Ein Rollstuhl kann bei guter Pflege ein treuer Weggefährte sein. Doch was passiert mit ihm nach dem Ausmustern?

Rund 9000 Rollstühle werden in der Schweiz jedes Jahr ausgemustert. Das heisst: Sie passen wegen ergonomischen Veränderungen oder gestiegenen Anforderungen nicht mehr zu ihren Menschen. In diesen Fällen gehen die Wegbegleiter zurück an die Besitzerin – meistens ist das die Invalidenversicherung (IV).

Im IV-Depot wird ein Drittel der Rollstühle neu vergeben

«Wir haben insgesamt acht Depots mit rund 150 Mitarbeitenden», erzählt Ueli Siegrist, Geschäftsführer der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft Hilfsmittelberatung für Behinderte und Betagte (SAHB). Im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) werden hier mobile Gerätschaften wie Rollstühle, Badehilfen, Trainingsgeräte, Treppenlifte und Rollatoren zurückgenommen und begutachtet.

«Wir fragen uns immer: Können wir die Sachen in einem wirtschaftlich sinnvollen Rahmen überholen?», erklärt Ueli Siegrist. Und zwar so, dass sie ein zweites Leben bei einem neuen Nutzer erhalten. Natürlich spielt neben finanziellen Aspekten auch die Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Aber nicht um jeden Preis: «Wenn wir gebrauchte Rollstühle weitergeben, legen wir grössten Wert auf eine optimale Anpassung.» Geht das nicht, werden die Klienten an den Fachhandel verwiesen.

Etwa ein Drittel der Rollstühle kann wieder instand gesetzt und neu vergeben werden. Die restlichen landen entweder zerlegt im Ersatzteillager oder werden an Hilfsorganisationen weitergegeben, sagt Ueli Siegrist. «So unterstützen wir Menschen mit einer Behinderung zum Beispiel in Jordanien und dem Kosovo, und im Moment auch Flüchtlinge aus der Ukraine.»

Ein Mitarbeiter des IV-Depots zieht die Schrauben am Gestell eines Rollstuhls an.

Die zurückgenommenen Hilfsmittel werden im IV-Depot gewartet und wenn nötig repariert.

Alte Rollstühle bringen Äthiopiern mehr Würde im Leben

Eine dieser Hilfsorganisationen, die regelmässig ausgemusterte Rollstühle entgegennimmt, ist Rollaid – wo mehrere soziale und nachhaltige Aspekte zusammenkommen. In der Werkstatt in Interlaken sind unter anderem Menschen beschäftigt, die bei der Integration in die Arbeitswelt auf Unterstützung angewiesen sind. Die hier aufbereiteten Gerätschaften gibt die Organisation kostenlos an international tätige Hilfsorganisationen ab. Nur was gar nicht mehr gebraucht werden kann, wird entsorgt.

«Wir sammeln pro Jahr etwa 800 bis 1000 Rollstühle. 70 Prozent davon kommen von IV-Stellen, der Rest stammt aus Fachgeschäften, Heimen oder von Privatpersonen.»

Bernhard Wissler, Geschäftsführer Rollaid

Vier Mitarbeiter laden Rollstühle, Zuggeräte und Ersatzteile aus einem Frachtcontainer aus.

Per Container verschickt Rollaid die wertvolle Fracht. Einen Grossteil des Materials erhält das Partnerprojekt Addis Guzo in Äthiopien.

«Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass weltweit rund ein Prozent der Bevölkerung auf einen Rollstuhl angewiesen ist», sagt Bernhard Wissler, Geschäftsleiter von Rollaid. Eine Partnerorganisation, die einen Grossteil des Materials erhält, ist Addis Guzo in Äthiopien. Weil es in diesem Land kein Sozialversicherungssystem gibt, fehlt auch die Hilfsmittelversorgung von Menschen mit Behinderungen. Die Not ist gross.

«Ein Rollstuhl verbessert in erster Linie die Mobilität der Betroffenen – und im besten Fall fördert er auch die Selbstständigkeit», erklärt Bernhard Wissler. Zugleich werden meist die Familie oder Betreuungspersonen entlastet, Sekundärschädigungen verhindert und der Zugang zu Schule, Ausbildung oder Arbeit wieder gewährleistet. Und: «Die Hilfsmittel ermöglichen den Betroffenen ein Leben in mehr Würde.»

Drei Mitarbeitende von Addis Guzo messen bei einem Kind im Rollstuhl die Sitzhöhe aus.

