Nicht die Barmherzigkeit, sondern der Wille zur Selbsterhaltung treibt unsere Gesundheitsversorgung an.

«Es geht ihnen nur ums Geld», zetert am Stammtisch einer laut. «Nein», entgegnet die Krankenschwester neben ihm, «mir geht es um Barmherzigkeit», und der Pfarrer doppelt nach: «Nächstenliebe, christliche Nächstenliebe, das ist der Kerngedanke.» «Solidarität heisst das in einer modernen Gesellschaft, die ist wieder gefragt, heute mehr denn je», keift der Gewerkschafter.

Die Börse ist die Weltseele

In der Ecke sitzt Henry, ein Börsenhändler, und hört zu. Er ist erschöpft vom Tageswerk und stärkt sich an einem Zweier Weissen. Erstmals seit langem hatte es richtig gekracht. Schon die Tage zuvor waren unruhig, die Aktienkurse bröckelten ab, selbst die Papiere angesehener Grossunternehmen kamen unter Druck. An diesem Freitag, 28. Februar 2020, sackten sie um ganze 7 Prozent ab. Es herrschte Panik, es kam zum Ausverkauf.

börsenkrach

Wenn Ängste durchbrechen, kracht’s immer an den Börsen.

Die Börse spiegelt das Seelenleben dieser Welt: Begonnen hatte die Abwärtsbewegung an den Märkten der westlichen Welt am 24. Februar 2020, in Italien schon am 19. Februar. Das Corona-Virus war ins «Bel Paese», unser schönes Nachbarland südlich der Alpen, gedrungen. Wenige Tage später war es in der Schweiz angekommen. Seither verbreitet es sich in der ganzen Welt und bringt die Finanzmärkte in Aufruhr. Die amerikanische Zentralbank sah sich am 3. März veranlasst, ausserhalb des regulären Sitzungsrhythmus den Leitzins um ein halbes Prozent zu senken. Dem Virus ist das egal, es hat keine Schulden.

Die Massnahme hat kaum was bewirkt. Im Gegenteil: Sie hat die Ängste geschürt. Den Europäern und Amerikanern wurde zu spät bewusst, dass es dieses Virus in sich hat. Seither sind die Börsen im mehr oder weniger freien Fall, die fetten Gewinne vom letzten Jahr weggefressen.

new yorker börse

Die Panikwelle an den Börsen erfasste auch die Leitbörse New York. Die Zentralbank senkte ausserplanmässig den Zins.

Noch früher als alle anderen sackte die Börse in Shanghai ab – in China, wo das Virus als erstes auftrat. Nachdem sie wegen der chinesischen Neujahrsfeierlichkeiten eine Woche lang geschlossen war, brach sie am 3. Februar um satte 10 Prozent ein.

Seit sich die Zahl der Ansteckungen dort kaum mehr erhöht, stabilisieren sich die Kurse allerdings wieder. Von den grossen Aktienmärkten schneidet der chinesische inzwischen am besten ab. Seit Anfang Jahr bis heute, 12. März, hat der massgebliche Index CSI 300 nur noch 3.6 Prozent verloren, die anderen Märkte im Schnitt gute 20 Prozent. Das Virus lässt grüssen.

flasche corona bier

Für Barbesucher, Partygänger und Urlaubsgeniesser steht «Corona» für ein erfrischendes Bier aus Mexiko, nicht für bedrohliche Krankheiten.

Wir brauchen gesunde Menschen

«Jedes Jahr sterben Millionen an Grippe! Sie wollen nur Medikamente verkaufen», kreischt der eine am Stammtisch wieder. Er ist ein Dummkopf, regt sich Henry auf und kommt ins Sinnieren; denn ganz klar war auch ihm nicht geworden, warum sie in China so viel Aufhebens um dieses Virus machten. Ein Gebiet von der Grösse der Bundesrepublik Deutschland stellte die Regierung unter Quarantäne, als wäre ihr Land im Krieg. Wohl etwas unverhältnismässig, fand auch er insgeheim.

Erst allmählich begann Henry zu verstehen, dass sie tatsächlich in einem kriegsartigen Zustand stehen. Dieses Virus ist ein Risiko, das die Bevölkerung des Landes bedroht. So wie China heute aufgestellt ist, braucht es lebende und nicht kränkelnde Chinesen. Tüchtige Menschen, die zur Arbeit kommen, die konsumieren und mit den verbleibenden Ersparnissen Aktien kaufen, um das Räderwerk in Schwung zu halten.

Gefährdet diese Menschen in ihren Riesenstädten ein Virus, das sich ungewöhnlich schnell verbreitet, so ziehen sie sich zurück, verharren in den unzähligen Hochhäusern mit ihren kleinen Wohnungen. Alles steht still. Im äussersten Fall kollabiert das Land wie nach einem verlorenen Krieg.

mona lisa mit mundmaske

So übertrieben, wie es scheint, sind die Schutzmassnahmen nicht. Unsere Gesellschaften brauchen gesunde Menschen.

Die Gesundheitsversorgung ist ein Markenzeichen

Im Grunde ist das überall so, spinnt Henry seine Gedanken weiter. Die Gesundheitsversorgung ist kein Gnadenakt, sondern eine Strategie, um den Bestand des Gemeinwesens zu sichern. Auch in den mittelalterlichen Klöstern kümmerten sie sich um die Gesundheit ihrer Nonnen und Mönche. Im Alter boten sie ihnen Beistand. Dieses Angebot half, die Klöster zu erhalten und über Jahrhunderte Novizen anzuziehen.

Je besser die Gesundheitsversorgung, desto attraktiver und entwickelter ist das betreffende Land, folgerte er. Noch nie hatte er sich das so überlegt. Dabei war einer seiner Kollegen am Händlertisch Paraplegiker. Ursprünglich hatte er Maurer gelernt. Nach einem Sturz vom Gerüst musste er sich umschulen lassen. Jetzt war er Börsenhändler und liess immer alle wissen: «Sorge müssen wir zu uns tragen, sonst stürzt alles ein wie Mauern, die nicht im Lot stehen.»

Henry hatte jetzt begriffen, was sein Kollege meinte. Zufrieden zahlte er sein Weinchen und ging.

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