6000 sind wir, wir Paras und Tetras oder Menschen mit Querschnittlähmung. Gemessen an der Gesamtbevölkerung von rund acht Millionen eine statistische Restmenge von weniger als einem Promille.

Unser Krankheitsbild, die Rückenmarksverletzung, weckt aber den Erfindungsgeist. Nicht nur in uns selbst, auch bei andern. Wir sind ihnen Ansporn zum Nachdenken, Tüfteln und Pröbeln. Vielfach gelingt das, zuweilen auch nicht.

Versteifte Kniegelenke

In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts versteiften Chirurgen im Basler Bürgerspital dem Paraplegiker Fritz Kehrli beide Kniegelenke. „Damit du nicht immer einknickst bei deinen Gehversuchen", erklärten sie ihm. Fritz, der fortan noch behinderter war als zuvor, erzählte mir das 1977 ohne Gram. Er war damals der älteste Paraplegiker der Schweiz. Erst Ende der achtziger Jahre starb der Überlebenskünstler. Das vermeintlich segensreiche Werk der Basler Chirurgen ist hanebüchen und Ausdruck massloser Überschätzung. Bösartige Übeltäter sind sie trotzdem nicht. Auf ihre Art haben auch sie zum medizinischen Fortschritt beigetragen. Erfinderischen Gut-Tätern ist es auch heute ein lohnenswertes Ziel, Gelähmten wieder zum Gehen zu verhelfen. Ihren durchaus bewundernswerten Fähigkeiten, Neues zu erschaffen, sind auch die Exoskelette in allen ihren Variationen zu verdanken. Es sind technische Wunderwerke, über die Journalisten gerne berichten. Auch ich schätze das Engagement der Ingenieure. Wesentlich mehr als den versteiften Kniegelenken von Fritz Kehrli kann ich den Ungetümen, die uns mit Mühe zum Gehen bringen, aber nicht abgewinnen.

Homöopathie für die Blase

Im Alltagsleben wesentlich hilfreicher ist es da, zermürbenden Blaseninfekten, die uns die Rückenmarksverletzung gleichermassen liefert, zu Leibe zu rücken, und zwar mit homöopathischen Mitteln. Dabei ging es den Urologen nicht anders als mir: Sie waren misstrauisch, denn im Kampf gegen Bakterien braucht's nun mal gezielt dosiertes Gift. Eine Studie zeigt nun aber, dass Homöopathie zur Vorbeugung von Harnwegsinfekten sehr wohl wirksam ist. Es lohnt sich, dieser leicht begehbaren Fährte nachzugehen, denn je seltener wir Antibiotika nehmen, desto geringer die Chance, dass sich Resistenzen bilden. Ich verweise auf den Flyer im Anhang: Homöopathie-bei-HWI.pdf

Elektrostimulation und Roboter

Steiniger und langwieriger, aber sehr innovativ, ist ein Weg, den das Uni-Spital Lausanne (CHUV – Centre Hospitalier Universitaire Vaudois) anbietet. Ein Experten-Team sucht dort acht Querschnittgelähmte, die bereit sind, als erste einen ganz neuen Ansatz zur Behandlung von Rückenmarksverletzungen zu testen: Die Kombination von elektrischer Stimulierung der inaktiv gewordenen Nervenzellen im Rückenmark mit robotergestütztem Gehtraining. Ziel ist es, das Nervensystem durch das Ausführen der Gehbewegungen sowie zusätzlich durch die elektrischen Reize so anzuregen, dass wir wieder gehen können. Die Versuche im Tiermodell sind erfolgreich verlaufen. Wer seit rund einem Jahr eine inkomplette Para- oder Tetraplegie hat und den Zeitaufwand von fünf, sechs Monaten in Lausanne nicht scheut, meldet sich zu dieser, für ihn kostenlosen Studie. Mut, Neugierde und Französischkenntnisse sind ebenfalls erforderlich. Ich verweise auf die Beschreibung im Anhang: CHUV-Studie.pdf

Nervenwachstum dank Antikörper

Langfristig noch aufregender, aber in jeder Hinsicht auch noch anspruchsvoller ist die Einführung der Nogo-A-Antikörper. Dank ihnen wird das vernarbte Gewebe im verletzten Rückenmark für nachspriessende Nervenfasern wieder durchlässig. Zumindest theoretisch haben die Antikörper eigentliches Heilungspotenzial. Die erste von drei Phasen im langwierigen, sehr aufwändigen Zulassungsverfahren für neue medikamentöse Therapien haben sie bereits hinter sich. Nach heutigem Stand kann Phase II im Frühling 2017 beginnen. Prof. Dr. med. Armin Curt, Chef des Zentrums für Paraplegie Balgrist, ist hier federführend. Phase II wird rund 130 Patienten mit frisch erworbenen kompletten und inkompletten Halsmarkverletzungen umfassen und fünf Jahre dauern.

Ingenieure, Biologen, Pharmazeuten und Ärzte kümmern sich mit vielen andern um uns. Die neuen Wege, die sie beschreiten, führen über kurz oder lang zu einem Königsweg. Er wird von allen Erfindungsgeistern gesäumt sein. Bis es so weit ist, haben wir Paras und Tetras, auch unsere eigenen Erfindungsgeister zu bleiben. Wie Fritz Kehrli.

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