Möglichkeiten sexueller Aktivität und Befriedigung zu haben, kann in Resignation resultieren. Durch fehlende Zukunftsvisionen stellen sich Betroffene häufig vor, dass eine Trennung aktuell wird, in der Annahme, dass sich der Partner oder die Partnerin ohnehin trennen möchte. Partnerschaftlich gesehen ist diese erste Phase von Rückzug, dem Vermeiden und der Abwehr körperlicher Nähe und Berührung gekennzeichnet. Dem Lebenspartner bleiben Trauer, Depression, aber auch verbale Aggression und Provokation des Betroffenen kaum verborgen bzw. erspart. Wurde von Seiten des Partners dem Trennungswunsch nicht nachgegeben, bleibt bei den Betroffenen die unbeantwortete Frage: Aus Mitleid oder aus Liebe? Die kommunikative Kompetenz ist oft (noch) nicht ausreichend entwickelt und das Selbstvertrauen (noch) nicht stark genug, um erotische oder sexuelle Wünsche, falls sie wahrgenommen werden, auszudrücken und aktiv umzusetzen.

Finden wir hingegen eine gewisse Neugier darauf, was mit dem gelähmten Körper an sexuellen Aktivitäten noch möglich ist, wird sie zum Motor für weitere Entwicklungsschritte.

Phase des Experimentierens

Hat anstelle von Resignation die Neugier überwogen, beginnt das Experimentieren mit den noch verbliebenen körperlichen Möglichkeiten. Dabei kann es je nach Tempo und Grösse der Schritte zu Erfolgserlebnissen mit Selbstwertstützung, aber auch zu frustrierenden Erlebnissen kommen. Diese können wieder verunsichern und damit in die erste Phase zurückwerfen.

Was auch immer passiert, gewöhnlich richtet sich fast alles Handeln und Erproben noch an alten Normen aus, z. B. mit dem Ziel, unbedingt einen Orgasmus haben zu wollen. Gerade diese Fixierung und die Einengung auf ganz bestimmte Kriterien erfüllende Sexualität verhindern lustvolles Erleben und Geniessen, d. h. die sexuellen Möglichkeiten stehen im Sinne von sportlicher Leistung im Vergleich zu denen bei Nichtbehinderten. Der Betroffene fühlt sich in jeder Hinsicht unattraktiv, kann an sich selbst kaum etwas Liebenswertes entdecken und sich damit auch nicht vorstellen, jemals wieder geliebt zu werden.

Auf der partnerschaftlichen Ebene ist das Bemühen um die eigene Attraktivität eine positive Grundvoraussetzung, um den Partner oder die Partnerin für körperliche Kontakte überhaupt zu gewinnen. Das eigene oder gemeinsame Erforschen der verbliebenen, veränderten oder fehlenden Sensibilität und Funktion dient zur realistischen Einschätzung der Möglichkeiten auf beiden Seiten.

Die Erfahrung und die Ideen zu solchen Möglichkeiten können im Idealfall vom Paar gegenseitig transparent gemacht werden; dann können körperliche Nähe, erotische Stimulation und die ersten Intimkontakte auf die Wünsche beider Partner abgestimmt werden. Es können paareigene individuelle Lösungen, Praktiken und Lagerungen sowie Stellungen erprobt und überprüft werden. Bei all diesem Experimentieren werden zwar die realen Funktionseinbussen deutlich, aber auch die verbliebenen Funktionen immer klarer.

Neuorientierung kann heissen:

  • Lust statt Leistung
  • Zärtlichkeit statt / nebst Koitus
  • Kommunikation statt Frustration
  • Offenheit statt Angst

Insgesamt kann die Phase des Experimentierens über Jahre und auch Jahrzehnte gehen. In individuell sehr unterschiedlichen Zeiträumen kann bei günstigem Verlauf schliesslich die Phase des Geniessens erreicht werden.

Phase des Geniessens

Der Betroffene bzw. das Paar hat sich von alten Normen gelöst, lähmungsbedingte Grenzen akzeptiert und die Querschnittlähmung als Chance genutzt, neue Verhaltensweisen und Kommunikationsstrategien so einzusetzen, dass intime Kontakte in erster Linie lust- und genussbetont erlebt werden.

Beziehungsmässig ist die Phase des Geniessens meistens daran zu erkennen, dass es zu einer offenen Kommunikation zwischen den Partnern gekommen ist und die Lust der Massstab geworden ist und nicht die Leistung, dass das Sexualleben eine partnerschaftlich individuelle Gestaltung erfahren hat und durch Ausweitung und Erproben neuer Praktiken einem lebendigen Wandel unterliegt.

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