Was uns bei anderen auffällt, stösst entweder auf Wohlwollen, Spott, Bewunderung oder Verunsicherung

Verspricht sich der Moderator mal, so kommt er bei uns sympathisch rüber. Geschieht es regelmässig, so finden wir es peinlich. Lispelt er gar, so fragen wir uns, ob er am richtigen Ort arbeitet. Lispelt das Staatsoberhaupt, so sehen wir ihm das nach, betrachten es als typisches Merkmal, sofern es seine Aufgaben gut erfüllt. Regiert es schlecht, wird der leichte Sprachfehler zum zusätzlichen Makel.

Von der jungen Frau mit Sommersprossen und Stupsnase sagen die einen, sie sei bildhübsch, die anderen, schon ihr Aussehen bezeuge, was für ein Einfaltspinsel sie sei. Den Grossgewachsenen, breitbeinig Daherkommenden stufen viele als Prachtkerl ein, andere als vulgären Wichtigtuer. Ähnlich ergeht es dem etwas zu klein Geratenen, der sich im Laufe des Lebens zum Schalken mausert. Die einen lachen sich krumm über seine Witze, die anderen ärgern sich, er sei frech und saublöd.

helmut kohl bei einer rede

Alt-Kanzler Helmut Kohl lispelte leicht. Das galt als typisch für ihn. (Quelle: dpa, aufhttps://www.haz.de)

Zuerst urteilt der Bauch

Spontanurteile über andere kommen aus dem Bauch, unsere Gefühle erschaffen sie. Wenn hinter der Auffälligkeit, amtlich «besondere Merkmale», Behinderungen stehen, wird’s anspruchsvoller. Der Kopf schaltet sich ein, bremst unsere Gefühle ab und wirbelt sie durcheinander. Hemmungen und Berührungsängste steigen hoch. Das geht sogar uns so, die wir selbst auffällig sind.

Der beklemmende Druck im Bauch entspannt sich erst, wenn sich die Stimmung entkrampft hat. Der Impuls dazu kommt meistens vom Auffälligen selbst. Er führt uns aus unserer Verunsicherung.

Nehmen wir als Beispiele Ray Charles (1930-2004) oder den 1950 geborenen Stevie Wonder. Mit ihrer ergreifenden Musik überspielen sie ihre Blindheit, lassen uns vergessen, was uns so verunsichert hat. Sie vermögen uns sogar zu verzaubern.

Schliesslich denken wir: Sie spielen eben so schön, weil sie blind sind. Diese Erkenntnis tröstet uns, trifft indes nur bedingt zu. Ihre Behinderung zwang sie, sich zu fokussieren, und förderte ihre Begabung zusätzlich.

ray charles am klavier

Ray Charles: Blind und ein begnadeter Pianist. (Quelle: AP Images, aufhttps://www.britannica.com)

Schwieriger einzuordnen ist der 2014, im Alter von 70 verstorbene Joe Cocker. Er verausgabte sich bei seinen Auftritten derart, dass er sich verkrampfte. Sein Oberkörper war steif, die Arme ausfahrend, die Handbewegungen unkoordiniert. Mit dem Alter bildeten sich diese Bewegungsmuster etwas zurück. Trotzdem wirkte er nie graziös und leichtfüssig.

Seine Fans verziehen’s ihm, die medizinisch Gebildeten unter ihnen diagnostizierten Spastik. Weder er selbst noch sein Umfeld haben den Verdacht auf eine Cerebralparese je bestätigt. So bleibt seine auffallende Motorik bis in die Ewigkeit ein Mysterium.

Bedauernswerte oder glückliche Narren?

Wie gut oder schlecht sich die körperlich, mitunter auch geistig behinderten Zwerge und Narren am spanischen Königshof einst fühlten, können wir nur erahnen. Der Hofmaler Diego Velázquez (1599-1660) widmete ihnen eine ganze Serie einfühlsamer, meisterlicher Bilder. Der König und seine Entourage ergötzten sich an ihnen. Als Gezeichnete hatten sie die Adligen zu unterhalten. Dafür bekamen sie Kost und Logis. Eine vergleichbare Rolle nahm beim Circus Knie der kleinwüchsige Clown Spidi ein. Er nahm sich am 26. Juli 2018 das Leben.

bild das kind von vallecas von diego velázquez

Zwerg oder Narr oder beides? Am spanischen Königshof dienten Menschen mit Auffälligkeiten der Unterhaltung. Der Hofmaler Velázquez hat sie gemalt. (Quelle: https://commons.wikimedia.org)

Die Bilder von Velázquez zeugen von Anteilnahme und Respekt. Solches widerfuhr dem «Glöckner von Notre Dame» nie. Im 15. Jahrhundert galt der kleine Bucklige als Inbegriff eines hässlichen Krüppels, mit dem nicht zu verkehren war. Erst in der Neuzeit verklärten wir ihn zur literarischen Figur und zum sympathischen Sonderling – 1996 auch Walt Disney. Was ihn so entstellte, wissen wir bis heute nicht.

szene aus dem film der glöckner von notre dame von 1923

Als hässlicher Krüppel galt der Glöckner von Notre Dame. Im gleichnamigen Film von 1923 spielt ihn hier der amerikanische Schauspieler Lon Chaney. (Quelle: Wallace Worsley 1923, aufhttps://commons.wikimedia.org)

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