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Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) – ein Porträt

Autor: Fabian Diesner (Schweizer Paraplegiker-Forschung)
Quelle: Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Internationale Klassifikation für Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF). Genf: 2001.
Wir leben in einer Gesellschaft, die zweifelsohne von Gesundheit und Lebensqualität geradezu besessen ist, und meistens streben wir danach, eine optimale „Funktionsfähigkeit“ zu erreichen. Doch was bedeutet es eigentlich gesund zu sein? Gewiss durchlebt ein jeder von uns irgendeine Art von Krankheit, Erkrankung oder Behinderung im Leben – sei es vorübergehend oder als lebenslanges Gesundheitsproblem. 


Um zu verdeutlichen, was es bedeutet, gesund zu sein, entwickelte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zunächst ein Rahmenwerk und anschliessend ein vereinheitlichtes und standardisiertes Vokabular zur Beschreibung von Gesundheit und gesundheitsähnlichen Zuständen und im Jahr 2001 schliesslich die Internationale Klassifikation für Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF). Aufgrund der äusserst wichtigen Rolle, welche die ICF in Bezug auf die Themen Rehabilitation, Forschung, Gesundheitsdienstleistungen und Gesundheitspolitik spielt, möchten wir das rote Buch, das uns half Gesundheit und Behinderung zu verstehen, etwas genauer beleuchten.

Eine Marke – zwei Produkte
Zuallererst ist es wichtig hervorzuheben, dass die ICF zwei Seiten hat: Eine besteht aus dem philosophischen und konzeptionellen Modell und Rahmen für Gesundheit und Funktionsfähigkeit, während die andere die anwendungsorientierte Klassifikation mit ihrem einmaligen Kodierungssystem ist. Beginnen wir mit dem Grundmodell, das uns als Ausgangspunkt dient. Bevor die ICF entwickelt wurde, hat man versucht, die gesamte Bandbreite der Krankheiten und deren Konsequenzen zu erfassen. Die ICF jedoch brachte ein neues Konzept ins Spiel – „Funktionsfähigkeit“. Dieser Terminus umfasst alle Körperfunktionen, Aktivitäten und die Teilhabe in Bezug auf die jeweilige Lebenssituation einer Person. Das Gegenteil von Funktionsfähigkeit ist die Behinderung - sie bedeutet Beeinträchtigung und Einschränkung bei Aktivitäten oder der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Beide Konzepte beschreiben Dinge, die nur in Koexistenz mit unserer Umwelt sowie mit unserem persönlichen Hintergrund bestehen. So entwirrte die ICF nicht nur die Dichotomie von „gesund“ und „krank“ sondern erwirkte auch einen Paradigmenwechsel hin zur gelebten Erfahrung des Menschen.
Das ganzheitliche Modell, wie unten abgebildet, zeigt die Vernetzung und Abhängigkeit unserer gesundheitsbezogenen Komponenten. Die Abbildung zeigt ausserdem sehr schön, dass das ICF Rahmenwerk aus fünf Domänen besteht, die unseren Gesundheitszustand und die gelebte Erfahrung alle gleichermassen beeinflussen: Körperfunktionen und –strukturen, Aktivitäten, Partizipation (Teilhabe), Umweltfaktoren und personenbezogene Faktoren.
Da dieses Modell eher als eine Grundphilosophie der Gesundheit dient, entwickelte die WHO die ICF Klassifikation, die auf diesem Rahmenwerk aufbaut, um Interessenvertretern der Gesundheitsversorgung eine standardisierte und universelle Sprache für Funktionsfähigkeit anzubieten, die in klinischen Einrichtungen, sowie bei Abläufen in der Dienstleistungserbringung und Politikgestaltung zum Einsatz kommt. Ein Beispiel soll dazu beitragen die Vorteile zu verdeutlichen, welche die Verwendung von ICF Kategorien für die Kommunikation zwischen Fachkräften der Gesundheitsberufe und Fachkräften gesundheitsbezogener Berufe mit sich bringt. Nehmen wir also drei Personen mit einer Tetraplegie, die alle mit einer kompletten Lähmung unterhalb C5 diagnostiziert wurden. Diese Einstufung sagt nichts über den individuellen Grad der Funktionsfähigkeit der Personen oder deren Leistungsfähigkeit aus. Die ICF Kategorien können jedoch Hilfestellung leisten bei der Beschreibung jeglicher körper-, umwelt-, partizipations- oder aktivitätsbezogen Faktoren, die es uns ermöglichen, den individuellen Grad der Funktionsfähigkeit einer Person zu beschreiben. Während eine Person mässige Schwierigkeiten mit einer eingeschränkten Handfunktion hat, kann eine andere Person dieses Leistungsproblem mit blosser Willenskraft, den körperlichen Fähigkeiten oder anderen individuellen Strategien kompensieren. Da die ICF Kategorien die individuelle Leistungsfähigkeit und Leistung einer Person beschreiben, gewinnen z. B. das Rehabilitationspersonal, aber auch Dienstleistungsanbieter einer Versicherung wertvolle Informationen über den Gesundheitszustand einer Person. Dies wiederum ermöglicht gezielte und individuell angepasste Interventionen und Dienstleistungen.
Die Klassifikation besteht aus den fünf oben in der Abbildung dargestellten Domänen und teilt sie in Kategorien ein, welche die grundlegenden Körperfunktionen beschreiben bis hin zu komplexen Funktionen, wie z. B. über einen Arbeitsplatz verfügen und diesen nicht zu verlieren. Die Strukturierung und Universalisierung der menschlichen Funktionsfähgikeit in Bezug auf externe Umweltfaktoren erlaubt es nicht nur, ein umfassendes Profil des Gesundheitszustandes einer Person zu konstruieren, sondern ermöglicht es auch, dieses Profil berufsübergreifend in verschiedenen gesundheitsbezogenen Berufen zu verwenden.

