Unfallbedingte Verletzungen

Es gibt verschiedene Elemente in den Bewegungssegmenten, welche sich nach einer Verletzung unterschiedlich verhalten: knöcherne Strukturen und Bandstrukturen. Wir unterscheiden bei knöchernen Wirbelsäulenverletzungen zwischen drei Hauptfrakturtypen:

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  1. Kompressionsfraktur
  2. Distraktionsverletzung
  3. Rotationsverletzung

Die Wirbelsäule lässt sich mit zwei Säulen vergleichen. Die ventrale1 Säule besteht aus dem Wirbelkörper und den Bandscheiben, die dorsale2 Säule setzt sich aus den Wirbelbögen, den Dorn- und Querfortsätzen sowie den Bändern zusammen. Die vordere Säule wird auf Druck beansprucht, die hintere hingegen fängt die Zugkräfte auf.

Die knöchernen Strukturen können nach einer Kompressionsverletzung teilweise ihre ursprüngliche Tragfähigkeit behalten. Nach der Heilung knöcherner Verletzungen bleibt die Stellung der Wirbelsäule unverändert, die Stabilität ist damit wieder erreicht.

Die Bandstrukturen der Wirbelsäule werden in Neutralstellung3 wenig beansprucht. Sie dienen dazu, die Stabilität der Wirbelsäule an den Grenzen ihrer Bewegungsmöglichkeiten zu gewährleisten. Die Bänder der Wirbelsäule erlauben im physiologischen Bereich eine elastische Bewegung mit geringem Widerstand gegen Verformung und weisen im Grenzbereich eine hohe Steifigkeit auf.

Die Bandstrukturen bestimmen die Prognose in Bezug auf die mechanische Stabilität bei einer Wirbelsäulenfraktur. Bei schweren Verletzungen sind die Bandstrukturen, einschliesslich der Bandscheibe, meistens beteiligt. Eine Zerreissung der Bänder führt immer zu einer Instabilität des Wirbelsäulensegmentes. Dabei spielt die Bandscheibe eine entscheidende Rolle, auf Grund der fehlenden Gefässversorgung heilt sie nicht mehr. Wenn keine Operation erfolgt, bleibt eine Zerreissung der Bandscheibe und der Bandstrukturen lebenslang instabil.

Wann kommt es zu einer Lähmung?

Ob eine Verletzung der Wirbelsäule auch eine Querschnittlähmung zur Folge hat, ist vom Ausmass der Wirbelsäulenverletzung abhängig. Nicht in jedem Fall wird das Rückenmark, welches im Wirbelkanal der Wirbelsäule verläuft, geschädigt.

Wird das Rückenmark komplett durchtrennt, so tritt unmittelbar nach der Verletzung eine irreversible Lähmung ein, man spricht von einer kompletten Lähmung. Wird das Rückenmark nur teilweise durchtrennt oder gequetscht durch eine Fraktur oder eine Blutung im Rückenmark, kann sich die Lähmung allenfalls zumindest teilweise zurückbilden, die Lähmung wird als inkomplett bezeichnet.

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Unterschied Para- oder Tetraplegie

Von einer Paraplegie spricht man, wenn die untere Körperhälfte–Beine, Gesäss, Bauch- und unterer Brustbereich–von der Querschnittlähmung betroffen ist. Die Verletzung liegt in diesem Fall im Brustwirbel-, Lendenwirbel- oder Sakralbereich. Menschen mit einer Paraplegie haben keine Funktionseinschränkungen in den Armen.

Bei einer Tetraplegie liegt die Verletzung des Rückenmarks im Halswirbelbereich. Nebst den Beinen und dem Brustbereich sind von der Lähmung nun auch die Arme betroffen. Wie stark die Arme bei einer Tetraplegie in ihrer Funktion eingeschränkt sind, ist von der Verletzungshöhe abhängig. Je weiter unten in der Wirbelsäule die Verletzung liegt, desto mehr Restfunktionen bleiben in den Armen erhalten.

Bei einer Tetraplegie ist auch die Atemmuskulatur mitbetroffen. Liegt die Lähmung oberhalb von C3 auf der Höhe des 3.Halswirbels, ist die Atmung so stark eingeschränkt, dass man auf maschinelle Unterstützung angewiesen ist.

Rückenmarkverletzungen führen nicht nur zu Funktionseinschränkungen der Extremitäten, sondern auch zu anderen Fehlfunktionen in den Organsystemen, da die versorgenden Nerven ebenfalls im Rückenmark verlaufen. Bei Verletzungen oberhalb des 6.Brustwirbels ist das autonome Nervensystem mitbetroffen, was zu Fehlfunktionen im Kreislaufsystem führen kann. Unabhängig von der Verletzungshöhe kommt es bei einer Rückenmarkverletzung häufig zu einer Blasen-, Darm- und Sexualfunktionsstörung, da die Nerven, die diese Funktionen steuern, ganz unten im Sakralbereich aus der Wirbelsäule austreten.

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Klassifikation nach ASIA

Komplette oder inkomplette Lähmungen werden heute nach den Kriterien der ASIA (American Spinal Injury Association) in 5 Kategorien von A–E eingeteilt.

AIS A Komplette Lähmung, keinerlei motorische oder sensible Funktionen

AIS B Inkomplett, sensible Funktionen erhalten, aber keine motorischen Funktionen unterhalb des Lähmungsniveaus vorhanden

AIS C Inkomplett, sensible und motorische Funktionen unterhalb des Lähmungsniveaus erhalten, jedoch sind die Kennmuskeln so schwach, dass sie funktionell nicht eingesetzt werden können

AIS D Inkomplett, sensible und motorische Funktionen unterhalb des Lähmungsniveaus erhalten, die Kraft in den Kennmuskeln ist so stark, dass sie funktionell eingesetzt werden können (z. B. Stehen für Transfers, evtl. Gehen mit Hilfsmitteln)

AIS E Normal, motorische und sensible Funktionen sind normal

Krankheitsbedingte Schädigungen

Nebst traumatischen Verletzungen kann auch eine Vielzahl von Krankheiten zu einer Querschnittlähmung führen. Am häufigsten sind Tumore, Durchblutungsstörungen, Infektionen und Entzündungen wie Multiple Sklerose. Bei diesen Erkrankungen bleiben teilweise die knöchernen Strukturen intakt, die Schädigung betrifft dann nur das Rückenmark. Bei Entzündungen oder Tumoren kann die Wirbelsäule mitbetroffen sein.

Die Rehabilitation ist durch die Grundkrankheit häufig erschwert. So kann sich nach einer Tumorerkrankung der Gesundheitszustand immer wieder verändern. Die Ziele in der Rehabilitation müssen entsprechend der Erkrankung festgelegt werden und man muss die Nachbehandlung gut und vorausschauend planen. Ebenso muss in vielen Fällen die tumorbedingte erhöhte Anfälligkeit für Frakturen berücksichtigt werden.

1 bauchnah

2 rückennah

3 Stellung, in welcher maximale Bewegungen in alle Richtungen möglich sind

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