Mitarbeitende von Addis Guzo messen den Rollstuhl eines Kindes aus.

Betroffene in Äthiopien werden in der Regel über sozialdienstliche Behörden zu Addis Guzo in die Hauptstadt Addis Abeba geschickt. Dies ist im ganzen Land die einzige Werkstatt, die Reparaturen und Anpassungen an allen Rollstuhlmodellen vornehmen kann. Bernhard Wissler hat hier die ersten der heute sieben Techniker persönlich ausgebildet: «Da wir auch Ersatzteile liefern, sind sie vor Ort gut ausgerüstet und können viele Arbeiten erledigen.»

Ein ausgezeichnetes Schweizer Projekt

Finanziert werden die Mitarbeitenden von Rollaid durch Spenden und freiwillige Zuwendungen. Denn die Werkstatt in Interlaken darf kein Einkommen generieren – dies entspricht einer Vereinbarung mit der SAHB: Da die IV das Material kostenlos weitergibt, müssen die reparierten Gerätschaften auch kostenlos an anerkannte Organisationen abgegeben werden.

Die Aufbereitung der Rollstühle, Ersatzteile und Hilfsmittel für den Wiedereinsatz sei sinnvoll: «Müssten all diese Geräte neu beschaffen werden, würde dies pro Jahr vier Millionen Franken kosten», sagt Bernhard Wissler. Der Einsatz von Rollaid wird anerkannt – und mit dem Schweizer Ethikpreis und Charity of the Year der Swiss Re Foundation ausgezeichnet. Der grösste Wunsch des Geschäftsführers: «Dass wir die mittel- und langfristige Finanzierung sicherstellen können.»

Zwei Frauen fahren mit ihren Rollstühlen und Zuggeräten durch eine Strasse in Addis Abeba.

Ein Rollstuhl bedeutet auch in Äthiopien eine gewisse Unabhängigkeit.

Den Rollstuhl hegen und pflegen

Auch die Firma Orthotec aus Nottwil unterstützt Rollaid und weitere Projekte in Georgien, Tansania und Madagaskar mit Occasionen. Und die Profis der Orthotec umsorgen Frischverletzte, die im Schweizer Paraplegiker-Zentrum ihre Erstrehabilitation machen. Sitzbreite und -höhe, Radgrösse, Kissen und Lehne – ein gut angepasster Rollstuhl ist wichtig, damit die Betroffenen von Folgeschäden und Druckstellen verschont bleiben. Alles wird genau abgeklärt, um den bestmöglichen Stuhl zu finden. Allerdings, sagt Verkaufsleiter Peter Reichmuth, «merkt man selber erst nach etwa zwei Jahren und der entsprechenden Erfahrung, was nicht passt und geändert werden sollte».

Eine Orthotec-Mitarbeiterin berät einen Rollstuhlfahrer und zeigt ihm zwei Vorderräder.

Ausprobieren, besprechen, anpassen. Die Experten der Orthotec kümmern sich um ein perfektes Zusammenspiel zwischen Benutzer und Rollstuhl.

Er ist selbst querschnittgelähmt und weiss, welche Pflege ein Rollstuhl für ein langes Leben braucht. Zweimal pro Jahr gibt er sein Gefährt in den Service: «Nach dem Winter, damit vom Salz die Kugellager nicht rosten. Und nach dem Sommer wegen des Meerwassers.» Die Experten ziehen dann alle Schrauben nach, kontrollieren den Rahmen und die Pneus auf Risse. Und aktualisieren je nach Modell die Elektronik.

«Ein Service am Rollstuhl ist wichtig. Es läuft ja schliesslich auch niemand gerne in Schuhen mit löchrigen Sohlen herum.»

Peter Reichmuth, Verkaufsleiter Orthotec

Auch persönlich kann jeder etwas tun. «Es ist ein bisschen wie bei einem Auto – man sollte Sorge dazu tragen», sagt Peter Reichmuth. Also putzt er seinen Rollstuhl regelmässig mit Cockpitspray und entfernt zweimal pro Woche die Haare aus den kleinen Vorderrädern; damit alles wieder rund läuft. Mit Bedacht gepflegt kann ein Rollstuhl gut und gerne zehn Jahre lang ein treuer Begleiter sein – bevor er dann in sein zweites Leben startet.

Wie pflegst Du Deinen Rollstuhl? Wir freuen uns über Tipps und Tricks!

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