Ziele und Anwendung der ICF
Die Ziele der ICF Klassifikation sind es, nicht nur die Kommunikation zwischen verschiedenen Anwendern aus dem Gesundheitsbereich zu verbessern, sondern auch zwischen Wissenschaftlern, politischen Entscheidungsträgern und der breiteren Öffentlichkeit, einschliesslich Personen mit Behinderungen. Des Weiteren ermöglicht das einheitliche Kodierungssystem einen Datenvergleich zwischen Ländern (Vergleich auf internationaler Ebene), Disziplinen im Gesundheitswesen sowie im Zeitverlauf. Der ganzheitliche Charakter der ICF als Rahmenwerk und Klassifikation bietet zahlreiche Anwendungsbereiche. Sie kann als statistisches Werkzeug zur Datensammlung und –aufnahme (Umfragen, Studien, Bevölkerungsstudien) dienen; sie kann als Forschungsinstrument zur Messung von Resultaten, Lebensqualität und Umweltfaktoren verwendet werden. Als Instrument in der gesundheitlichen Versorgung - für die Beurteilung des Bedarfs, der Anpassung von Behandlungen an spezifische Bedingungen, die berufsbezogene Beurteilung, die Rehabilitation und die Ergebnisevaluation kann die Klassifikation ein sehr wertvolles klinisches Instrument sein; dies trifft auch auf die ICF als sozialpolitisches Instrument zu – für die Planung der sozialen Sicherheit, für Entschädigungssysteme sowie für die Politikgestaltung im Gesundheitsbereich. Nicht zuletzt dient die ICF als didaktisches Instrument für die Curriculumsentwicklung, als Instrument zur Bewusstseinsbildung oder für die Umsetzung sozialpolitischer Massnahmen. Man könnte sagen, die ICF ist ein neues Organisationssystem für gesundheitsbezogene Informationen und bietet die Grundlage für die Verwendung einer standardisierten, universellen Sprache bei Verhandlungen zwischen Fachpersonen der Gesundheitsberufe, Leistungserbringung und politischen Entscheidungsträgern zur Steigerung der Lebensqualität und der Chancengleichheit für Menschen mit Gesundheitsproblemen.

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