Wir alle wissen nicht, wie es wirklich sein wird, wenn wir alt und zudem gebrechlich sind. Als Paras und Tetras haben wir Erfahrung im Umgang mit Einschränkungen, aber auch uns kotzt es an, wenn mit den Hürden des Alters weitere Hindernisse auf uns zu kommen. Diese Aussichten erschüttern unsere sorgsam gehegte Überzeugung, dass wir autonom sind und stets nach höchster selbstbestimmter Lebensqualität trachten dürfen und sollen. Die ferne, unsichere Zukunft blenden wir gerne aus und leben dafür im genussvollen Hier und Jetzt, das wir beherrschen.

Was wir nicht beherrschen, verunsichert uns. Um dieses unangenehme Gefühl abzuschwächen, klammern wir uns an Halbwahrheiten und starre Prinzipien wie zum Beispiel: „Nur im Sarg wird man mich aus meinem Hause bringen." „Ich bleibe in meinen eigenen vier Wänden, solange es irgendwie geht." „Ins Heim geh ich nie, es ist auch viel zu teuer."

Das Heim für alle ist des Teufels, das eigene Heim dagegen das von uns geschaffene Paradies. Wir gestehen uns nicht ein, dass wir diese, vermeintlich ewige Wahrheit vom Zeitgeist übernehmen.

Wenn es darum geht, auf die besonderen Bedürfnisse gesellschaftlicher Gruppen einzugehen, wechseln sich zentrale und dezentrale Angebote seit jeher ab. Es besteht auch in jeder Epoche ein gewisser sozialer Druck, den vorherrschenden Lösungsansatz als den einzig richtigen zu betrachten. So trimmen wir uns heute auf Individualismus und müssen alle Probleme auf emanzipatorisch selbstgestaltende Weise lösen.

Wirklich autonom und selbstbestimmt handeln wir auf diese Weise aber nicht. Autonom wäre es, wenn wir statt der modisch zeitgenössischen die für uns beste Lösung anstrebten. Angesichts von Beeinträchtigungen, die uns eh verfolgen kann es durchaus sein, dass wir unsere Lebensqualität steigern können, wenn wir ein bisschen Selbstbestimmung preisgeben. Umgekehrt müssen wir in Kauf nehmen, dass alles etwas mühseliger ist, wenn wir auf Selbstbestimmung beharren. Alles können wir nicht durchsetzen, aber wir sollten selber bestimmen, welche Mischung uns am liebsten ist. Vielleicht ist es das Altersheim, vielleicht das eigene.

Kommentare (2)

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Hallo Fritz

Wie immer ein guter Beitrag. Das Phänomen, dass Du beschreibst, trifft uns alle, ob behindert oder nicht behindert. Im Alter müssen wir alle zurückstecken, die einen früher die anderen später. Die Wahlmöglichkeiten schränken sich...
Hallo Fritz

Wie immer ein guter Beitrag. Das Phänomen, dass Du beschreibst, trifft uns alle, ob behindert oder nicht behindert. Im Alter müssen wir alle zurückstecken, die einen früher die anderen später. Die Wahlmöglichkeiten schränken sich immer mehr ein. Damit umzugehen ist für jeden schwierig. Was ist für uns schon die beste Lösung? Wir kennen sie nicht, da wir nicht wissen, was die Zukunft wirklich bringt. Ich meine, wir sollten flexibel bleiben, damit wir uns stets anpassen können oder schlussendlich anpassen müssen!

Gruss, Tom45
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Lieber Tom45!
Ich danke für die Blumen. Ich bleibe am Thema.
Ich denke, flexibel zu bleiben, schliesst nicht aus, gewisse Szenarien schon mal anzudenken. Es gilt doch die Regel, dass wir besser in den Griff kriegen, was wir mindestens...
Lieber Tom45!
Ich danke für die Blumen. Ich bleibe am Thema.
Ich denke, flexibel zu bleiben, schliesst nicht aus, gewisse Szenarien schon mal anzudenken. Es gilt doch die Regel, dass wir besser in den Griff kriegen, was wir mindestens ansatzweise vorbereitet haben. Einfach in den Zug steigen und mal sehen, wo er anhält, ist keine gute Vorgehensweise. Gleichermassen ist es nicht sinnvoll, in Basel am französischen Bahnhof in den Zug zu steigen und zu sagen: "Wohin der Zug fährt, ist mir Wurst, aber nach Paris gehe ich sicher nicht."
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