Beginnen wir doch mit dem Ende: Nach vier Wochen und zwei Tagen landen wir zu früher Stunde in Kloten. Zwei kräftige und gut gelaunte Männer hieven mich aus dem Sitz und wieder in meinen roten, von der Reise gezeichneten Rollstuhl. Einer davon ist ein Eishockey-Kumpane von Ronny Keller, der sich bekanntlich 2013 beim Spiel gegen Langental eine Paraplegie zuzog. Ob ich schon mal in Nottwil gewesen sei, fragt mich der Helfer. Und ob, antworte ich. So gut und effizient ist der Assistenzdienst am Zürcher Flughafen nicht immer.

Wir kamen von Singapur. Knapp 13 Stunden hatte der Flug gedauert. Zu lange. Ich war gerädert, aber dem schmerzenden Po ist es besser bekommen, als ich es wahrgenommen hatte. Als inkompletter Tetra spüre ich am Ärschle und an den Fersen zuweilen mehr als nötig.

Singapur ist ein rollstuhlgängiges Eldorado, auf einer flachen Insel gelegen. Eine elegante Wirtschaftsmetropole, in der es selbst in den Aussenquartieren an nichts fehlt. Die Menschen sind jung, chic und modern gekleidet, rücksichtsvoll und hilfsbereit. Alles ist makellos und sauber, nichts ist verrucht. Die Stadt ist sicher. Auch um Mitternacht schlendern junge Frauen unbekümmert durch die Strassen. Nur einen, nicht unwesentlichen Vorbehalt gilt es anzubringen: Im Fullerton, unserer Nobelherberge mit Blick auf die Bucht, ist das Bett eindeutig zu hoch. Wir sind uns vieles gewohnt, aber dieses Bett war höher als meine Beine lang. So funktionierte unser Notfalltrick nicht mehr. Besorgt, aber bewusst unaufgeregt und höflich fragten wir, ob Abhilfe möglich sei. Nein, lautete die Antwort, aber als wir am Abend zurückkamen, war eine weniger hohe Matratze auf dem Bett. Plötzlich stimmte alles. Penny, die äusserst charmante Rezeptionistin, hatte sich für uns eingesetzt. Ihre Grossmutter sei auch im Rollstuhl, erzählte sie mir, nachdem ich mich überschwänglich bedankt hatte. Sie habe sich lange vor ihrer Geburt auch das Genick gebrochen. Ich rechnete und erwiderte, dass ich demzufolge ihr Grossvater sein könnte. Sie lächelte mit dem typischen Charme einer wohl erzogenen jungen Chinesin. Gerne hätte ich ihr ein Küsschen gegeben, aber es war wohl richtig, dass ich mich zurückhielt.

Nach Singapur reisten wir von Hong Kong kommend in einem Luxusdampfer. Die Spannteppiche waren von derartiger Qualität und so dick, dass ich mit meinem Rollstuhl förmlich drin versank und nur schwerlich vorankam. Wer wie ich den Luxus liebt und das mit dem bereits zarten Alter von 62 Jahren begründet, bleibt nicht straffrei! Für die etwas träge gewordene Schultermuskulatur waren diese Teppiche aber ein wunderbares Trainingsfeld. Auch das Badezimmer: Beim Transferieren habe ich meine Schokoladeseite. Das Klo stand aber in der linken und nicht in der rechten Ecke. So musste ich mit meinen unangenehm spastischen Beinen von vorne statt seitlich rüber turnen. Da steigt der Blutdruck, und es bildet sich Schweiss. Die Akrobatik regt als Belohnung für den Kraftakt auch den Darm an. Ohne die schützenden und lenkenden Hände meiner lieben Frau wäre ich aber nicht rechtzeitig auf dem Thron gesessen.

Auch Hong Kong ist rollstuhlgängig, aber hügelig. Die Stadt scheint überfüllt, auf den Stassen herrscht Betrieb wie bei uns nur an Volksfesten. Die Gehsteige sind voller Menschen, viele von ihnen sind am Telefonieren, die tiefer liegenden Köpfe von Rollstuhlfahrern nehmen sie nicht wahr. Im Vergleich zum quirligen Hong Kong ist Singapur geradezu beschaulich.

Asien blickt in die Zukunft und grübelt nicht in der Vergangenheit, wie wir das in Europa gerne tun. Darauf angesprochen, antwortete mir eine Chinesin, es gebe gar keine Alternative, denn die Kommunisten hätten ja alles, was an die Vergangenheit erinnert, zerstört. In Vietnam, wo wir auf unserer Kreuzfahrt dreimal anlegten, waren es aber die Amerikaner, die das Land in Schutt und Asche legten und zudem mit chemischen Waffen verseuchten. Trotzdem sind die Menschen dort voller Zuversicht und scheinen von Energie zu strotzen. Uns gegenüber waren sie immer ausgesprochen hilfsbereit und lösungsorientiert. Obendrauf hatten sie noch Witz und lachten verschmitzt.

Im Gespräch bestätigten sie, dass es im Land viele Behinderte gibt, gesehen haben wir allerdings nur wenige. Unter ihnen sind wohl die allermeisten Kriegsversehrte, aber nicht nur: Die gut 90 Millionen Vietnamesen besitzen rund 4 Millionen Autos und 40 Millionen Motorroller. Allein in Ho Chi Minh City mit ihren 9 Millionen Einwohnern rollen jeden Tag 6 Millionen Menschen auf zwei Rädern durch die Strassen. Täglich 20 Verkehrstote sind die Bilanz, haben wir uns sagen lassen. Und wie viele Verletzte? Das wusste der sonst sehr beschlagene Stadtführer nicht. Wir wissen es auch nicht, aber eine der typischen Verletzungen kennen wir sehr wohl.

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